Segel setzen statt Dauerstress:

Somfy Österreich: Abschied & Staffelstab

von Julia Petz
von Thomas Buchbauer – Recherche, Konzept und Kuration Foto: © Agi

Es gibt diese Momente, die kein Kalender abbildet: 19:00, eine Störung, ein Objekt hängt, die Leitwarte ist nervös, der Monteur flucht leise, weil „eh alles richtig“ installiert war – und trotzdem geht’s nicht. Dann greift wer zum Handy, nicht zur Installationsanleitung – typisch Männer eben. Und genau dort beginnt Sabine Stabauers Ruf: bekannt, geschätzt, verlässlich – mit der Art Lösungskompetenz, die man nicht in PowerPoints, sondern in Jahren sammelt. Dass so jemand geht, macht die Branche für einen Augenblick leiser.

Die These ist simpel und tut ein bisserl weh: In der Elektro- und Gebäudetechnik wird Erreichbarkeit oft mit Qualität verwechselt. „Wenn irgendwo der Hut brennt“ ist bei uns nicht Ausnahme, sondern Kultur. Sabine hat das gelebt – Laptop im Urlaub, Teams-Meeting „in der Navi-Ecke“ am Boot, weil sie „beruhigter“ war. Das ist Einsatz. Es ist aber auch ein System, das sich daran gewöhnt, dass Menschen dauernd Reserve spielen.

Sabine Stabauer verlässt Somfy – und die Branche spürt, was sie an ihr hatte
Karikatur von Sabine Stabauer und Markus Prochazka als Staffelstab-Übergabe bei Somfy.

Karikatur zur Übergabe bei Somfy: Sabine Stabauer übergibt an Markus Prochazka. (Bild: Agi)

Fakt: Sabine ist seit 1991 in der Branche involviert, startete nach der HTL bei der Gebrüder Limmert AG (Verteilerbau, frühe KNX/EIB-Anfänge), später Schäcke Salzburg (technischer Innendienst) – der Verteilerbau war der Anfang ihrer Laufbahn, nicht ihr Somfy-Kapitel. Bei Somfy war sie ab Februar 2010 ausschließlich im Vertrieb und als Kontaktfrau für den Elektrogroßhandel unterwegs: nah an Betrieben, nah an den Technikern, nah an den typischen „Altanlage kaputt – was passt jetzt?“-Fragen.

Analyse: In einer Branche, in der Produkte 25, 30 Jahre oder länger halten, ist „Lösung“ selten nur eine Artikelnummer. Es geht um Kompatibilität, um Umrüstlogik, um Inbetriebnahme, um die Frage, wer’s dem Elektriker erklärt, wenn der das Produkt nicht täglich in der Hand hat. Sabine hat das nicht nur beantwortet – sie hat es in Österreich aufgebaut: Somfy über den Elektrogroßhandel sichtbarer zu machen, weil der Elektriker im Steuerungssegment oft tiefer drinnen ist als mancher kleine Rollladenfachhändler.

Konsequenz: Wenn so eine Person wegfällt, steigt Reibung. Nicht dramatisch, aber spürbar: mehr Rückfragen, mehr Schleifen, mehr „wer ist zuständig?“. Wehmut entsteht dann nicht aus Nostalgie, sondern aus Praxis: Weil man weiß, wie viel Ruhe eine kompetente Ansprechperson in ein hektisches System bringt.

Somfy Österreich wird schlanker: Konzernlogik trifft regionale Realität

Fakt: Der Innendienst ist mit Ende März freigestellt, das Lager läuft noch bis Ende Juli, technischer Support und Kundenservice werden von Deutschland gemacht, die österreichische GmbH bleibt bestehen – übrig bleibt im Kern der Vertrieb/Außendienst. Laut Somfy ist das eine Konzernentscheidung, nicht ein Einbruch: „im Gegenteil“, Sonnenschutz boome weiterhin, im Objektgeschäft lasse manches nach.

Einordnung: Zentralisierung spart Strukturkosten, kostet aber oft Antwortzeit – und Antwortzeit ist im Störungsfall nicht „nice to have“. Sabine sagt es auf ihre Art: Österreich telefoniert gern österreichisch; Dialekt ist kein Folklorethema, sondern Übersetzung von Realität. Wer regionale Spezifika nicht abholt, verliert Vertrauen nicht mit einem Knall, sondern mit vielen kleinen Verzögerungen.

Konsequenz für Planer, Installateure, Betreiber: Der Außendienst wird damit noch wichtiger – als Puffer zwischen Konzernprozess und Baustellenlogik. Und genau deshalb ist die Frage „Wer übernimmt?“ hier keine Personalnote, sondern Betriebssicherheit.

Markus Prochazka übernimmt – und bringt Großhandel-DNA mit
Markus Prochazka, Ansprechpartner für den Elektrogroßhandel bei Somfy Österreich.

Markus Prochazka übernimmt den Großhandels-Kontakt bei Somfy Österreich. (Bild: Somfy)

Fakt: Markus Prochazka kommt aus Klagenfurt, ist gelernter Einzelhandelskaufmann (Radiohandel), wechselt um 2000 in den Elektrogroßhandel (u. a. Fröschl), erlebt Standortschließungen, arbeitet im Außendienst (Elin/Hagemeyer), baut bei i-center (später im Sonepar-Umfeld) in Kärnten den Bereich Weiß- und Braunware mit auf, geht weiter zu Saeco, später zu Somfy. Nach Somfy folgt eine Station als Gebietsverkaufsleiter Kärnten/Steiermark (Finder Relais) – und dann die Rückkehr zu Somfy, als das Unternehmen den Übergang im Großhandelsbereich neu aufstellen musste.

Analyse: Seine Botschaft ist glaubwürdig, weil sie aus eigener Erfahrung kommt: „Technische Kompetenz wird weitergeführt“ – und er ist „für den Elektrogroßhandel da“, weil er selbst jahrelang im Großhandel gearbeitet hat und die Probleme kennt, die dort aufpoppen: Schnittstellen, Zeitdruck, Reklamationslogik, die berühmte eine fehlende Info, die plötzlich ein Projekt blockiert. Sein Anspruch ist klar: lösungsorientiert, schnell, kundennah – ohne Theater.

Konsequenz: Das ist die gute Nachricht im Abschied – nicht als Trostpflaster, sondern als Qualitätskriterium: Der Übergang wirkt nicht wie ein Bruch, wenn der Nachfolger die Praxis versteht und Übergaben aktiv organisiert (gemeinsame Kundentermine, saubere Übergabe, Preise durchschauen, bekannte Regionen selbst übernehmen).

Die faire Gegenposition: „So ist die Branche halt“

Natürlich kann man sagen: Elektrotechnik ist keine 9-to-5-Welt. Sicherheit, Haftung, Termine, Normen – da braucht es Menschen, die Verantwortung annehmen. Stimmt. Nur: Verantwortung ist nicht gleich Dauer-Alarm. Wenn „immer verfügbar“ zur unausgesprochenen Erwartung wird, ist das keine Tugend mehr, sondern ein Strukturfehler. Sabines Satz, sie sei im Urlaub „beruhigter“ gewesen, wenn sie erreichbar bleibt, ist ehrlich – und genau deshalb so entlarvend: Wir haben uns angewöhnt, Ruhe erst zuzulassen, wenn das Handy im Zweifel trotzdem läutet.

Leinen los – und ein Maßstab bleibt

Sabine Stabauer geht nicht „weg“, weil sie keine Lust mehr hat, sondern weil sie nach 16 Jahren Somfy und Jahrzehnten in der Branche sagt: Es gibt Ziele, die nicht im Organigramm stehen. Weltreise, Weltumsegelung, mindestens fünf Jahre unterwegs – das ist kein PR-Abgang, das ist ein Richtungswechsel.
Und doch bleibt etwas: der Maßstab, wie man Übergaben macht. Sabine wollte keinen „irgendwen“, sondern jemanden, der produktaffin ist und Österreich tragen kann. Markus tritt an, mit Großhandelsbrille und Marktverständnis – und sagt offen, dass er diese Fußstapfen so gut wie möglich ausfüllen will. Das ist nicht sentimental. Das ist professionell. Und es erinnert uns an etwas, das wir in der Branche oft erst merken, wenn’s fehlt: Arbeit ist viel. Aber sie darf nicht alles sein.

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