Hell ist nicht genug. Diese Erkenntnis zog sich durch die Podiumsdiskussion am Ende des LTG-Kongresses, der am 19. und 20. Mai in Tulln stattfand. Ob Tiefgarage, Hotelzimmer, Museum, Kirche oder Büro: Lichtqualität entsteht erst dann, wenn technische Mindestanforderungen, menschliche Wahrnehmung und praktische Bedienbarkeit zusammenfinden. Friedrich Manschein sprach mit den Diskutanten Gabriel Kellner, Peter Haumer, Gunther Ferencsin-Junick und Christian Berger über Themen, die uns alle bewegen.
Kaum ist der LTG-Kongress vorbei, geht das i-Magazin bereits mit der ersten Story dazu an seine Leserinnen und Leser. Genau darin liegt der Serviceanspruch eines Fachmediums: nicht Wochen später nachzuerzählen, was längst verblasst ist, sondern die Themen dann einzuordnen, wenn sie in der Branche noch nachhallen. Diesmal beginnen wir bewusst mit dem letzten Programmpunkt des Kongresses – nicht, weil die anderen Vorträge weniger informativ gewesen wären, sondern weil die Erinnerungen daran noch besonders frisch sind und dieses Podium viele Fragen auf den Punkt brachte, die die Lichtbranche seit Jahren beschäftigen.
Schlechtes Licht fällt uns auf – gutes Licht nehmen wir im besten Fall gar nicht wahr.
— Gabriel Kellner, Ledvance
Am Ende eines Kongresses ist die Luft oft draußen. Die Köpfe sind voll, die Aufmerksamkeit erschöpft, das Mittagessen nahe. Doch manchmal ist gerade dieser Moment der richtige, um das große Bild zu zeichnen. Friedrich Manschein, selbst ausführender Elektrotechniker mit starkem Bezug zur Außenbeleuchtung und als Landesinnungsmeister Vertreter der Elektrotechniker in Niederösterreich, moderierte die abschließende Podiumsrunde und eröffnete sie mit einem Satz, der die Stimmung gut traf: Nach zwei Tagen Kongress gehe einem „Herz und Hirn über“.

Am Ende des LTG-Kongresses in Tulln diskutierten Christian Berger, Gunther Ferencin Junik, Moderator Friedrich Mannschein, Peter Haumer und Gabriel Kellner darüber, warum gutes Licht mehr ist als Helligkeit, Normerfüllung und Energieeffizienz. Foto: © www.im-magazin.com
Genau deshalb sollte noch einmal gesammelt, reflektiert und verdichtet werden. Das Thema war bewusst breit angelegt: Was ist Lichtqualität? Wie steht die Branche dazu? Und welches Bekenntnis gibt sie dazu ab?
Auf dem Podium saßen Gabriel Kellner, zuständig für Training und Weiterbildung bei Ledvance in Österreich, Peter Haumer von Kiteo Licht mit Schwerpunkt tageslichtähnliche Beleuchtung, der Lichtplaner Gunther Ferencsin-Junick sowie Christian Berger, ausführender Elektrotechniker und Unternehmer aus Krems. Damit war ein breiter Querschnitt der Lichtbranche vertreten: Ausbildung, Hersteller, Planung und Errichtung. Nur der Nutzer fehlte formal – wobei Manschein zurecht anmerkte: Nutzer von Licht sind letztlich wir alle.
Was folgte, war keine abgehobene Lichtphilosophie. Es war eine lebendige Debatte darüber, warum Lichtqualität so schwer zu definieren ist, warum sie in der Praxis trotzdem oft vernachlässigt wird und weshalb gutes Licht erst dann entsteht, wenn Technik, Wahrnehmung, Planung, Bedienbarkeit, Emotion und Verantwortung zusammenkommen.
Wenn gutes Licht nicht auffällt
Gabriel Kellner setzte gleich zu Beginn einen scheinbar einfachen, aber entscheidenden Gedanken: Gutes Licht sei oft jenes, das gar nicht auffällt. Wenn Licht die Sehaufgabe optimal unterstütze, trete es im Idealfall in den Hintergrund. „Schlechtes Licht fällt uns auf – und wenn Licht richtig gut funktioniert, nehmen wir es im besten Fall gar nicht wahr“, formulierte er sinngemäß.
Das ist mehr als ein sympathischer Satz. Es ist eine Herausforderung für eine Branche, die Qualität verkaufen, planen, errichten und argumentieren muss. Denn was nicht auffällt, lässt sich schwer erklären. Und was schwer erklärbar ist, landet in Projekten rasch dort, wo viele gute Absichten enden: im Budgetstrich, in der Standardlösung, im On-off-Schalter.
Kellner beschrieb auch eine typische Berufskrankheit der Lichtbranche: Wer einmal gelernt hat, auf Licht zu achten, kommt in keinen Raum mehr, ohne nach oben zu schauen. Während andere einfach einen Raum betreten, sieht der Lichtmensch Leuchten, Farbtemperaturen, Blendung, Flicker, Schatten, Steuerung, Verschwendung und verpasste Möglichkeiten. Genau darin liegt ein Paradox: Die Branche sieht Probleme, die viele Nutzer erst dann bemerken, wenn sie bereits darunter leiden.
„Licht ist weit mehr als nur nicht dunkel“
Peter Haumer brachte die Diskussion früh auf den Punkt: „Licht ist weit mehr als nur nicht dunkel.“ Dieser Satz klingt beinahe banal, ist aber eine präzise Kampfansage an das reine Mindestdenken. Normen erfüllen, Luxwerte erreichen, Effizienz nachweisen – all das sei wichtig, aber eben nur ein Teil der Wahrheit.
Haumer erinnerte daran, dass Licht selbst nicht sichtbar sei, sondern sichtbar mache. Licht wirke visuell, biologisch und emotional. Es unterstütze Sehaufgaben, beeinflusse den Menschen, den Hormonhaushalt, den circadianen Rhythmus und die Atmosphäre eines Raumes. Gerade deshalb müsse die Branche wegkommen vom reinen „Lumen-pro-Watt-Denken“. Effizienz sei wichtig, aber sie dürfe nicht zur einzigen Währung der Lichtqualität werden.

Peter Haumer von Kiteo Licht brachte beim LTG-Kongress in Tulln die Perspektive des Herstellers und Spezialisten für tageslichtähnliche Beleuchtung ein. Im Mittelpunkt stand die Frage, warum gutes Licht weit mehr ist als Helligkeit, Normerfüllung und Energieeffizienz. Foto: © www.im-magazin.com
Das war einer der roten Fäden der Diskussion. Die LED-Technologie hat enorme Effizienzgewinne gebracht. Doch ausgerechnet diese Erfolgsgeschichte kann zur Falle werden, wenn Licht nur noch über Energieeinsparung, Amortisationszeit und technische Kennzahlen argumentiert wird. Wer gutes Licht nur mit ROI unter drei Jahren verkauft, erzählt nur den kleinsten Teil der Geschichte.
Denn Lichtqualität beginnt dort, wo ein Raum nicht nur ausreichend beleuchtet ist, sondern richtig.
Der Mensch steht im Zentrum – aber welcher?
Gunther Ferencsin-Junick führte die Debatte aus der Perspektive des Planers weiter. Für ihn stand nach zwei Kongresstagen klar fest: Im Zentrum des Lichtes steht der Mensch. Doch dieser Mensch ist nicht eindimensional. In Projekten gibt es Investoren, Nutzer, Instandhalter, Lieferanten, Betreiber und Errichter. Jeder blickt anders auf Licht.
Für Ferencsin-Junick zählt am Ende vor allem der Nutzer. Aber auch das ist komplex. In einem Museum etwa gelten andere Maßstäbe als im Industriebau. Dort geht es um Objektschutz, Inszenierung, Präzision und Zurückhaltung. In anderen Projekten stehen Wirtschaftlichkeit, Wartung oder Robustheit im Vordergrund.
Ferencsin-Junick sprach damit einen wesentlichen Punkt an: Lichtqualität ist nicht überall dasselbe. In historischen Gebäuden kann Unauffälligkeit zur Qualität werden. In einem Büro ist Blendfreiheit entscheidend. In einem Museum muss Licht zeigen, ohne zu schädigen. In einem privaten Wohnhaus verändert sich gutes Licht je nach Tageszeit, Lebensphase und Stimmung.
Sein vielleicht schönster Satz war fast beiläufig: Er liebe Licht, aber nicht unbedingt Beleuchtungskörper. Am liebsten verstecke er Leuchten, wo es möglich sei. Das klingt wie eine ästhetische Vorliebe, ist aber zugleich ein Qualitätsbegriff: Nicht das Produkt soll im Vordergrund stehen, sondern die Wirkung.
Kundenzufriedenheit beginnt nicht bei Lux
Christian Berger brachte die Diskussion auf den Boden der Baustelle. Als ausführender Elektrotechniker sei er „das letzte Glied direkt beim Kunden“. Für ihn beginnt Lichtqualität nicht damit, dass Luxwerte und Normen eingehalten werden. Das sei das Mindestmaß. Wirkliche Qualität entstehe dann, wenn beim Kunden ein Wow-Gefühl bleibe.
Sein Beispiel aus einer Kirche in Wien zeigte, was das bedeuten kann. Bei einer Bemusterung wurden nicht nur Scheinwerfer montiert, sondern Blendungswinkel, Dimmung und Farbtemperatur eingesetzt. Danach sei ein älterer Ministrant beziehungsweise Pfarrgemeinderat zu ihm gekommen. Ein Seitenaltar, an dem dieser Mann seit Jahrzehnten Kraft gesucht habe, zeigte plötzlich Details, die er 60 Jahre lang nicht wahrgenommen hatte. Erst durch die neue Beleuchtung wurden Figuren sichtbar, die zuvor im Schatten geblieben waren.
Das ist vielleicht die stärkste Geschichte der Diskussion. Denn sie macht klar: Lichtqualität ist nicht abstrakt. Sie kann Erinnerung verändern. Sie kann Räume neu lesbar machen. Sie kann Menschen emotional treffen. Und sie kann zeigen, dass gutes Licht nicht nur eine technische Dienstleistung ist, sondern ein kultureller, sozialer und manchmal sehr persönlicher Eingriff in die Wahrnehmung.
Normen sind Werkzeug – nicht Wahrheit
Friedrich Manschein zog aus den ersten Wortmeldungen eine bemerkenswerte Analogie. Lichttechnik sei zwar in der Physik und Elektrotechnik beheimatet, gleiche aber in manchen Punkten der Medizin. Auch dort versuche man zu standardisieren, Regeln zu schaffen und Rezepte zu formulieren. Am Ende sei aber jeder Mensch verschieden.
Licht ist weit mehr als nur nicht dunkel.
— Peter Haumer, Kiteo Licht
Genau so verhalte es sich mit Licht. Normen, Algorithmen und Kennwerte seien notwendig. Sie näherten sich einem Idealzustand an. Doch Licht bleibe subjektiv, biologisch, anatomisch und psychologisch geprägt. Blendung, Wahrnehmung, Stimmung und Wohlbefinden lassen sich nicht vollständig in Tabellen pressen.

Lichtqualität entsteht nicht durch Normerfüllung allein: Lichtplaner Gunther Ferencin Junik sprach beim LTG-Kongress in Tulln über Wirkung, Steuerung, Nutzererlebnis und die Verantwortung der Planung. Foto: © www.im-magazin.com
Das heißt nicht, dass Normen unwichtig wären. Im Gegenteil. Aber die Diskussion zeigte deutlich: Wer Normen blind durchexerziert, erzeugt noch keine Lichtqualität. Normen schaffen Mindestanforderungen, Sicherheit und Vergleichbarkeit. Qualität entsteht erst, wenn Fachwissen, Erfahrung, Nutzerverständnis und gestalterische Intelligenz hinzukommen.
Oder anders gesagt: Die Norm verhindert Fehler. Sie ersetzt aber nicht das Denken.
Wo Lichtqualität in der Praxis scheitert
Auf die Frage, wo die größten Mängel an Lichtqualität sichtbar werden, lieferte Gabriel Kellner ein alltägliches Beispiel: die Tiefgarage. Dort treffe man häufig auf ein Sammelsurium aus alten Feuchtraumwannen, Leuchtstoffröhren, neueren LED-Leuchten und flackernden Bestandsleuchten. Für viele Nutzer gelte: hell genug, Auto gefunden, passt. Für Lichtfachleute sei genau das ein Beispiel dafür, wie wenig Aufmerksamkeit bestimmten Räumen geschenkt werde.
Das Beispiel ist deshalb stark, weil Tiefgaragen, Gänge, Nebenräume und Funktionsflächen oft die Wahrheit über Lichtqualität erzählen. In repräsentativen Räumen wird geplant, bemustert und optimiert. In den Alltagszonen wird improvisiert. Dort zeigt sich, ob Lichtqualität wirklich ein Anspruch ist – oder nur dort stattfindet, wo sie gesehen werden soll.
Kellner sprach auch den klassischen Taster mit Zeitschaltuhr an: zu kurz, zu lang, selten intelligent. Dabei gäbe es längst Leuchten mit Sensorik, integrierter Steuerung und deutlich besserer Energieeffizienz. Die Technik existiert. Sie wird nur nicht konsequent genutzt.
Hotels, Parkgaragen und andere Tatorte des schlechten Lichts
Peter Haumer nannte Leuchtstoffröhren als eine seiner schlechtesten Lichterfahrungen. Vor allem in Krankenhäusern, Lagerhallen und älteren Gebäuden habe er Licht gesehen, das man eigentlich nicht sehen wolle. Sein zweites Beispiel traf wahrscheinlich viele im Saal: Hotelzimmer. Dort sei das Licht aus seiner Erfahrung fast immer schlecht – oft gestalterisch gemeint, aber für Sehaufgaben völlig ungeeignet.
Dieser Punkt ist bemerkenswert. Denn Hotelzimmer sind Räume mit vielfältigen Nutzungen: Ankommen, Lesen, Arbeiten, Schminken, Entspannen, Aufwachen, Schlafen. Trotzdem werden sie häufig so beleuchtet, als sei Licht vor allem Dekoration. Haumer verwies auch auf die Bedienung: Wenn man erst eine Anleitung lesen oder eine App herunterladen müsse, um Licht sinnvoll zu nutzen, sei das System am Nutzer vorbei geplant.
Damit öffnete sich ein weiterer Qualitätsbegriff: Gutes Licht muss nicht nur richtig geplant, sondern auch einfach bedienbar sein. Eine Steuerung, die theoretisch alles kann, praktisch aber niemand versteht, ist keine Lichtqualität. Sie ist ein technisches Versprechen ohne Alltagstauglichkeit.
Steuerung ist kein Luxus, sondern Teil der Qualität
Gunther Ferencsin-Junick griff genau dieses Thema auf. Für ihn gehört Steuerung ganz eng zur Lichtqualität. Als Lichtplaner entwickle er Stimmungen, Szenen, Dimmwerte und Tagesverläufe. In der Praxis werde die Steuerung aber oft zur Grauzone. Der Elektriker wolle sie nicht angreifen, der Kunde sei überfordert, der Programmierer komme spät ins Spiel – und am Ende heiße es: „Ich will ein. Aus. Danke.“
Wir müssen weg vom Lumen-pro-Watt-Denken.
— Peter Haumer, Kiteo Licht
Das ist ein zentraler Zielkonflikt. Die Lichttechnik kann heute viel. Vielleicht zu viel, wenn sie nicht gut erklärt und sauber umgesetzt wird. Szenen, Dimmung, Farbtemperatur, Sensorik, Zeitprogramme und Gebäudemanagement sind mächtige Werkzeuge. Aber sie brauchen Verantwortung.
Wer plant die Bedienlogik? Wer erklärt sie dem Kunden? Wer programmiert sie so, dass sie intuitiv funktioniert? Wer sorgt dafür, dass sie nach Übergabe nicht zur ungenutzten Spielerei wird?
Hier zeigt sich eine Schnittstelle, die in vielen Projekten unterschätzt wird. Lichtqualität endet nicht bei der Leuchte. Sie endet auch nicht beim Plan. Sie endet beim Nutzer – und damit bei der Frage, ob dieser Nutzer das Licht auch so verwenden kann, wie es gedacht war.
Fachkräftemangel trifft Lichtqualität
Christian Berger bestätigte aus der Praxis, dass gute Steuerung zwar angestrebt werde, der Fachkräftemangel aber eine reale Grenze setze. Nicht jeder Facharbeiter könne sich in Systeme hineindenken, die fünf oder zehn Jahre alt seien. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Dokumentation, Anlagenbücher, saubere Übergaben und langfristige Wartbarkeit.
Damit brachte Berger einen Aspekt ein, der in Lichtqualitätsdebatten oft zu wenig Platz bekommt: Haltbarkeit und Nachvollziehbarkeit. Eine Anlage ist nicht nur am Tag der Übergabe gut oder schlecht. Sie muss auch nach Jahren noch verständlich, wartbar und erweiterbar sein.

Aus der Praxis auf den Punkt gebracht: Christian Berger zeigte beim LTG-Kongress, warum Lichtqualität beim Kunden nicht bei Luxwerten endet, sondern beim Nutzungserlebnis beginnt. Foto: © www.im-magazin.com
Berger formulierte auch einen Wunsch an die Industrie: Dort, wo Elektrotechniker sauber arbeiten, gut dokumentieren und Qualität liefern, könnten Garantieverlängerungen oder stärkere Unterstützung helfen. Denn der ausführende Betrieb steht am Ende beim Kunden gerade, wenn nach zwei oder drei Jahren Erwartungen enttäuscht werden.
Das ist ein wichtiger Gedanke: Lichtqualität ist auch Vertrauensqualität. Wer gutes Licht verspricht, muss sicherstellen, dass es nicht nur bei der Bemusterung beeindruckt, sondern langfristig funktioniert.
Der Konsument hat ein Recht auf Lichtwissen
Ein besonders kritischer Teil der Diskussion drehte sich um Wissen. Manschein verwies auf eine zuvor präsentierte Wissensabfrage zur Lichttechnik in der Bevölkerung. Eine, die nicht von irgendjemand stammt, sondern vom international renommierten Unternehmen für innovative Lichtlösungen Bartenbach. Das Ergebnis war, vorsichtig formuliert, ernüchternd. Doch gerade daraus darf man nicht den Schluss ziehen, dass Konsumentinnen und Konsumenten über Lichttechnik eben wenig wissen müssen, weil Licht ohnehin immer da ist. Im Gegenteil: Wer täglich von Licht umgeben ist, hat ein Recht darauf, mehr darüber zu erfahren.
Denn Licht ist kein Luxusdetail für Spezialisten. Licht beeinflusst, wie wir wohnen, arbeiten, lernen, einkaufen, uns orientieren, schlafen und gesund bleiben. Wenn Konsumenten mehr über Lichtqualität wissen, können sie bessere Fragen stellen, bessere Entscheidungen treffen und auch besser einschätzen, warum gutes Licht seinen Preis hat.
Gabriel Kellner sah den größten Hebel jedoch nicht nur beim Endkunden, sondern in der elektrotechnischen Ausbildung. Selbst dort habe Licht oft keinen besonders hohen Stellenwert. Motoransteuerung und andere elektrotechnische Themen seien präsenter. Lichttechnik, Steuerung und praktische Lichtqualität kämen zu kurz.
Sein Wunsch war klar: Mehr Lichtkompetenz in HTL, Berufsschule und elektrotechnischer Ausbildung. Nicht nur große KNX- oder BACnet-Lösungen, sondern auch kleinere, leistbare Systeme sollten stärker vermittelt werden. Denn nicht jeder Kunde könne oder wolle den „Porsche“ der Gebäudesteuerung kaufen. Gute Lichtqualität müsse auch in anderen Preissegmenten erreichbar sein.
Damit wurde die Diskussion sehr konkret. Wenn die ausführenden Betriebe die letzte Instanz beim Kunden sind, müssen sie fachlich gestärkt werden. Sonst bleibt Lichtqualität ein Anspruch von Spezialisten – und kommt in der Breite nicht an. Genau hier braucht es aber auch die richtigen Kommunikationskanäle. (Anmerkung der Redaktion: Medien wie SmartGyver – mit Print, Online, YouTube und weiteren Formaten – können genau jene Botschaften an jene Zielgruppen bringen, die sonst kaum mit Lichtqualität in Berührung kommen: Konsumentinnen und Konsumenten, Bauherren, Sanierer, Wohnungseigentümer, Hausverwaltungen und all jene, die am Ende entscheiden, ob Licht nur als Kostenstelle oder als Qualitätsmerkmal verstanden wird.)
Licht muss erfahrbar werden
Peter Haumer verwies auf ein bekanntes Projektproblem: Licht kommt oft spät. Wenn ein Bauprojekt bereits teuer, kompliziert und budgetär belastet ist, wird beim Licht gespart. Sein Beispiel war drastisch: Krankenhaus Wien Nord, 2019, mit Leuchtstoffröhren in einem der reichsten Länder der Welt im Medizinbereich.
Der entscheidende Hebel sei aus seiner Sicht, Licht erfahrbar zu machen. Nicht nur technische Parameter zählen, sondern das Erleben. Nutzer müssten spüren können, warum eine Lösung besser ist. Bemusterungen, Vergleichssituationen und konkrete Wahrnehmung seien daher wesentlich.
Haumer nutzte ein literarisches Bild: Wer Patrick Süskinds „Das Parfum“ gelesen habe, rieche danach anders, weil er Begriffe dafür habe. Beim Licht sei es ähnlich. Nicht jeder müsse ein großes Fachvokabular besitzen. Aber wer Unterschiede erlebt, kann sie benennen, bewerten und schätzen lernen.
Das ist vielleicht eine der wichtigsten Verkaufs- und Vermittlungsaufgaben der Branche: Lichtqualität muss aus der Tabelle heraus und in die Erfahrung hinein.
Vom Kostenfaktor zum Qualitätsfaktor
Christian Berger brachte die wirtschaftliche Dimension auf eine einfache Formel: Die Branche müsse den Kostenfaktor Licht zum Qualitätsfaktor umbauen. Andere Gewerke hätten das geschafft. Installateure beim Badezimmer. Tischler bei der Küche. Dort sei Qualität emotional und wirtschaftlich aufgeladen. Licht müsse einen ähnlichen Stellenwert bekommen.

Ausbildung, Herstellerperspektive und Praxis trafen beim LTG-Kongress aufeinander: Gabriel Kellner von Ledvance, Peter Haumer von Kiteo Licht und Moderator Friedrich Mannschein diskutierten über den Wert guter Lichtqualität. Foto: © www.im-magazin.com
Das ist ein starker Vergleich. Niemand sagt bei einer Küche: Hauptsache, man kann darauf etwas schneiden. Niemand sagt beim Badezimmer: Hauptsache, es kommt Wasser heraus. Aber beim Licht heißt es oft noch: Hauptsache hell.
Genau hier liegt das kommunikative Versäumnis. Die Branche weiß, dass Licht Räume verändert. Sie weiß, dass Licht Menschen beeinflusst. Sie weiß, dass gutes Licht Sicherheit, Wohlbefinden, Konzentration, Orientierung und Atmosphäre schafft. Aber sie schafft es nicht immer, diesen Wert so zu vermitteln, dass Kunden ihn auch bezahlen wollen.
Die Norm ist ein tolles Werkzeug. Aber blind durchexerziert ist sie noch keine Lichtqualität.
— Gunther Ferencsin-Junick
Berger sprach von Symbolik, Emotion und Unterbewusstsein. Licht wirke oft, ohne dass Menschen es rational erklären könnten. Genau deshalb müsse die Branche besser darin werden, diese Wirkung sichtbar und begreifbar zu machen.
Die sichtbare Grenze des Sichtbaren
In der Publikumsrunde wurde die Diskussion grundsätzlicher. Eine Frage zielte darauf ab, ob Licht nur im sichtbaren Bereich gedacht werden dürfe – oder ob UV- und Infrarotanteile stärker in die Betrachtung einbezogen werden sollten.
Peter Haumer reagierte deutlich. Für Allgemeinbeleuchtung halte er etwa Vitamin-D-Erzeugung über Leuchten für problematisch. Entweder sei die Intensität so hoch, dass sie Augen schädigen könne, oder so niedrig, dass keine Wirkung entstehe. Außerdem seien bei einer Büro-Stehleuchte nur Gesicht und Hände exponiert – was für Vitamin-D-Produktion kaum plausibel sei.
Gunther Ferencsin-Junick zeigte sich offener für das Nachdenken. In seinen Projekten komme das kaum vor, auch weil die Möglichkeiten noch begrenzt seien. Aber man müsse Fragen prüfen, statt sie vorschnell abzulehnen. Vielleicht komme man am Ende zum Ergebnis, dass bestimmte Spektralbereiche in Innenräumen nicht sinnvoll seien. Aber die Entscheidung müsse aus Forschung, Abwägung und Erkenntnis kommen – nicht aus Reflex.
Die Kundenzufriedenheit macht für mich Lichtqualität aus – dieses Wow-Gefühl am Schluss.
— Christian Berger
Aus dem Publikum wurde ergänzt, dass die Lichtbranche sehr wohl intensiv mit Medizinern an den Wirkungen von UV, Infrarot und unterschiedlichen Spektralbereichen arbeite. Gerade bei Tieren seien andere Wirkungen bekannt. Gleichzeitig wurde betont, dass normale Allgemeinbeleuchtung nicht mit Heilsversprechen überfrachtet werden dürfe.
Damit zeigte sich noch einmal die Stärke der Diskussion: Sie blieb nicht bei einfachen Antworten stehen. Sichtbares Licht ist der Kern der Beleuchtung. Aber Licht als elektromagnetische Strahlung reicht darüber hinaus. Die Kunst besteht darin, wissenschaftlich offen zu bleiben, ohne ins Esoterische abzurutschen.
Tageslicht bleibt der Maßstab
Am Ende tauchte ein Gedanke auf, der fast zu einfach klingt, um in einer Hightech-Debatte ernst genommen zu werden: Vielleicht müssen wir manche gesunden Lichtwirkungen gar nicht künstlich erzeugen. Vielleicht müssen wir wieder mehr hinaus ins Tageslicht.
Der Hinweis auf Unterrichtszeiten im Freien im asiatischen Raum, etwa im Zusammenhang mit Kurzsichtigkeit, öffnete den Blick. Nicht jede Wirkung des natürlichen Lichts muss zwingend durch Innenraumbeleuchtung ersetzt werden. Manchmal liegt die bessere Lösung nicht in der Leuchte, sondern in Architektur, Tageslichtnutzung, Aufenthaltsqualität und Lebensgewohnheiten.
Das schmälert die Bedeutung der Kunstlichtbranche nicht. Im Gegenteil. Es erweitert ihren Horizont. Wer Lichtqualität ernst nimmt, denkt nicht nur an Leuchten, sondern an Lichtumgebungen. An Tageslicht, Kunstlicht, Steuerung, Spektrum, Schatten, Reflexion, Material, Raum und Mensch.
Ein Podium, viele Wahrheiten
Was diese Podiumsdiskussion stark machte, war nicht ein großer Streit. Es war die Vielzahl an Perspektiven. Gabriel Kellner sprach aus Sicht der Ausbildung und Vermittlung. Peter Haumer aus Sicht des Herstellers und Lichtenthusiasten. Gunther Ferencsin-Junick aus Sicht der Planung, der Architektur und des differenzierten Raumerlebnisses. Christian Berger aus Sicht des ausführenden Betriebs und der Kundenrealität.
Alle vier kamen aus unterschiedlichen Richtungen. Und doch verdichtete sich eine gemeinsame Botschaft: Lichtqualität entsteht nicht automatisch. Sie muss gewollt, gelernt, geplant, erklärt, bezahlt, umgesetzt, bedient und erhalten werden.
Das klingt nach viel Aufwand. Ist es auch. Aber genau deshalb ist Lichtqualität ein Fachthema – und kein Nebenprodukt.
Schlusssatz
Am Ende blieb kein einfacher Satz, sondern ein Auftrag. Gutes Licht ist mehr als Helligkeit, mehr als Normerfüllung, mehr als Energieeffizienz und mehr als schöne Leuchten. Es ist ein Zusammenspiel aus Technik, Wahrnehmung, Biologie, Gestaltung, Bedienbarkeit, Wissen und Verantwortung.
Ich will ein. Aus. Danke.
— sinngemäß aus der Praxis zur Bedienung komplexer Lichtsteuerungen
Die LTG-Podiumsdiskussion zeigte: Die Lichtbranche hat die Werkzeuge. Sie hat die Erfahrung. Sie hat die Leidenschaft. Was sie noch stärker braucht, ist die Fähigkeit, den Wert guten Lichts so zu vermitteln, dass er nicht erst auffällt, wenn er fehlt. Und sie braucht die Kommunikation mit der Käuferschicht – mit jenen Menschen also, die am Ende entscheiden, ob Lichtqualität bestellt, bezahlt und im Alltag auch genutzt wird.
Die wichtigsten Punkte der Diskussion
- Gutes Licht fällt oft nicht auf: Wenn Licht die Sehaufgabe optimal unterstützt, tritt es in den Hintergrund. Schlechtes Licht hingegen wird sofort spürbar.
- Lichtqualität beginnt nicht bei Luxwerten: Normen und Mindestanforderungen sind wichtig, ersetzen aber keine Planung, Wahrnehmung und Nutzerorientierung.
- Effizienz ist nicht genug: Die Branche muss weg vom reinen Lumen-pro-Watt-Denken. Licht wirkt visuell, biologisch und emotional.
- Steuerung gehört zur Lichtqualität: Dimmung, Szenen, Sensorik und Bedienbarkeit entscheiden darüber, ob gutes Licht im Alltag tatsächlich genutzt wird.
- Ausbildung ist ein Schlüssel: Lichttechnik hat in der elektrotechnischen Ausbildung oft zu wenig Gewicht. Mehr Praxiswissen könnte die Qualität in der Breite heben.
- Konsumenten brauchen mehr Lichtwissen: Wer täglich mit Licht lebt, sollte verstehen können, warum gutes Licht Sicherheit, Wohlbefinden, Orientierung und Lebensqualität verbessert.
- Die Branche muss Wert besser vermitteln: Licht darf nicht nur als Kostenfaktor gesehen werden. Es muss als Qualitätsfaktor in Gebäuden, Arbeitswelten und Lebensräumen verstanden werden.