Nicht jede Zeitenwende kündigt sich laut an. Manchmal zeigt sie sich in Details: in Netzen, die an ihre Grenzen kommen, in Speichern, die plötzlich systemrelevant werden, in Märkten, die wieder funktionieren – aber anders als gedacht. Was auf den ersten Blick nach Normalisierung aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Umbau im laufenden Betrieb. Genau dort setzt ein Investitionsprogramm an, das weniger verspricht, als es leistet – und mehr verändert, als man zunächst vermutet.
Wir haben an der Jahresbilanzpressekonferenz der EVN nicht teilgenommen, um Umsatzzahlen abzuschreiben oder Gewinne zu kolportieren. Dafür reicht ein Blick in Tabellen und Presseaussendungen. Uns interessierten die Zwischentöne. Die Perspektiven hinter den Zahlen. Die Frage, wie ein großer Infrastrukturkonzern auf eine Energiezukunft reagiert, in der Erzeugung, Netze, Speicher, Digitalisierung und Regulierung nicht mehr getrennt gedacht werden können. Denn das Geschäftsjahr 2024/25 war kein freundliches. Weniger Wind, weniger Wasser, normalisierte Strompreise – und gleichzeitig ein Energiesystem, das immer mehr leisten muss. Genau dort beginnt die eigentliche Geschichte dieser Bilanz: nicht bei der Vergangenheit, sondern bei der Frage, wie tragfähig die Energiezukunft wird, wenn sie Realität wird.
Weniger Ertrag – mehr Systemverantwortung
Das Konzernergebnis der EVN lag im Geschäftsjahr 2024/25 bei 436,7 Millionen Euro und damit rund 7,4 Prozent unter dem Vorjahr. Ursache waren vor allem ein schwächeres Wind- und Wasserdargebot sowie rückläufige Strompreise nach den extremen Marktverwerfungen der Energiekrise. Rein bilanziell ist das eine nüchterne Geschichte, eingeordnet in eine vorab kommunizierte Ergebnisbandbreite.
Doch diese Zahlen erzählen nur einen Teil der Wahrheit. Parallel zur rückläufigen Erzeugung stieg die Energienachfrage wetterbedingt an. Die Witterung war kühler, der Verbrauch höher – vor allem im Netz. Gleichzeitig gelang im Energievertrieb eine Normalisierung der Ergebnisse. Das Bild ist eines von Gegenbewegungen, typisch für ein Energiesystem, das nicht mehr linear funktioniert.
Gerade deshalb wird deutlich: Die Ertragskraft eines Energieunternehmens lässt sich heute nicht mehr isoliert an der Stromproduktion messen. Sie hängt zunehmend davon ab, wie gut ein Unternehmen Volatilität managt, Flexibilitäten erschließt und Infrastruktur bereitstellt, die mit dieser Dynamik umgehen kann.
Ein Investitionsrekord mit klarer Botschaft
Über 900 Millionen Euro hat die EVN im abgelaufenen Geschäftsjahr investiert – mehr als jemals zuvor in der über hundertjährigen Unternehmensgeschichte. In den kommenden Jahren soll dieses Niveau gehalten werden. Rund eine Milliarde Euro pro Jahr, bis 2030 insgesamt 5,5 Milliarden Euro.
Diese Zahl ist kein Marketingstatement. Sie ist ein strategisches Signal. Denn Investitionen dieser Größenordnung lassen sich weder kurzfristig noch opportunistisch tätigen. Sie setzen Planungssicherheit voraus, regulatorisches Vertrauen und die Überzeugung, dass der eingeschlagene Weg trägt.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Höhe als die Struktur dieser Investitionen. Der Schwerpunkt liegt klar auf Netzinfrastruktur, erneuerbarer Erzeugung, Speicherlösungen, E-Mobilität und Trinkwasserversorgung. Rund vier Fünftel der Mittel fließen nach Niederösterreich. Energiezukunft wird hier nicht ausgelagert, sondern regional verankert – mit messbarer volkswirtschaftlicher Wirkung.
Netze: Der eigentliche Engpass der Energiewende
Bis 2030 soll die Netzkapazität in Niederösterreich auf 6.000 Megawatt verdoppelt werden. Das ist keine kosmetische Anpassung, sondern ein tiefgreifender Umbau eines Systems, das über Jahrzehnte für planbare Lasten, klar definierte Verbrauchsprofile und eine zentrale Erzeugungslogik gebaut wurde.
Ja, es gibt Stimmen, die meinen, diese Investitionen hätten die niederösterreichischen Netze – wie auch andere Netzbetreiber – schon vor Jahren tätigen müssen. Diese Kritik ist verständlich, greift aber zu kurz, wenn sie den historischen Kontext ausblendet. Über viele Jahre war das Energiesystem auf Effizienz und Kostendämpfung ausgerichtet, nicht auf Flexibilität. Die Energiewende war politisches Ziel, aber technisch noch kein Alltag.

Containerbasierter Großbatteriespeicher an einem EVN-Standort: Batteriespeicher gewinnen als Flexibilitäts- und Stabilisierungselement im Stromnetz zunehmend an Bedeutung.
Heute ist das anders. Wärmepumpen ersetzen fossile Heizsysteme, Elektromobilität verschiebt Verkehrsenergie ins Stromnetz, Photovoltaik speist volatil ein, Batteriespeicher verändern Lastflüsse, Rechenzentren fragen Leistungen ab, die früher Industrieknoten vorbehalten waren. Netze sind damit vom passiven Transportmedium zum aktiven Systemmanager geworden.
Netzausbau lässt sich jedoch nicht auf Vorrat betreiben. Jeder Kilometer Leitung, jedes Umspannwerk, jede Verstärkung braucht Genehmigungen, Akzeptanz, Zeit und Kapital. Dass die EVN nun mit einem hohen, kontinuierlichen Investitionsniveau agiert, ist weniger ein Eingeständnis vergangener Versäumnisse als eine Antwort auf eine Transformation, deren Geschwindigkeit viele unterschätzt haben.
Erneuerbarer Ausbau: Menge allein reicht nicht mehr
Die Ausbauziele der EVN bis 2030 sind klar definiert – und sie sind ambitioniert. 770 Megawatt Windkraft, 300 Megawattpeak Photovoltaik und 300 Megawatt Großbatteriespeicher sollen das Rückgrat der künftigen Erzeugungs- und Flexibilitätslandschaft bilden. Ein Blick auf den Status quo zeigt zugleich, wie anspruchsvoll dieser Weg ist: Per 30. September 2025 sind 532 MW Windkraft, 120 MWp Photovoltaik und erst 8 MW Großbatteriespeicher in Betrieb.
Diese Zahlen sind kein Zeichen von Zögern, sondern Ausdruck der Realität eines Systems, das nicht auf Knopfdruck skaliert werden kann. Windkraftprojekte benötigen lange Genehmigungsverfahren, Photovoltaik wächst schneller, stößt aber zunehmend an Netz- und Flächenherausforderungen. Großbatteriespeicher wiederum waren bis vor Kurzem wirtschaftlich schwer darstellbar und regulatorisch kaum eingebettet.
Entscheidend ist daher nicht allein die installierte Leistung, sondern die Integrationslogik dahinter. Die EVN verfolgt bewusst keinen Ansatz, bei dem erneuerbare Anlagen isoliert errichtet und ihre Systemfolgen dem Netz überlassen werden. Stattdessen rückt das Zusammenspiel von Erzeugung, Speicher und Netz in den Mittelpunkt.
Der Super-Hybridpark Tattendorf-Trumau steht exemplarisch für diesen Ansatz. Windkraft, Photovoltaik und Batterie werden an einem Standort kombiniert, um Netzzugang effizient zu nutzen, Einspeisespitzen zu glätten und Vermarktungsspielräume zu erweitern. Es ist ein Paradigmenwechsel: weg vom singulären Kraftwerk, hin zum Energieknoten, der Systemdienstleistung erbringt.
Großbatteriespeicher: Vom Exoten zum Schlüsselwerkzeug
Noch vor wenigen Jahren galten Großbatteriespeicher als teuer, technisch spannend, aber wirtschaftlich fragwürdig. Diese Einschätzung hat sich grundlegend geändert. Sinkende Kosten, steigende Leistungsfähigkeit und neue Marktmechanismen haben Batterien zu einem zentralen Element moderner Energiesysteme gemacht.
Für die EVN sind Speicher kein Selbstzweck. Sie dienen der Netzstabilisierung, der Nutzung von Überschussstrom, der Teilnahme an Flexibilitätsmärkten und der Optimierung der Erzeugung. Sie ersetzen keine saisonale Speicherung, aber sie schließen die kritische Lücke zwischen kurzfristiger Volatilität und Systemstabilität.
Das Ausbauziel von 300 MW bis 2030 ist daher nicht additiv gedacht, sondern systemisch. Speicher werden zur Schaltstelle zwischen Erzeugung, Netz und Markt – und damit zu einem der wichtigsten Werkzeuge der Energiewende.
KI: Kein Wunderwerk, aber unverzichtbar
Künstliche Intelligenz ist bei der EVN kein Schlagwort, sondern ein Werkzeug. Nicht, um Menschen zu ersetzen, sondern um ein System beherrschbar zu halten, das täglich komplexer wird. Prognosen für Einspeisung und Verbrauch, Optimierung von Speicherbetrieb, Priorisierung von Netzmaßnahmen – all das lässt sich ohne digitale Intelligenz kaum mehr bewältigen.
Bemerkenswert ist der Zugang: KI wird als kooperierende Intelligenz verstanden. Die Maschine analysiert, simuliert, rechnet. Die Verantwortung bleibt beim Menschen. In einer Branche, die lange von Erfahrungswissen geprägt war, ist das ein leiser, aber tiefgreifender Kulturwandel.
Gerade im Zusammenspiel mit Großbatterien, Flexibilitätsmärkten und volatiler Erzeugung wird klar: Ohne KI wird die Energiewende nicht stabilisiert, sondern nur verwaltet.
Elektromobilität: Infrastruktur statt Symbolpolitik
Mit mehr als 3.700 Ladepunkten und über 26.000 aktiven Ladekarten ist die EVN laut eigenen Angaben Österreichs führende Betreiberin von E-Ladeinfrastruktur. Doch auch hier geht es weniger um Marktführerschaft als um Systemintegration.
Elektromobilität ist kein Zusatzgeschäft mehr, sondern Teil der Grundversorgung. Schnelllader müssen dort stehen, wo Menschen einkaufen, arbeiten oder unterwegs sind. Kooperationen mit Handelsketten wie Spar, Hofer oder XXXLutz sind deshalb kein Marketinginstrument, sondern infrastrukturelle Logik.
Das Investitionsvolumen von 100 Millionen Euro bis 2030 unterstreicht diese Sichtweise: Elektromobilität wird als dauerhafte Säule des Energiesystems verstanden – nicht als Übergangslösung.
Rechenzentren: Neue Großverbraucher, neue Regeln
Die Anfragen für Rechenzentren in Niederösterreich erreichen eine Größenordnung, die der heutigen Spitzenlast entspricht. Einzelne Standorte verlangen Leistungen von 100 Megawatt und mehr. Das stellt Netzbetreiber vor neue Herausforderungen.
Entscheidend ist dabei die Trennung von Netzanschluss und Energieversorgung. Netztechnisch sind viele dieser Anschlüsse möglich, vorausgesetzt Standort und Umspannwerk passen. Energetisch wird die Frage komplexer. Die EVN setzt hier auf regionale Logik: Rechenzentren sollen dort entstehen, wo erneuerbare Überschüsse vorhanden sind – nicht dort, wo sie zusätzliche Engpässe erzeugen.
Strommarkt, Merit-Order und Realität
Die Merit-Order hat den europäischen Strommarkt über Jahre geprägt und in weiten Teilen effizient gemacht. In der Energiekrise wurde jedoch sichtbar, wo ihre Grenzen liegen. Nicht nur die Verantwortlichen der OeMAG – wie im i-Magazin-Interview dargestellt –, sondern auch die EVN plädiert daher für ein Überdenken der Merit-Order.
Nicht für einen radikalen Systembruch, sondern für Mechanismen, die in Ausnahmesituationen stabilisieren, ohne den Markt dauerhaft zu verzerren. Ziel sind temporäre Ausgleichsmechanismen, nicht permanente Eingriffe. Der Strommarkt soll Investitionssignale senden, aber in Krisen Vertrauen behalten.
Das neue Strommarktgesetz wird dabei als wichtige Etappe gesehen – nicht als Endpunkt. Die Energiewende bleibt ein Generationenprojekt mit Lernkurve.
Klimainitiative mit betriebswirtschaftlichem Fundament
Der 1,5-Grad-Pfad der EVN ist durch die Science Based Targets Initiative validiert. Entscheidend ist dabei nicht die Symbolik, sondern die Umsetzbarkeit. Klimaschutz wird nicht gegen wirtschaftliche Tragfähigkeit ausgespielt, sondern mit ihr verknüpft. Ausbau erneuerbarer Erzeugung, Speicherlösungen und Netzinfrastruktur sind keine moralischen Kategorien, sondern systemische Notwendigkeiten.
Fazit: Energiezukunft ist kein Einzelprojekt
Diese Bilanz erzählt keine klassische Erfolgsgeschichte. Sie erzählt von einem System im Umbau. Von Zielkonflikten, Unsicherheiten und Investitionen, die nicht kurzfristig wirken, sondern langfristig tragen müssen.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieser Pressekonferenz: Die Energiezukunft entscheidet sich nicht im Kraftwerk. Sie entscheidet sich im Netz, im Speicher, in der Digitalisierung – und in der Bereitschaft, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen.