Die Zahlen sind klarer als jedes politische Bekenntnis: In der Europäischen Union dominieren erstmals elektrifizierte Antriebe den Neuwagenmarkt. Was sich über Jahre abgezeichnet hat, ist nun messbare Realität – und markiert den tiefsten Einschnitt in der europäischen Automobilgeschichte seit der Einführung des Katalysators.
Es gibt Momente, in denen eine Branche das Gefühl verliert, dass der Wandel noch auf sich warten lässt. Dieser Moment ist für die europäische Automobilindustrie jetzt gekommen. TechGaged Research bescheinigt der EU eine historische Zäsur: Der Verbrennungsmotor ist in der Minderheit. Nicht irgendwann in der Zukunft, nicht in Studien oder Szenarien, sondern in den realen Zulassungsstatistiken dieses Jahres.
Der Aufstieg der elektrifizierten Antriebe
Über Jahrzehnte galt der Verbrenner als unerschütterliches Fundament. Nun trägt er nur mehr 36,6 Prozent des Neuwagenmarktes. Den Großteil übernehmen mittlerweile elektrifizierte Antriebe, die in Summe über 60 Prozent der Zulassungen ausmachen. Noch geben Hybride dabei den Ton an: Mit 34,6 Prozent haben sie sich zum dominierenden Antrieb entwickelt – ein leiser, aber enorm kraftvoller Strukturwandel, der quer durch alle Fahrzeugklassen spürbar ist.
Aber auch die batterieelektrischen Fahrzeuge zeigen ebenfalls eine Dynamik, die viele überrascht. Trotz globaler Marktabkühlung wächst der BEV-Anteil weiter und erreicht in Europa 16,4 Prozent. Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung in Deutschland, wo die Verkäufe rein elektrischer Fahrzeuge trotz Kürzung der Förderung um fast 40 Prozent zunahmen. Der Markt zeigt damit, dass die Elektrifizierung längst nicht mehr allein von politischen Anreizen abhängt.
Währenddessen verlieren die Verbrenner ihren letzten Rest an Selbstverständlichkeit. Benzin sinkt auf etwas mehr als 31 Prozent, Diesel fällt auf 9,2 Prozent und nähert sich einem Bereich, der bereits an industrielle Endphasen erinnert.
Druck von allen Seiten
Was diesen Wandel beschleunigt, ist das Zusammenspiel aus mehreren Kräften. Die Regulierung schafft zunehmend klare Signale, ob durch strengere Abgasnormen, die Ausweitung von Umweltzonen oder die Kostenstruktur für Fahrzeuge mit fossilem Antrieb. Gleichzeitig reagieren Konsumentinnen und Konsumenten immer sensibler auf laufende Betriebskosten, Wartungsaufwand und Wertverlust – Faktoren, bei denen elektrifizierte Antriebe inzwischen deutliche Vorteile haben.
Parallel dazu haben die Hersteller ihre eigenen Weichen längst gestellt. Budgets wandern in Richtung EV-Plattformen, Batterietechnologien und softwaredefinierte Fahrzeugarchitekturen, während klassische Motorenentwicklungen auslaufen oder in Nischen verschwinden. Verstärkt wird dieser Prozess durch den Markteintritt chinesischer Hersteller, die mit preisaggressiven Elektrofahrzeugen eine Beschleunigung erzwingen, die in diesem Tempo vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre.
2026: Die neue Norm nimmt Form an
TechGaged erwartet, dass sich der Wandel in einem ähnlichen Tempo fortsetzt. Der Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge könnte im kommenden Jahr an die 20-Prozent-Marke heranreichen. Gleichzeitig bleiben Hybride stark, verlieren jedoch mittelfristig jene Funktion, die sie heute haben: ein komfortabler Zwischenschritt für all jene, die noch nicht vollständig elektrisch fahren möchten. Für Diesel bedeutet die aktuelle Entwicklung hingegen den Anfang vom Ende. Benzin hält sich länger – aber nicht mehr aus eigener Kraft, sondern vor allem in Segmenten, in denen Alternativen erst entstehen.
Rokas B., Senior Analyst bei TechGaged, bringt es auf den Punkt: Europa sei in eine postfossile Ära eingetreten. Der Markt habe die Entscheidung längst getroffen – und zwar zugunsten elektrifizierter Antriebe. Die Frage sei nicht mehr, ob der Verbrennungsmotor verschwinden werde, sondern wie schnell dieser Prozess abgeschlossen sein wird.