EU-Energiepolitik: Netzpaket soll Engpässe und Genehmigungshürden beseitigen:

Energieautobahnen für Europas Stromzukunft

von Sandra Eisner
Foto: © KI-generiert

Die Europäische Kommission will mit einem neuen Netzpaket und der Initiative „Energieautobahnen“ strukturelle Probleme der europäischen Energieinfrastruktur beheben. Acht strategische Projekte stehen im Zentrum. Was steckt dahinter – und was bedeutet das für Planung, Netzausbau und Energiewende?

Hohe Strompreise, geopolitische Unsicherheiten und stockende Energiewende: Europa steht unter Druck. Besonders die Strom- und Gasnetze gelten als Flaschenhals für eine zukunftssichere Energieversorgung. Mit dem neuen europäischen Netzpaket will die EU gezielt gegensteuern. Die Initiative umfasst schnellere Genehmigungsverfahren, Milliardeninvestitionen und den gezielten Ausbau acht grenzüberschreitender Energieprojekte – den sogenannten „Energieautobahnen“.

Infrastruktur als Rückgrat der Energiewende

Obwohl der europäische Strommarkt enger zusammenrückt, fehlen vielerorts Netzkapazitäten, um Strom aus erneuerbaren Quellen effizient zu verteilen. 98 % des gesamten in den Mitgliedstaaten verbrauchten Öls und Gases werden importiert und machen die EU-Staaten verwundbar gegenüber Preis- und Versorgungskrisen. Gleichzeitig sind viele Stromleitungen veraltet, Genehmigungen langwierig und Investitionen stockend.

Energieautobahnen gegen Engpässe

Die Initiative „Energieautobahnen“ zielt darauf ab, zentrale Engpässe im europäischen Energiesystem zu beseitigen und die grenzüberschreitende Netzkapazität substanziell zu erhöhen. Acht prioritäre Großprojekte wurden identifiziert, die als Rückgrat einer vernetzten, sicheren und klimaneutralen Energiezukunft dienen sollen:

  • Iberische Halbinsel: Stromverbindungsleitungen über die Pyrenäen, um die Iberische Halbinsel besser zu integrieren (Pyrenäenübergang 1 und Pyrenäenübergang 2).
  • Verbindungsleitung zum Großen Meer: Beendigung der Stromisolierung durch den Anschluss von Strom zwischen Zypern und Kontinentaleuropa.
  • Harmony Link: Stärkung des Stromverbunds der baltischen Staaten, Stärkung der Energieversorgungssicherheit und der Energieunabhängigkeit von Russland.
  • TransBalkan-Pipeline (TBP): den Gasfluss umzukehren, um die Widerstandsfähigkeit der Energieversorgung in der Balkanregion und der östlichen Nachbarschaft zu erhöhen.
  • Energieinsel Bornholm: Umwandlung der Ostsee in einen Offshore-Verbindungsknotenpunkt.
  • Südosteuropa: Verbesserung der Preisstabilität und der Energieversorgungssicherheit in Südosteuropa, auch durch Speicherung.
  • Süd-H2-Korridor: Der südliche Wasserstoffkorridor, an dem Tunesien, Italien, Österreich und Deutschland beteiligt sind.
  • Südwestlicher Wasserstoffkorridor: von Portugal nach Deutschland

Die acht Energieautobahnen sind zentrale Bausteine für die Umsetzung der Energieunion und leisten einen direkten Beitrag zur Versorgungssicherheit, Dekarbonisierung und Netzstabilität. Durch gezielte EU-Unterstützung sollen Genehmigungen beschleunigt, Finanzmittel mobilisiert und Projektträger koordiniert werden.

1,2 Billionen Euro bis 2040 nötig

Laut EU-Kommission müssen bis 2040 rund 1,2 Billionen Euro in Strom-, Verteil- und Wasserstoffnetze investiert werden. Allein 240 Milliarden Euro entfallen auf den Wasserstoffsektor. Zur Entlastung der nationalen Budgets soll die Fazilität „Connecting Europe“ aufgestockt und privates Kapital stärker aktiviert werden.

Genehmigungen: Schneller, digitaler, transparenter

Ein wesentlicher Hebel des Pakets ist die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren. Durchschnittlich fünf Jahre dauert aktuell die Umsetzung eines PCI-Projekts (Project of Common Interest), bis zu neun Jahre bei erneuerbaren Erzeugungsanlagen. Künftig sollen verbindliche Fristen, vereinfachte Verfahren, eine digitalisierte Antragstellung und – im Notfall – eine „stillschweigende Genehmigung“ (wenn die Genehmigungsbehörden nicht innerhalb der Genehmigungsfristen antworten) für Tempo sorgen.

Mehr Akzeptanz durch Teilhabe und Kostentransparenz

Die Kommission legt Wert auf breite öffentliche Beteiligung. So sollen Großprojekte ab 10 MW lokale Vorteile mit sich bringen – etwa durch Beteiligungsmodelle. Zudem sollen transparente Regeln zur fairen Aufteilung der grenzüberschreitenden Infrastrukturkosten für Akzeptanz sorgen und gerichtliche Auseinandersetzungen vermeiden.

Netzplanung aus europäischer Perspektive

Ein zentrales Element des Pakets ist ein EU-weites, bedarfsgerechtes Planungsszenario. Es dient als Grundlage für künftige Investitionen und wird regelmäßig aktualisiert. Ziel ist eine koordinierte Infrastrukturentwicklung, die unnötige Parallelstrukturen vermeidet und den Netzausbau zielgerichtet vorantreibt.

Mit dem Netzpaket und der Energieautobahn-Initiative setzt die EU-Kommission ein deutliches Signal für eine resiliente, dekarbonisierte und vernetzte Energiezukunft. Für Planer, Installateure und Netzbetreiber bedeutet das: mehr Projekte, klarere Prozesse – und die Aussicht auf eine effizientere und integrativere Energieinfrastruktur in Europa.

Weitere Informationen auf: commission.europa.eu

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