Wenn Energie vernetzt gedacht wird:

Schneider Electric als Energy Technology Partner des Zukunftsankers in Wien

von Laura Peichl
von Thomas Buchbauer – Recherche, Konzept und Kuration Foto: © ZOOMVP / allora

Was passiert, wenn ein Stadtquartier nicht mehr bloß gebaut, sondern wie ein Energiesystem gedacht wird? Genau das soll der Zukunftsanker in Wien zeigen. Im Gespräch erklärt Karl Sagmeister, CEO von Schneider Electric in Österreich, warum dort Abwärme, Batteriespeicher, Netzintegration und digitale Steuerung wichtiger werden als der klassische Standardanschluss – und warum genau solche Projekte der europäischen Gebäuderichtlinie oft schon näher sind, als viele glauben.

Ein Quartier, das mehr können muss als gut aussehen
Visualisierung des Zukunftsanker-Quartiers in Wien mit historischem Gebäudebestand, neuen Baukörpern und begrünten Dächern

Der Zukunftsanker verbindet historische Bausubstanz mit neuer Quartiersarchitektur und zeigt, wie Energie, Gebäude und urbane Entwicklung künftig stärker als Gesamtsystem geplant werden müssen. (© ZOOMVP / allora)

Es gibt Projekte, die in Visualisierungen glänzen, in Broschüren souverän wirken und beim Spatenstich den Eindruck vermitteln, die Zukunft sei bereits bestellt. Und es gibt Projekte, bei denen sich erst unter der Oberfläche zeigt, ob tatsächlich zukunftsfähig gedacht wurde. Der „Zukunftsanker“ in Wien gehört in diese zweite Kategorie. Auf dem Gelände der ehemaligen Ankerbrotfabrik im 10. Bezirk soll ein Klimacampus auf 4,2 Hektar mit rund 100.000 Quadratmetern entstehen – CO₂-neutral, vernetzt, ressourcenschonend, mit Platz für Unternehmen, Forschung und neue Formen des urbanen Arbeitens. Schneider Electric ist dabei für die Planung von Energieversorgung, Energieverteilung und nachhaltigem Energiemanagement als Energy Technology Partner verantwortlich.

Das klingt gut. Die spannendere Frage lautet aber: Was heißt das konkret, wenn man ein Quartier nicht mehr bloß als Ansammlung einzelner Gebäude, sondern als funktionierendes Energiesystem versteht? Genau an diesem Punkt wird der Zukunftsanker interessant. Denn dann geht es nicht mehr nur um Hülle, Technikraum und Anschlussleistung. Dann geht es um Wärmeflüsse, Speicherlogik, Schnittstellen, Netzverträglichkeit, Betriebsstrategien und die Fähigkeit, Systeme so zu koppeln, dass aus vielen Teilen ein stabiles und resilientes Ganzes wird.

Vom alten Areal zur neuen Infrastrukturidee
Karl Sagmeister, Country Manager von Schneider Electric Österreich, vor einer Visualisierung zur digitalen Gebäudemodernisierung

Karl Sagmeister von Schneider Electric sieht in vernetzten Quartieren wie dem Zukunftsanker einen Schlüssel dafür, Energieeffizienz, Netzintegration und Gebäudetechnik künftig stärker zusammenzudenken. Foto: (© www.i-Magazin.com)

Karl Sagmeister, CEO von Schneider Electric in Österreich, beschreibt das Projekt anlässlich eines Gesprächs mit dem i-Magazin im Rahmen der Light+Building in Frankfurt nicht als gewöhnliche Immobilienentwicklung, sondern als bewusst aufgebautes Ökosystem. Die Idee sei gemeinsam mit allora Immobilien gereift, inspiriert von Beispielen, die zeigten, wie Stadtquartiere künftig anders funktionieren können. Auf den Ankerbrot-Gründen bleiben denkmalgeschützte Teile wie Speicher und Expedithalle erhalten und werden saniert, andere Bereiche werden neu errichtet. Parallel dazu wird rückgebaut – mit hohem Recyclinggrad und dem Anspruch, Material wiederzuverwenden.

Entscheidend ist aber etwas anderes: Hier arbeiten nicht nur Bauträger und Planer an einem Areal, sondern unterschiedlichste Akteure an einer gemeinsamen Infrastrukturidee. Sagmeister nennt die TU als Technologiepartner, spricht von Industrieunternehmen, Planungsbüros, der Stadt Wien und den Wiener Stadtwerken, die als Schnittstelle zum öffentlichen Netz eine Schlüsselrolle spielen. Genau dort verschiebt sich die Perspektive. Aus einer Liegenschaft wird ein System. Aus einem Bauprojekt wird eine Infrastrukturfrage.

Warum Schneider Electric hier mehr sein will als ein Lieferant

Schneider Electric beschreibt seine Rolle im Projekt als „Principal Partner“. Das ist mehr als ein hübscher Titel. Gemeint ist eine Brückenfunktion zwischen Projektentwicklung, Energieversorgung, Netz, Wärme, Speicher und digitaler Steuerung. Anders gesagt: Schneider Electric will dort nicht nur Technik liefern, sondern technische, organisatorische und wirtschaftliche Logiken zusammenbringen, die in klassischen Projekten oft nebeneinanderher laufen.

Das ist bemerkenswert, weil genau an diesen Schnittstellen viele Zukunftsprojekte ins Stocken geraten. Nicht weil es an Geräten, Software oder Komponenten mangelt. Sondern weil niemand die Übersetzung übernimmt zwischen dem, was technisch möglich, wirtschaftlich tragfähig und organisatorisch anschlussfähig ist. Sagmeister beschreibt offen, dass dafür mehr notwendig sei als Standardplanung: mehr Gespräche, mehr Workshops, mehr Vorarbeit, mehr politische Flankierung – und auch eine gewisse Bereitschaft, das gewohnte Denken zu verlassen.

Der klassische Reflex laute oft noch immer: Trafostation, Fernwärmeanschluss, fertig. Genau dieses Schema reiche hier aber nicht mehr. Wer ein Quartier als Energiesystem versteht, muss tiefer hinein. Dann stellt sich nicht nur die Frage, wo Strom und Wärme herkommen, sondern auch, wie sie im Betrieb miteinander kommunizieren, wie Lasten verschoben werden, welche Speicherlogik sinnvoll ist und wie der Standort mit dem öffentlichen Netz zusammenspielt.

Abwärme ist kein Nebenthema, sondern ein Infrastrukturthema

Besonders interessant wird das Gespräch dort, wo Sagmeister über die mögliche Nutzung von Abwärme aus einem Datencenter spricht. Die entscheidende Frage sei, wie diese Abwärme auf ein Temperaturniveau gebracht werden könne, das für die Fernwärme Wien sinnvoll nutzbar ist. Das klingt zunächst technisch. Tatsächlich steckt darin aber ein zentraler Gedanke moderner Quartiersentwicklung.

Denn Energieeffizienz bedeutet heute nicht mehr nur, den Verbrauch eines Gebäudes zu senken. Sie bedeutet auch, vorhandene Energieflüsse so intelligent zu nutzen, dass aus vermeintlichen Verlusten neue Ressourcen werden. Wer Abwärme aus einem Rechenzentrum in ein Wärmesystem integriert, spart nicht nur Energie ein. Er erhöht die Systemqualität eines ganzen Standorts. Genau dort beginnt ein anderer Maßstab von Effizienz: nicht als isolierte Kennzahl pro Gebäude, sondern als Qualität des Zusammenspiels.

Batteriespeicher als Werkzeug, nicht als Dekoration

Noch klarer wird diese Logik beim Thema Batteriespeicher. Sagmeister spricht nicht von Speichern als technischer Prestigefläche, sondern als möglichem Baustein, der den Wiener Netzen bei bestimmten Aufgaben helfen und gleichzeitig dem Quartier ökonomisch nützen kann. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Denn hier wird der Speicher nicht als Symbol für Modernität behandelt, sondern als Werkzeug an der Schnittstelle von Netzstabilität, Preisoptimierung und Betriebsstrategie.

Bemerkenswert ist auch, dass Schneider Electric die eigene Produktfrage dabei ausdrücklich relativiert. Im Vordergrund stehe nicht zuerst, ob am Ende zwingend Technik aus dem eigenen Haus eingebaut werde. Wichtiger sei, dass Modelle entstehen, die mit den Wiener Stadtwerken funktionieren, Investoren mitnehmen und nicht gegen die öffentliche Infrastruktur arbeiten, sondern mit ihr. Das ist ein nüchterner, aber wichtiger Satz. Er zeigt, dass solche Projekte nur dann tragfähig werden, wenn Technik, Marktmodell und Netzlogik gemeinsam gedacht werden.

Sagmeister verweist in diesem Zusammenhang auch auf bestehende Kompetenzen rund um Batteriespeicher im Wiener Stadtwerke-Umfeld. Der Zukunftsanker wird damit nicht zur isolierten Spielwiese, sondern zu einem konkreten Beispiel dafür, wie Gebäude, Quartier und Stadtnetz in Beziehung gesetzt werden können. Genau das macht das Projekt für die Fachwelt interessant.

Wo die Gebäuderichtlinie an der Praxis reibt

Spätestens beim Thema europäische Gebäuderichtlinie wird deutlich, wie stark sich politische Zielbilder und wirtschaftliche Realitäten reiben können. Sagmeister benennt offen, dass die Umsetzung in Österreich noch nicht abgeschlossen ist. Gleichzeitig spricht er ein Problem an, das viele in der Branche kennen: Die Richtung ist klar, aber die konkrete Übersetzung in funktionierende Modelle ist alles andere als trivial.

Oft wird die Debatte so geführt, als gäbe es nur zwei Lager: hier die Regulatorik mit ihren Anforderungen, dort die Bauträger und Betreiber mit ihren Kostenargumenten. Diese Verkürzung greift zu kurz. Sagmeisters Punkt ist präziser: Problematisch wird es dort, wo Gebäude nur als Einzelobjekte betrachtet werden und technische Aufrüstung losgelöst vom Gesamtsystem beurteilt wird. Dann kippt die Rechnung tatsächlich rasch.

Das eigentliche Problem liegt oft in der geteilten Interessenlage

Genau hier sitzt einer der heikelsten Punkte der ganzen Debatte: Bauherr und Betreiber sind in vielen Projekten nicht identisch. Wer investiert, ist häufig nicht jener, der die niedrigeren Betriebskosten, die höhere Flexibilität oder die bessere Netzintegration später tatsächlich nutzt. Damit prallen Interessen aufeinander. Der Bauherr schaut auf Errichtungskosten, Finanzierung und Verwertbarkeit. Der spätere Betreiber oder Nutzer profitiert eher von geringeren Energiekosten, intelligenter Steuerung, Speicherfähigkeit oder resilienteren Systemen. Was gesamtwirtschaftlich sinnvoll ist, ist betriebswirtschaftlich auf Projektebene deshalb noch lange nicht automatisch attraktiv.

Genau das macht die Sache so kompliziert. Wenn der, der baut, nicht derselbe ist wie der, der betreibt, wird der Lebenszyklusgedanke oft schwächer als die Erstinvestitionslogik. Dann wird bei der Infrastruktur gespart, weil ihr Nutzen erst später sichtbar wird – und mitunter bei jemand anderem anfällt. Die europäische Gebäuderichtlinie trifft also nicht nur auf technische Fragen, sondern auf ein strukturelles Problem der Verantwortungs- und Anreizverteilung. Und genau deshalb wirken viele Anforderungen auf den ersten Blick wie eine Bremse, obwohl sie systemisch betrachtet oft sinnvoll wären.

Warum die Rechnung im Lebenszyklus anders aussieht

Sagmeisters Argumentation läuft auf einen klaren Kern hinaus: Nicht die Richtung der Gebäuderichtlinie ist das Problem, sondern die zu enge Perspektive, mit der Projekte noch immer bewertet werden. Wer nur fragt, was eine technische Aufrüstung in der Errichtung kostet, wird schnell Gründe finden, warum sich vieles nicht rechnet. Wer dagegen das Zusammenspiel von Energieflüssen, Speicherfähigkeit, Netzanschluss, Betriebskosten und Nutzungsdauer betrachtet, kommt zu einem anderen Bild.

Genau darin liegt die eigentliche Aussagekraft des Zukunftsankers. Dort wird nicht bloß ein Gebäude technisch nachgeschärft. Dort wird versucht, Energie, Wärme, Speicher, Infrastruktur und Steuerung über lange Zeiträume intelligent zu verzahnen. Das ist in der Planung aufwendiger, in der Abstimmung mühsamer und in der Finanzierung anspruchsvoller. Aber es ist näher an der Realität künftiger Energiesysteme als jene Lösungen, die in der Bauphase billig wirken und im Betrieb strukturell zu kurz greifen.

Warum solche Quartiere für die Elektrotechnik so relevant sind

Für die Elektrotechnik ist die Botschaft eindeutig: Die Zukunft liegt nicht im bloßen Einbau einzelner Komponenten, sondern in der Fähigkeit, Systeme zu integrieren. Wer in Quartieren wie dem Zukunftsanker arbeitet, plant oder installiert, bewegt sich automatisch näher an Themen wie Lastmanagement, Speicherintegration, digitale Steuerung, Kommunikationsfähigkeit und Schnittstellenkoordination. Das verändert nicht nur Projekte, sondern auch Berufsbilder.

Denn wo früher die technische Lösung am Schaltschrank oder Anschluss endete, beginnt heute ein größerer Zusammenhang. Ein Quartier muss nicht nur versorgt, sondern geführt werden. Es muss mit Wärmeströmen, Speichern, Netzen und künftig auch Mobilitätsanforderungen umgehen können. Genau deshalb ist der Zukunftsanker nicht bloß ein Immobilienprojekt mit Nachhaltigkeitsetikett. Er ist ein Hinweis darauf, wie tief sich das Verständnis von Gebäudetechnik bereits verschiebt.

Der eigentliche Test beginnt erst jetzt

Man kann den Zukunftsanker als Leuchtturmprojekt bezeichnen. Entscheidend ist nur, dass man diesen Begriff nicht mit Hochglanz verwechselt. Die eigentliche Bewährungsprobe liegt nicht in der Visualisierung, sondern im Betrieb. Dort wird sich zeigen, ob die vielen Systemgedanken tatsächlich in ein stabiles, wirtschaftlich tragfähiges und netzdienliches Quartier übersetzt werden können.

Genau deshalb ist dieses Projekt mehr als ein schönes Bild einer nachhaltigen Zukunft. Es ist ein Lackmustest dafür, ob wir in Europa und in Österreich endlich bereit sind, Gebäude als Teil eines größeren Zusammenhangs zu begreifen. Wenn das gelingt, dann ist Energieeffizienz nicht länger bloß eine Kennzahl am Objekt. Dann wird sie zur Eigenschaft eines Systems, in dem Strom, Wärme, Speicher, Netz und Steuerung sinnvoll ineinandergreifen. Und genau dort beginnt die eigentliche Gebäudewende.

Faktenboc: Projekt Zukunftsanker

  • Standort: Ankerbrot-Gründe, Wien-Favoriten
  • Größe: 4,2 Hektar
  • Fläche: rund 100.000 m²
  • Ausrichtung: CO₂-neutraler Klimacampus
  • Fokus: Energie, Bauen & Sanieren, Digitalisierung
  • Besonderheiten: Bestandssanierung, Recycling, Datencenter-Abwärme, Batteriespeicher, Netzintegration, Ökosystem
  • Geplante Fertigstellung: bis 2033

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