Neujahrsvorsätze – dieses kleine Ritual zwischen Raclette-Essen und Bleigießen – werden gern belächelt. Als wären sie per se naiv, kitschig oder zum Scheitern verurteilt. Ich halte das für eine bequeme Ausrede. Denn Ziele zu setzen ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass wir uns oft die falschen Ziele setzen: zu klein, zu kurzfristig, zu einsam. Und manchmal auch: zu angstgetrieben.
Dabei ist ein Vorsatz im Kern nichts anderes als ein Satz, der sagt: Ich will in eine Richtung gehen. Nicht perfekt. Nicht sofort. Aber bewusst. Das ist keine Schwäche – das ist Orientierung. Und genau diese Orientierung fehlt uns auffällig oft dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird: in der politischen Kommunikation.
Politik muss nicht permanent beruhigen, warnen, drohen oder moralisieren. Politik sollte – gerade im Energiesystem, wo es um Jahrzehnte geht – ein Bild zeichnen können, das größer ist als die nächste Rechnung und konkreter als die nächste Schlagzeile. Ein Bild, das die Bevölkerung versteht, das die Komplexität nicht leugnet, aber die Angst nicht als Treibstoff benutzt. Wer Menschen führen will, darf ihnen nicht dauernd das Gefühl geben, sie stünden am Rand des Abgrunds. Das lähmt. Und Lähmung ist in einer Transformation die teuerste Energieform überhaupt.
Was in den Debatten oft fehlt, ist diese „größere Linse“. Dieses inspirierende, aber handfeste Zukunftsbild: dass wir, wenn wir heute investieren, morgen ein Energiesystem bekommen können, das nicht nur sauberer ist – sondern langfristig auch günstiger, stabiler, planbarer. In einer geglätteten Passage, die mir in den letzten Tagen hängen geblieben ist, steckt ein Satz, der eigentlich auf jedes Podium gehört: Vielleicht wird Strom eines Tages – ich spreche über einen gar nicht so langen Zeithorizont – so selbstverständlich wie Straßenbeleuchtung: Er ist einfach da. Das ist keine Träumerei. Das ist ein Zielbild. Und Zielbilder verändern Verhalten.
Ja, bis dahin kostet es Geld. Netze, Leitungen, Digitalisierung, Speicher, Flexibilität, Reservekraftwerke, Wasserstoff – das volle Programm. Wer etwas anderes behauptet, verkauft Märchen. Aber es macht einen Unterschied, ob ich Investitionen als Strafe erzähle oder als Eintrittskarte in Souveränität. Es macht einen Unterschied, ob ich Menschen nur erkläre, was gerade schwierig ist – oder ob ich ihnen verständlich mache, wofür wir es tun, was danach leichter wird, und warum ihre Kinder und Enkel von den Entscheidungen heute profitieren können.
Österreich ist in dieser Hinsicht ein interessanter Prüfstein. Wir stehen nicht am Anfang, sondern mitten in der Umstellung – und wir haben dabei Vorteile, die wir manchmal selbst übersehen. Der Anteil erneuerbarer Energien an der inländischen Stromerzeugung lag 2024 bei rund 87 Prozent. (oesterreichsenergie.at) Das ist kein PR-Satz, das ist eine strukturelle Realität. Und es ist ein Fundament, auf dem man sehr wohl ein positives Bild zeichnen kann – ohne Schönfärberei, aber mit Selbstbewusstsein.
Gleichzeitig sehen wir die Bewegung in der Raumwärme: Der Ausstieg aus Öl und Gas wird politisch und regulatorisch vorangetrieben – auch wenn die aktuelle Regierung scheinbar die Handbremse angezogen hat. Die österreichische Energieagentur spricht trotzdem vom schrittweisen Ausstieg aus fossilen Energieträgern im Gebäudebereich bis 2040.
(energyagency.at) Und wir sehen, dass Fernwärme – dort, wo sie Sinn ergibt – Schritt für Schritt erneuerbarer wird: Der Anteil erneuerbarer Energien an der Fernwärmeerzeugung ist laut BMWET seit 2005 stark gestiegen und lag zuletzt bei über 56 Prozent. (BMWi) Das sind keine Randnotizen. Das sind Tendenzen, die zeigen: Die Richtung stimmt. Man darf sie nur auch erzählen.
Und dann ist da noch etwas, das in Österreich oft unterschätzt wird, weil es so unsexy klingt: Energieunabhängigkeit. Nicht als Parole, sondern als strategische Option. Jedes Kilowatt aus heimischer Wasserkraft, Windkraft, PV, Biomasse, jede eingesparte Kilowattstunde durch Effizienz, jede Wärmepumpe, die Gas ersetzt, jede Speicherlösung, die das Netz stabilisiert – all das ist nicht nur Klimaschutz. Es ist Außenpolitik. Es ist Resilienz. Es ist weniger Erpressbarkeit.
Die Europäische Kommission hat mit REPowerEU genau dieses Motiv offen auf den Tisch gelegt: Abhängigkeiten von russischen fossilen Energieträgern reduzieren, die Energiewende beschleunigen, Sicherheit gewinnen. (European Commission) Wer heute über erneuerbare Energien spricht, spricht also nicht nur über Technik. Er spricht über Freiheitsspielräume. Und ja: auch über das, was autoritäre Regime mit unserem Geld in der Vergangenheit finanzieren konnten – und künftig eben weniger können sollen.
Damit solche Sätze nicht nach Sonntagsrede klingen, braucht es ein Gegenstück in der Realität. Und eines dieser Gegenstücke heißt: Speicher. Vor ein paar Jahren waren Großbatteriespeicher in den Köpfen vieler noch ein nettes Zukunftsthema. Heute sind sie in Europa an einem Punkt angekommen, an dem man sie nicht mehr nur „braucht“, sondern zunehmend auch wirtschaftlich betreiben kann – je nach Markt, Regime, Standort und Systemdienstleistungsbedarf. Studien zur techno-ökonomischen Bewertung zeigen, dass grid-scale Batteriespeicher mit geeigneten Betriebsstrategien in europäischen Märkten Gewinne erwirtschaften können. (ScienceDirect) Und in Österreich wird der Bedarf längst konkret beziffert: Eine gemeinsame Speicherstudie (u. a. PV Austria, APG, TU Graz) unterstreicht, dass der Weg zu 100 Prozent erneuerbarem Strom ohne Speicher nicht funktionieren wird – samt Zahlen und Ausbaupfaden. (PHOTOVOLTAIC AUSTRIA)
Das ist die Art von Positivem, die wir in der öffentlichen Debatte öfter brauchen: Nicht „alles ist gut“, sondern „hier ist ein Baustein, der jetzt reif wird“. Denn Reife ist der Moment, in dem Zukunft aufhört, ein Gefühl zu sein – und anfängt, eine Rechnung zu werden, die aufgeht.
Und damit sind wir beim nächsten großen Missverständnis: Viele glauben, Innovation passiere, weil Unternehmen oder Länder besonders mutig sind. In Wahrheit passiert Innovation oft, weil es plötzlich nicht mehr anders geht. Clayton Christensen hat das in „The Innovator’s Dilemma“ beschrieben: Erfolgreiche, etablierte Strukturen sind häufig gerade deshalb träge, weil sie so lange erfolgreich waren. Warum etwas ändern, das Geld bringt, Prozesse optimiert, Märkte dominiert? Und dann, irgendwann, kommt die neue Technologie nicht als Ergänzung – sondern als Angriff.
Die deutsche Autoindustrie ist dafür ein Lehrbuchfall. Jahrzehntelang war sie Weltspitze. Und genau das hat dazu geführt, dass man sich Zeit lassen konnte – oder meinte, sie zu haben. Jetzt steht die Branche mit dem Rücken zur Wand: China liefert Tempo, Skalierung, Preisdisziplin, und die Märkte drehen in Richtung Batterieelektrik. Der Druck ist brutal. Aber Druck kann auch Klarheit erzeugen. BMW etwa bereitet für 2026 die nächste Generation vollelektrischer Modelle vor – Medien berichten bereits rund um den iX3 und die „Neue Klasse“ samt Zeitplan und Positionierung. (Reuters) Aber auch VW (z.B. mit dem elektrischen Polo) und Mercedes stehen um nichts nach. Und wer 2026 als Jahr der Modelle betrachtet, sieht: Da kommt einiges. „Augen auf“, liebe Leser – nicht als Kaufaufruf, sondern als Hinweis, dass der Wettbewerb die besten Eigenschaften freilegt: Technik, Software, Interieur, Effizienz – und ja, zunehmend auch Preise, die auch deutsche Fahrzeuge näher an das heranrücken, was bisher als „chinesischer Vorteil“ galt.
Warum erzähle ich das in einem Neujahrsessay? Weil es exakt derselbe Mechanismus ist wie bei Vorsätzen. Menschen ändern sich oft dann, wenn der Leidensdruck groß genug ist. Gesellschaften auch. Die Kunst wäre, nicht erst zu handeln, wenn es wehtut, sondern dann, wenn man die Richtung kennt. Genau dafür brauchen wir mehr Stimmen, denen man zuhört: intelligente Menschen, die nicht nur kritisieren, sondern konstruieren. Die nicht nur den Ist-Zustand beschreiben, sondern das Zielbild. Und die bereit sind, Komplexität zu erklären, ohne daraus Panik zu machen.
Und wenn wir die Linse noch größer machen – nicht nur zehn oder zwanzig Jahre, sondern ein halbes Jahrhundert und mehr – dann kommt ein weiterer Faktor dazu, der vieles verändern kann: Künstliche Intelligenz. Nicht als Buzzword, nicht als Heilsversprechen, sondern als Werkzeug. KI kann Netze effizienter machen, Planung beschleunigen, Wartung vorausschauender gestalten, Materialflüsse optimieren, Genehmigungen entwirren, Bildung zugänglicher machen. Aber nur, wenn sie richtig orchestriert wird: transparent, verantwortungsvoll, mit klaren Spielregeln, und mit dem Willen, gesellschaftlichen Nutzen über kurzfristige Klicks zu stellen.
Neujahrsvorsätze sind also nicht lächerlich. Sie sind ein Miniaturmodell dessen, was wir als Gesellschaft brauchen: Ziele, die größer sind als der nächste Monat. Ein positives Bild, das nicht naiv ist, sondern belastbar. Und den Mut, es auszusprechen – öfter, lauter, verständlicher. Damit Strom, irgendwann, wirklich so selbstverständlich werden kann wie Straßenbeleuchtung. Nicht weil es von selbst passiert. Sondern weil wir uns heute entscheiden, dass es passieren soll.