Es klingt harmlos. Fast gemütlich. Ein bisschen nach Nachbarschaft. Ein bisschen nach PV-Anlage am Dach. Ein bisschen nach Strom vom Bauernhof nebenan. Doch wer genauer hinhört, merkt schnell: Hier geht es um weit mehr als ein paar Kilowattstunden Regionalstrom. Es geht um Mitsprache. Um Marktprozesse. Um soziale Teilhabe. Und um die Frage, ob Österreichs Energiewende nur von oben verordnet wird – oder ob sie dort gelingt, wo sie längst begonnen hat: in Gemeinden, auf Dächern, in Vereinen, in Betrieben und in Energiegemeinschaften.
Aus einem Kürzel wird eine Ansage
IGGE. Vier Buchstaben. Noch kein geläufiges Kürzel. Aber möglicherweise bald eines, an dem in Österreichs Energiewirtschaft niemand mehr ganz vorbeikommt. Die Interessensgemeinschaft Gemeinsame Energienutzung stellte sich kürzlich vor dem i-Magazin-Mikro erstmals öffentlich vor. Ihr Anspruch ist klar: Sie will die bundesweite Vertretung und starke Stimme für Energiegemeinschaften in Österreich werden.
Das klingt zunächst nach Verbandsarbeit. Nach Statuten, Sitzungen und Arbeitsgruppen. Also nach Dingen, bei denen man nicht automatisch die Popcornmaschine anwirft. Doch im Kern geht es um eine Entwicklung, die in den vergangenen fünf Jahren erstaunlich schnell groß geworden ist. Über 10.000 Projekte in Form von Erneuerbaren Energiegemeinschaften, Bürgerenergiegemeinschaften und Gemeinschaftlichen Erzeugungsanlagen gibt es laut den Unterlagen bereits in Österreich. Mehr als 200.000 Mitglieder nutzen Energie gemeinsam. Das ist kein Nischenthema mehr. Das ist auch kein Hobby einiger besonders engagierter Photovoltaik-Fans. Das ist eine Bewegung.
Heribert Strasser bringt diese Dimension auf den Punkt: „200.000 freiwillige Mitglieder in nur fünf Jahren – das ist eine beeindruckende Bewegung aus der Mitte der Gesellschaft.“ Und er ergänzt den entscheidenden Satz: „Gemeinsam leisten sie bereits heute einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit, haben aber kein Mitspracherecht am Energiemarkt. Das soll sich ändern.“
Genau hier beginnt die Geschichte der IGGE. Nicht bei einem Logo. Nicht bei einem Vereinssitz. Sondern bei einer Lücke.
Die Energiewende hat viele Dächer – aber bisher keine gemeinsame Stimme
Energiegemeinschaften sind in Österreich rasch gewachsen, weil mehrere Dinge gleichzeitig zusammengekommen sind: ein gesetzlicher Rahmen, technische Voraussetzungen, engagierte Menschen und eine Idee, die überraschend einfach klingt. Wer Strom erzeugt, kann ihn mit anderen teilen. Regional. Ökologisch. Zu Bedingungen, die für Produzenten und Verbraucherinnen Sinn ergeben sollen.
Doch was einfach klingt, ist in der Praxis oft kompliziert. Strom kommt nicht einfach aus der Steckdose, nur weil eine Photovoltaikanlage irgendwo in der Nähe Überschuss produziert. Dahinter stehen Marktprozesse, Netzbetreiber, Smart-Meter-Portale, Abrechnungen, Lieferantenpflichten, Tarife, Zählpunkte, Rechte, Pflichten und viele digitale Hürden. Wer schon einmal versucht hat, weniger technikaffine Menschen durch ein Online-Portal eines Netzbetreibers zu lotsen, weiß: Die Energiewende scheitert manchmal nicht an der großen Politik, sondern an einem kleinen Hackerl.
Strasser beschreibt genau diesen Punkt: „Der Anmeldeprozess muss vereinfacht werden wie eine Online-Zahlung.“ Heute würden beim Anmelden bereits viele Menschen scheitern, vor allem ältere Personen, die nicht so digital unterwegs seien. Es gehe nicht um Luxusprobleme, sondern um Teilhabe. Wer Energie gemeinsam nutzen soll, darf nicht schon beim ersten Login verloren gehen.
Die IGGE will daher nicht einfach laut sein. Sie will übersetzen. Zwischen Praxis und Regulierung. Zwischen Energiegemeinschaften und Energiewirtschaft. Zwischen jenen, die in Ministerien, bei Regulatoren, Netzbetreibern und Marktakteuren über Prozesse sprechen – und jenen, die vor Ort erklären, warum ein Smart-Meter-Portal gerade wieder nicht selbsterklärend ist.

Aus vielen lokalen Energiegemeinschaften soll eine gemeinsame Stimme werden: Die IGGE will Interessen bündeln, Energiegemeinschaften vernetzen und die gemeinsame Energienutzung in Österreich stärker sichtbar machen. (Bild: www.i-magazin.com / mit KI erstellt)
Warum Österreichs Energiegemeinschaften mehr sind als günstiger Strom
Wer Energiegemeinschaften nur über den Strompreis erklärt, verkürzt das Thema. Natürlich geht es auch um günstigeren Regionalstrom. Natürlich geht es um ökologische Energie. Natürlich geht es um Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern und ausländischen Energieimporten. Aber das ist nur der technische Teil der Geschichte.
Karin Mairitsch, die aus der Praxis der Energiegemeinschaft franz.energy in Perchtoldsdorf berichtet, sieht Energiegemeinschaften als viel mehr als ein Strommodell. „Energiegemeinschaften sind mehr als ein wirtschaftliches Konstrukt – sie stärken auch den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft“, sagt sie.
Das ist ein Satz, über den man nicht zu schnell hinweglesen sollte. Denn er verschiebt den Blick. Energiegemeinschaften sind nicht nur Abrechnungsmodelle. Sie sind lokale Kommunikationsräume. Menschen sprechen plötzlich über PV-Anlagen, Speicher, Verbrauchsverhalten, Stromspenden, soziale Aspekte und darüber, wer Strom erzeugen kann und wer nicht. Manche haben ein Dach. Manche haben keines. Manche können investieren. Manche können es nicht. Manche erzeugen Strom. Andere verbrauchen ihn. Erst gemeinsam entsteht daraus ein funktionierendes Modell.
Mairitsch formuliert es noch deutlicher: „Die Energiewende werden wir nicht schaffen, wenn man sie von oben den Leuten diktiert. Es muss gewollt werden.“ Genau darin liegt eine der zentralen Intentionen der IGGE: Sie will Energiegemeinschaften als Bottom-up-Modell stärken. Nicht als romantisches Nebenprojekt, sondern als ernstzunehmenden Bestandteil des Energiesystems.
Der aktivierbare Kunde
Lange wurde in der Energiewirtschaft vom „aktiven Kunden“ gesprochen. Mairitsch dreht diesen Begriff in der Praxis weiter. Eigentlich gehe es um den „aktivierbaren Kunden“. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Denn niemand wird aktiv, nur weil ein Gesetz das vorsieht oder ein Portal eine Eingabemaske bereitstellt. Menschen müssen verstehen, warum sie mitmachen können. Sie müssen sehen, was es bringt. Und sie müssen es schaffen, ohne vorher ein kleines energiewirtschaftliches Staatsexamen abzulegen.
Genau hier soll die IGGE ansetzen. Sie will nicht nur Forderungen in Richtung Politik und Markt formulieren, sondern Erfahrungen aus den Energiegemeinschaften bündeln. Was funktioniert? Wo hakt es? Welche Prozesse sind unverständlich? Welche Regeln passen nicht mehr zur Praxis? Welche Modelle könnten künftig helfen?
Die Vision der IGGE ist entsprechend weit gefasst: Jede Bürgerin, jeder Bürger, jedes Unternehmen und jede Gemeinde soll künftig Teil der gemeinsamen Energienutzung werden können. Das ist ambitioniert. Aber es passt zur Ausgangslage. Der Strombedarf soll sich bis 2040 verdoppeln, während die großen Wasserenergiepotenziale weitgehend ausgeschöpft sind. Wenn Österreich mehr erneuerbaren Strom braucht, reichen die großen Projekte allein nicht aus. Dann braucht es viele kleine und mittlere Erzeugerinnen und Erzeuger. Und es braucht Menschen, die Energie nicht nur beziehen, sondern bewusst erzeugen, teilen, speichern und nutzen.
Energiegemeinschaften als Innovationstreiber
Stefano Coss rückt die technische und wirtschaftliche Dimension in den Mittelpunkt. Er beschäftigt sich seit 2018 mit gemeinsamer Energienutzung – damals sei noch oft von Mieterstrom gesprochen worden. Heute sieht er Energiegemeinschaften als Modell, das sich durch die liberale Umsetzung in Österreich deutlich weiterentwickelt habe. „Energiegemeinschaften sind Vorreiter der Energiewende und stellen einen zentralen Bestandteil eines zukünftigen 100 Prozent erneuerbaren Energiesystems dar“, sagt Coss.
Sein Punkt: Energiegemeinschaften erzeugen nicht nur Stromflüsse. Sie erzeugen Bewusstsein. Sie machen sichtbar, dass eine Kilowattstunde nicht zu jedem Zeitpunkt denselben Wert für das System hat. Photovoltaikstrom ist besonders hilfreich, wenn er gebraucht wird. Er kann aber auch zur Herausforderung werden, wenn ohnehin schon viel Strom im Netz ist. Deshalb sagt Coss: „Es ist ganz wichtig, dass Konsumentinnen und Konsumenten und auch Erzeugerinnen und Erzeuger verstehen, dass der Zeitpunkt und die Menge des eingespeisten Stroms relevant sind.“
Das klingt technisch, ist aber für die Zukunft entscheidend. Denn je mehr Strom aus erneuerbaren Quellen kommt, desto wichtiger werden Flexibilität, Speicher, Lastverschiebung und intelligente Steuerung. Coss verweist auf ein wachsendes Ökosystem von Unternehmen, das rund um Energiegemeinschaften entsteht: KI-basierte Prognosemodelle, smarte Ladestationen, Heizungssteuerungen, Warmwasserbereitung, Batteriemanagement und neue Dienstleistungen. Energiegemeinschaften werden damit auch zu Laboren für neue Geschäftsmodelle.
Sein Blick geht daher über den Verein vor Ort hinaus. Durch neue Marktrollen im ElWG – etwa Aggregator, Dienstleister oder Organisator – entstehe mehr Rechtssicherheit für professionelle Angebote rund um Energiegemeinschaften. Das Ziel ist klar: Strom soll dann verbraucht, geladen oder gespeichert werden, wenn er in der Gemeinschaft verfügbar ist. Nicht irgendwann. Nicht zufällig. Sondern intelligenter als bisher.
Einfach wie ein Online-Kauf – nur mit Strom
Christian Hofmann führt die Debatte dorthin, wo viele gute Ideen in der Praxis landen: zu den Prozessen. Wenn mit den Änderungen im ElWG neue Möglichkeiten wie Peer-to-Peer kommen, wird gemeinsame Energienutzung noch breiter. Gleichzeitig steigt die Zahl der Beteiligten. Hofmann erwartet, dass die Anzahl solcher Gemeinschaftskonstrukte deutlich steigen wird. Genau deshalb müssten die Prozesse einfacher werden.
Sein Bild ist einprägsam: „Die Teilnahme an gemeinsamer Energienutzung muss so einfach sein wie der Einkauf beim lokalen Bauernmarkt – auch wenn die hierfür notwendigen Marktprozesse in der Energiewirtschaft komplex sind.“ In der Pressekonferenz verwendet er ein weiteres Bild: Es müsse so einfach werden wie ein Online-Kauf oder eine Bezahlungstransaktion. Man müsse darauf vertrauen können, dass die Transaktion funktioniert, wenn ein Mindeststandard erfüllt ist.
Damit beschreibt Hofmann eine der zentralen Aufgaben der IGGE: Sie will aus der Praxis heraus mit Marktstakeholdern, Netzbetreibern, Regulatoren und der Branche an besseren Prozessen arbeiten. Nicht frontal. Nicht als Dauerempörung. Sondern konstruktiv. „Es gibt jetzt einen Ansprechpartner, der in der Lage ist, aus der Praxis heraus Erfahrungen einzubringen“, sagt Hofmann sinngemäß. Genau diese Rolle will die IGGE übernehmen.
Denn die neuen gesetzlichen Möglichkeiten nützen wenig, wenn sie im Alltag an Hürden scheitern. Hofmann formuliert es zugespitzt: Es wäre schade, wenn das ElWG viele Möglichkeiten bietet, die Umsetzung aber daran scheitert, dass es im tatsächlichen Doing zu viele Hürden gibt.

Energiegemeinschaften funktionieren nur dann breit, wenn Beteiligung verständlich und praxistauglich wird. Die IGGE will dafür Interessen bündeln, Prozesse verbessern und als Schnittstelle zwischen Praxis, Markt und Regulierung wirken. (Bild: www.i-magazin.com / mit KI erstellt)
Interessen vertreten, Mitglieder vernetzen, E-Wirtschaft mitgestalten
Der Sinn der IGGE lässt sich damit auf drei Ebenen herunterbrechen.
Erstens: Interessen vertreten. Energiegemeinschaften sollen nicht länger verstreut, vereinzelt und mit vielen Einzelstimmen auftreten, sondern ihre Erfahrungen, Anliegen und Vorschläge bündeln können. Die IGGE will zuhören, strukturieren und daraus eine gemeinsame Sprache entwickeln.
Zweitens: Mitglieder vernetzen. In Österreich gibt es bereits viel Wissen über Energiegemeinschaften, aber es ist auf viele Köpfe, Projekte, Regionen und Vereine verteilt. Die IGGE will diese Erfahrungen zusammenführen. Arbeitsgruppen, regionale Vernetzung und der Gründungskonvent am 24. September 2026 in Salzburg sollen dafür wichtige Schritte sein. Dort ist die Wahl des ersten Vorstandes und die Staffelübergabe von den Gründungsmitgliedern vorgesehen.
Drittens: die E-Wirtschaft mitgestalten. Das ist vielleicht der spannendste Punkt. Die IGGE will nicht nur reagieren, sondern an der Weiterentwicklung von Marktprozessen, Regeln und praktischen Lösungen mitarbeiten. Es geht um Anmeldeprozesse, Teilnahmehürden, Ortsnetztarife, Peer-to-Peer-Modelle, Speicherfragen und um die Frage, wie gemeinsame Energienutzung systemverträglich wachsen kann.
Strasser beschreibt die Grundhaltung dabei nicht als Allmachtsanspruch: „Unsere Grundhaltung ist nicht: Wir sind die, die alles können. Wir denken kooperativ. Wir sind ein Baustein, der etwas beiträgt.“ Dieser Satz ist wichtig, weil er zeigt, worin sich die IGGE positionieren will: als Praxisplattform, nicht als Paralleluniversum.
Warum das jetzt relevant wird
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Mit Herbst treten Änderungen des ElWG in Kraft, die weitere Möglichkeiten der gemeinsamen Energienutzung bringen sollen, darunter Peer-to-Peer. Damit wird das Feld größer. Mehr Menschen, mehr Unternehmen, mehr Gemeinden, mehr Modelle, mehr Prozesse. Was heute schon anspruchsvoll ist, könnte morgen noch komplexer werden.
Genau deshalb will die IGGE früh eine Struktur schaffen. Nicht erst dann, wenn die Probleme überall sichtbar werden. Sondern jetzt, da aus einer Erfolgsgeschichte die nächste Entwicklungsstufe werden soll.
Karin Mairitsch bringt die soziale Seite noch einmal ins Spiel: Vor Ort gehe es um Mundpropaganda, Bewusstseinsbildung, Mitgliederversammlungen, Vereinsfeste und darum, Menschen an die Hand zu nehmen. „Da sind echt viele Menschen tätig“, sagt sie. Und gerade deshalb sei sie froh, „dass es die IGGE gibt und dass die eine gemeinsame Stimme bekommen“.
Stefano Coss wiederum sieht den nächsten Schritt in der Verbindung von Energiegemeinschaften, Intelligenz und neuen Geschäftsmodellen. Es brauche Lösungen, die Batteriemanagement, Lademanagement und Heizungsmanagement so einsetzen, dass Überschüsse besser genutzt werden. Christian Hofmann ergänzt die Prozessperspektive: Die Energiewirtschaft war ursprünglich nicht für diesen Bottom-up-Ansatz gebaut. Jetzt müsse sie lernen, damit umzugehen.
Mehr als ein weiterer Verein
Natürlich wird sich erst zeigen, wie stark die IGGE tatsächlich wird. Noch steht sie am Anfang. Die Gründungsmitglieder bereiten den Gründungskonvent vor. Mitglieder sollen gewonnen werden. Arbeitsgruppen müssen mit Leben gefüllt werden. Positionen müssen abgestimmt werden. Forderungen sollen nicht vorschnell ausgerufen, sondern aus der Praxis heraus entwickelt werden.
Aber genau das macht die Sache interessant. Die IGGE startet nicht mit dem Anspruch, die Energiewelt neu zu erfinden. Sie startet mit der Erfahrung jener, die Energiegemeinschaften selbst betreiben, begleiten oder für sie Dienstleistungen erbringen. Von Vorarlberg bis Wien. Aus Vereinen, Projekten, Gemeinden, Unternehmen und der täglichen Praxis.
Wenn es der IGGE gelingt, diese Erfahrungen zu bündeln, könnte sie zu jener Übersetzungsstelle werden, die in der Energiewende oft fehlt: von unten nach oben und von oben nach unten. Von der Bürgerin zum Regulator. Vom Netzportal zur politischen Debatte. Vom Vereinshaus zur Marktregel.
Am Ende bleibt daher kein weiteres Kürzel. Sondern eine einfache Frage: Wenn über 200.000 Menschen Energie gemeinsam nutzen, warum sollten sie dann keine gemeinsame Stimme haben?