Laut der kürzlich präsentierten Industriestrategie 2035 soll Österreichs schwächelnde Industrie gezielt gestärkt werden, um das Land unter die Top 10 der wettbewerbsstärksten Volkswirtschaften der Welt zu bringen. Ab 2027 soll deshalb vor allem in neun Schlüsseltechnologien wie beispielsweise Elektronik, fortgeschrittene Produktionstechnologien/Robotik und Advanced Materials investiert werden – drei Bereiche, die für die Produktion von E-Antrieben unerlässlich sind. Eine aktuelle Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) zeigt nun auf, von welchen heimischen Industriezweigen es besonders stark abhängt, ob Österreich ein zentraler Technologiestandort in der Produktion von E-Antrieben werden könnte – und welche anderen Länder besonders hohe Erfolgsaussichten haben. Die Studie ist in ihrem Umfang einzigartig: Sie analysiert die Firmendaten von mehr als 60.000 Automobil- und Komponentenherstellern weltweit und verknüpft sie mit internationalen Handelsdaten zu über 5.000 Produktgruppen, um das konkrete Potenzial für neue Spezialisierungen und Exportchancen zu berechnen.
Spezialisierte Branchen und neue Fähigkeiten sind entscheidend
Während es bei Verbrennungsmotoren jahrzehntelang auf mechanische Kompetenzen ankam, hängt die Wettbewerbsfähigkeit bei E-Fahrzeugen vor allem von Batterien, Software und fortschrittlichen Werkstoffen ab. Entscheidend für den künftigen Erfolg in der E-Antriebsproduktion sind nicht nur bestehende Kompetenzen in der Automobilindustrie, sondern ein spezialisierter Branchenmix. Insbesondere Kompetenzen in Elektronik, Maschinenbau und bei neuen Werkstoffen sind unerlässlich. Diese sind notwendig für die Herstellung zentraler Komponenten wie Elektromotoren, Batteriesysteme und Akkus. Berechnungen der Studie ergeben: Länder, die bereits entsprechende Spezialisierungen besitzen, haben eine um 52 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, Wettbewerbsvorteile bei der Produktion von E-Antrieben durch den Ausbau neuer Kompetenzen aufzubauen und zu einem zentralen Zuliefer- und Technologiestandort zu werden.
Europa hinkt hinterher, kann aber bestehende Industriekompetenzen nutzen
China ist laut aktuellen Zahlen im Bereich der E-Antrieben sowohl als Hersteller als auch Zulieferer weltweit führend. Der globale Wettbewerbsdruck ist daher hoch und dürfte weiter steigen. Wie schnell andere Länder aufholen können, hängt stark von ihrer industriellen Basis und den benötigten Spezialisierungen ab. Neben China haben vor allem Südkorea, die USA, Kanada, Japan und das Vereinigte Königreich besonders gute Voraussetzungen, neue Kompetenzen und somit Wettbewerbsvorteile im Bereich der E-Antriebe zu entwickeln. Europa kann vor allem dann neue Exportchancen bei E-Antriebssträngen entwickeln, wenn traditionelle Industrien wie Fahrzeugtechnik, Aluminiumverarbeitung und Spezialgummierzeugnisse gezielt ausgebaut werden. Da diese Bereiche technologisch eng mit den für E-Fahrzeugen relevanten Schlüsselkompetenzen verknüpft sind, können dort den Berechnungen zufolge bis zu fünfmal mehr neue Spezialisierungen und Wettbewerbsvorteile entlang der Wertschöpfungskette für E-Fahrzeuge entstehen als in anderen Industriezweigen.
„Europa kann im globalen Wettbewerb um die Elektroantriebe bestehen, wenn es seine bestehenden industriellen Stärken gezielt als Hebel nutzt und neue Nischen besetzt. Deshalb sollte gezielt in jene Bereiche investiert werden, die ein großes Potenzial für Spezialisierungen bieten“, sagt Klaus Friesenbichler, stellvertretender Direktor des ASCII.
Große Chancen für Österreich bei Batteriekreislauf-Lösungen
Österreichs starke industrielle Basis in Maschinenbau, Elektronik sowie Metall-, Aluminium- und Werkstoffkompetenz ist laut Studie ein „Sprungbrett“ in neue Wertschöpfungsfelder von E-Antrieben, etwa bei Fertigungstechnologien, Leistungselektronik oder hochspezialisierten Produktionsanlagen. Ausgehend von einer bereits im Juni 2025 veröffentlichten ASCII-Studie zur Batterieindustrie sehen die Studienautoren besonders große Chancen in Zukunftsfeldern wie Second-Life-Anwendungen für Energiespeicher, intelligenter Batterieintegration, Batterierecycling sowie neuen Material- und Kreislauftechnologien. Gleichzeitig bleibt eine strukturelle Schwäche bestehen: Bei Batteriezellen und Permanentmagneten ist Europa – und damit auch Österreich – stark von Importen aus China abhängig.
„Österreich kann auch ohne eigene E-Auto-Produktion eine bedeutende Rolle in der europäischen Wertschöpfungskette einnehmen – als hochspezialisierter Zuliefer- und Technologiestandort. Die Chance liegt vor allem in Batterie-Kreislauflösungen sowie darin, bestehende Stärken in anderen Industriesektoren in neue Kompetenzen zu übersetzen und Abhängigkeiten zu verringern“, erklärt Peter Klimek, Studienautor und Direktor des ASCII.
„Bislang haben sich keine geeigneten Geschäftsmodelle etabliert. Viele Wirtschaftsräume und Nationen haben auch keine tragfähigen rechtlichen Rahmenbedingungen für funktionierende Batterie‑Kreislauflösungen entwickelt. Aufgrund bestehender Stärken, auch außerhalb des Automobilsektors, bietet sich die Chance, einen neuen Industriezweig aufzubauen und zusätzliche Wertschöpfung im Land zu sichern”, ergänzt Markus Gerschberger, stellvertretender Direktor des ASCII und Professor am Logistikum der FH OÖ.
Gezielte Industriepolitik als Schlüssel für Österreichs und Europas Erfolg
Die Studienautoren nennen drei zentrale Hebel für mehr Wettbewerbsfähigkeit der Produktion von E-Antrieben: Erstens sollten gezielt jene Industrien gestärkt werden, die als Brücke zur E-Antrieben dienen und als „Sprungbrett“ besonders viele neue Kompetenzen und Spezialisierungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ermöglichen. Das ist im Zentrum der Branchenentwicklung. Zweitens sollen Abhängigkeiten bei Batterien und Magneten verringert werden, zum Beispiel durch Recycling, Entwicklung von Substituten, Spezialfertigung und technologische Partnerschaften. Dies stärkt die internationale Resilienz. Drittens kann die Wirtschaftspolitik relevante Unternehmen bei der Kompetenzschaffung unterstützen – mit Förderungen sowie Investitions- und Kooperationsprogrammen.
„Wenn wir jetzt gezielt die richtigen Industrien in Richtung E-Antrieben vernetzen und stärken, entstehen neue Exportchancen und wir können europaweit eine zentrale Rolle in der Elektromobilität einnehmen – andernfalls droht Wertschöpfung an neue Cluster außerhalb Europas, insbesondere nach Asien und Nordamerika, abzuwandern“, schließt Klimek.
Über die Studie
Die Studie verknüpft Firmendaten von mehr als 60.000 Automobilzulieferern von 900 Fahrzeugkomponenten mit internationalen Handelsdaten zu über 5.000 Produktgruppen. So wird berechnet, wie nah die Industrie eines Landes technologisch an für Elektrofahrzeuge wichtigen Komponenten liegt und wie groß sein Potenzial für neue Spezialisierungen, Exportchancen und geringere Abhängigkeiten ist. Link zur veröffentlichten Studie: ScienceDirect. Weiters wurde auch die folgende ASCII-Studie von Juni 2025 zitiert: Batterielieferkette.
Weitere Informationen finden Sie unter: ascii.ac.at