Das Interview mit dem Experten von Signify über Connected Lighting:

Gregory Nelson: EPBD macht Licht strategisch

von Laura Peichl
von Thomas Buchbauer – Recherche, Konzept und Kuration Foto: © Signify | www.i-magazin.com

Wer Beleuchtung noch immer nur mit Helligkeit verbindet, denkt bereits zu klein. Denn was Gregory Nelson auf der Light + Building 2026 beschreibt, ist keine Produktgeschichte, sondern ein Systemwechsel. Licht wird zur Datenquelle, zur Integrationsschicht und zum Effizienzhebel – mit Folgen für Planung, Betrieb und die Frage, welche Gebäudetechnik in ein paar Jahren überhaupt noch zukunftsfähig ist.

Gregory Nelson, Executive Vice President Business Leader Professional Systems & Services bei Signify, spricht auf der Light + Building 2026 über vernetzte Beleuchtung und intelligente Gebäude.

Gregory Nelson erläuterte im Gespräch mit dem i-Magazin, warum Licht im Zuge der Energy Performance of Buildings Directive zur strategischen Infrastruktur im Gebäude wird. (Foto: ©www.i-magazin.com)

Lange war Beleuchtung ein abgeschlossenes Gewerk: planen, montieren, einschalten, fertig. Doch mit der überarbeiteten EPBD – der Energy Performance of Buildings Directive – verschiebt sich der Blick. Licht wird Teil der Gebäudeintelligenz – als Energieverbraucher, Datenquelle und Integrationsschicht zwischen Nutzung, Komfort und Effizienz. Genau darüber sprach das i-Magazin exklusiv mit Gregory Nelson von Signify auf der Light + Building 2026.

i-Magazin: Herr Nelson, die überarbeitete EU-Gebäuderichtlinie verschiebt die Perspektive deutlich. Ab welchem Punkt darf Beleuchtung aus Ihrer Sicht nicht mehr bloß als visuelle Infrastruktur gedacht werden, sondern muss als Energie- und Datenebene verstanden werden?

Gregory Nelson, Executive Vice President Business Leader Professional Systems & Services at Signify: Der große Unterschied ist: Früher waren komplexe Building-Management-Systeme vor allem ein Thema für große Gebäude. Solche Systeme, wie man sie von großen Automationsanbietern kennt, sind leistungsfähig, aber oft auch teuer, schwerfällig und in der Praxis erstaunlich unflexibel. Sie laufen nach vorgegebenen Logiken, doch echte Erkenntnisse herauszuholen, ist nicht immer einfach.

Mit der EPBD verändert sich das Spielfeld. Es geht nicht mehr nur um große Gebäude, sondern zunehmend auch um kleinere Objekte. Und es reicht nicht mehr, einzelne Gewerke sauber zu managen. Die zentralen Energieverbraucher – insbesondere Licht und HLK – sollen übergeordnet zusammengedacht werden. Genau dort entsteht eine neue Marktchance: für die einzelnen Gewerke, aber vor allem für jene Anbieter, die diese Ebenen sinnvoll zusammenbringen können.

Für uns heißt das: Beleuchtung darf nicht isoliert geplant werden. Sie muss so aufgebaut sein, dass sie sich einfach in eine übergeordnete Gebäudelogik integrieren lässt. Deshalb setzen wir auf offene Integrationswege, etwa BACnet auf der oberen Ebene, nicht auf proprietäre Sackgassen. Das ist entscheidend, wenn Licht Teil einer echten Gebäudeintelligenz werden soll.

i-Magazin: Wo liegt in der Praxis heute der größte Hebel? Beim LED-Tausch, bei Sensorik, bei der Konnektivität oder in der laufenden Datenauswertung?

Gregory Nelson: Alle diese Ebenen sind wichtig. Aber am meisten begeistert mich die Sensorik – und zwar deshalb, weil Licht dafür in einer idealen Ausgangsposition ist. Intern sprechen wir von den „drei P“: Power, Placement und Points. Beleuchtung bringt Strom mit, sie sitzt an den richtigen Punkten im Raum oder im Außenraum, und sie ist in hoher Dichte vorhanden. Genau das macht sie zur perfekten Plattform für Sensorik.

Das Entscheidende ist: Wir reden nicht nur über Lichtsteuerung. Natürlich kennen wir klassische Funktionen wie Präsenz- oder Tageslichterfassung. Aber sobald man über diese Daten hinausdenkt, entsteht ein viel größeres Bild. Wenn das System erkennt, dass ein Raum voll ist, dann ist das nicht nur für die Beleuchtung interessant, sondern sofort auch für die HLK. Statt darauf zu warten, dass ein Thermostat an der Wand irgendwann eine Temperaturabweichung registriert, kann das Gebäude viel früher reagieren – in Echtzeit, näher an der tatsächlichen Nutzung.

Und genau dort beginnt der Mehrwert: weniger Energieverbrauch, aber auch mehr Komfort. Denn niemand will in einem Besprechungsraum sitzen, der erst dann gekühlt wird, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

i-Magazin: Nun gibt es auch die kritische Perspektive: Höhere Effizienzanforderungen treffen im Neubau und in der Sanierung auf steigende Baukosten. Wird Connected Lighting damit tatsächlich Teil der Lösung – oder verschärft es das Problem?

Gregory Nelson von Signify im Gespräch auf der Light + Building 2026 über EPBD, Sensorik und vernetzte Lichtsysteme.

Gregory Nelson machte deutlich, dass Beleuchtung künftig nicht nur Licht liefert, sondern auch Daten, Energieeffizienz und Integrationsfähigkeit für das Gebäude. (Foto: ©www.i-magazin.com)

Gregory Nelson: Eine Regulierung wie die EPBD erzeugt natürlich zunächst Druck. Aber sie schafft auch Orientierung. Wir sind überzeugt, dass das am Ende nicht nur für uns als Anbieter eine Chance ist, sondern auch für Betreiber und Eigentümer. Ja, manchmal muss am Anfang etwas mehr investiert werden. Aber entscheidend ist die Rückzahlung über die Jahre danach.

Genau darauf versuchen wir Kunden immer wieder hinzuweisen: Wenn sich eine Investition in ein oder zwei Jahren amortisiert und danach über viele Jahre Einsparungen bringt, dann ist das aus beinahe jeder wirtschaftlichen Perspektive sinnvoll. Und was sich gleichzeitig verändert hat, ist die Zugänglichkeit dieser Systeme. Die Kosten für vernetzte Lösungen, für Integration und für die nutzbaren Ergebnisse daraus, entwickeln sich in die richtige Richtung.

Früher war ein vollintegriertes BMS etwas, das nur große Gebäude rechtfertigen konnten. Heute sehen wir, dass auch kleinere Flächen mit relativ geringem Startaufwand sehr deutliche Vorteile erzielen können. Selbst ohne regulatorischen Druck würden viele Entscheider dorthin kommen. Die Gesetzgebung beschleunigt diesen Prozess nur.

i-Magazin: Kann „Light as a Service“ in diesem Spannungsfeld ein sinnvoller Ausweg sein?

Gregory Nelson: Für manche Kunden ganz klar ja – aber nicht für alle. Wir bieten „Light as a Service“ seit vielen Jahren an. Es ist ein nützliches Werkzeug, aber es macht nur einen kleineren Teil unseres Gesamtgeschäfts aus. Es gibt Kunden, die kein Kapital binden wollen oder es schlicht nicht können. Für sie ist ein Modell mit Finanzierung attraktiv, weil es Investitionen ermöglicht, die sonst vielleicht verschoben würden.

Messestand von Signify Interact auf der Light + Building 2026 mit Hinweisen auf EPBD-konforme Gebäudesanierungen und offene Systemintegration.

Signify positionierte Interact auf der Light + Building 2026 als offene, skalierbare und zukunftsfähige Plattform für EPBD-orientierte Gebäudesanierungen. (Foto: © Signify)

Andere Kunden sagen ganz bewusst: Nein, wir investieren lieber selbst, weil wir den gesamten wirtschaftlichen Nutzen im Haus behalten wollen. Auch das ist legitim. Insofern ist „Light as a Service“ kein Allheilmittel, aber sehr wohl ein Instrument, das bestimmte Projekte überhaupt erst möglich macht.

i-Magazin: Signify hat rund um die Messe auch die Zusammenarbeit mit Jung hervorgehoben. Was ist der eigentliche Kern dieser Partnerschaft?

Gregory Nelson: Der Kern ist Vertrauen in die Interoperabilität. Jung ist im Gebäudemarkt, besonders mit Blick auf das HLK-Umfeld, sehr gut positioniert. Für uns ist das eine Partnerschaft, die absichert, dass unsere Systeme miteinander Daten austauschen und zusammenspielen können.

Das klingt vielleicht unspektakulär, ist aber in Wahrheit ein zentraler Punkt. Viele Kunden fragen sich, ob all diese Systeme am Ende wirklich so reibungslos miteinander arbeiten, wie es auf den Folien aussieht. Genau an dieser Unsicherheit setzen Partnerschaften an. Es geht nicht darum, dass künftig ein einzelner Anbieter alle Gewerke kontrolliert. Der bessere Weg ist aus meiner Sicht ein Netz von Partnern, die bewusst auf Zusammenarbeit setzen und diese auch gegenseitig bestätigen.

Wenn Jung sagt, Interact ist bereit für ihr System, und wir sagen, ihre Controller sind bereit für unsere Welt, dann hebt das das Vertrauen auf eine andere Ebene.

i-Magazin: Wie weit sollte diese Integration in der Planung gehen? Wo liegt die Grenze zwischen echtem Mehrwert und unnötiger Komplexität?

Gregory Nelson: Die obere Ebene, also jene Schicht, in der Koordination stattfindet, darf nicht komplex sein. Die Komplexität steckt ohnehin schon tief genug in den einzelnen Gewerken. Im Lichtnetz ist sie da. In der HLK-Welt mit Kompressoren, Ventilen, Regelstrategien und unterschiedlichsten Bestandsanlagen ist sie ebenfalls da. Jedes Gewerk muss seinen Bereich bestmöglich beherrschen.

Entscheidend ist deshalb, dass die Übersetzung dazwischen einfacher wird. Und genau das passiert heute. Es geht nicht mehr darum, jede Gruppe eins zu eins gegen die andere zu verheiraten. Vielmehr braucht man eine gemeinsame Sprache. Wenn das HLK-System am Ende im Kern nur verlässliche Belegungsdaten braucht, dann muss genau diese Information sauber und verständlich bereitgestellt werden.

Mit einem einfachen Gateway, BACnet-Integration und etwas Intelligenz darüber lässt sich heute wesentlich mehr erreichen als noch vor wenigen Jahren. Wir kennen diese Realität auch aus unserem Hospitality-Geschäft, wo wir in Hotelzimmern bereits näher an HLK-Funktionen sind. Aber genau dort sieht man auch, wie unterschiedlich die Anlagenwelt ist. Deshalb ist die elegante obere Schicht so wichtig.

i-Magazin: Für viele Elektriker ist eine andere Frage fast noch wichtiger: Spart das System im Alltag wirklich Zeit? Verändert sich damit die Rolle des Installateurs?

Gregory Nelson: Ja, und zwar deutlich. Es verändert die gesamte Dynamik. Die Inbetriebnahme von Lichtsystemen ist heute viel nahtloser geworden. Dinge, die früher Spezialisten vorbehalten waren, können heute in vielen Fällen auch von normalen Installateuren erledigt werden. Unsere Philosophie ist, diese Prozesse so einfach wie möglich zu machen.

Das ist auch wirtschaftlich wichtig. Denn sobald man für Connected Lighting überall hochspezialisierte Techniker braucht, wird genau dort unnötig Geld verbrannt. Unser Ziel ist deshalb, die Einstiegshürde zu senken. Und ich glaube, dass im HLK-Bereich ähnliche Entwicklungen stattfinden. Wenn beide Welten einfacher werden, dann wird auch die Integration dazwischen praktikabler.

Damit verändert sich auch das Berufsbild. Der Elektriker ist nicht mehr nur jener, der montiert und dann aus dem Blickfeld verschwindet. Er kann stärker zum laufenden Servicepartner werden – gerade, wenn Diagnose, Anpassung und Systempflege Teil des Angebots werden.

i-Magazin: Je stärker Licht Teil der Gebäudeautomation wird, desto zentraler wird Cybersecurity. Ist IT-Sicherheit in Ausschreibungen bereits ein hartes Kriterium?

Gregory Nelson: Absolut. Sicherheit gehört bei uns zu den Grundanforderungen – und zwar durchgängig vom Gerät über Firmware und Gateway bis zur Cloud und zur Integration. Ein System ist immer nur so sicher wie sein schwächstes Glied.

Wir investieren deshalb sehr viel in die Sicherheit neuer Designs, aber genauso in den Erhalt der installierten Basis. Denn Sicherheit ist kein Zustand, den man einmal abhakt. Bedrohungen entwickeln sich weiter, neue Schwachstellen tauchen auf, Anforderungen ändern sich laufend.

Ein Thema, das wir sehr ernst nehmen, ist bereits heute die sogenannte Post-Quantum-Kryptografie. Wenn Quantencomputer eines Tages leistungsfähig genug sind, können sie viele heutige Verschlüsselungsverfahren brechen. Branchenweit wird dafür ein Kipppunkt um 2030 diskutiert. Das klingt weit weg, ist es aber nicht – weil die Systeme, die wir heute installieren, sieben bis zehn Jahre im Innenbereich und zehn bis zwanzig Jahre im Außenbereich laufen.

Und dann kommt noch ein anderer Punkt hinzu: Marktbereinigung. Es gibt viele kleinere Anbieter und auch viele vermeintlich günstige vernetzte Systeme. Die sehen auf den ersten Blick attraktiv aus. Aber wenn man ernsthaft berücksichtigt, dass Sicherheit über Jahre gepflegt werden muss, dann treffen Kunden oft andere Entscheidungen. Denn niemand will mit einem System dastehen, dessen Hersteller in ein paar Jahren verschwunden ist und das dann ohne Updates und Wartung altert.

i-Magazin: Zum Schluss noch zu den neuen DALI-Sensoren. Was steckt aus Ihrer Sicht wirklich hinter diesem Thema?

Gregory Nelson: Zunächst einmal haben wir ein breites Spektrum an Sensorikansätzen. Im verdrahteten Bereich arbeiten wir stark mit unseren DALI-basierten Systemen, die offen für Standardleuchten und auch für Dritthersteller sind. Die klassischen Hauptanwendungen aus Sicht des Lichts bleiben Präsenz- und Tageslichtsensorik, also Bewegungserkennung und Daylight Harvesting.

Im drahtlosen Bereich wird die Konnektivität oft direkt in den Sensor integriert, sodass eine sehr kompakte Lösung entsteht. Aber dort hört es nicht auf. Wir erweitern die Sensorik inzwischen deutlich über Licht hinaus. Dazu gehören Radarsensoren für präzisere Präsenzdetektion oder Thermopile-Sensoren, mit denen sich Personen über Wärmesignaturen zählen lassen.

Und wir stehen erst am Anfang. Was als Nächstes kommt, sind kostengünstige Kamerasysteme mit Edge Processing. Entscheidend ist dabei: Wir wollen keine Video- oder Audiodaten in die Cloud schieben. Das wäre aus Datenschutz- und Bandbreitengründen oft gar nicht sinnvoll. Aber wenn man die Informationen lokal auswertet, lässt sich aus Bildern sehr viel mehr über die Nutzung eines Raums ableiten.

Ich bin überzeugt, dass sich diese Sensorlandschaft in den kommenden ein bis zwei Jahren stark verändern wird – im Innen- ebenso wie im Außenraum. Dort sehen wir bereits Anwendungen, die Verkehr und Wetter erfassen, Fahrzeuge und Fußgänger zählen, Beleuchtung in Echtzeit anpassen, Warnungen auslösen und gleichzeitig Energie sparen. Alle sprechen über KI – für uns wird sie dort besonders relevant, wo günstige Mikroprozessoren lernende Modelle lokal ausführen und daraus konkrete, nutzbare Intelligenz für das Gebäude oder die Straße entsteht.

Herr Nelson, wir danken für das Gespräch.

Ähnliche Artikel

Hinterlassen Sie einen Kommentar

* Zur Speicherung Ihres Namens und Ihrer E-Mailadresse klicken Sie bitte oben. Durch Absenden Ihres Kommentars stimmen Sie der möglichen Veröffentlichung zu.

Unseren Newsletter abonnieren - jetzt!

Neueste Nachrichten aus der Licht- und Elektrotechnik bestellen.