Die Bundesregierung will das Budget sanieren und gleichzeitig Zukunft ermöglichen. Genau daran muss sie sich messen lassen. Denn die geplanten Steueränderungen rund um E-Firmenwagen, Homeoffice, Lohnnebenkosten, Körperschaftsteuer und ältere Beschäftigte ergeben kein klares Reformbild. Sie wirken wie ein fiskalischer Kompromiss, der zwar Geld sucht, aber zu wenig Richtung gibt.
Ein Budget ist kein Kassasturz
Ein Doppelbudget darf nüchtern sein. Es darf schmerzen. Es darf liebgewonnene Ausnahmen infrage stellen. Aber es sollte eines nicht tun: politische Ziele verkünden und anschließend genau jene Instrumente schwächen, mit denen diese Ziele erreichbar wären.
Die Bundesregierung hat für 2027 und 2028 ein Paket mit einem Volumen von 5,1 Milliarden Euro präsentiert. Rund die Hälfte soll der Budgetkonsolidierung dienen, die andere Hälfte sogenannten Offensivmaßnahmen – vor allem der Senkung der Lohnnebenkosten. Ziel ist es, Österreich aus dem EU-Defizitverfahren zu führen. Das ist grundsätzlich nachvollziehbar. Nur wird es heikel, wenn ausgerechnet Zukunftsbereiche zur fiskalischen Manövriermasse werden. (Bundeskanzleramt Österreich)
Die konkreten Steueränderungen
Geplant ist ab 2028 eine Senkung des Dienstgeberbeitrags zum Familienlastenausgleichsfonds von derzeit 3,7 auf 2,7 Prozent. Diese Entlastung soll Unternehmen jährlich rund zwei Milliarden Euro bringen. Gleichzeitig soll ein Teil davon durch neue Belastungen gegenfinanziert werden: Unternehmen sollen künftig auch für Beschäftigte über 60 Jahre wieder in den FLAF einzahlen. Zusätzlich soll die Körperschaftsteuer für Unternehmen mit mehr als einer Million Euro Gewinn von 23 auf 24 Prozent steigen; erwartet werden daraus rund 300 Millionen Euro. (news.ORF.at)
Dazu kommen weitere geplante oder kolportierte steuerliche Maßnahmen: Die steuerliche Begünstigung für privat genutzte E-Firmenwagen soll fallen bzw. deutlich eingeschränkt werden. Medienberichte nennen zusätzliche Einnahmen von 75 Millionen Euro im Jahr 2027 und 160 Millionen Euro im Jahr 2028. Außerdem werden die Abschaffung der Homeoffice- beziehungsweise Telearbeitspauschale, eine Erhöhung der Immobilienertragsteuer, ein Steuerbetrugsbekämpfungspaket mit erwarteten 100 Millionen Euro sowie eine Anhebung der Steuer auf harten Alkohol um 30 Prozent genannt. (Kleine Zeitung)
Auch die Bankenabgabe soll um drei Jahre verlängert werden. Sie wäre 2027 ausgelaufen. Damit bleibt ein Instrument bestehen, das ursprünglich nicht als dauerhaftes Normalbesteuerungsmodell verkauft wurde. (news.ORF.at)
Der E-Dienstwagen als falsches Signal
Der geplante Sachbezug für elektrische Firmenwagen ist dabei politisch besonders problematisch. Nicht, weil jedes E-Auto sakrosankt wäre. Nicht, weil Dienstwagen grundsätzlich steuerlich unantastbar sein müssten. Sondern weil der Staat hier ein Lenkungsinstrument schwächt, das tatsächlich wirkt.
Firmenflotten sind ein zentraler Hebel der Mobilitätswende. Sie bestimmen Neuwagenzulassungen, schaffen später Gebrauchtwagenangebote, zwingen Betriebe zur Beschäftigung mit Ladeinfrastruktur und machen Elektromobilität im Alltag sichtbar. Wer diesen Hebel verteuert, sendet ein klares Signal: Transformation ja – aber bitte mit nachträglicher Rechnung.
Das ist ungefähr so, als würde man jemanden zum Umstieg auf die Bahn auffordern und danach den Bahnhofszugang besteuern. Einmal darf man so ein Bild bemühen. Mehr braucht es gar nicht.
Homeoffice: moderne Arbeit unter Vorbehalt
Ähnlich widersprüchlich ist die Debatte um die Homeoffice- beziehungsweise Telearbeitspauschale. Seit 2025 heißt sie offiziell Telearbeitspauschale; sie kann bis zu 3 Euro pro Telearbeitstag und maximal 300 Euro pro Jahr betragen. Der Staat hat damit anerkannt, dass Arbeit nicht mehr ausschließlich am klassischen Büroarbeitsplatz stattfindet. (Bundesministerium für Finanzen)
Wenn diese Pauschale nun abgeschafft werden soll, trifft das nicht nur eine kleine steuerliche Begünstigung. Es relativiert auch die politische Erzählung der letzten Jahre: weniger Pendelverkehr, mehr Flexibilität, bessere Vereinbarkeit, effizientere Arbeitsformen. Homeoffice ist nicht die Lösung aller Verkehrs- und Arbeitsmarktprobleme. Aber es ist ein Baustein moderner Organisation. Wer diesen Baustein streicht, sollte wenigstens erklären, wie das zur viel beschworenen Entlastung von Verkehr, Energieverbrauch und Arbeitsalltag passt.
Ältere Beschäftigte: länger arbeiten, teurer machen
Noch deutlicher wird der Widerspruch bei den über 60-Jährigen. Österreich diskutiert seit Jahren über Fachkräftemangel, demografischen Wandel und die Notwendigkeit, Menschen länger im Erwerbsleben zu halten. Gleichzeitig soll die bisherige DB-Befreiung für über 60-Jährige abgeschafft werden. Die Agenda Austria beziffert diese Maßnahme mit rund 400 Millionen Euro und kritisiert sie als Signal gegen längere Erwerbstätigkeit. (Agenda Austria)
Natürlich kann man jede Begünstigung überprüfen. Aber Politik muss Wirkungen mitdenken. Wenn ältere Beschäftigte für Unternehmen wieder teurer werden, entsteht kein zusätzlicher Anreiz, Erfahrung länger im Betrieb zu halten. Es entsteht eine neue Kostenposition. Und Kostenpositionen haben in Unternehmen selten den Charme eines sozialpolitischen Appells.
Entlastung mit eingebauter Gegenbuchung
Auch die große Erzählung von der Lohnnebenkostensenkung ist weniger eindeutig, als sie klingt. Ja, ein Prozentpunkt weniger FLAF-Beitrag geht grundsätzlich in die richtige Richtung. Österreichs Arbeit ist hoch belastet. Eine Entlastung des Faktors Arbeit ist überfällig.
Nur wirkt die Konstruktion merkwürdig: Auf der einen Seite wird Arbeit entlastet, auf der anderen Seite werden erfolgreiche Unternehmen über eine höhere Körperschaftsteuer stärker belastet und ältere Beschäftigte wieder in die FLAF-Finanzierung einbezogen. Die Regierung senkt also einen Regler und dreht zwei andere wieder hinauf. Das ist keine klare Standortpolitik, sondern eine Entlastung mit eingebauter Gegenbuchung.
Was fehlt: eine erkennbare Systemlogik
Der Kern des Problems liegt nicht in einer einzelnen Maßnahme. Er liegt in der fehlenden Systemlogik. Mobilitätswende, Energiewende, Arbeitsmarktpolitik, Standortpolitik und Budgetkonsolidierung werden nebeneinander behandelt, obwohl sie längst zusammengehören.
Ein elektrischer Firmenwagen ist nicht nur ein Vorteil auf der Lohnabrechnung. Er ist Teil einer Flottenstrategie, einer Ladeinfrastruktur, eines Stromsystems und eines künftigen Gebrauchtwagenmarktes. Telearbeit ist nicht nur ein Pauschalbetrag. Sie ist Verkehrsvermeidung, Produktivitätsfrage und Arbeitsmarktinstrument. Ältere Beschäftigte sind nicht nur eine Beitragsgrundlage. Sie sind Wissen, Erfahrung und Stabilität in Betrieben.
Wer all das ausschließlich als Einnahmequelle betrachtet, denkt zu klein.
Die eigentliche Budgetfrage
Österreich muss sparen. Daran führt kein seriöser Weg vorbei. Aber Sparen ist kein politisches Ziel an sich. Entscheidend ist, ob ein Budget Strukturen stärkt oder nur Löcher stopft.
Dieses Doppelbudget enthält nachvollziehbare Elemente. Eine Senkung der Lohnnebenkosten ist richtig. Investitionsanreize können sinnvoll sein. Budgetdisziplin ist notwendig. Doch der Mix aus E-Auto-Sachbezug, möglicher Streichung der Telearbeitspauschale, höherer Körperschaftsteuer, neuer FLAF-Belastung für über 60-Jährige und verlängerter Bankenabgabe wirkt nicht wie ein strategischer Umbau.
Er wirkt wie ein Kompromiss, der möglichst viele politische Wünsche in eine Zahl pressen musste.
Zukunft braucht verlässliche Signale
Der Staat darf Begünstigungen überprüfen. Er darf Einnahmen suchen. Er darf auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Aber wenn Österreich ernsthaft unabhängiger von fossilen Importen, produktiver, moderner und wettbewerbsfähiger werden will, braucht es verlässliche Signale.
Dieses Budget sendet zu viele gemischte Botschaften. Es will Arbeit entlasten und belastet zugleich Teile der Arbeit. Es will Transformation und verteuert ein wirksames Transformationsinstrument. Es will moderne Arbeitsformen und stellt deren steuerliche Anerkennung infrage. Es will ältere Menschen länger im Job halten und macht sie für Betriebe weniger attraktiv.
So entsteht kein Aufbruch. So entsteht Verwaltung mit Zukunftsvokabular.
Und genau das ist die eigentliche Schwäche dieses Doppelbudgets: Es rechnet. Aber es führt nicht.