Geopolitische Spannungen, fragile Lieferketten, fossile Abhängigkeiten und ein Stromsystem, das immer stärker zur Lebensader von Wirtschaft, Mobilität und Wärmeversorgung wird: Beim Trendforum von Oesterreichs Energie wurde klar, dass Österreich nicht an Zielen mangelt – sondern an Tempo, Planbarkeit und politischem Mut.
Es gibt Abende, an denen man nicht lange suchen muss, worum es eigentlich geht. Beim aktuellen Trendforum von Oesterreichs Energie stand die Frage im Raum, noch bevor die Diskussion so richtig begonnen hatte: Wie oft muss Europa eigentlich noch daran erinnert werden, dass fossile Abhängigkeit kein Geschäftsmodell ist, sondern ein geopolitisches Risiko?
Der Titel der Veranstaltung brachte es auf den Punkt: „Eigener Strom. Sichere Versorgung. Leistbare Energie.“ Oesterreichs Energie stellte das Trendforum ausdrücklich unter den Eindruck aktueller geopolitischer Spannungen, gestörter Lieferketten und der Frage, wie sich Österreich und Europa aus internationalen Energieabhängigkeiten lösen können. Diskutiert wurde mit Michael Strugl, Präsident von Oesterreichs Energie, Benedikt Ennser, Leiter der Sektion Energie im Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus, Christian Helmenstein vom Economica Institut sowie Martina Prechtl-Grundnig, Geschäftsführerin des Dachverbands Erneuerbare Energie Österreich. (oesterreichsenergie.at)
Die Energiewende kostet. Aber das Nichtstun kostet mehr.
Die wohl wichtigste Verschiebung des Abends war eine sprachliche. Weg von der ewigen Frage, was die Energiewende kostet. Hin zur unbequemeren Frage: Was kostet es, wenn wir sie nicht schaffen?
Christian Helmenstein brachte diese Perspektive in Zahlen: Österreich überweise Jahr für Jahr reale Einkommen für fossile Energieimporte ins Ausland. Dieser Transfer liege laut seiner Darstellung bei ein bis 2,5 Prozent der österreichischen Wirtschaftsleistung, in Extremfällen sogar höher. Wenn zehn Milliarden Euro für fossile Energieimporte ins Ausland fließen, entgehen Österreich nach seiner Modellrechnung jährlich rund 530 Millionen Euro an inländischer Rendite. Die Pointe daran: Eine klug gemachte Energiewende sei nicht nur Klimapolitik, sondern ökonomische Rationalität.

Ein resilientes Energiesystem entsteht nicht durch eine einzelne Technologie, sondern durch das Zusammenspiel von Windkraft, Photovoltaik, Speichern, Netzen, E-Mobilität und digitaler Steuerung. (Foto: © www.i-magazin.com / mit KI erstellt)
Damit wurde aus der Energiewende an diesem Abend keine moralische Pflichtübung, sondern ein ziemlich nüchterner Standortfaktor. Denn jeder Euro, der nicht für fossile Energieimporte abfließt, kann im Land arbeiten: bei Netzbetreibern, Elektroinstallateuren, Planern, Anlagenbauern, Speicherspezialisten, Wärmepumpenbetrieben, E-Mobilitätsunternehmen und in der Industrie.
Österreich hat ein Stromsystem mit Talent – aber noch keinen Meisterplan
Die Internationale Energieagentur stellte Österreich am selben Tag ein grundsätzlich gutes Zeugnis aus: Das Land verfüge über eine starke Basis bei erneuerbarer Stromerzeugung, Wasserkraft und Pumpspeichern. Zugleich war die Mahnung unmissverständlich: Österreich müsse Reformen rascher umsetzen, Flexibilität stärken, Kosten im Blick behalten und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sichern. Die IEA verweist darauf, dass Österreich ambitionierte Ziele verfolgt – 100 Prozent erneuerbaren Strom bis 2030 und Klimaneutralität bis 2040 –, die Umsetzung aber schneller und besser koordiniert werden müsse. (IEA)
Genau hier setzte auch Michael Strugl an. Seine Diagnose: Österreich habe in den vergangenen Jahren vor allem das ausgebaut, was am leichtesten gegangen sei – nämlich Photovoltaik. Das sei grundsätzlich gut, vor allem dort, wo Strom am Hausdach erzeugt und selbst verbraucht wird. Aber das System sei mittlerweile in eine Schieflage geraten: technologisch zu viel Photovoltaik, zu wenig Windkraft. Strugl sprach von rund zehn Gigawatt installierter Photovoltaik und davon, dass Österreich künftig 20 bis 30 Gigawatt benötigen werde – allerdings mit besserer Balance im Erzeugungsmix. Eine klügere Planung könne laut seiner Darstellung elf bis 13 Prozent Systemkosten einsparen.
Das ist für die Elektrobranche mehr als eine abstrakte Zahl. Es geht um Netze, Einspeisemanagement, Speicher, dynamische Tarife, steuerbare Verbraucher, Lastmanagement und die Frage, ob aus einzelnen Anlagen endlich ein intelligentes Gesamtsystem wird.
Negative Strompreise: Wenn das Hausdach plötzlich Teil des Systems wird
Besonders spannend wurde es dort, wo Strugl die Debatte um negative Strompreise auf die Hausdächer herunterbrach. Seine These: Wenn Strom in bestimmten Stunden keinen Wert hat oder sogar negative Preise entstehen, dann müsse dieses Signal auch dort ankommen, wo eingespeist wird. Nicht als Bestrafung, sondern als Steuerungsimpuls.
Das ist politisch heikel. Denn wer heute eine PV-Anlage besitzt, versteht sich meist als Teil der Lösung – und nicht als Kostenfaktor. Aber genau darin liegt die neue Komplexität. Photovoltaik ist nicht mehr das nette Add-on am Dach. Sie ist Systembestandteil. Wenn mittags zu viel eingespeist wird, während Verbrauch, Speicher und Netze nicht entsprechend reagieren, entsteht kein Energiesystem, sondern ein elektrisches Gedränge.
Strugl formulierte deshalb eine Richtung, die in der Branche längst diskutiert wird: Photovoltaik möglichst mit Speicher, hybride Netzanschlüsse, Flexibilität, dynamische Tarife und systemdienliche Steuerung. Das ist nicht die Abkehr vom PV-Ausbau. Es ist sein Erwachsenwerden.
Windkraft: Der fehlende Wintermuskel
Dass die Windkraft an diesem Abend so zentral wurde, war kein Zufall. Die IEA hält fest, dass Österreichs Solarboom zwar zur Diversifizierung beigetragen hat, für Versorgungssicherheit, saisonale Nachfrage und das Erreichen der Erneuerbaren-Ziele aber ein rascherer Windkraftausbau notwendig ist. Empfohlen werden schnellere Genehmigungen, bessere Koordination zwischen den Verwaltungsebenen und eine systemdienliche Planung des Erneuerbaren-Ausbaus. (IEA)
Benedikt Ennser verwies ebenfalls darauf, dass Windkraft den österreichischen PV-Vorsprung ideal ergänzen könne – besonders im Winter. Seine Botschaft: Wer Importbedarf reduzieren und Strompreise über das Jahr stabilisieren will, kommt an Windkraft nicht vorbei. Gleichzeitig zeigte die Diskussion, wie tief das Problem reicht. Es geht nicht nur um Technik, sondern um Flächen, Gemeinden, Bundesländer, Emotionen, Desinformation und manchmal um Abstimmungen, die mit wenigen Stimmen ganze Projekte kippen können.
Michael Strugl wurde hier deutlich: Es gebe auf kommunaler Ebene wahlkampfartige Zustände gegen Windprojekte, teilweise mit Behauptungen, die jeder Grundlage entbehrten. Wenn Bürgerbeteiligung auf Angstkampagnen trifft, gewinnt nicht automatisch das bessere Argument. Manchmal gewinnt einfach das lautere Gerücht.
Das EABG: Beschleunigungsgesetz mit eingebauter Handbremse?
Vieles kreiste an diesem Abend um das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz. Laut Parlament soll das EABG Verfahren zur Errichtung und zum Betrieb von Energieanlagen beschleunigen, ausreichend Flächen für Leitungsanlagen sichern und unter anderem vollkonzentrierte Genehmigungsverfahren, verschiedene Verfahrensarten, Trassenfreihaltungsverordnungen und einen integrierten Netzinfrastrukturplan verankern. Außerdem soll erneuerbare Energie samt Netz- und Speicherinfrastruktur als überragendes öffentliches Interesse festgelegt werden.
Das klingt nach Tempo. Die Debatte zeigte aber, dass zwischen Gesetzestitel und tatsächlicher Beschleunigung noch einiges passieren muss. Martina Prechtl-Grundnig kritisierte, dass Ziele und Anspruch auseinanderlaufen würden. Die im Gesetz vorgesehenen Mindestwerte der Bundesländer seien aus ihrer Sicht nicht ausreichend, insbesondere bei der Windkraft. Auch die Perspektive bis 2030 sei zu kurz, wenn eigentlich Investitions- und Ausbaupfade bis 2040 gebraucht würden.
Benedikt Ennser argumentierte pragmatischer: Es wäre historisch bereits ein erster Schritt, wenn sich Bund und Länder überhaupt rechtlich verbindlich auf eine Zielaufteilung verständigen. Das perfekte Gesetz, das nie kundgemacht wird, helfe niemandem. Auch das ist eine Wahrheit, die man in Österreich nicht unterschätzen sollte. Zwischen maximalem Anspruch und politischer Wirklichkeit liegt hierzulande oft ein sehr langer Verhandlungstisch.
Elektrifizierung: Mehr Verbraucher können das System günstiger machen
Eine der spannendsten Aussagen des Abends widerspricht dem Bauchgefühl vieler Stromkunden: Mehr Stromverbrauch kann das System günstiger machen – wenn er richtig integriert wird.
Strugl verwies darauf, dass die Kosten des Stromsystems derzeit auf zu wenige Nutzer verteilt würden. Wenn Wärme, Verkehr und Produktion stärker elektrifiziert werden, könnten diese Kosten auf mehr Anwendungen verteilt und damit verdünnt werden. In der von ihm genannten Modellierung ergibt sich daraus ein mögliches Kostensenkungspotenzial von rund 25 Prozent.
Für die Zielgruppen von i-Magazin ist das zentral. Elektrotechniker, Planer, Architekten und Industrieunternehmen stehen genau an dieser Schnittstelle: Ladeinfrastruktur, Wärmepumpen, PV, Speicher, Energiemanagement, Gebäudeautomation, Smart Meter, Lastmanagement und dynamische Tarife wachsen zusammen. Die Baustelle der Zukunft ist nicht mehr nur ein Objekt mit Stromanschluss. Sie ist ein kleiner Knoten im Energiesystem.
Benedikt Ennser brachte es in der Diskussion auf den Punkt: Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen müssten sich systemdienlich verhalten können. Bei E-Autos gehe es um bidirektionales Laden, bei Wärmepumpen um flexible Verbraucher, die nicht gegen das Netz, sondern mit dem Netz arbeiten. Schon wenn fünf Prozent dieser neuen Verbraucher systemdienlich agieren, könne das dem Kunden und dem Stromsystem helfen.
Speicher allein lösen nichts – wenn sie zur falschen Zeit voll sind

Die Energiewende ist nicht nur Klimapolitik, sondern auch Standortpolitik: Ein klüger geplanter Erzeugungsmix, mehr Elektrifizierung und systemdienliches Verhalten können die Kosten im Stromsystem deutlich senken. (Bild: © www.i-magazin.com / mit KI erstellt)
Sehr richtig war auch der Hinweis, dass Speicher nicht automatisch Systemdienlichkeit bedeuten. Ein Speicher, der um zehn Uhr vormittags voll ist und danach die PV-Spitze weiterhin ins Netz laufen lässt, ist technisch vorhanden, aber systemisch schlecht genutzt. Genau hier beginnt die Aufgabe für die Elektro- und Gebäudeautomation: Speicher müssen nicht nur installiert, sondern intelligent geführt werden.
Das betrifft Einfamilienhäuser ebenso wie Gewerbebetriebe, Quartiere, Energiegemeinschaften und Industriebetriebe. Wer Speicher künftig nur als Batteriebox verkauft, greift zu kurz. Der Speicher wird zum Betriebsmittel im Energiesystem – und damit zur Planungs-, Steuerungs- und Softwarefrage.
Die eigentliche Botschaft: Österreich muss vom Zielmodus in den Umsetzungsmodus
Das Trendforum zeigte eine bemerkenswerte Einigkeit in der Grundrichtung: Österreich braucht mehr heimische Erzeugung, mehr Windkraft, schnellere Verfahren, bessere Netze, mehr Speicher, mehr Flexibilität, mehr Elektrifizierung und weniger fossile Abhängigkeit. Uneinigkeit gab es eher bei der Frage, wie hart Politik und Verwaltung die Bundesländer, Gemeinden und Projektgegner in die Pflicht nehmen sollen.
Michael Strugl formulierte die zentrale politische Botschaft des Abends am schärfsten: Es gehe nicht mehr um Ziele, sondern um Umsetzung. Dafür brauche es Gesetze, Regulatorik, schnellere Verfahren, politische Entscheidungen und Rechtssicherheit. Die geopolitische Volatilität sei das neue Normal. Energiepolitik werde künftig daran zu messen sein, wie handlungsfähig und resilient Österreich gegenüber externen Schocks ist.
Das klingt pathetisch. Aber es ist wahrscheinlich präziser, als uns lieb ist.
Warum das die Elektrobranche unmittelbar betrifft
Für Elektrotechniker, Planer, Architekten und Industrie ist diese Debatte keine ferne energiepolitische Kulisse. Sie entscheidet darüber, welche Geschäftsmodelle entstehen, welche Investitionen möglich werden und welche Kompetenzen künftig gefragt sind.
Die Energiewende wird nicht im Ministerium montiert. Sie wird geplant, genehmigt, verkabelt, programmiert, abgesichert, geregelt, gewartet und erklärt. Sie braucht Netze, Schaltschränke, Messsysteme, Wechselrichter, Speicher, Ladepunkte, Wärmepumpen, Gebäudeleittechnik, Schutztechnik, Normenwissen und Menschen, die das alles in funktionierende Systeme verwandeln.
Genau deshalb war dieses Trendforum mehr als eine energiepolitische Abendveranstaltung. Es war ein Blick auf die kommende Arbeitsrealität einer ganzen Branche.
Fazit: Die Abhängigkeit ist teuer. Die Ausrede auch.
Österreich hat eine gute Ausgangslage: viel Wasserkraft, starke Netzkompetenz, wachsende Photovoltaik, industrielle Erfahrung, innovative Unternehmen und eine Elektrobranche, die grundsätzlich liefern kann. Die IEA bestätigt diese Stärken, mahnt aber zugleich mehr Tempo, klarere Governance und schnellere Umsetzung ein.
Die eigentliche Schwachstelle liegt daher nicht in der Technologie. Sie liegt in der politischen und administrativen Übersetzung. Wenn jedes Windrad zur Grundsatzdebatte wird, jede Leitung zum Geduldsspiel, jeder Speicher zur Regulierungsfrage und jedes Gesetz zum föderalen Ringkampf, dann ist nicht das Stromsystem zu langsam. Dann ist das Entscheidungssystem überfordert.
Oder anders gesagt: Österreich weiß ziemlich genau, wohin es muss. Jetzt müsste es nur noch losgehen.