Manchmal liegt die eigentliche Innovation nicht im Produkt, sondern im Prozess. Im siebten Wiener Gemeindebezirk ist ein Raum entstanden, der sich konsequent weigert, ein Schauraum zu sein. Hier hängen Leuchten nicht zur Dekoration, sondern zur Diskussion. Entscheidungen fallen nicht alleine am Bildschirm, sondern im Raum. Und wer diesen Ort verlässt, nimmt meist mehr mit als eine Produktauswahl – nämlich ein neues Verständnis davon, wie Licht entsteht.
Lichtplanung steht heute unter widersprüchlichen Vorzeichen. Sie soll normkonform und effizient sein, zugleich aber atmosphärisch, individuell und architektonisch präzise. Die technische Komplexität nimmt dabei stetig zu – Optiken, Steuerungen, Lichtfarben, Akustik und Integration verlangen nach immer mehr Fachwissen und Erfahrung. Genau an dieser Schnittstelle setzt Christian Ipsmiller an. Nach Jahrzehnten in der Lichtbranche, mit tiefem Verständnis für Planung, Vertrieb und Umsetzung, hat er gemeinsam mit Prolicht-Chef Walter Norz ein Atelier an einen Ort geschaffen, an dem Licht nicht vereinfacht, sondern verständlich gemacht wird. Ein Raum, in dem Erfahrung auf Struktur trifft – und Planung zur bewussten Entscheidung wird.
Das i-Magazin sprach mit Christian Ipsmiller über die Details – lesen Sie mehr über den Vater, den Paten und den Kurator des Konzepts!
Christian, dein Atelier versteht sich ausdrücklich nicht als Schauraum. Was unterscheidet diesen Ort fundamental von klassischen Präsentationsflächen?

Das Prolicht Atelier in der Mechitaristengasse ist kein Schauraum, sondern ein Ort für strukturierte Lichtentscheidungen. (©Prolicht/Ipsmiller)
Christian Ipsmiller: Der Unterschied liegt nicht in der Einrichtung, sondern in der Haltung. Ein Schauraum zeigt Ergebnisse – das Atelier beschäftigt sich mit dem Weg dorthin. In klassischen Showrooms hängen Leuchten, oft perfekt inszeniert, aber losgelöst vom konkreten Raum, von Nutzung, von Materialität. Hier hingegen wird Licht nicht betrachtet, sondern erarbeitet. Wir sprechen nicht zuerst über Design, sondern über Sehaufgaben, Raumproportionen, Blickachsen, Oberflächen, Tageslichtanteile. Erst dann über Leuchten. Das Atelier ist deshalb bewusst ein Arbeitsraum: mit Mustern, zerlegbaren Leuchten, Materialboards, Akustikelementen und Planungssoftware. Wer hier sitzt, arbeitet – und trifft Entscheidungen, die später nicht mehr korrigiert werden müssen.
Was bedeutet dieser Ansatz konkret für Architekten, Innenarchitekten und Lichtplaner?
Ipsmiller: Vor allem Klarheit. Viele kommen mit diffusen Vorstellungen: Es soll warm sein, nicht blenden, hochwertig wirken. Das ist legitim, aber nicht ausreichend. Im Atelier übersetzen wir diese Wünsche in technische Parameter: Farbtemperatur, Farbwiedergabe, Abstrahlwinkel, Leuchtdichteverteilung, Entblendung, Steuerung. Wir vergleichen 2.700 mit 3.000 Kelvin nicht theoretisch, sondern sichtbar. Wir halten Materialien ins Licht. Wir sprechen über Ra-Werte nicht abstrakt, sondern am Objekt. Dadurch verändert sich die Qualität der Entscheidung massiv – auch für Bauherren, die keine technische Ausbildung haben.
Man kann es kaum fassen: Prolicht spricht von über fünf Milliarden Konfigurationsmöglichkeiten. Wie behält man da die Kontrolle?
Ipsmiller: Indem man weiß, warum man etwas auswählt – nicht nur was. Diese Vielfalt ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für Präzision. Räume sind unterschiedlich, Nutzungen ebenso. Ein Downlight ist nicht einfach ein Downlight. Wir konfigurieren hier live: Gehäusefarbe, Innenreflektor, Optik, Lichtfarbe, Dimmung – DALI, Casambi, Meta. Und wir sehen sofort technische Daten, Datenblätter, Montageanleitungen und den Listenpreis. Das zwingt zur Auseinandersetzung und verhindert Fehlentscheidungen.
Wenn du hier mit deinen Kunden vor dem Bildschirm sitzt, ist der Preis im Konfigurator sofort sichtbar? Ungewöhnlich für die Branche.
Ipsmiller: Ja – und genau deshalb wichtig. Transparenz verändert Gespräche. Wenn der Preis sichtbar ist, diskutieren wir nicht im Nachhinein über Kürzungen, sondern im Prozess über Prioritäten. Oft wird das Ergebnis dadurch besser: weniger Leuchten, aber präziser gesetzt. Oder eine einfachere Steuerung, weil sie dem Projekt genügt. Diese Offenheit spart Zeit, Geld und Frust – für alle Beteiligten.
Kannst du einen typischen Ablauf mit Kunden hier im Atelier schildern?
Ipsmiller: Ein Paar aus dem 13. Bezirk – beide beruflich stark eingespannt, hohe Designaffinität, aber wenig technisches Vorwissen. Sie sind bewusst zu mir gekommen. Wir haben hier gemeinsam gearbeitet: Leuchten in die Hand genommen, Durchmesser verglichen, Innenreflektoren gewechselt, Farbtemperaturen gegenübergestellt. Plötzlich waren Begriffe wie zu gelblich, zu kühl oder zu technisch greifbar. Am Ende haben wir live konfiguriert. Die Software hat gezeigt, wie die Leuchte aussehen wird – inklusive Preis. Keine Überraschungen, keine Nachverhandlungen. Sie sind mit einem klaren Gefühl gegangen: Jetzt wissen wir, warum wir uns so entschieden haben.
Warum ist es so wichtig, Materialien direkt im Licht zu vergleichen – statt sie getrennt voneinander zu planen?

Im Prolicht Atelier werden digitale Lichtsimulationen direkt mit realen Leuchten und Materialien abgeglichen. (©Prolicht/Ipsmiller)
Ipsmiller: Weil Licht immer im Kontext wirkt. Wir halten diese Materialien ins Licht, vergleichen Farbtemperaturen, beurteilen Farbwiedergabe. Gerade bei Holz, Textilien oder Akustikflächen ist das enorm wertvoll. Planung wird dadurch ganzheitlich – nicht fragmentiert.
Welche Projekte landen bei dir?
Ipsmiller: Das Spektrum ist bewusst breit. Hochwertige Einfamilienhäuser, Gastronomie, Hotellerie, Arztpraxen, private Kindergärten und Schulen sowie privatwirtschaftlich organisierte Pflegeheime und Betreuungseinrichtungen – mit oder ohne Architekten, manchmal direkt mit Endkunden, manchmal über Elektriker oder Innenarchitekten. Mir ist kein Auftrag zu klein. Zwei Downlights für ein Schlafzimmer sind genauso legitim wie ein größeres Projekt. Es gibt allerdings klare Abgrenzungen: Bei großen internationalen Ketten wie Starbucks oder klassische Key-Account-Rollouts werde ich nicht aktiv. Diese Projekte funktionieren nach anderen Regeln – und das ist auch gut so.
Du arbeitest auch mit ungewöhnlichen Partnern.
Ipsmiller: Ja, zum Beispiel mit einem Unternehmen, das weltweit Yacht-Interieurs auf höchstem Niveau realisiert. Dort zählt jedes Detail – und Licht spielt eine zentrale Rolle. Interessant ist, dass diese Qualität zunehmend auch in Wohnprojekte übertragen wird. Das zeigt, wohin sich der Markt entwickelt: weg von Standardlösungen, hin zu atmosphärischer Präzision.
Wie frei bist du in der Produktauswahl?

Farb- und Materialmuster spielen im Prolicht Atelier eine zentrale Rolle bei der Entscheidungsfindung. (©Prolicht/Ipsmiller)
Ipsmiller: Es gibt eine klare Vereinbarung: Rund 80 Prozent eines Projekts sollen aus dem Prolicht-Universum stammen – inklusive Oido (Akustik) und Platek im Außenbereich. Die restlichen rund 20 Prozent sind bewusst frei. Das ist wichtig, um Projekte sinnvoll zu ergänzen – etwa mit Speziallösungen oder Designstücken, die sich der Kunde persönlich ausgesucht hat. Diese Freiheit macht ganzheitliche Planung erst möglich. Ergänzend dazu arbeite ich bewusst mit Partnern aus anderen Gewerken zusammen – etwa mit Schalterherstellern, um Steuerungslösungen vollständig mitzudenken, oder mit ausgewählten Elektroinstallateuren, um gerade für Privatkunden auch die Umsetzung und Montage möglichst unkompliziert zu halten. So entsteht aus der Planung am Ende auch eine funktionierende Gesamtlösung.
Klingt schlüssig. Aber zurück zu deinen Aufgabenfeldern: Außenbeleuchtung ist also ebenfalls ein Thema?
Ipsmiller: Ja. Prolicht und Platek arbeiten hier sehr gut zusammen. Platek ist im Außenlicht technisch und gestalterisch extrem stark. Für mich ist das ideal: Innenlicht, Akustik und Außenlicht aus einer Hand denken. Licht hört nicht an der Fassade auf.
Wertschöpfung in Europa bzw. in Österreich – ist das ein Nebensatz, oder spielt der Produktionsstandort eine Rolle?
Ipsmiller: Definitiv. Prolicht fertigt hauptsächlich in Tirol. In Spanien findet die Vorfertigung statt. Das ist kein Marketingargument, sondern ein reales Qualitätsmerkmal. Viele Bauherren wollen wissen, wo ihre Produkte herkommen, wie langlebig sie sind und ob Ersatzteile verfügbar bleiben. Hier kann ich guten Gewissens antworten.
Das Atelierkonzept stammt aus dem Unternehmen selbst?
Ipsmiller: Ja. Walter Norz, CEO von Prolicht, ist der Vater dieser Idee. Das Atelier ist sein Kind.
Dietmar Zojer, Vertriebsleiter, ist sozusagen der Taufpate. Er war es, der gesagt hat: Christian, das kannst du machen. Ohne dieses Vertrauen gäbe es dieses Atelier nicht.
Lass uns noch einmal konkret werden: Wer soll dich besuchen und deine Leistungen in Anspruch nehmen?
Ipsmiller: Menschen, die Entscheidungen treffen müssen – und das bewusst tun wollen. Das Atelier richtet sich an all jene, die im Projektverlauf an einem Punkt stehen, an dem abstrakte Planungen nicht mehr ausreichen. Wenn Zeichnungen, Renderings oder Tabellen keine eindeutige Antwort mehr geben, braucht es einen Ort, an dem man Dinge real erleben, vergleichen und bewerten kann. Meine Arbeit beginnt dort, wo Unsicherheit entsteht: bei Fragen nach Wirkung, Maßstab, Lichtverteilung oder Zusammenspiel mit Materialien. Viele Besucher kommen nicht mit einer fixen Lösung, sondern mit mehreren Möglichkeiten – und genau das ist der richtige Moment. Hier geht es darum, Varianten einzugrenzen, Konsequenzen sichtbar zu machen und Entscheidungen abzusichern. Das Atelier ist daher ein Ort für Inspiration aber im Anschluss auch für Verifikation. Wer überprüfen möchte, ob eine Idee wirklich trägt, ob eine Annahme im Raum funktioniert oder ob eine Entscheidung auch langfristig stimmig ist, findet hier die richtigen Werkzeuge. Licht wird nicht bewertet nach Geschmack, sondern nach Wirkung. Kurz gesagt: Wer Verantwortung für ein Projekt trägt und diese Verantwortung ernst nimmt, ist hier richtig. Das Atelier ist kein Ort für schnelle Antworten – sondern für belastbare.
Wie weit reicht dein Einzugsgebiet?
Ipsmiller: Primär Wien, Niederösterreich und Burgenland. In Einzelfällen auch angrenzende Bundesländer oder das nahe Ausland – Bratislava ist näher als manch österreichischer Bezirk. Wichtig ist auch das Thema Gebietsschutz. Niemand hat Interesse daran, dass sich der Vertrieb gegenseitig kannibalisiert.
Christian, wie lautet dein persönliches Ziel?
Ipsmiller: Wenn jemand hier rausgeht und sagt: Ich habe verstanden, warum wir uns so entschieden haben, dann war es richtig. Nicht, weil es billig war. Nicht, weil es trendy war. Sondern weil es passt.
Christian, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!