„Wenn wir es jetzt nicht schaffen, verlieren wir Zeit, die wir nicht haben.“ Mit diesem Satz begann das 2. Plattformtreffen der V2G Alliance Austria – und er hängt noch lange nach. Im Haus von Phoenix Contact in Wien mischten sich technische Visionen mit regulatorischer Klarheit, Forschungsdringlichkeit und dem spürbaren Bewusstsein: Österreich steht an der Schwelle, E-Autos nicht länger nur als Fahrzeuge, sondern als Stromspeicher zu begreifen. Ob das funktioniert – und wer davon profitiert – bleibt bis zum Ende offen. Doch eins ist klar: Wer jetzt einsteigt, kann mitgestalten.
Elektroautos sind heute längst mehr als Fortbewegungsmittel. Sie bieten eine verblüffende Speicherkapazität – und damit die Chance, Stromflüsse intelligent zu steuern, Überschüsse zwischenzuspeichern oder bei Bedarf ins Netz zurückzugeben. Die technische Möglichkeit existiert, die regulatorischen Weichen werden jetzt gestellt. Im Zentrum dieser Dynamik steht die V2G Alliance Austria – ein Zusammenschluss von Industrie, Forschung, Rechtsexpertinnen und -experten mit dem Ziel, Vehicle-to-Grid in Österreich marktfähig zu machen. Das Treffen Mitte November 2025 bei Phoenix Contact offenbarte erstmals ganz konkret: die Vision ist ernst.
Ein neuer Blick auf E-Autos — Speicher statt Parkplatz
Im Herbst 2025 nahm das österreichische Parlament eine richtungsweisende Entscheidung: Die Batterien von Elektroautos sollen künftig rechtlich als Stromspeicher anerkannt und zur Einspeisung von Überschüssen ins Stromnetz genutzt werden können. Der Nationalrat sprach sich einstimmig für einen Entschließungsantrag der Regierungsparteien aus. Damit wird bidirektionales Laden nicht länger als bloße technische Option behandelt, sondern als politisch erwünschter Teil der Energieinfrastruktur. Doch der Blick auf den aktuellen Entwurf des Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) relativiert die Euphorie: Mehrere darin verankerte Regelungen würden genau jene Rahmenbedingungen unterlaufen, die V2G marktfähig machen könnten. Besonders kritisch sehen Branchenvertreter die geplante Ausweitung der Netznutzungsentgelte auf Einspeiser – eine Maßnahme, die bidirektionales Laden verteuern und damit den wirtschaftlichen Anreiz für solche Speicherlösungen deutlich schwächen würde.
Technisch ist das V2G-Szenario längst denkbar: Ein E-Auto mit einer 60-kWh-Batterie verfügt über genügend Kapazität, um nicht nur den Fahrbedarf, sondern auch den Strombedarf eines Haushalts zu unterstützen – und kann durch gezielte Lade- oder Entladevorgänge sogar das Netz entlasten, ohne das Mobilitätsverhalten spürbar einzuschränken. Die Batterie eines Fahrzeugs ist – statistisch gesehen – etwa 23 Stunden am Tag ungenutzt. Damit entfalten Elektroautos ein erhebliches Potenzial als mobile, dezentrale Speicher.
Allerdings: Technik allein genügt nicht. Erst eine abgestimmte Systemarchitektur, kompatible Standards und rechtliche Klarheit machen V2G zur tragfähigen Lösung – nicht als Einzelinitiative, sondern als integraler Baustein eines flexiblen Stromsystems. Und genau hier setzt die Arbeit der V2G Alliance Austria an.
Über 50 Vertreterinnen und Vertreter aus Industrie, Forschung und Recht trafen sich, um über aktuellen Stand, Hürden und nächste Schritte zu diskutieren. Das Treffen war Teil des Projekts V2G Network (FFG-Nr. 923108), gefördert im Rahmen der Ausschreibung COIN KMU-Innovationsnetzwerke 2023.
Struktur und Zielsetzung der Allianz
Die V2G Alliance Austria organisiert ihre Arbeit entlang vier Säulen: Netzwerken, Aus- und Weiterbildung, Arbeitsgruppenarbeit und F&E-Koordination. Ein Vorstand wurde gewählt, der künftig Governance, Koordination und Zusammenarbeit übernimmt. Damit entsteht eine zentrale Plattform für Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Dienstleisterinnen und Dienstleister, die V2G mitentwickeln wollen.
Das Ziel: keine Insellösungen, sondern eine internationale, interoperable Infrastruktur, die bidirektionales Laden sicher über Hardware, Software, Kommunikation und Netzintegration realisiert.
Arbeitsgruppe „Anwendungen & Use-Cases“: Was V2G für Nutzer bringen kann
Die Arbeitsgruppe Use-Cases definiert realistische Szenarien, in denen V2G echten Nutzen stiftet – technisch, wirtschaftlich und alltagsnah. Die Bandbreite reicht von Überschussmanagement für PV-Anlagen über flexible Tarife und Energiegemeinschaften bis hin zu Teilnahme am Strommarkt (Day-Ahead/Intraday) und Netzdienlichkeit: Ausgleichen von Lastspitzen, Bereitstellen von Blindleistung oder Netzstützung im Quartiersnetz.
Ziel: Sobald Testbetriebsdaten aus realen Pilotprojekten vorliegen, sollen sie ausgewertet und belastbare Aussagen zu Nutzen und Machbarkeit getroffen werden.
Die Einschätzung der Gruppe: Die technische Grundlage existiert – was bisher fehlt, sind serienreife Fahrzeuge, leistbare Wallboxen und eine standardisierte Kommunikation zwischen Wallbox und Fahrzeug – die Voraussetzung für bidirektionales Laden sowie ein belastbares Marktumfeld, das den Einsatz wirtschaftlich sinnvoll macht.
Arbeitsgruppe „Recht & Regulierung“: Der Gesetzgeber hinkt oft hinterher
Parallel dazu arbeitet die Arbeitsgruppe Recht & Regulierung an den Fragen, die für viele intransparent bleiben – aber entscheidend sind für die breite Umsetzung. Denn das bestehende Energiewirtschaftsrecht in Österreich war bislang auf stationäre Erzeugung und Verbraucher ausgelegt. Mobile Speicher, die sich bewegen, sind darin nicht explizit vorgesehen.
Ein wichtiger Aspekt dabei: Die Einrichtung eines Aggregators – also ein Dienstleister, der Energieflüsse, Herkunftsnachweise und Abrechnung übernimmt. Nicht jede Privatperson soll dadurch zum Energieversorger werden müssen.
Konkrete Herausforderungen:
- Wie erfolgt der Netzanschluss, wenn viele Fahrzeuge als Speicher und Einspeiser fungieren?
- Wer haftet bei Schäden, wenn eine Batterie falsch gesteuert, deaktiviert oder überlastet wird?
- Wie werden Erlöse und steuerliche Behandlung geregelt, insbesondere bei Dienstwagen oder geleasten Fahrzeugen?
- Wie verhält es sich mit Netzentgelten, Abgaben und Marktteilnahme, wenn Fahrzeuge auf dem Strommarkt agieren?
Ein Beispiel aus der öffentlichen Debatte: Ein geleastes Dienstfahrzeug könnte technisch entladen werden – betriebswirtschaftlich jedoch könnte das Leasingmodell durch erhöhte Zyklizität und Batterieabnutzung leiden. Ohne klar definierte Regelung ein hohes Risiko.
Die Arbeitsgruppe will noch 2025 eine konsolidierte Stellungnahme an Behörden und Regulatoren übermitteln – mit Vorschlägen zur rechtssicheren und verbraucherfreundlichen Umsetzung von V2G.
Arbeitsgruppe „Systemarchitektur & Daten“: Damit Technik und Markt sprechen
Interoperabilität ist das Herzstück, damit ein V2G-System funktioniert. Die Arbeitsgruppe legt daher die Basis: technische Schnittstellen, Kommunikationsprotokolle, definierte Standards, Testverfahren und Konformitätsprüfungen.
Zentral dabei ist die Beteiligung an der internationalen Koordination über AIT Austrian Institute of Technology im Rahmen der IEA EV TCP Task 53, die 2024 gestartet wurde und 2025/2026 in Tests und Cross-Tests mündet. Ziel: europaweite Harmonisierung, damit Fahrzeuge, Wallboxen und Netze marken- und länderübergreifend kompatibel sind.
Eine wichtige Grundlage sind die bereits veröffentlichten Conformance-Tests für den Ladekommunikationsstandard ISO 15118‑20 – sie schaffen erstmals die Möglichkeit, Ladeinfrastruktur systematisch zu prüfen und Interoperabilität messbar zu machen.
Konkret geplant: Bis Mitte 2026 soll eine österreichische Systemarchitektur definiert sein – mit technischen Parametern, Schnittstellenbeschreibungen, Testzyklen und Qualitätsanforderungen. Damit soll V2G aus der Forschung in reale Umsetzung überführt werden.
Arbeitsgruppe „Forschung & Entwicklung“: Hardware, Tests und Marktreife
Die Forschungsgruppe betreut mehrere laufende Projekte – darunter das Projekt Storebility2Market –, mit dem Ziel, funktionierende V2G-Setups mit Fahrzeugen und Ladeinfrastruktur zu testen. So wird untersucht, welche Wallboxen, welche Fahrzeuge und welche Steuerungssysteme serienreif und marktfähig sind.
Ergebnisse bisher: Über 50 Hersteller wurden kontaktiert; zehn lieferten Angebote; fünf Setups wurden getestet – nur eines erfüllte alle Anforderungen.
Die Schlussfolgerung der Gruppe: Funktionierende Hardware existiert – aber vereinzelt. Für den Markthochlauf braucht es serienreife Wallboxen, zertifizierte Fahrzeuge, verlässliche Kommunikation und klare Marktmodelle.
Das Rennen ist eröffnet – ob es ein Sprint oder ein Marathon wird, hängt davon ab, ob Industrie, Netzbetreiber und Politik mitziehen.
Markt und Verbraucher: Bedeutung des parlamentarischen Beschlusses
Der Beschluss des Nationalrats zur Anerkennung von E-Autobatterien als Stromspeicher ist ein bedeutender Schritt für Verbraucherinnen und Verbraucher, die Netzstabilität und die Elektromobilität. Damit wird erstmals ein rechtlicher Rahmen vorbereitet, der bidirektionales Laden ermöglicht – für Privatpersonen, Unternehmen und Behörden mit E-Fuhrparks.
Für Besitzerinnen und Besitzer von PV-Anlagen, Wärmepumpen oder smarten Haustechniksystemen könnte das E-Auto damit zu einem zentralen Speicher avancieren: hohe Kapazität, mobile Flexibilität, Integration in bestehende Infrastruktur. Im Vergleich zu stationären Hausspeichern bietet die Batterie eines E-Autos meist deutlich mehr Kapazität und nutzt dabei vorhandene Hardware – ohne zusätzlichen Platzbedarf im Haus.
Damit würde das Konzept eines flexiblen, dezentralen Speichers Realität – und das nicht in einer fernen Zukunft, sondern mit Aussicht auf konkrete Umsetzung. Doch dafür müssen Technik, Markt und Regulierung Hand in Hand gehen.
Der Ausblick: Was bis 2026 passieren muss
Die Allianz und ihre Mitglieder haben sich ehrgeizige Ziele gesteckt:
- Fertigstellung der Use-Case-Berichte und Überführung in Pilotprojekte
- Ausarbeitung rechtlicher Vorschläge und Diskussion bei Behörden und Regulatoren
- Erstellung einer österreichischen V2G-Systemarchitektur bis Mitte 2026
- Durchführung von Tests und Validierung mit seriennaher Hardware
- Start eines Aus- und Weiterbildungsprogramms für Installateure, Planer und Energieversorger
- Ausbau der Mitgliedschaft: von heute wenigen Dutzend hin zu mehreren Hundert Unternehmen und Institutionen
Wenn all das gelingt, kann Österreich zu einem Vorreiter werden – nicht mit einer isolierten Lösung, sondern mit einem integrierten System, das E-Autos, Netze und erneuerbare Energien nahtlos verbindet.
Warum V2G kein Luxus, sondern Systemnotwendigkeit ist
Die Schwankungen erneuerbarer Energien, unregelmäßige Einspeisung von PV und Wind, volatile Lastprofile – all das erfordert flexible Speicherlösungen. Stationäre Batterien sind platzintensiv und oft unterdimensioniert. E-Autos dagegen sind mobil, weitverbreitet und mit großen Batterien ausgestattet.
Selbst wenn ein Teil der E-Autos bidirektional nutzbar ist, entsteht ein Schwarmspeicher mit beträchtlicher Kapazität. Stabilisierung, Flexibilität, Netzdienlichkeit – all das ohne eine große Anzahl an Großspeicher bauen zu müssen. Stattdessen: vorhandene Ressourcen intelligent nutzen.
Die V2G Alliance Austria will genau das: Technik, Recht und Markt zusammendenken – bevor der Markt es fordert.
Zum Abschluss des Treffens fasste ein Teilnehmer in der Diskussion zusammen: „Wir können es technisch. Wir sehen es in den Tests. Aber ohne Vernetzung, ohne klare Regeln und ohne das richtige Marktumfeld wird die Technologie nicht in die Breite kommen.“
Wenn dieser Satz nicht nur ein Prüfstein war, sondern ein Auftrag – dann könnte Österreich vor einer echten Chance stehen. Eine Chance, E-Autos vom Parkplatz zum Netzpuffer zu machen – für Stabilität, Versorgungssicherheit und eine gelungene Energiewende.
Das zweite Plattformtreffen der V2G Alliance Austria war kein Show-Event, sondern ein Netzwerktag mit klarer Agenda – mit offenen Fragen, konkreten Aufgaben und ehrlichem Austausch zwischen Industrie, Forschung und Recht. Der politische Rückenwind durch den Parlamentsbeschluss ist da. Ob daraus reale Anwendungen entstehen, hängt nun von Umsetzungskraft ab. Für den Moment gilt: Die Weichen sind gestellt. Wer bei der nächsten Ausbaustufe mitfahren will, sollte den Sitzplatz sichern.