Die Energiewende lebt von Investitionen – nicht von Polemik. Doch in der „ZiB 2“ hat Staatssekretärin Elisabeth Zehetner (ÖVP) kürzlich mit einem einzigen Satz („Soll der, der in einer Mietwohnung sitzt, tatsächlich die Kosten für den tragen, der auf der Villa die PV-Anlage hat?“*) eine Debatte losgetreten, die mehr über das politische Selbstverständnis der Republik verrät als über Netzentgelte. Ein Essay über die feine Kunst, Neid zu schüren, statt Lösungen zu liefern.
Manchmal reichen wenige Worte, um ein Land in Aufruhr zu versetzen. Im aktuellen Fall: „Villa“ und „PV-Anlage“. Schon hatte die halbe Republik Bilder im Kopf – von wohlhabenden Eigenheimbesitzern, die mit ihrer Dach-PV vermeintlich ihre Mitbürger benachteiligen. Ein Spin, so durchsichtig wie das Plastiksackerl über dem Linzer Mostbratl beim Heimtransport: Jeder weiß, was darunter steckt, es schützt kurzfristig, aber ernsthaft durchdacht ist es nicht.
Doch statt über effizienten Netzausbau, intelligente Speicher oder europäische Fördermechanismen zu reden, diskutieren wir plötzlich über die moralische Schuldfrage: Wer zahlt für wessen Sonnenstrom? Willkommen in der energiepolitischen Sommerloch-Arena.
Vom Häuslbauer zum „Villenbesitzer“ in nur drei Sekunden
Im Land, in dem jeder Einfamilienhausbesitzer traditionell als „Häuslbauer“ gilt, genügte ein Interview, um ihn rhetorisch in einen „Villenbesitzer“ zu verwandeln. Dass die allermeisten Photovoltaikanlagen auf Bauernhöfen, Gewerbebetrieben oder ganz normalen Einfamilienhäusern installiert sind, ging in der Debatte unter.
Die Community der Onlineplattform derstandard.at reagierte entsprechend: Von „billigster Polemik“ bis „Kabarettistin mit Nebenjob als Staatssekretärin“ reichte das Spektrum. Mehrere Kommentatoren erinnerten auch daran, dass PV-Strom die Mittagsstrompreise senkt – und zwar aus einem simplen Grund: Wenn die Sonne scheint, speisen tausende PV-Anlagen gleichzeitig ins Netz ein. Das zusätzliche Angebot drückt die Preise an der Strombörse, weil weniger teure (Gas)Kraftwerke gebraucht werden. Mieter ohne PV profitieren also in genau diesem Moment vom Sonnenstrom ihrer Nachbarn – und zwar durch niedrigere Stromtarife.
Das Märchen von der Fairness
„Jeder, der das Netz nutzt, soll auch dafür zahlen.“ Klingt logisch – wenn man den Kontext weglässt. Fakt ist: Netzgebühren werden längst bei jeder Kilowattstunde fällig, egal ob aus Gas, Wasserkraft oder PV.
Und hier liegt die Pointe: Wer den Strom seiner PV-Anlage selbst nutzt, entlastet das Netz sogar. Besonders Häuser, in denen auch Stromspeicher zum Einsatz kommen oder Elektroautos mit Überschussstrom aus der PV laden, sind hier besonders positiv hervorzuheben. Denn während ein Haushalt ohne PV jede Kilowattstunde aus dem Netz bezieht und so Leitungen und Trafos belastet, braucht ein Prosumer in diesen Stunden nur wenig oder gar keinen Strom vom Netz. Jene Haushalte mit Stromspeicher müssen in der Regel auch in den Abend- und Nachstunden kaum Strom zukaufen. Das Netz wird also nicht „überlastet“, sondern gerade im Kleinen stabilisiert.
Die Logik, dafür eine zusätzliche Abgabe zu erheben, gleicht der Idee, Fußgänger zur Kassa zu bitten, weil sie „die Straßen mitbenutzen“.
Speicher: der unterschätzte Schlüssel der Energiewende

Strom verschieben statt verschwenden: Speicher entlasten Netze, senken Kosten und machen Konsumenten wie Energiegemeinschaften zu aktiven Spielern der Energiewende. Bild: ©www.i-magazin.com/Midjourney
In den Niederlanden wird 2027 ein Paradigmenwechsel eingeläutet: Das bisherige Net-Metering-System – bei dem eingespeiste und bezogene Kilowattstunden einfach gegengerechnet werden – wird abgeschafft. Damit soll der Eigenverbrauch gestärkt werden. Doch Vorsicht: Anreize für Speicher ja – aber nicht, indem die Preisspanne zwischen eingespeistem Strom (billig) und zugekauftem Strom (teuer) künstlich immer größer wird. Ein solches Modell verlagert Kosten bloß und treibt gesellschaftliche Spaltungen voran.
Ein klügerer Weg führt über Energiegemeinschaften: Sie ermöglichen faire und günstige Tarife, entlasten die Netze durch regionale Nutzung und stärken gleichzeitig den sozialen Zusammenhalt. Speicher – egal ob im Eigenheim, in der Gewerbehalle oder gemeinschaftlich betrieben – können so zu echten Bausteinen einer solidarischen Energiewende werden.
Eine einfache Rechnung zeigt den Hebel:
- Mittags: Strombörse im Keller (z. B. 5 ct/kWh), Speicher lädt.
- Abends: Strompreis bei 25 ct/kWh, Speicher entlädt ins Haus oder – bei Marktfreigabe – sogar ins Netz.
- Ersparnis/Ertrag pro Kilowattstunde: bis zu 20 ct.
Genau hier liegt das Potenzial: Lastverschiebung, Netzstabilität und Kostensenkung. Speicher nehmen Energie auf, wenn sie billig und reichlich vorhanden ist, und geben sie wieder ab, wenn sie knapp und teuer ist. Damit entlasten sie das Netz, verhindern das Hochfahren fossiler Kraftwerke und sparen zugleich Milliarden an Netzausbaukosten.
Bidirektionales Laden: der schlafende Business Case
Dass Elektroautos nicht nur Strom verbrauchen, sondern auch zurückspeisen können, wissen wir seit einer Dekade. Bidirektionales Laden ist technisch ausgereift, praxistauglich – in Österreich aber ein regulatorischer Graubereich. Viele Fragen sind ungeklärt, und sie gehören besser heute als morgen durch klare Gesetze beantwortet.
Der Business Case liegt auf der Hand: Unternehmen wie die Österreichische Post, die mehrere tausend E-Fahrzeuge im Bestand hat, könnten ihre Flotten nicht nur für die Zustellung nutzen, sondern die Batterien in den Standzeiten auch dem Netz zur Verfügung stellen – gegen Bezahlung. Damit stabilisieren sie das Netz, verdienen zusätzlich Geld und reduzieren Netzausbaukosten.
Und die Post ist nur ein Beispiel. Auch Logistiker, kommunale Flotten und Gewerbebetriebe verfügen über tausende Fahrzeuge, die künftig als mobile Speicher agieren könnten. Gleichzeitig werden auch Konsumenten Teil des Systems: In Frankreich fährt der neue Renault 5 für jene, die ihn zum bidirektionalen Laden freigeben, praktisch stromkostenfrei. Renault setzt als erster Hersteller auf die günstigere AC-Lösung; andere Autobauer bieten derzeit nur die teurere DC-Variante an, wollen aber ab spätestens 2028 ebenfalls auf AC-Standards aufspringen.
Wie stark das Potenzial ist, zeigt die Forschung: Intelligentes Laden kann Kosten um bis zu 68 % senken, V2G steigert die Gesamtrentabilität um bis zu 46 %; mit PV und statischen Preisen ergeben sich sogar bis zu 93 % Kostensenkung bzw. 14 % höhere Gesamtbilanz. Und Flotten von 24.000 E-Autos können Netzspitzen um bis zu 6 % reduzieren – wie in Zürich demonstriert.
Das ist kein Zukunftsbild – es ist gelebte Realität. Nur die Gesetzgebung hinkt hinterher.
Apropos Gesetze – wann kommen sie endlich?
ElWG, EABG, Klimagesetz – drei Kürzel, die wie Mantras durch die Branche geistern. Drei Gesetze, die seit Jahren verschleppt werden. Jeder Monat Verzögerung kostet Österreich nicht nur Vertrauen und Investitionen, sondern droht auch in Milliardenstrafen der EU zu münden.
Die Ironie: Während man über die „Villa-PV“ polemisiert, tickt die Uhr. Je länger wir in Neiddebatten verharren, desto teurer wird es – für alle Steuerzahler, Mieter und selbstverständlich auch Villenbesitzer.
Schlussgedanke
Es bleibt die Erkenntnis: Politik in Österreich hat ein bemerkenswertes Talent, technische Herausforderungen mit ideologischen Nebelgranaten zu überdecken. Während in den Kommentarspalten von Onlineplattformen längst Lösungen verhandelt werden – von dynamischen Netztarifen über Speicherausbau bis zur fairen Beteiligung großer Energieversorger –, verliert die Regierung wertvolle Zeit in rhetorischen Scharmützeln.
Und so darf man sich fragen: Wird die „Villa-PV-Abgabe“ am Ende die Energiewende retten? Oder doch nur die Parteibudgets?
Ein Kabarett könnte es nicht besser inszenieren. Leider ist es kein Kabarett.
Infobox:
- Mittagsstrompreis-Effekt: Die sinkende Strombörse durch PV-Einspeisung spiegelt sich direkt in günstigeren Tarifen für alle Konsumenten wider.
- Speicher & PV: Die Kopplung von Solar und Batteriespeichern verbessert die Ausnutzung der Infrastruktur und steigert Flexibilität und Profitabilität.
- Flotten als Netzpuffer: Größere Flotten (z. B. Österreichische Post) können durch intelligentes Laden und Rückspeisung sowohl Einnahmen erzielen als auch Netzausbaulasten reduzieren.
- V2X-Einsparpotenzial: Auf EU-Ebene könnte bidirektionales Laden wichtige Kosten für Infrastruktur sparen und die Energiewende effizienter gestalten.
- Politische Handlungsdefizite: Wichtige Gesetzesnovellen (ElWG; Klimaschutzgesetz; NEKP) sind verzögert – Untätigkeit führt zu Vertrauensverlust und finanziellen Risiken durch EU-Sanktionen.