Page 5 - Demo
P. 5
5/2025 5 MEINUNGSVIELFALTEin Kommentar %u00fcber Priorit%u00e4ten %u2013 und dar%u00fcber, warum die Energiewende keine Geduld f%u00fcr Nebenschaupl%u00e4tze hatEs ist bemerkenswert, wie viel Aufmerksamkeit in %u00d6sterreich auf organisatorische Fragen oder die Internas einer Institution wie der Wirtschaftskammer verwendet wird, w%u00e4hrend sich gleichzeitig die tektonischen Platten der globalen Energiepolitik verschieben. Und ich meine das nicht als beil%u00e4ufige Randnotiz, sondern als eine Beobachtung, die mir in zahlreichen Gespr%u00e4chen mit UnternehmerInnen, Installateuren, Planern und Energieexperten immer wieder begegnet. Genau deshalb stellte ich mir zu Beginn dieser Ausgabe die Frage, ob es klug w%u00e4re, mich erneut mit Strukturen wie jenen der Wirtschaftskammer zu befassen. Kooperationen hat es gegeben, und zweifellos wurden in der Vergangenheit sinnvolle Initiativen gesetzt. Aber es dr%u00e4ngt sich auf, dass der praktische Nutzen solcher Strukturen f%u00fcr die gro%u00dfen energie- und industriepolitischen Herausforderungen unserer Zeit immer schwerer zu erkennen ist.Gerade deswegen erscheint es notwendig, die Priorit%u00e4ten unmissverst%u00e4ndlich zu ordnen. Es wirkt zunehmend sinnvoll, bei bestimmten Institutionen gedanklich und auch praktisch rasch einen Schnitt zu ziehen. Nicht, weil man sie gering sch%u00e4tzt, sondern weil die Wirklichkeit uns zwingt, Ressourcen dort einzusetzen, wo sie tats%u00e4chlich etwas bewirken. Die Energiewende ist kein Projekt, das sich nebenbei erledigen l%u00e4sst. Sie verlangt Fokus %u2013 und zwar nicht auf die Frage, wer welchen Ausschuss besetzt, sondern darauf, wie wir die technologische und wirtschaftliche Zukunft Europas sichern.Zu dieser Zukunft geh%u00f6rt unweigerlich die Auseinandersetzung mit seltenen Erden. Dass diese Elemente nicht geologisch %u201eselten%u201c sind, ist bekannt; dass ihre Gewinnung anspruchsvoll und %u00f6kologisch belastend ist, ebenso. Europa hat diesen unbequemen Teil der Wertsch%u00f6pfung jahrzehntelang ausgelagert %u2013 und merkt nun schmerzhaft, wie sehr es sich damit in die Abh%u00e4ngigkeit man%u00f6vriert hat. W%u00e4hrend wir hierzulande %u00fcber Zust%u00e4ndigkeiten, Verfahrensfragen oder institutionelle Abl%u00e4ufe beraten, hat China l%u00e4ngst Tatsachen geschaffen. Das Land produziert, verarbeitet und kontrolliert den %u00fcberwiegenden Teil jener Materialien, die wir f%u00fcr Motoren, Windkraftanlagen, Mikroelektronik und Hochtechnologie ben%u00f6tigen. Die j%u00fcngsten Ausfuhrkontrollen sind daher weniger ein politisches Man%u00f6ver als eine Erinnerung: Wer wesentliche Rohstoffe nicht selbst beherrscht, verliert Gestaltungsmacht.Gleichzeitig entwickelt sich die Technologie weiter %u2013 schneller, als es in manchen politischen Prozessen abgebildet wird. Motoren ohne Seltenerdmetalle sind l%u00e4ngst Realit%u00e4t. Redesigns mit reduzierten Materialbedarfen sind in Entwicklung. Recycling gewinnt an industrieller Qualit%u00e4t. Europa ist nicht ohnm%u00e4chtig, sondern maximal schlecht koordiniert. Wenn wir diese Alternativen ernsthaft verfolgen, k%u00f6nnen wir die Abh%u00e4ngigkeiten Schritt f%u00fcr Schritt reduzieren. Aber das gelingt nur, wenn wir uns nicht st%u00e4ndig in strukturellen Nebenfragen verzetteln, sondern endlich beginnen, strategisch zu denken und zu handeln.Dabei geraten wir unweigerlich zu jenen Abh%u00e4ngigkeiten, die unser System am st%u00e4rksten pr%u00e4gt: Erd%u00f6l und Gas. Sie bestimmen Mobilit%u00e4t, Industrie und W%u00e4rmeversorgung, und sie machen Europa politisch vulnerabel. Die L%u00f6sung ist weder neu noch spektakul%u00e4r, aber sie ist zwingend: die Elektrifizierung aller wesentlichen Sektoren. Das ist der Weg zu Stabilit%u00e4t, Versorgungssicherheit und %u00f6konomischer Vernunft. Doch er funktioniert nur, wenn wir ein Stromsystem aufbauen, das diesen Wandel tr%u00e4gt %u2013 ein System, das nicht durch Fehlanreize ausgebremst wird, sondern durch kluge Rahmenbedingungen beschleunigt.Genau daran entscheidet sich viel, und genau deshalb ist das %u00f6sterreichische Elektrizit%u00e4tswirtschaftsgesetz (ElWG) ein so entscheidender Hebel. Der zuletzt diskutierte Entwurf mit zus%u00e4tzlichen Netzentgelten f%u00fcr Einspeiser zeigt eine Tendenz, die irritiert: Er k%u00f6nnte jene Investitionen erschweren, die wir dringend ben%u00f6tigen. Eine Energiewende, die den Zufluss erneuerbarer Energie verteuert, scheitert an sich selbst. Es w%u00e4re w%u00fcnschenswert, dass Regulierung und Politik die Dynamik des Systems nicht als St%u00f6rfaktor, sondern als Chance begreifen.Zu diesen Chancen geh%u00f6rt in besonderem Ma%u00df das bidirektionale Laden. Elektroautos als mobile Speicher sind keine Zukunftsvision mehr, sondern gelebte Realit%u00e4t dort, wo man sie zul%u00e4sst. Sie k%u00f6nnten Netze stabilisieren, Lastspitzen abfedern, erneuerbaren Strom besser nutzbar machen. Deutschland hat den regulatorischen Einstieg gewagt. %u00d6sterreichs Politik diskutiert noch. Dabei w%u00e4re gerade diese Technologie ein logischer Baustein eines modernen Energiesystems, das auf Flexibilit%u00e4t und Dezentralit%u00e4t setzt.Und hier schlie%u00dft sich der Kreis. All diese Themen %u2013 von seltenen Erden %u00fcber Elektrifizierung bis zu Speicherintegration %u2013 verlangen Klarheit, Mut und eine politische Kultur, die sich auf das Wesentliche konzentriert. Wir haben nicht mehr den Luxus, uns langfristige Ablenkungen leisten zu k%u00f6nnen. Der technologische Umbruch ist da, die geopolitischen Realit%u00e4ten sind eindeutig, und die wirtschaftlichen Konsequenzen sind sp%u00fcrbar. Es ist keine Option mehr, die gro%u00dfen Fragen hinten anzustellen, w%u00e4hrend wir %u00fcber formale Details diskutieren.Deshalb braucht es eine Debattenkultur, die den Blick hebt. Eine, die erkennt, dass die Zukunft unseres Energiesystems nicht davon abh%u00e4ngt, wie wir Institutionen verwalten und wer ihnen vorstehen soll, sondern davon, ob wir bereit sind, technologisch und politisch anzupacken. Europa und %u00d6sterreich stehen an einem Punkt, an dem Nachdenken allein nicht gen%u00fcgt. Jetzt z%u00e4hlt Umsetzung.Thomas BuchbauerChefredakteur, i-Magazin

