Energie, Psychologie, Realität - die große Fehleinschätzung:

Warum wir den Fortschritt der Energiewende nicht sehen

von Laura Peichl
von David Lodahl – Recherche, Konzept und Kuration Foto: © Pixabay

Es beginnt nicht mit einem Durchbruch, sondern mit Zweifel. Mit Sätzen wie: „noch nicht ausgereift“, „zu teuer“, „vielleicht später“. Während diese Sätze beruhigen, passiert im Hintergrund etwas, das lange unsichtbar bleibt – und dann plötzlich nicht mehr zu übersehen ist. Christian Stöcker beschreibt diesen Moment in seinem Buch „Männer, die die Welt verbrennen“: Wer heute über Energie diskutiert, spricht oft über Gefühle, selten über Diagramme und Kurven. Genau dort liegt allerdings das Problem. Und die Erklärung, warum wir die größte Transformation seit Beginn der Industrialisierung konsequent unterschätzen.

Die Welt erscheint überschaubar. Entwicklungen verlaufen Schritt für Schritt, Veränderungen brauchen Zeit. Dieses Denken hat uns weit gebracht – und bringt uns jetzt in Schwierigkeiten. Denn Energie folgt längst anderen Regeln. Christian Stöcker zeigt in „Männer, die die Welt verbrennen“, wie sehr lineares Denken unsere Wahrnehmung prägt – und verzerrt. Wer Energie weiterhin mit Maßstäben misst, die aus der fossilen Vergangenheit stammen, sieht Stillstand, wo Beschleunigung herrscht. Und verpasst jenen Moment, in dem aus „irgendwann“ plötzlich „jetzt“ wird.

Die beruhigende Kraft des Zweifelns

„Noch nicht ausgereift.“ Kaum ein Satz wirkt so zuverlässig. Er signalisiert Vernunft, Vorsicht, Verantwortungsbewusstsein. Und genau deshalb wird er seit Jahrzehnten eingesetzt. Nicht nur bei Energie, auch bei Gesundheit, Umwelt, Technologie. Doch im Energiesystem hat diese Rhetorik eine besondere Wirkung: Sie verschiebt Entscheidungen in eine Zukunft, die nie konkret wird.

Die fossile Industrie hat dieses Prinzip perfektioniert. Statt offene Ablehnung zu formulieren, werden Fragen gestellt. Statt Fakten zu bestreiten, wird Unsicherheit betont. „Man müsse das erst weiter beobachten.“ „Die Kosten seien noch zu hoch.“ „Die Versorgungssicherheit sei nicht gewährleistet.“ Es sind keine plumpen Lügen, sondern gezielte Relativierungen. Jede für sich plausibel, in Summe lähmend.

Psychologisch funktioniert das hervorragend. Menschen sind sehr häufig risikoavers. Sie fürchten Verluste stärker als sie Gewinne erwarten. Veränderung wird als Bedrohung wahrgenommen, selbst wenn sie objektiv Vorteile bringt. Narrative, die diese Angst bedienen, stabilisieren bestehendes Verhalten. Wer nichts ändern will, greift dankbar nach Argumenten, die genau das rechtfertigen.

So entstehen Echokammern. Nicht aus Ignoranz, sondern aus Selbstschutz. Wenn Veränderung unangenehm ist, müssen die Gegenargumente falsch sein. Oder zumindest übertrieben. Diese Logik wirkt leise, aber nachhaltig.

Warum unser Denken der Realität hinterherhinkt

Hinzu kommt ein zweiter, fundamentaler Faktor: unser Umgang mit Wachstum. Im Alltag denken wir linear. Zehn Prozent mehr sind zehn Prozent mehr. Ein Schritt folgt dem nächsten. Dieses Denken ist tief verankert – evolutionär sinnvoll, aber analytisch gefährlich.

Exponentielle Entwicklungen entziehen sich dieser Intuition. Sie beginnen unscheinbar. Lange passiert scheinbar wenig. Fortschritt wirkt marginal, fast enttäuschend. Genau in dieser Phase setzen Zweifel ein: „Das geht zu langsam.“ „Das wird nie reichen.“ Doch Exponentialkurven haben eine Eigenheit: Sie kippen. Und zwar abrupt.

Ein klassisches Bild: Reiskörner auf einem Schachbrett. Feld für Feld verdoppelt sich die Menge. Lange bleibt sie überschaubar. Erst auf den letzten Feldern explodiert sie. Wer nur die ersten Züge betrachtet, unterschätzt das Ende dramatisch.

Genau das passiert beim Ausbau der Erneuerbaren. Jahrelang galten sie als Nische. Dann als Ergänzung. Heute dominieren sie den Zubau – global. Doch weil unser Blick an den frühen, flachen Abschnitten hängen bleibt, nehmen wir die Dynamik nicht wahr.

Medien verstärken diesen Effekt. Sie berichten über Momentaufnahmen: Ein schwaches Ausbaujahr, eine Förderkürzung, einen politischen Streit. Exponentielle Trends aber lassen sich nicht in Quartalen erzählen. Sie entfalten ihre Bedeutung über Zeiträume. Wer linear berichtet, produziert zwangsläufig Verzerrung.

Auch Politik tappt in diese Falle. Prognosen werden linear fortgeschrieben. Wachstum wird gebremst gedacht. Kipppunkte erscheinen unrealistisch – bis sie überschritten sind.

Der Moment, in dem sich das Bild dreht

Erst wenn man diese Denkfehler erkennt, wird verständlich, was derzeit tatsächlich passiert. Weltweit wird fast nur noch in erneuerbare Stromerzeugung investiert. Nicht aus Idealismus, sondern aus ökonomischer Logik. Sonne und Wind sind billig geworden. Nicht relativ billig, sondern absolut.

Als Gast des Video-Podcasts „Geladen“ beschreibt Christian Stöcker eine Zahl, die diese Entwicklung präzise einfängt: Über 90 Prozent der weltweit neu installierten Stromerzeugungskapazität stammen aus erneuerbaren Quellen. Das ist kein politisches Ziel, sondern Marktrealität.

Dass diese Zahl kaum bekannt ist, sagt mehr über unsere Wahrnehmung als über das Energiesystem. Während in Europa über vermeintliche Alleingänge diskutiert wird, findet global eine stille Revolution statt. China, Indien, Afrika, selbst konservative US-Bundesstaaten bauen Erneuerbare in rasantem Tempo aus. Nicht weil sie müssen, sondern weil sie rechnen.

Technik ist nicht das Problem

Die technische Seite ist dabei erstaunlich unspektakulär. Photovoltaik funktioniert. Windkraft funktioniert. Speicher werden schneller günstiger, als viele Prognosen es je angenommen haben. Netze lassen sich steuern, flexibilisieren, digitalisieren. Wärmepumpen heizen zuverlässig – selbst in kalten Regionen.

Die eigentlichen Bremsklötze liegen woanders. In Narrativen, die veraltet sind. In Bildern von Instabilität, die nicht mehr zutreffen. In der Vorstellung, Versorgungssicherheit müsse zwangsläufig fossil sein.

Dabei zeigt die Realität etwas anderes: Systeme mit hohem Anteil erneuerbarer Energien werden robuster, nicht fragiler. Dezentralität reduziert Abhängigkeiten. Speicher glätten Spitzen. Intelligente Steuerung ersetzt starre Strukturen.

Die eigentliche Hürde: Akzeptanz im Kopf

Warum hält sich dann das Gefühl des Zweifels so hartnäckig? Weil Narrative träge sind. Sie ändern sich langsamer als Technologien. Jahrzehntelang galt Energie als etwas, das aus großen Kraftwerken kommt. Kontrolliert, zentral, berechenbar. Alles andere wirkte riskant.

Diese mentalen Modelle wirken nach. Sie prägen politische Debatten, Schlagzeilen, Stammtische. Und sie werden gezielt gepflegt von jenen, die vom Status quo profitieren. Nicht durch offene Ablehnung, sondern durch ständiges Infragestellen.

Was sich ändert, wenn man die Kurve versteht

Wer den exponentiellen Charakter erkennt, blickt anders auf die Gegenwart. Schwankungen verlieren ihren Schrecken. Temporäre Rückgänge wirken nicht mehr wie Scheitern, sondern wie Atempausen in einem übergeordneten Trend.

Plötzlich wird klar, warum Investitionen dorthin fließen, wo sie fließen. Warum neue Technologien schneller skalieren als erwartet. Warum politische Blockaden zwar verzögern, aber nicht stoppen können.

Die Energiewende ist kein fragiles Projekt, das ständig kurz vor dem Scheitern steht. Sie ist ein Prozess, der längst Fahrt aufgenommen hat – und dessen Dynamik sich nicht mehr linear beschreiben lässt.

Schlussgedanke

Wer heute glaubt, die Energiewende sei zu langsam, misst sie mit den falschen Maßstäben. Wer sie für unsicher hält, orientiert sich an alten Bildern. Und wer sie für unrealistisch erklärt, übersieht die Kurve, auf der wir uns längst befinden.

Verstehen heißt nicht zustimmen. Aber verstehen heißt, die Realität zur Kenntnis zu nehmen. Und genau dort beginnt eine sachliche, erwachsene Debatte über Energie – jenseits von Angst, Mythen und beruhigenden Zweifeln.

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