Bedingt durch die amerikanische Zollpolitik hat der ORF zuletzt berichtet, dass in Österreich rund 10.000 Arbeitsplätze unmittelbar oder mittelbar betroffen sein könnten. Doch es geht um weit mehr als um Jobs. Es geht um Unternehmen, deren Geschäftsmodelle unter Druck geraten, um massive Umsatzeinbußen – und um Investitionen, die in der Folge verschoben oder ganz gestrichen werden. Wer Verluste im Export verkraften muss, investiert nicht gleichzeitig in neue Produktionslinien, nicht in Elektrotechnik, nicht in erneuerbare Energie, nicht in Innovation. Die Zollpolitik wirkt damit weit über den Außenhandel hinaus – sie bremst Transformation.
Wer über Zölle spricht, denkt dennoch reflexartig an Autos. Für Deutschland ist das nachvollziehbar, für Europa insgesamt jedoch zu kurz gegriffen. Denn der eigentliche Hebel in der Auseinandersetzung mit den USA liegt nicht bei physischen Gütern, sondern bei Dienstleistungen – und damit dort, wo amerikanische Unternehmen in Europa besonders stark sind.
Die Handelsbilanz zwischen der EU und den USA ist komplexer, als es die politische Rhetorik nahelegt. Europa exportiert mehr Waren in die Vereinigten Staaten, die USA wiederum dominieren den europäischen Markt bei Dienstleistungen, insbesondere im digitalen Bereich: soziale Netzwerke, Cloud-Services, Plattformökonomie, digitale Werbung. Rechnet man Waren- und Dienstleistungshandel zusammen, ist die Bilanz überraschend ausgeglichen. Jeder liefert im Kern das, worin er strukturell stark ist – eigentlich ein Paradebeispiel internationaler Arbeitsteilung.
Genau deshalb greift die klassische Zollkeule zu kurz. Als erste Antwort setzt Europa dennoch auf Gegenzölle – bewusst auf der ersten Eskalationsebene. Orangensaft, Erdnussbutter, Harley-Davidson-Motorräder. Das klingt beinahe folkloristisch, ist aber politisch kalkuliert. Diese Produkte sind sichtbar, symbolisch und innenpolitisch wirksam in den USA. Schon bei den einst angekündigten Autozöllen hat dieses Instrument Wirkung gezeigt – sie kamen letztlich nicht.
Doch Gegenzölle sind nur der Auftakt, nicht die Strategie.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Was ist unser nächster Schritt?
Sondern: Was passiert danach? Und: Wie reagieren wir auf die Reaktion Amerikas?
Handelspolitik funktioniert nicht linear, sondern wie ein Schachspiel. Wer alle Figuren gleichzeitig zieht, verliert Eskalationsstufen und Verhandlungsmacht. Deshalb wäre es strategisch unklug, sämtliche Maßnahmen auf einmal umzusetzen. Sinnvoller ist ein klarer, gestufter Plan: Eskalationsstufen, die angekündigt, nachvollziehbar und reversibel sind. Wenn das passiert, folgt Schritt zwei. Bleibt auch der wirkungslos, Schritt drei. Der Gegenspieler muss wissen, was auf ihn zukommt.
Genau hier liegt Europas Stärke. Mit dem Anti-Zwangs-Instrument verfügt die EU über einen breiten Werkzeugkasten – einen regelrechten Blumenstrauß an Maßnahmen: Eingriffe in den Dienstleistungsverkehr, Einschränkungen beim Marktzugang, Ausschluss amerikanischer Unternehmen von öffentlichen Aufträgen, gezielte Regulierung digitaler Plattformen. Das ist kein Aktionismus, sondern strategische Tiefe.
Besonders wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Besteuerung und Regulierung. Digitale Steuern klingen verlockend, bergen aber ein Risiko: Am Ende könnten sie – ähnlich wie Güterzölle – von europäischen Konsument:innen bezahlt werden. Regulierung wirkt präziser. Klare Regeln, verbindliche Auflagen, empfindliche Sanktionen bis hin zur temporären Abschaltung bei systematischer Nichtbefolgung. Das ist kein Angriff auf Amerika, sondern die konsequente Durchsetzung europäischer Spielregeln auf europäischem Markt.
Hinzu kommt ein oft unterschätzter Faktor: die amerikanische Bevölkerung selbst. Rund 75 Prozent der US-Bevölkerung lehnen diese aggressive Zollpolitik ab. Sie spüren im Alltag, was Zölle tatsächlich sind: keine Strafe für das Ausland, sondern eine versteckte Steuer im Inland. Höhere Preise, weniger Auswahl, steigende Lebenshaltungskosten. Trumps Annahme, europäische Exporteure würden ihre Preise senken, hat sich nicht erfüllt. Die Zölle wurden schlicht aufgeschlagen – bezahlt werden sie von amerikanischen Konsument:innen.
Das verleiht Europas Position zusätzliche Legitimität. Diese Auseinandersetzung ist nicht Europa gegen Amerika, sondern eine politische Strategie gegen ökonomische Realität.
Gleichzeitig darf man die nächste Ebene nicht ausblenden. Es wäre naiv zu glauben, dass wirtschaftlicher Druck nicht mit sicherheitspolitischen Drohkulissen beantwortet werden könnte. Militärische Erpressung als Reaktion auf handelspolitische Maßnahmen ist kein theoretisches Gedankenspiel mehr. Und genau dort liegt Europas Schwäche: militärisch ist man den USA strukturell unterlegen.
Die Antwort darauf kann jedoch nicht Unterwerfung sein, sondern Trennung der Ebenen. Handel darf nicht zur Währung für Sicherheitszusagen werden – sonst macht sich Europa dauerhaft erpressbar. Kurzfristig bedeutet das: Resilienz aufbauen – bei Energie, Lieferketten, kritischen Technologien. Mittelfristig heißt es: europäische Verteidigungsfähigkeit und industriepolitische Souveränität stärken, nicht als Drohung, sondern als Unabhängigkeitsversicherung.
Am Ende geht es um etwas Grundsätzlicheres: Verlässlichkeit. Investitionen folgen keiner Ideologie, sondern Stabilität. Und genau daran mangelt es derzeit auf amerikanischer Seite. Ein Präsident, der täglich neue Drohungen formuliert, produziert Schlagzeilen – aber kein Vertrauen.
Europa hat Optionen. Viele sogar. Entscheidend ist nicht, wie laut sie eingesetzt werden, sondern wie klug. Ein angekündigter, strategisch durchdachter Plan wirkt stärker als spontane Gegenwehr. Nicht weil er eskaliert, sondern weil er berechenbar ist.
Und genau das ist in einer Welt, in der nichts mehr selbstverständlich scheint, vielleicht die stärkste Form von Macht.