Kooperation von BVe und HTL Wien West gegen den Fachkräftemangel:

Wenn Schule und Wirtschaft einander zuhören

von Laura Peichl
von Thomas Buchbauer – Recherche, Konzept und Kuration Foto: © Schwertberger Projects e.U.

Die Energiewende, die Mobilitätswende und die Elektrifizierung von Infrastruktur brauchen nicht irgendwann Fachkräfte, sondern schon jetzt junge Menschen, die Technik verstehen, Zusammenhänge erkennen und sich in neue Anwendungen hineindenken wollen. Genau dort setzt die Kooperation zwischen dem Bundesverband Elektromobilität Österreich, BVe, und der HTL Wien West an. Im Gespräch mit dem i-Magazin wurde deutlich, worum es im Kern geht: Schule und Wirtschaft sollen einander früher, direkter und strukturierter begegnen – damit aus Ausbildung echte Perspektiven werden.

Es war kein Termin, bei dem bloß eine Kooperation freundlich bestätigt wurde. An der HTL Wien West wurde vielmehr sichtbar, wie eine Schule, ein Branchenverband, Unternehmen und die Bildungsseite gemeinsam versuchen, ein altes Problem neu zu lösen: den wachsenden Abstand zwischen Ausbildung und Arbeitswelt. Und es wurde ebenso klar, dass genau dieser Abstand in einer Zeit, in der Elektrotechnik, Energie und Mobilität tief ineinandergreifen, zu groß geworden ist.

Wie die HTL Wien West Schülerinnen und Schüler an die Wirtschaft heranführt

Direktor Thomas Angerer eröffnete die inhaltliche Linie des Gesprächs aus jener Perspektive, die in solchen Debatten oft zu wenig sichtbar ist: aus der Sicht der Schule selbst. Für ihn ist eine HTL nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern ein Raum, in dem junge Menschen an die berufliche Wirklichkeit herangeführt werden müssen. „Für unsere Schule ist dieses Event von sehr großer Bedeutung“, sagte er. Und er formulierte den Auftrag der Schule in einer bemerkenswert direkten Zuspitzung: „Der zentrale Job ist, dass wir die Schülerinnen und Schüler ready für die Unternehmer machen.“ Dahinter steckt keine unternehmerische Vereinnahmung von Schule, sondern die nüchterne Erkenntnis, dass Schülerinnen und Schüler Kontakte, Einblicke und Anschlussstellen brauchen, wenn Ausbildung nicht im Theoretischen enden soll.

Gerade in Wien, so ließ Angerer erkennen, entstehen solche Kontakte nicht automatisch. Anders als in enger verzahnten Regionen oder in unmittelbarer Nähe zu großen Industriebetrieben müsse Begegnung im urbanen Raum bewusst organisiert werden. Deshalb sei es für die Schule so wichtig, Räume zu schaffen, in denen Jugendliche mit Unternehmen ins Gespräch kommen, Fragen stellen, Praktika andenken und Netzwerke aufbauen können. Entsprechend eindringlich fiel sein Appell an die Schülerinnen und Schüler aus: „Diese Chance ist in Wien an unserer Schule einzigartig.“ Und noch konkreter: „Netzwerke sind in der Berufswelt irrsinnig wichtig. Nutzen Sie das.“

Warum der BVe die Kooperation mit der HTL Wien West strategisch sieht

An diese schulische Perspektive schloss Helmut-Klaus Schimany, Präsident des BVe, mit dem Blick auf die Architektur der Kooperation an. Für ihn liegt die Besonderheit nicht nur darin, dass eine Schule und Unternehmen einander begegnen, sondern dass hier ein tragfähiges Dreieck aus Schule, Bildungsdirektion und Verband entstanden ist. „Wir haben gleich einen dritten Verbündeten gefunden“, sagte Schimany mit Blick auf die Anfänge der Zusammenarbeit. Und er ergänzte: „Dieses Dreieck hat es seit über einem Jahr geschafft, das Team zu bewegen.“ Darin steckt bereits die eigentliche Pointe: Die Kooperation lebt nicht von einer Einzelinitiative, sondern von einem Bündnis, das unterschiedliche Perspektiven zusammenführt.

Schimany machte zugleich deutlich, dass der BVe in dieser Kooperation weit mehr sieht als einen gelungenen Termin im Schulkalender. Für die HTL Wien West öffnet sich über den Verband nicht nur der Zugang zu einzelnen Unternehmen, sondern zu einem gesamten Netzwerk von Akteuren, Themen und Branchenfeldern. Genau darin liegt aus seiner Sicht der Mehrwert. Denn wenn Schule mit einem Verband arbeitet, der ein ganzes Feld abbildet, entstehen nicht bloß Kontakte, sondern Strukturen. Rückblickend verwies Schimany darauf, dass sich dieser Ansatz bereits im Vorjahr bewährt habe: „Was wir heute machen, haben wir vor einem Jahr schon einmal gemacht.“ Und er nannte auch einen ganz konkreten Ertrag: „Es haben sich daraus unter anderem auch schon einige Ferialpraxisplätze entwickelt.“

Welche Fähigkeiten die Industrie von HTL-Absolventen heute erwartet

Von dort führte die Dramaturgie fast zwangsläufig weiter zur Industrie – und damit zu Gerald Stiepan von Phoenix Contact. Seine Perspektive rückte jene Frage ins Zentrum, die in der Wirtschaft längst praktischer Alltag ist: Was braucht die Industrie tatsächlich von jungen Menschen, die aus einer HTL kommen? Die Antwort fiel nüchtern, aber zugleich ermutigend aus. Nicht fertige Spezialistinnen und Spezialisten für jede künftige Anwendung, sondern technisch gut ausgebildete junge Menschen, die bereit sind, sich in neue Felder einzuarbeiten. „Wir brauchen Leute, die anpacken“, sagte Stiepan. Und er legte nach: „Als junger Mensch muss man sich in das Aufgabenfeld, dem man sich stellt, einfach hineindenken und hineinarbeiten.“

Gerade darin steckt eine wichtige Verschiebung. Die Industrie verlangt nicht, dass Schule schon heute die Technologie von morgen vollständig abbildet. Entscheidend ist vielmehr, ob die Grundlagen stimmen und ob Neugier, Anwendungsverständnis und Lernfähigkeit vorhanden sind. Stiepan formulierte das mit bemerkenswerter Klarheit: „Wir brauchen Leute, die ein technisch gutes Verständnis haben im Bereich der Elektrotechnik, im Bereich der Netzwerktechnik, im Bereich der Informatik.“ Und er ergänzte, worauf es im Arbeitsalltag danach ankommt: „Dann muss man sich da einfach hineinarbeiten, hineintigern, hineinkämpfen und diese Branche kennenlernen.“

Role Models sind kein Nebenschauplatz

Ein kluger Nebenaspekt der Kooperation betrifft weibliche Role Models in der Technik. Im Gespräch wurde die Rolle von Patrizia Ilda Valentini, Head of Mobilize bei der Renault Group in Österreich und seit Jahren einer der führenden Köpfe im BVe, ausdrücklich hervorgehoben. Sie werde für Schülerinnen als Technikerin in einer Führungsposition zu einem wichtigen Vorbild, gerade in einem Umfeld, in dem Mädchen an technischen Schulen nach wie vor in der Minderheit sind. Geplant seien niederschwellige Vernetzungsformate, bei denen Technikerinnen aus der Praxis mit Schülerinnen ins Gespräch kommen, Biografien teilen, über Erfolge, Hürden und reale Berufsbilder sprechen.

Das ist mehr als eine begleitende Maßnahme. Es ist ein präziser Eingriff in ein bekanntes Problem. Technikbegeisterung entsteht nicht nur über Inhalte, sondern auch über Identifikation. Wer sieht, dass ein Berufsweg realistisch, spannend und lebbar ist, entwickelt eher den Mut, ihn selbst einzuschlagen. Insofern wirkt dieser Teil der Kooperation wie ein stiller, aber wichtiger Hebel gegen überholte Rollenbilder – und damit auch gegen den Fachkräftemangel.

Warum Lehrpläne mit dem Technologietempo kaum Schritt halten

Die systemische Einordnung von Horst Tschaikner von der Bildungsdirektion Wien macht eine weitere Perspektive klar. Er sprach offen aus, was viele Schulen strukturell erleben: Die Geschwindigkeit technologischer Entwicklung ist höher als jene von Lehrplänen, Schulbüchern und klassischen Bildungsabläufen. Genau deshalb müsse die Wirtschaft in die Schule hinein. „Wie bekommen wir die Wirtschaft in die Schule?“, formulierte er als bildungspolitische Kernfrage. Und er gab darauf gleich selbst die Richtung vor: „Wir brauchen die Wirtschaft einfach deshalb, weil die Lehrkräfte natürlich auch schon lange aus der Wirtschaft weg sind.“

Tschaikner machte dabei deutlich, dass solche Kooperationen nicht nur den Schülerinnen und Schülern dienen, sondern auch den Lehrkräften. Denn aktuelle Entwicklungen kommen so schneller in den Unterricht, ohne dass Schule ihren Bildungsauftrag aufgibt. Seine Diagnose ist klar: „Lehrpläne reagieren nicht so schnell wie die Technologien, die sich heute exponentiell entwickeln.“ Und deshalb definierte er den Auftrag der Schule bewusst zukunftsorientiert: „Unsere Kernaufgabe ist es, diese Schülerinnen und Schüler zukunftsfit zu machen für den modernen Arbeitsmarkt.“

Fachkräftemangel: Warum Praxisnähe und Lernfähigkeit für Unternehmen entscheidend sind

Von dieser Systemebene führt der Text nun wieder zurück in die Praxis – und damit erneut zu Gerald Stiepan. Denn was Tschaikner bildungspolitisch beschrieben hat, bekommt aus Sicht der Industrie erst dann Gewicht, wenn daraus reale Beschäftigungsfähigkeit wird. Stiepan machte genau diesen Punkt greifbar: Elektrotechnik sei heute kein starres Einzelfach mehr, sondern Teil eines breiten technischen Pakets aus Elektrotechnik, Netzwerktechnik, Informatik und praktischem Problemlösungsvermögen. Wer auf dieser Basis engagiert sei, finde in der Wirtschaft nicht nur Aufgaben, sondern Perspektiven. Seine Aussage war dabei so ehrlich wie motivierend: „Es gibt einen riesigen Markt, da gibt es viel zu tun.“ Und fast beiläufig folgte der Satz, den viele Schülerinnen und Schüler vermutlich besonders aufmerksam registriert haben dürften: „Für qualifizierte Fachkräfte bietet die Industrie attraktive berufliche Perspektiven.“

Wie aus Einzelkontakten zwischen Schule und Unternehmen belastbare Strukturen werden

Von dort aus lässt sich der Bogen noch einmal zurück zum Verband ziehen. Denn Schimanys Rolle ist in dieser Konstellation nicht bloß die eines Gastgebers oder Vernetzers, sondern die eines Übersetzers zwischen Schule und Branche. Er steht an jener Schnittstelle, an der aus Kontakten Strukturen werden können. Dass die HTL Wien West mit einem gesamten Verband kooperiert und nicht bloß mit Einzelfirmen, wurde im Gespräch als echter Unterschied beschrieben. So entstehen für die Schule nicht nur punktuelle Beziehungen, sondern ein Zugang zu Themen, Standards, Ansprechpartnern und Entwicklungslinien einer ganzen Branche. Gerade darin liegt das strategische Potenzial dieser Kooperation: Sie kann auf Dauer eine Kultur des Austauschs schaffen, nicht nur einzelne Begegnungen.

Warum die Kooperation zwischen HTL Wien West und BVe auf Dauer angelegt ist

Und damit schließt sich der Kreis wieder bei Thomas Angerer. Denn am Ende geht es trotz aller Verbands-, Industrie- und Bildungspolitik um die Schule selbst – um jenen Ort, an dem junge Menschen beginnen, technische Berufe mit ihrer eigenen Zukunft zu verbinden. Angerer hatte diesen Gedanken gleich zu Beginn ausgesprochen, aber seine eigentliche Tragweite wird erst am Ende des Textes ganz sichtbar. Wenn Schule Kontakte zur Wirtschaft ermöglicht, Netzwerke öffnet und Elektrotechnik als lebendige Zukunftsdisziplin vermittelt, dann bekämpft sie den Fachkräftemangel nicht nachgelagert, sondern an seiner Wurzel. Entsprechend stolz sprach der Direktor davon, dass diese Form der Zusammenarbeit für seine Schule in dieser Dimension neu sei und dass es nun darum gehe, „stabile Strukturen aufzubauen“ und „eine Kultur zu schaffen, wo Unternehmen sich an die Ausbildungsstätte wenden können und die Ausbildungsstätte sich an die Unternehmen wenden kann“. Genau darin liegt die eigentliche Stärke dieses Modells: Es schafft nicht bloß Sichtbarkeit, sondern Verbindlichkeit.

Oder anders formuliert: Der Fachkräftemangel wird nicht dort kleiner, wo man ihn bloß beklagt. Sondern dort, wo Schule, Verband, Industrie und Bildungsseite beginnen, dieselbe Zukunft gemeinsam zu denken. An der HTL Wien West ist daraus mehr geworden als ein Signal. Es ist ein Anfang mit Struktur.

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