Wer das Journal 2026 lediglich als Produktschau liest, übersieht die eigentliche Bewegung: KNX wird weniger als Gerät, sondern zunehmend als Betriebsmodell gedacht. Die Beiträge oszillieren zwischen Software, Sicherheit, Energie und Baupraxis – und zeichnen damit ein Bild davon, wie Gebäudeautomation vom Komfortthema zum zentralen Baustein der Energiewende wird. Diese Verschiebung ist nicht laut, aber systematisch, und sie prägt alle Themen des Hefts.
Software wird zur Infrastruktur
Mit ETS 6.3 rückt die Engineering-Software sichtbar ins Zentrum. Die Einführung der KNX-ID-Anmeldung, 30-Tage-Login-Speicherung und flexible Cloud- bzw. Dongle-Lizenzierung verschieben den Fokus von Einzelarbeitsplätzen zu durchgängigen Arbeitsumgebungen. Technisch relevant ist die neue Standardtopologie (IP-Backbone 0.0, IP-Bereich 1.0, TP-Linie 1.1) sowie der integrierte Projekt-Passwort-Manager, der Sicherheitsanforderungen und Alltagspraxis zusammenführt. Die Möglichkeit, ETS-Apps direkt zu installieren und mehrere Lizenzen parallel zu aktivieren, deutet an, dass Projektierung künftig weniger fragmentiert abläuft als bisher.
Sicherheit als Designprinzip
Mehrere Beiträge betonen, dass KNX Secure kein Add-on mehr ist, sondern Grundannahme. Vor dem Hintergrund des kommenden Cyber Resilience Act (CRA) gewinnt verschlüsselte Kommunikation (KNX IP Secure und KNX Data Secure) an strategischer Bedeutung. Das Journal stellt Sicherheit nicht als Bedrohungsszenario dar, sondern als Voraussetzung dafür, dass vernetzte Gebäude langfristig betreibbar bleiben – besonders in sensiblen Umgebungen wie Spitälern oder großen Zweckbauten. Damit verschiebt sich der Diskurs von „optional sicher“ zu „standardmäßig resilient“.
KNX IoT – Brücke zwischen Welten
Der Block zu KNX IoT zeigt, wie der klassische Bus (TP, RF, KNX/netIP) mit Thread, WLAN und LAN zusammenwächst. Entscheidend ist weniger die Funktechnik als die Interoperabilität: IPv6, KNX Secure und Router-Architekturen erlauben es, bestehende Installationen schrittweise zu erweitern statt zu ersetzen. Für Elektriker bedeutet das, dass ETS weiterhin zentrales Werkzeug bleibt, während IoT-Geräte neue Einsatzfelder eröffnen – von batteriebetriebenen Sensoren bis zu cloudnahen Visualisierungen.
Energie wird steuerbar – nicht nur messbar
Mehrere Artikel – insbesondere der Beitrag „KNX, der Energiemanager“ – machen deutlich, dass Gebäudeautomation ohne aktives Lastmanagement kaum mehr denkbar ist. KNX verbindet PV-Wechselrichter, Speicher, Wärmepumpen und Ladeinfrastruktur so, dass Eigenverbrauch optimiert und Spitzenlasten vermieden werden können. Entscheidend ist die Logik dahinter: Energie wird nicht nur erfasst, sondern situativ verteilt. Das Journal zeigt damit, dass KNX nicht nur Komfortsystem, sondern auch Energiesystem ist.
Normen strukturieren den Markt
Mit der ÖNORM EN ISO 52120-1 erhält Gebäudeautomation erstmals eine klar strukturierte Bewertungsgrundlage für Energieeffizienz (Klassen A–C). Das Journal macht sichtbar, dass diese Norm mehr ist als Technik: Sie schafft Vergleichbarkeit für Planer, Investoren und Betreiber und verknüpft Automatisierung mit ESG-Zielen. Ein Beispiel aus der Broschüre zeigt mögliche Einsparungen von bis zu 32 % in Bürogebäuden – ein Hebel, der KNX von der Komfort- in die Nachhaltigkeitsdebatte verschiebt.
Praxis als Prüfstein
Referenzprojekte verankern die Systemlogik im Alltag. Besonders prägnant ist der Bericht über das Bürogebäude in Pasching (OÖ), dessen KNX-Installation seit 1994 besteht und heute 363 Geräte in 15 Linien umfasst. Die Rekonstruktion ohne ursprüngliche Dokumentation zeigt, wie langlebig und erweiterbar der Standard ist. Ähnlich demonstriert das modernisierte Einfamilienhaus mit Controlmicro/YO UVI, Doorbird-Integration und Logikmodul, dass KNX nicht nur technisch, sondern auch nutzerseitig reif ist.

Titelmotiv des KNX Austria Journal 2026 mit vernetztem Wohngebäude und integrierter Photovoltaik. (Bild: KNX Austria)
Vernetzung als Marktdynamik
Der Rückblick auf die e-nnovation Austria 2025 (8.300 Fachbesucher:innen, über 200 Aussteller) unterstreicht, dass KNX Austria nicht nur technisch, sondern auch als Netzwerkakteur funktioniert. Der Stand wurde zum Knotenpunkt für Planer, Elektriker und Hersteller – ein Hinweis darauf, dass Marktentwicklung heute auch über Communities läuft.
Das KNX Austria Journal 2026 zeichnet das Bild eines Standards, der erwachsen geworden ist: softwaregetrieben, sicherheitsbewusst, energiefokussiert und normativ eingebettet. Für die Elektrobranche bedeutet das weniger Produktwahlkampf und mehr Systemdenken – von der Planung über den Betrieb bis zur Dokumentation. Wer KNX heute versteht, versteht damit auch, wie Gebäude in Zukunft funktionieren werden.
Zum Downloaden: https://www.knxaustria.at