Der Europäische Rechnungshof kommt in seinem Sonderbericht 04/2026 zu einem ernüchternden Befund: Die EU bleibt bei kritischen Rohstoffen hochgradig abhängig, während heimische Produktion und Recycling hinter den eigenen Zielen zurückbleiben. Laut verfügbaren Infrastrukturkennzahlen lag die durchschnittliche EU-Verarbeitung strategischer Rohstoffe zuletzt bei rund 24 Prozent – deutlich unter dem 2030-Richtwert von 40 Prozent. Gleichzeitig werden zehn von 26 für die Energiewende relevanten Rohstoffen derzeit überhaupt nicht recycelt.
Die stille Materialfrage der Energiewende
Wenn über Energiewende gesprochen wird, dominieren Bilder von Windrädern, Solardächern und Batteriespeichern. Unsichtbar bleibt meist die materielle Voraussetzung dieser Transformation: Lithium, Nickel, Kobalt, Kupfer, Seltenerdmetalle, Magnesium oder Bor. Sie sind keine Randgröße, sondern die physische Infrastruktur der Dekarbonisierung.
Am 2. Februar 2026 hat der Europäische Rechnungshof in einer Pressekonferenz und in seinem Sonderbericht 04/2026 eine ungewöhnlich klare Diagnose vorgelegt. Die Botschaft war simpel und hart zugleich: Ohne kritische Rohstoffe gibt es weder Energiewende noch strategische Autonomie. Diese Aussage war kein politisches Statement, sondern das Ergebnis einer mehrjährigen Prüfung europäischer Politikinstrumente – vor allem des Critical Raw Materials Act (CRMA).
Die Dramatik liegt nicht in einzelnen Engpässen, sondern in der Systemlogik: Die EU hat Ziele formuliert, Instrumente geschaffen und Partnerschaften geschlossen – aber weder ihre Ziele ausreichend begründet, noch ihre Finanzierung kohärent organisiert, noch ihre geopolitischen Abhängigkeiten realistisch abgesichert. Genau diese drei Ebenen strukturieren den Befund des Rechnungshofs.
Abhängigkeit als Ausgangslage: Verwundbarkeit mit Ansage
Der Bericht beginnt mit einer nüchternen Feststellung: Für 26 kritische Rohstoffe, die für Technologien der Energiewende benötigt werden, ist die EU bei zehn vollständig importabhängig. Besonders problematisch ist die Konzentration auf einzelne Lieferländer. Bei Magnesium stammen 97 Prozent der EU-Importe aus China, bei Bor 99 Prozent aus der Türkei. Damit wird das eigene Ziel – maximal 65 Prozent Abhängigkeit von einem Drittland – in zentralen Fällen klar verfehlt.
In der Pressekonferenz unterstrich die verantwortliche Rechnungshof-Vertreterin Keit Pentus-Rosimannus, dass diese Abhängigkeit nicht nur ein Handelsproblem sei, sondern eine geopolitische Schwachstelle. Würde ein wichtiger Lieferstaat seine Exporte „bewaffnen“, geriete die europäische Industrie unmittelbar unter Druck.
Noch gravierender ist die Situation auf der Verarbeitungsstufe. Keines der in der EU verwendeten Seltenerdmetalle wird hier verarbeitet. Das bedeutet: Selbst, wenn Rohstoffe formal diversifiziert gewonnen werden, bleibt Europa in der entscheidenden nachgelagerten Wertschöpfung abhängig. Für Elektromobilität, Windkraft und Leistungselektronik ist das kein theoretisches Risiko, sondern eine strukturelle Achillesferse.
Die PK-Diskussion um die schwedische Batteriefirma Northvolt machte diesen Punkt plastisch: Gigafabriken benötigen Lithium – doch Lithium wird in Europa praktisch nicht gewonnen und kaum verarbeitet. Selbst wenn neue Projekte „in der Pipeline“ sind, liegen sie zeitlich so weit in der Zukunft, dass sie die 2030-Ziele kaum entlasten werden. Das ist kein Versagen einzelner Unternehmen, sondern Ausdruck einer historisch gewachsenen Industriearchitektur.
Politische Richtwerte ohne belastbares Fundament
Die CRMA formuliert für 2030 vier zentrale Richtwerte:
- mindestens 10 % heimische Gewinnung,
- mindestens 40 % Verarbeitung in der EU,
- mindestens 25 % Recycling,
- höchstens 65 % Abhängigkeit von einem einzelnen Drittland.
Auf den ersten Blick wirken diese Zahlen präzise. Der Rechnungshof zeigt jedoch, dass sie nicht solide hergeleitet sind. Weder in der Verordnung noch in der Folgenabschätzung wird transparent erklärt, warum genau diese Schwellenwerte gewählt wurden oder wie sie kausal mit den Klimazielen zusammenhängen.
In der Pressekonferenz wurde dies konkretisiert: Der Rechnungshof hatte die damals verfügbaren Daten (überwiegend 2016–2020) ausgewertet und festgestellt, dass die durchschnittliche EU-Gewinnung strategischer Rohstoffe bereits bei etwa 8 Prozent lag – also nahe am 10-Prozent-Ziel. Politisch wirkte das ambitioniert, empirisch war es eher eine leichte Nachjustierung des Status quo.
Noch problematischer ist die Aggregationslogik. Die Ziele gelten für alle Rohstoffe gemeinsam. In der PK betonte der leitende Prüfer Jan Putt, dass die EU die Gesamtziele theoretisch erreichen könnte, ohne sich bei besonders kritischen Materialien – etwa Lithium, Gallium oder Seltenerdmetallen – substantiell zu verbessern. Das schwächt die Steuerungswirkung erheblich.
Auch beim Recycling zeigt sich dieses Problem: Ein 25-Prozent-Gesamtziel kann formal erfüllt werden, selbst wenn zehn von 26 Rohstoffen weiterhin überhaupt nicht recycelt werden. Der Rechnungshof empfahl daher explizit, materialspezifische, verbindliche Recyclingziele zu prüfen – eine Forderung, die in der PK mehrfach aufgegriffen wurde.
Fragmentierte Finanzierung: 1,8 Milliarden Euro – aber wofür genau?
Zwischen 2014 und 2027 hat die EU über 1,8 Milliarden Euro für rohstoffbezogene Initiativen mobilisiert – aus Programmen wie Horizon 2020, Horizon Europe, Innovationsfonds, InvestEU und Kohäsionsmitteln. Das klingt nach politischem Gewicht, offenbart aber eine zweite Schwäche: institutionelle Zersplitterung.
Der Rechnungshof stellt fest, dass mehrere Generaldirektionen parallel Mittel vergeben, ohne zentrale Koordination oder einheitliche Erfolgskriterien. Es gibt keine konsolidierte Übersicht darüber, welche Projekte tatsächlich zur Versorgungssicherheit beitragen. Weder lässt sich sauber messen, ob Abhängigkeiten reduziert wurden, noch ob neue Verarbeitungs- oder Recyclingkapazitäten entstanden sind.
In der PK wurde dieser Punkt indirekt bestätigt: Zwar verwies Pentus-Rosimannus auf den neuen „Resilience EU Action Plan“, der in kurzer Zeit drei Milliarden Euro mobilisieren soll – doch sie räumte zugleich ein, dass frühere Mittel kaum systematisch evaluiert worden seien. Geld war vorhanden, aber Wirkung blieb diffus.
Für Unternehmen und Projektentwickler bedeutet das Planungsunsicherheit. Forschung wird gefördert, industrielle Skalierung jedoch oft nicht. Kritische Rohstoffe sind im mehrjährigen Finanzrahmen zudem keine eigenständige Priorität, sondern ein Querschnittsthema – politisch anschlussfähig, aber strategisch unscharf.
Diversifizierung ohne Durchschlag: Partnerschaften mit begrenzter Wirkung
Um Abhängigkeiten zu reduzieren, hat die EU 14 strategische Rohstoffpartnerschaften abgeschlossen, unter anderem mit Kanada, Chile, Namibia, Australien, Serbien, der DR Kongo und jüngst auch Grönland.
Doch die Bilanz ist ernüchternd: Zwischen 2020 und 2024 gingen die Einfuhren aus diesen Partnerländern bei rund der Hälfte der untersuchten Rohstoffe zurück. In der PK erklärte Pentus-Rosimannus, dass die Gründe vielfältig seien – Krieg in der Ukraine, politische Instabilität, Marktverwerfungen. Gleichwohl bleibt der Befund: Die Partnerschaften haben bislang kaum messbare Auswirkungen auf die Versorgung.
Besonders brisant war die Diskussion um Governance-Risiken. Der Rechnungshof stellte fest, dass etwa die Hälfte der Partnerländer nach Weltbank-Kriterien niedrige Governance-Scores aufweist. In der PK wurde dies auf Nachfrage explizit eingeräumt. Der Rechnungshof prüfte zwar nicht Menschenrechtsverletzungen im Detail, betonte aber, dass solche Risiken bei Partnerschaften zwingend berücksichtigt werden müssten.
Gleichzeitig machte der Rechnungshof einen wichtigen Vorschlag: Strategische Projekte in Partnerländern sollten stärker an verbindliche Abnahmevereinbarungen (Offtake Agreements) mit EU-Unternehmen gekoppelt werden. Nur so werde aus Kooperation tatsächlich Versorgung.
Heimische Produktion: Zwischen politischem Anspruch und Realwirtschaft
Die CRMA sieht vor, bis 2030 mindestens 10 Prozent der strategischen Rohstoffe in der EU zu gewinnen und 40 Prozent zu verarbeiten. Der Rechnungshof zeigt jedoch, wie weit Anspruch und Realität auseinanderliegen.
Exploration ist in Europa unterentwickelt, Genehmigungsverfahren sind langwierig und komplex. In der PK nannte Pentus-Rosimannus das Beispiel Schweden: Dort könne es bis zu 30 Jahre dauern, bis eine neue Mine eröffnet werde. Selbst wenn heute politisch entschieden würde, neue Bergbauprojekte massiv zu fördern, wären viele erst weit nach 2030 produktiv.
Gleichzeitig sinkt die Zahl der Verarbeitungsanlagen in Europa – vor allem wegen hoher Energiepreise. Der Rechnungshof beschreibt einen Teufelskreis: Ohne heimische Verarbeitung fehlt der Anreiz für neue Minen, ohne Minen fehlt die Basis für neue Verarbeitung.
Ein weiteres Thema aus der PK war Portugal und das dortige Lithium-Projekt Barroso, das als „strategisches Projekt“ eingestuft wurde. Zwar profitiert es von verkürzten Genehmigungsfristen (max. 27 Monate für Bergbau, 15 Monate für Verarbeitung), doch gilt dies nur für ausgewählte Projekte. Für alle anderen Vorhaben bleiben die Verfahren langwierig.
Wichtig war auch die Klarstellung zur Umweltfrage: Der Rechnungshof fordert schnellere, nicht laxere Verfahren. Beschleunigung soll nicht auf Kosten von Umweltstandards gehen, sondern durch klarere Regeln, bessere Koordination und präzisere Leitlinien – etwa zur Anwendung der Wasserrahmenrichtlinie.
Recycling und Substitution: Das ungenutzte Potenzial
Zehn von 26 kritischen Rohstoffen werden in der EU gar nicht recycelt, bei sieben weiteren liegt die Quote zwischen 1 und 5 Prozent. In der PK nannte Pentus-Rosimannus Recycling und Substitution die „niedrig hängenden Früchte“, die bislang unzureichend geerntet würden.
Das Problem ist dreifach:
- Hohe Verarbeitungskosten,
- begrenzte Materialmengen und
- regulatorische Hürden beim grenzüberschreitenden Abfallhandel.
Zudem fehlt es an materialspezifischen Zielen. Der allgemeine 25-Prozent-Richtwert schafft kaum Anreize für besonders schwierige Rohstoffe wie Seltenerdmetalle aus Elektromotoren oder Palladium aus Elektronikschrott.
Ein wichtiger Punkt aus der PK war der Blick in die Zukunft: Mit der massiven Installation von PV-Anlagen und Windparks wird zwischen 2040 und 2050 ein stark wachsender Strom aus Altanlagen entstehen – potenziell Millionen Tonnen recyclingfähiges Material. Die EU müsse heute schon die industrielle Recyclinginfrastruktur dafür aufbauen.
Gleichzeitig empfahl der Rechnungshof, Substitution stärker in die Netto-Null-Industrie-Verordnung aufzunehmen. Wenn Lithium knapp bleibt, könnten alternative Batterietechnologien nötig werden – ein Punkt, den auch Jan Putt in der PK betonte.
Strategische Projekte: Schnellere Verfahren, aber wenig Geld
Die CRMA führt „strategische Projekte“ ein, die schnellere Genehmigungen und höhere Sichtbarkeit erhalten sollen. Bis Ende 2025 gab es jedoch nur zwei Ausschreibungsrunden – weniger als erwartet – und keine eigenen EU-Mittel für diese Projekte.
Viele Vorhaben befinden sich zudem in einem frühen Stadium oder verfügen über keine Abnahmeverträge mit europäischen Kunden. Der Rechnungshof hält es daher für unwahrscheinlich, dass zahlreiche Projekte bis 2030 substantiell zur Versorgung beitragen werden.
In der PK wurde klar, dass der neue Resilience-Plan hier zwar Bewegung bringt (geplante Mobilisierung von drei Milliarden Euro), die tatsächliche Wirkung aber erst noch sichtbar werden muss.
Geopolitik: Konkurrenz, China und die Frage der Autonomie
Ein zentraler Strang der PK war die Frage nach globaler Konkurrenz – insbesondere gegenüber China und den USA. Der Rechnungshof machte deutlich: Die EU kann ihre Energiewende zwar auch mit importierten Fertigprodukten (Batterien, Solarzellen, Windturbinen) erreichen, doch bleibt sie damit strategisch abhängig.
Jan Putt formulierte es deutlich: Wenn China eines Tages aufhörte, Batterien oder Solarwafer nach Europa zu liefern, wären viele EU-Ziele akut gefährdet. Genau deshalb gehe es im CRMA nicht nur um Rohstoffe, sondern um industrielle Souveränität.
Gleichzeitig warnte der Rechnungshof davor, alles auf einzelne Regionen wie Grönland zu setzen. Grönland sei vielversprechend, aber klimatisch schwierig, politisch sensibel und kurzfristig kein Allheilmittel. Diversifizierung bleibe der Schlüssel.
Was folgt daraus für Markt, Praxis und Regulierung?
Der Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofs ist kein Alarmismus, sondern eine nüchterne Systemanalyse. Die EU hat die richtigen Themen identifiziert, aber ihre Politik bleibt inkonsequent: Ziele sind politisch gesetzt, Finanzierung ist fragmentiert, Partnerschaften wirken bislang begrenzt.
Für Elektrobranche, Industrie, Planer und Architekten bedeutet das:
- Rohstoffunsicherheit bleibt ein strukturelles Faktum.
- Lieferketten werden volatil bleiben.
- Recycling und Substitution gewinnen strategische Bedeutung.
- Beschleunigte, aber rechtsstaatlich saubere Genehmigungsverfahren werden zum Wettbewerbsvorteil.
Die Energiewende ist technisch möglich – ihre materielle Basis bleibt jedoch politisch und industriell umkämpft. Die kommenden Jahre entscheiden, ob Europa von Rohstoffen abhängig bleibt oder sie zu einem Kernstück seiner Industriepolitik macht.
Quellen (Primärquellen, neutral formuliert)
- Europäischer Rechnungshof: Sonderbericht 04/2026 „Kritische Rohstoffe für die Energiewende“.
- Europäischer Rechnungshof: Factsheet „Wichtigste Fakten und Feststellungen“.
- Europäischer Rechnungshof: Pressemitteilung vom 2. Februar 2026.
- Transkript der Pressekonferenz des Europäischen Rechnungshofs (02.02.2026).