Zeitvariable Netzentgelte, Investitionen und das neue Strommarktdesign:

Wenn weniger Strom mehr kostet

von Laura Peichl
von David Lodahl – Recherche, Konzept und Kuration Foto: © APG

Österreichs Stromnetze stehen vor einem paradoxen Befund: Der Ausbau explodiert, der Verbrauch stagniert – und genau daraus entsteht jener Kostendruck, der Netzentgelte politisch brisant macht. Die Regulierungsbehörde E-Control gab dem i-Magazin nun Informationen mit auf den Weg, wie das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ELWG) Ordnung in ein System bringen soll, das technisch immer komplexer und ökonomisch immer unbequemer wird.

Das stille Paradox im Netz

Netze leben von Auslastung. Doch genau diese Grundlogik gerät ins Wanken. Während Milliarden in Leitungen, Trafos und Digitalisierung fließen, bewegen sich die transportierten Strommengen in die entgegengesetzte Richtung. Weniger Kilowattstunden treffen auf mehr Infrastruktur – ein ökonomischer Zielkonflikt, der sich nicht wegregulieren lässt, sondern neu verteilt werden muss.

Investitionen steigen – und zwar massiv

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Zwischen 2015 und 2024 wurden rund 13 Milliarden Euro in Österreichs Stromnetze investiert. Für den Zeitraum 2025 bis 2034 planen die Netzbetreiber über 30 Milliarden Euro. Das ist mehr als eine Verdoppelung – und ausdrücklich nicht bloß eine Folge der Inflation.

Der Grund liegt tiefer: Photovoltaik auf jedem zweiten Dach, E-Mobilität im Niederspannungsnetz, Wärmepumpen statt Gasthermen. Die Energiewende verlagert Erzeugung und Last in jene Netzebenen, die jahrzehntelang auf Stabilität, nicht auf Dynamik ausgelegt waren. Kupfer, Steuerungstechnik und IT müssen nachrüsten – schnell, flächendeckend, teuer.

Einordnung: Netzausbau ist kein Luxusprojekt, sondern die physische Voraussetzung für Versorgungssicherheit. Jeder nicht gebaute Kilometer Leitung wird früher oder später als Engpass sichtbar – meist dann, wenn Sonne und E-Auto gleichzeitig Hochbetrieb haben.

Sinkende Mengen, steigende Kosten

Parallel dazu zeigt die Mengenseite einen unbequemen Trend: Der Stromverbrauch ist in den letzten Jahren teilweise gesunken. Effizienzmaßnahmen, Eigenverbrauch aus PV und verändertes Nutzerverhalten drücken die transportierten Kilowattstunden.

Ökonomisch bedeutet das: Fixkosten bleiben, die Verteilungsbasis schrumpft. Oder anders gesagt: Die Netze müssen auf immer weniger Schultern verteilt finanziert werden. Genau hier entsteht der politische Sprengstoff der Netzentgelte.

Zeitvariable Netzentgelte: Strom lenken statt nur verteilen

Die Antwort der Regulierung heißt zeitvariable Netzentgelte. Sie sollen Netznutzer:innen dazu bringen, Strom dann zu verbrauchen, wenn das Netz Luft hat – und nicht, wenn alle gleichzeitig laden, heizen oder einspeisen.

Konkret ist bereits ein Sommerniederarbeitspreis geplant: Zwischen 1. April und 30. September, jeweils von 10 bis 16 Uhr, ist das Netzentgelt rund 20 Prozent günstiger. Das ist kein symbolischer Rabatt, sondern eine gezielte Einladung, Lasten in jene Stunden zu verschieben, in denen PV-Strom reichlich vorhanden ist.

Der entscheidende Punkt: Der Rabatt gilt nur bei real gemessenen Verbrauchsdaten. Hochrechnungen auf Basis von Standardlastprofilen sind ausgeschlossen. Der Gesetzgeber will Verhalten ändern – nicht Excel-Tabellen.

Lenkungswirkung statt Mitnahmeeffekt. Ein nüchterner Ansatz, der allerdings eines voraussetzt: funktionierende Messinfrastruktur und Kund:innen, die sich auf neue Tariflogiken einlassen.

Der Zeitplan: Alles bis 2027

Ambitioniert ist auch der Fahrplan. Bis 1. Jänner 2027 soll das neue Netzentgeltsystem vollständig wirksam sein. Der Weg dorthin ist fein austariert:

  • Februar/März: Konsultation zu den Grundsätzen
  • Mai/Juni: Konsultation der Grundsatzverordnung
  • September: Erlass der Grundsatzverordnung
  • ab Oktober: klassischer Netzentgelt-Novellierungsprozess

Neu ist dabei die klare Trennung: Die Grundsatzverordnung definiert die Berechnungslogik, die Tarifverordnung setzt sie konkret um. Das ist kein formaler Luxus, sondern Ausdruck der neuen Kompetenzverteilung innerhalb der Regulierungsbehörde – zwischen Vorstand und Regulierungskommission.

Einordnung: Wer gewinnt, wer zahlt?

Für Netzbetreiber bringt das Modell mehr Planungssicherheit. Für Haushalte und Betriebe steigt hingegen die Komplexität. Netzentgelte werden weniger vorhersehbar, dafür systemdienlicher. Wer flexibel ist, spart. Wer es nicht ist, zahlt mehr – oder bleibt zumindest auf dem Status quo sitzen.

Ironisch ließe sich sagen: Das Netz wird intelligenter, der Strompreis pädagogischer.

Fazit: Die ehrliche Botschaft

Das ELWG verspricht keine billigen Netze. Es verspricht ehrlichere. Investitionen werden nicht verschwinden, der Kostendruck auch nicht. Was sich ändert, ist die Logik: Weg von pauschaler Umlage, hin zu verursachungsgerechter Verteilung.

Oder nüchtern formuliert:

Im Stromsystem der Zukunft kostet nicht der Strom das Geld – sondern der falsche Zeitpunkt.

Warum Netzentgelte unter Druck stehen
  • Netzkosten sind überwiegend fix
  • Strommengen stagnieren oder sinken
  • Dezentrale Erzeugung nutzt das Netz, entlastet es aber nicht automatisch
  • Klassische Tarifmodelle verlieren ihre Lenkungswirkung

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