Im europäischen Vergleich:

Deutsche Industrie kämpft am stärksten mit Lieferkettenproblemen

von Laura Peichl
Foto: © reichelt elektronik

Studie von reichelt elektronik zeigt: Deutschland ist am stärksten von Engpässen betroffen – niederländische und spanische Unternehmen sind dagegen deutlich optimistischer

Deutsche Unternehmen sind deutlich mehr von den Lieferkettenproblemen betroffen als der Rest Europas. Das geht aus der aktuellen Ausgabe des jährlichen Lieferkettenreports von reichelt elektronik hervor. In der nun seit vier Jahren in Folge durchgeführten Studie wurden mehr als 1500 Industrieunternehmen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande und Spanien vom unabhängigen Umfrageinstitut OnePoll befragt.

Deutschland Spitzenreiter bei Lieferengpässen

Mit 32 Prozent berichten deutsche Unternehmen am häufigsten von einem starken Einfluss der Lieferkettenengpässe auf ihr Geschäft. Besonders gravierend: In Deutschland und auch den Niederlanden mussten Unternehmen ihre Produktion für durchschnittlich 26,3 bzw. 26,8 Tage stoppen – damit bilden die beiden Länder den absoluten Spitzenwert. In Spanien hingegen gab es durchschnittlich einen Produktionsstopp von 16,7 Tagen.

Die Maßnahmen gegen diese anhaltenden Probleme fielen in den Ländern unterschiedlich aus. Rund 52 Prozent der deutschen Unternehmen gaben zum Beispiel an, Lieferanten diversifiziert zu haben. Spanien hingegen setzt zumeist auf die Umstellung zu lokalen Lieferanten (50%), wohingegen die Niederlande Automatisierungslösungen priorisiert (46%).

Halbleiter-Krise trifft Deutschland am härtesten

Der Ländervergleich offenbart auch große Unterschiede bei der Bauteilbeschaffung: Während in den Niederlanden 45 Prozent der Unternehmen die Beschaffung kritischer Bauteile als „leicht“ bewerten, liegt dieser Wert in Deutschland bei nur 35 Prozent. Besonders gravierend zeigen sich die Lieferengpässe bei Halbleitern, einem der wichtigsten Bauteile im KI-Zeitalter. So geben 44 Prozent der deutschen Unternehmen an, Probleme bei der Beschaffung von Halbleitern zu haben – deutlich mehr als der Durchschnitt (35%) und 21 Prozentpunkte über Niederlande, die mit nur 23 Prozent den niedrigsten Wert aufweisen. Ähnlich drastisch zeigt sich das bei den Sensoren: Deutsche Unternehmen melden zu 37 Prozent Engpässe, während spanische Firmen nur zu 20 Prozent betroffen sind.

Bei der Beschaffung von anderen Bauteilen sticht Deutschland jedoch positiv hervor: Niederländische Unternehmen kämpfen überproportional mit Batterie-Engpässen (37% vs. 24% in Deutschland), während französische und italienische Firmen verstärkt Probleme bei der Beschaffung von Entwicklerboards haben (31%). Deutschland hat hier mit nur 19 Prozent deutlich am wenigsten mit Lieferengpässen zu kämpfen.

Bürokratieabbau und Digitalisierungsschwierigkeiten: Deutsche Unternehmen fordern stärkere EU-Reform

Ein besonders deutlicher Unterschied zeigt sich auch bei den Herausforderungen für die Zukunft. 55 Prozent der deutschen Unternehmen drängen auf einen Abbau von Bürokratie innerhalb der EU – der absolute Spitzenwert im Vergleich zu den anderen europäischen Märkten. So gaben zum Beispiel nur 39 Prozent der niederländischen Unternehmen an, mit den administrativen Hürden im europäischen Binnenmarkt zu hadern. Auch zeigten sich deutsche Unternehmen überdurchschnittlich stark von Digitalisierungsschwierigkeiten betroffen (50%). Im Gegensatz dazu betrachten in Frankreich lediglich 31 Prozent der Unternehmen die Digitalisierung als Herausforderung.

Zukunftsaussichten: Südeuropa optimistisch, Deutschland zurückhaltend

Die europäischen Unternehmen blicken mit unterschiedlichen Erwartungen in die Zukunft: Während sich europaweit 52 Prozent der Firmen eine Entspannung der Liefersituation erhoffen, zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. Spanische (66%) und italienische Unternehmen (62%) sind dabei wesentlich optimistischer als ihre deutschen (48%), niederländischen (48%) und französischen (40%) Äquivalente.

Christian Reinwald, Head of Product Management & Marketing bei reichelt elektronik (Bild: reichelt elektronik)

Auch bei der Einschätzung politischer Risiken zeigt sich Deutschland pessimistischer: 68 Prozent sehen politische Entscheidungen als Bedrohung, während nur 48 Prozent der französischen Unternehmen diese Sorge teilen. Ebenso bewerten 66 Prozent der deutschen Unternehmen die globale Wirtschaftslage als schwierig. Getoppt wird dieser Wert nur von Spanien, bei denen sich sogar 76 Prozent besorgt wegen der aktuellen Politik zeigen. Diese Zahlen verdeutlichen, dass deutsche Unternehmen aufgrund ihrer starken Ausrichtung auf internationale Handelsbeziehungen besonders sensibel auf politische und wirtschaftliche Unsicherheiten reagieren.

Fazit: Deutschland droht Rückstand in Europa

„Die Studie zeigt deutlich: Deutsche Unternehmen waren von den Herausforderungen im Welthandel besonders stark betroffen“, so Christian Reinwald, Head of Product Management & Marketing bei reichelt elektronik. „Zu anhaltenden Lieferkettenproblemen kommen neue Exportzölle und politische Unsicherheiten. Das zeigt sich nicht nur in den Wachstumszahlen der letzten Jahre, sondern auch in der Stimmung. Während andere europäische Länder flexibler auf Krisen reagieren und teilweise optimistischer in die Zukunft blicken, ächzt Deutschland unter den Belastungen. Dennoch wäre es zu früh, das Handtuch in den Ring zu werfen. Deutsche Unternehmen verfügen nach wie vor über einzigartiges Know-how und großes innovatives Potenzial. Diese Stärken können helfen, die derzeit schwierige Lage zu meistern und langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.“

Weitere Informationen auf: www.reichelt.de

Quelle: reichelt elektronik

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