Auf einem internationalen PV-Gipfel diskutierten Forschende und Industrie, wie es mit der kristallinen Silizium-Solarzelle weitergeht. Im Mittelpunkt steht die Back-Contact-Technologie, die Effizienz, Sicherheit und Kosten neu sortieren soll – mit Folgen für Planung und Installation.
In einer Fertigungshalle im chinesischen Yiwu gleiten Wafer über Förderbänder, Roboterarme setzen Kontakte – allerdings nur auf der Rückseite der Zellen. Vor großen Displays verfolgen internationale Fachleute live, wie neue Zellgenerationen getestet werden. Parallel dazu diskutieren sie in Konferenzsälen über Roadmaps, Wirkungsgrade und Sicherheitsnormen. Auf einem Technologiegipfel mit über 600 Teilnehmenden aus Forschung und Industrie ging es um eine zentrale Frage: Welche PV-Technologie prägt das nächste Kapitel der Energiewende – und welche Rolle spielt Back-Contact (BC)?
Von der Pioniertechnologie zum möglichen Mainstream
Back-Contact-Zellen gelten seit Jahren als elegante, aber teure Speziallösung. Kontakte und Leiterbahnen wandern komplett auf die Rückseite, die Vorderseite bleibt weitgehend frei für die Lichtaufnahme. Lange war das eher ein Premiumthema für anspruchsvolle Dächer und Sonderanwendungen.
Auf dem jüngsten PV-Gipfel zeichneten Expert:innen nun ein anderes Bild: BC wird dort als „Zukunft der kristallinen Silizium-PV“ beschrieben, der mittelfristig eine dominante Marktrolle zugetraut wird. Noch ist das eine Prognose, aber die Richtung ist klar: Die Technologie bewegt sich aus der Nische in Richtung Massenmarkt – zumindest, wenn Kosten und Fertigung nachziehen.
Technische DNA: Was BC-Zellen besonders macht
Die Argumente der Befürworter lassen sich technisch gut einordnen. Mehrere Beiträge auf dem Gipfel nannten folgende Kennzahlen für moderne Back-Contact-Zellen:
- Zellwirkungsgrade über 25 % in der kommerziellen Produktion
- Temperaturkoeffizient deutlich unter –0,28 %/K, also weniger Leistungsabfall bei Hitze
- Bifazialitätsfaktor von 0,8+, wenn die Zellen bifazial ausgeführt sind
- Geringere Degradation über die Lebensdauer
Die Kombination aus hoher Anfangsleistung und stabiler Langzeitperformance zielt direkt auf niedrigere Stromgestehungskosten (LCOE). Einzelne Roadmaps sprechen langfristig sogar von Werten unter 1 Cent/kWh – eine sehr ambitionierte Zielmarke, die deutlich macht, wohin die Reise aus Sicht der Technologieentwickler gehen soll.
Für die Praxis heißt das: Mehr Leistung pro Quadratmeter Dachfläche und geringere Ertragsverluste bei hohen Modultemperaturen, etwa auf flachen Industriedächern.
Effizienz ist nicht alles: Die Branche spricht über „Wert“
Ein zentrales Motiv des Gipfels: Die PV-Industrie sieht sich nicht mehr in einem reinen Effizienzwettlauf. In einer Keynote war von einem „Wertwettbewerb“ die Rede, der sich stärker an den Bedürfnissen der Endkund:innen orientiert.
Nach dem Sprung von rund 15 % auf etwa 25 % Moduleffizienz rücken andere Fragen in den Vordergrund:
- Wie zuverlässig arbeitet ein System über 25–30 Jahre?
- Wie gut lassen sich Module in unterschiedliche Anwendungen integrieren – vom Einfamilienhaus bis zum Solarpark?
- Wie entwickeln sich Wartungsaufwand und Betriebskosten?
Back-Contact-Technologie wird dabei als Schlüssel betrachtet, um leistungsstarke, sichere und zuverlässige Energielösungen für verschiedene Einsatzfelder bereitzustellen. Die Vision einiger Forschender: In etwa 15 Jahren könnten Zellwirkungsgrade von bis zu 35 % erreichbar sein – allerdings nur unter der Voraussetzung weiterer Innovationssprünge.
Vom Premium-Dach zur Freifläche: Kosten als Knackpunkt
Noch gelten voll rückseitenkontaktierte Zellen in vielen Märkten als Premiumprodukt. In einer Podiumsdiskussion wurde offen eingeräumt, dass Kosten die größte Hürde für den Schritt in den breiten Markt sind. Gleichzeitig skizzierten die Teilnehmenden einen Pfad, wie BC von hochwertigen Dachanlagen in Großanlagen und Solarparks hineinwachsen könnte.
Genannt wurden vor allem drei Hebel:
- Prozessinnovationen in der Fertigung – etwa höhere Automatisierung und optimierte Zellarchitekturen.
- Skalierung der Produktionskapazitäten, um Stückkosten zu senken.
- Engere Kooperation entlang der Lieferkette, von Silizium über Wafer und Zelle bis hin zum Systemintegrator.
Die aktuellen Preisunterschiede zwischen Modultechnologien könnten sich in den nächsten Jahren deutlich verschieben. Wer heute Projekte auslegt, sollte deshalb nicht nur auf Anschaffungspreise schauen, sondern Szenarien über die gesamte Lebensdauer mitdenken.
Sicherheit und Normen: Wenn Module kühler bleiben
Ein weiterer Aspekt, der auf dem Gipfel sichtbar wurde: Sicherheit entwickelt sich zum eigenständigen Differenzierungsmerkmal. Besonders im Fokus standen dabei Überhitzung und Brandrisiken bei Verschattung.
Eine Prüforganisation vergab im Rahmen der Veranstaltung ein Zertifikat, das das „Anti-Ignition-Hazard“-Verhalten von Modulen bewertet. In Tests zeigten BC-Module im Vergleich zu etablierten Technologien wie TopCon bei starker Hitze und Verschattung deutlich niedrigere Oberflächentemperaturen.
Für Betreiber und Installationsbetriebe ist das relevant, weil:
- niedrigere Hotspot-Temperaturen das Schadenrisiko reduzieren,
- Brandschutzanforderungen – etwa in dicht bebauten Gebieten oder bei gewerblichen Dächern – einfacher erfüllbar werden,
- Versicherer Sicherheitszertifikate zunehmend in ihre Bewertung einbeziehen könnten.
Dieser Trend deutet darauf hin, dass Modulwahl künftig stärker an Sicherheits- und Zertifizierungsfragen gekoppelt sein wird.
Technologie hautnah: Fabrikbesuche als Blick in die Zukunft
Die Teilnehmenden erhielten auf dem Gipfel Einblick in eine hochautomatisierte Fertigung für voll rückseitenkontaktierte Zellen und Module. Beeindruckend war aus Sicht vieler Beobachter, dass entsprechende Module bereits mit über 25 % Effizienz in der Massenproduktion angeboten werden.
Dass solche Module seit mehreren Dutzend Monaten in Effizienz-Rankings unabhängiger Fachmedien weit oben stehen, werten die Entwickler als Beleg für die Marktreife des Ansatzes. Für Installationsbetriebe in Europa stellt sich damit weniger die Frage, ob die Technologie kommt, sondern eher wann sie in relevanten Stückzahlen und zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar sein wird.
Was heißt das für Elektroinstallation und Planung?
Für das Elektrohandwerk lassen sich aus den diskutierten Trends mehrere praktische Konsequenzen ableiten:
- Flächeneffizienz gewinnt weiter an Bedeutung – etwa bei innerstädtischen oder denkmalgeschützten Dächern. Höhere Wirkungsgrade können hier Projektentscheidungen kippen.
- Temperaturverhalten und Degradation sollten bei der Modulauswahl stärker gewichtet werden, gerade bei Industriedächern und Fassadenanlagen.
- Sicherheitszertifikate und Brandverhalten rücken als Beratungsthema in den Vordergrund – auch im Gespräch mit Versicherern und Behörden.
- Technologiemix bleibt realistisch: BC wird nicht über Nacht alle anderen Konzepte verdrängen, könnte aber eine zentrale Option im hochwertigen Segment werden, die sich Schritt für Schritt Richtung Standard schiebt.
Technologie … wo geht’s hin?
Die Diskussionen in Yiwu zeigen: Die Photovoltaik steht nicht vor einem radikalen Bruch, sondern vor einem technologischen Feintuning mit klarer Richtung. Back-Contact-Zellen sind ein Baustein dieser Entwicklung – mit dem Potenzial, Effizienz, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit auf ein neues Niveau zu heben.
Wer heute Projekte plant, sollte Back-Contact-Technologie schon im Blick haben, auch wenn sie noch nicht überall verfügbar ist. Die Weichen für das nächste Kapitel der Solarenergie werden gerade gestellt – auf Konferenzen, in Fabrikhallen und in den Normungsgremien. Und am Ende entscheidet der Markt, welche Technologie sich auf den Dächern und in den Feldern tatsächlich durchsetzt.