Der Blackout auf der Iberischen Halbinsel war kein Beweis gegen Photovoltaik, Windkraft oder die Energiewende. Er war ein Spannungskrimi. Dem i-Magazin liegen Unterlagen sowie die Aufnahme eines Vortrags vor Fachpublikum vor, in dem DI Klaus Kaschnitz, Leiter des Bereichs System bei Austrian Power Grid, eine technische Rekonstruktion liefert, wie sie in dieser Tiefe bisher kaum öffentlich dargestellt wurde. Die Spur führt nicht zu „zu viel Erneuerbaren“, sondern zu Überspannung, Blindleistung, Schutzabschaltungen, Regelungslücken und einem System, dem in den entscheidenden Sekunden die Reserven ausgingen.
Inhalt im Überblick
Der Iberian Blackout vom 28. April 2025 war laut Expertenmeinungen der schwerste Stromausfall im kontinentaleuropäischen Verbundnetz seit über 20 Jahren – und zugleich ein Ereignis „first of its kind“: ein Blackout durch Überspannungskollaps.
Die Ursache war keine einzelne Fehlfunktion und auch nicht „zu viel Erneuerbare“, sondern eine Kombination mehrerer Faktoren: hohe zulässige Spannung in Spanien, unzureichende dynamische Spannungsregelung, Blindleistungsprobleme, Oszillationen, manuell betriebene Drosseln, ungeeignete Schutzeinstellungen und eine Kaskade von Erzeugungsabschaltungen.
DI Klaus Kaschnitz, Leiter des Bereichs System bei Austrian Power Grid, war in die europäische Aufarbeitung des Iberian Blackouts unmittelbar eingebunden und erläuterte vor Fachpublikum und vor dem i-Magazin-Mikro die Ergebnisse des Final Reports. Sein Vortrag lieferte jene technische Tiefenschärfe, die in der öffentlichen Debatte bislang kaum vorkam.
Ein Blackout. Viele Meinungen. Und eine Spur, die woandershin führt.
Es gibt Geschichten, die sind zu bequem, um wahr zu sein. Und es gibt technische Ereignisse, die so komplex sind, dass sie in der öffentlichen Debatte fast zwangsläufig verstümmelt werden. Der Iberian Blackout vom 28. April 2025 gehört zur zweiten Kategorie.
Kaum war auf der Iberischen Halbinsel das Licht ausgegangen, war vielerorts bereits der Schuldige gefunden: zu viel Photovoltaik, zu viel Windkraft, zu wenig konventionelle Erzeugung. Die Erzählung war griffig, politisch brauchbar und medial schnell verwertbar. Nur hatte sie einen entscheidenden Schönheitsfehler: Sie erklärte nicht, was tatsächlich passiert war.
Dem i-Magazin liegen nun jene Unterlagen vor, die eine andere, wesentlich präzisere Geschichte erzählen: fachliche Unterlagen von DI Klaus Kaschnitz, Leiter des Bereichs System bei Austrian Power Grid, sowie die Aufnahme seines Vortrags vor Fachpublikum. Es war kein Schlagabtausch für Talkshows, keine energiepolitische Lagerrede, kein Versuch, ein Narrativ zu retten. Sondern eine technische Rekonstruktion eines Störfalls, dessen Ursachen in dieser Tiefe bislang kaum öffentlich beschrieben wurden.
Kaschnitz sprach vor dem i-Magazin-Mikro nicht über Gerüchte. Er sprach über Spannungsverläufe, Blindleistung, Schutzabschaltungen, Oszillationen, Drosseln, Anschlussbedingungen und jenen Punkt, an dem ein Stromsystem nicht mehr zurückgeholt werden kann.
Und genau darin liegt die Brisanz: Der spanische Blackout war nach dieser Darstellung kein Blackout wegen „zu viel Erneuerbarer“. Er war ein Überspannungskollaps – ein Ereignis, das im kontinentaleuropäischen Verbundsystem in dieser Form bislang nicht aufgetreten war.
Oder anders gesagt: Die Sonne war nicht der Täter. Das Netz verlor die Kontrolle über seine Spannung.
Der Mann aus dem Maschinenraum
Wer verstehen will, warum diese Einordnung Gewicht hat, muss wissen, wer sie vorgenommen hat. DI Klaus Kaschnitz leitet bei Austrian Power Grid den Bereich System. In diesen Verantwortungsbereich fallen laut Anmoderation und Vortrag Systementwicklung, Markt, Versorgungssicherheit und Betriebsführung – also genau jene Schnittstelle, an der sich entscheidet, ob Strommärkte, Erzeugungsanlagen, Schutzkonzepte und Netzbetrieb im Ernstfall zusammenpassen.
Kaschnitz berichtete nicht aus zweiter Hand über ein abstraktes Ereignis. Er erläuterte vor Fachpublikum die Ergebnisse jener europäischen Aufarbeitung, die nach dem Iberian Blackout eingerichtet wurde. Das Expert Panel umfasste laut vorliegenden Unterlagen 49 Mitglieder: 30 Vertreter von ACER und Regulierungsbehörden sowie 19 Mitglieder von Übertragungsnetzbetreibern, Regional Coordination Centers und ENTSO-E-Gremien.
Damit ist klar: Was hier vorliegt, ist keine Meinung aus dem energiepolitischen Maschinenraum. Es ist eine technische Rekonstruktion aus dem Inneren des europäischen Stromsystems.
Und genau deshalb ist sie für die öffentliche Debatte so wichtig.
Der Tatort: 12:32 Uhr
Es gibt Blackouts, die beginnen mit einem Knall. Dieser begann mit einem scheinbar trockenen technischen Begriff: Blindleistung.
Um 12:32 Uhr war das spanische Stromsystem noch nicht tot. Es atmete. Unruhig vielleicht, aber es lebte. Die Frequenz war noch weitgehend dort, wo sie sein sollte. Die Verbindung zum kontinentaleuropäischen Netz bestand. Und doch hatte sich im Inneren des Systems längst etwas aufgebaut, das gefährlicher war als ein klassischer Frequenzabfall: Spannung. Zu viel Spannung.
In den Kurven der dem i-Magazin vorliegenden Unterlagen wirkt der Beginn fast harmlos. Eine Linie steigt. Dann noch eine. Dann springt sie. Und plötzlich wird aus einem elektrischen Netz ein Patient, dessen Blutdruck durch die Decke geht.
Um 12:32:57 verabschiedeten sich in der Region Granada rund 355 Megawatt Erzeugung aus Wind, Photovoltaik und Thermosolar. Es war nicht nur die Wirkleistung, die fehlte. Entscheidend war auch der Verlust von Blindleistungsbezug. Genau jene Größe also, mit der im Stromsystem Spannung beherrscht wird.
Wenige Sekunden später, um 12:33:16, folgten 727 Megawatt in Badajoz. Um 12:33:17 kamen weitere 928 Megawatt in Segovia, Huelva, Badajoz, Sevilla und Cáceres hinzu. Damit war die Kaskade nicht mehr Theorie. Sie war Realität.
Und dann fiel das System nicht mehr. Es stürzte.

Sekunden entschieden über den Kollaps: Die Timeline zeigt, dass zuerst die Spannung außer Kontrolle geriet – nicht die Frequenz. (Bild: www.i-magazin.com / mit KI erstellt)
Der falsche Verdächtige: „zu viel Erneuerbare“
Kaum war der Strom weg, war für viele die Schuldfrage beantwortet. Zu viel Photovoltaik. Zu viel Wind. Zu wenig konventionelle Kraftwerke. Ein Netz, das die Energiewende angeblich nicht verträgt.
Das klingt einfach. Und genau deshalb ist es gefährlich.
Denn der Vortrag von Kaschnitz zeichnet ein anderes Bild: Nicht die Existenz erneuerbarer Erzeugung war das Problem. Problematisch war, wie diese Anlagen ans Netz angeschlossen waren. Ein großer Teil der erneuerbaren Erzeuger in Spanien arbeitete mit konstantem Leistungsfaktor, also konstantem cos phi. Das bedeutet: Ändert sich die Wirkleistung, ändert sich proportional auch die Blindleistung. Die Anlage reagiert damit nicht dynamisch auf die Spannung, sondern koppelt ihr Blindleistungsverhalten an ihre Wirkleistung.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Erneuerbare Energien sind technisch in der Lage, Spannung aktiv zu stützen. Wechselrichter können das. Die Technologie ist nicht der Engpass. Der Engpass liegt in Anschlussbedingungen, Regelwerken und Betriebsweisen. Kaschnitz brachte es in seinem Vortrag sinngemäß auf den Punkt: Es ist keine Technologiefrage, sondern eine Frage, wie Anlagen ans Netz genommen werden.
Mit anderen Worten: Nicht die Erneuerbaren waren der Täter. Die Tatwaffe war ein Systemdesign, das in einem dynamischen Stromsystem zu wenig dynamisch reagierte.
Die Spur führt zur Spannung – nicht zur Frequenz
Wer über Blackouts spricht, denkt meist an Frequenz. 50 Hertz. Sinkt die Frequenz, wird es gefährlich. Steigt sie, ebenfalls. Schutzsysteme, Lastabwürfe, automatische Maßnahmen – vieles im europäischen Stromsystem ist darauf ausgerichtet, Frequenzabweichungen zu erkennen und zu bekämpfen.
Doch dieser Fall war anders.
Beim Iberian Blackout lag die Frequenz zunächst noch innerhalb jenes Bereichs, in dem die klassischen automatischen Systemschutzpläne gar nicht in der Lage waren, den eigentlichen Angriff abzuwehren. Denn der Angriff kam nicht über die Frequenz. Er kam über die Spannung.
Die Spannung stieg. Und mit jedem Anstieg lösten weitere Anlagen aus. Diese Abschaltungen führten wiederum zu weiteren Blindleistungsverlusten. Dadurch stieg die Spannung weiter. Das System begann, sich selbst zu beschleunigen – wie ein Ermittlungsfall, in dem jeder neue Hinweis den nächsten Mord auslöst.
Ab einem bestimmten Punkt war der „Point of no return“ erreicht. Kaschnitz beschreibt diesen Punkt klar: Nachdem mehrere große Erzeugungsausfälle erfolgt waren und die Spannung jenseits jener Bereiche lag, in denen Anlagen aus Schutzgründen vom Netz gehen, war das System nicht mehr zu retten.
Erst danach begann die Iberische Halbinsel, die Synchronität mit Kontinentaleuropa zu verlieren. Erst danach kam es zum Frequenzabfall, zur Trennung der AC-Leitungen nach Frankreich und Marokko und schließlich zum vollständigen Blackout.
Das ist für die Einordnung entscheidend. Denn es widerlegt die einfache Erzählung vom klassischen Erzeugungsmangel. Das System scheiterte nicht zuerst daran, dass zu wenig Wirkleistung vorhanden gewesen wäre. Es scheiterte an einer Spannungskaskade.

Aufklärung statt Mythos: Der Spanien-Blackout war vor allem ein Spannungsproblem – kein Beweis gegen die Energiewende. (Bild: www.i-magazin.com / mit KI erstellt)
Spaniens Sonderrolle: näher am Abgrund
Ein Stromnetz hat Grenzen. In weiten Teilen Europas liegt die obere Spannungsgrenze im 400-kV-Netz bei 420 kV. Spanien aber durfte sein Übertragungsnetz bis 435 kV betreiben. Das war im konkreten Fall keine Nebensache, sondern ein Teil der Vorgeschichte.
Denn wer näher an der Abschaltgrenze fährt, hat weniger Reserve. Weniger Puffer. Weniger Sekunden, wenn die Spannung plötzlich steigt.
Die dem i-Magazin vorliegenden Unterlagen zeigen, dass es ab etwa 10:30 Uhr erste größere Spannungsschwankungen in Spanien gab. Portugal lag mit seiner Spannungsgrenze bei 420 kV niedriger. Spanien hingegen hatte mit 435 kV eine Sonderrolle.
Das war nicht allein die Ursache des Blackouts. Aber es war ein Teil des Tatorts. Ein Raum, in dem der Sauerstoff bereits knapp war, bevor das Feuer ausbrach.
Blindleistung: der unscheinbare Hauptdarsteller
Blindleistung ist kein Begriff, mit dem man auf Partys punktet. Im Stromnetz aber entscheidet sie darüber, ob Spannung stabil bleibt oder davonläuft.
Wirkleistung ist das, was Arbeit verrichtet: Licht, Wärme, Bewegung. Blindleistung ist das, was elektrische und magnetische Felder in Betriebsmitteln aufbaut und für die Spannungsführung gebraucht wird. Wer Spannung regeln will, muss Blindleistung beherrschen.
Genau hier lag eines der Kernprobleme.
Viele erneuerbare Anlagen in Spanien waren nicht so angebunden, dass sie dynamisch auf die Spannung reagierten. Ihr Blindleistungsverhalten hing an der Wirkleistung, nicht an der Spannung. Wenn also die Wirkleistung aus Marktgründen, technischen Gründen oder durch Schutzabschaltungen sank, veränderte sich auch die Blindleistung.
Das ist in einem ruhigen System lästig. In einem angespannten System kann es tödlich werden.
Denn ein Stromsystem ist kein Möbelstück, das man einmal hinstellt und dann bleibt es stabil. Es ist ein permanenter Ausgleichsvorgang. Jede Erzeugung, jede Last, jede Leitung, jede Schalthandlung wirkt hinein. Spannung muss geführt werden. Blindleistung muss verfügbar sein. Und Anlagen müssen sich so verhalten, dass sie im Ernstfall Teil der Lösung sind – nicht Teil der Kaskade.
Auch konventionelle Kraftwerke waren nicht die rettende Kavallerie
Wer nun glaubt, die konventionellen Kraftwerke hätten das Problem auffangen müssen, liegt im Prinzip richtig – aber in der Praxis falsch.
Denn auch bei konventionellen Kraftwerken zeigte der Vortrag Schwächen. Die geltenden Anforderungen an das Q-Verhalten – also an das Blindleistungsverhalten – enthielten keine ausreichenden Vorgaben für dynamisches Verhalten. Zudem gab es laut vorliegenden Unterlagen keine wirtschaftlichen Konsequenzen, wenn das Q-Verhalten nicht der 75-Prozent-Regel entsprach. Einige Generatoren wichen von den geltenden Anforderungen ab.
Das ist mehr als eine technische Fußnote.
Es bedeutet: Auch jene Anlagen, die traditionell als Stabilitätsanker gelten, erfüllten nicht in jeder Situation die Rolle, die das System gebraucht hätte. Nicht, weil sie prinzipiell unfähig wären. Sondern weil Regeln, Anreize und Überwachung nicht ausreichend scharf waren.
In einem Krimi wäre das jener Moment, in dem der vermeintliche Zeuge nicht lügt – aber Entscheidendes verschweigt.
Oszillationen: Die richtige Maßnahme mit gefährlicher Nebenwirkung
Rund eine halbe Stunde vor dem Blackout traten Oszillationen auf. Schwingungen im Netz. Für Systemoperatoren sind solche Schwingungen Gift. Sie müssen gedämpft werden, und zwar schnell.
Die gute Nachricht: Die Maßnahmen wirkten. Die Oszillationen wurden erfolgreich gedämpft. Die schlechte Nachricht: Die Maßnahmen führten naturgemäß zu einem Spannungsanstieg – noch innerhalb der Grenzwerte, aber in einem System, das ohnehin bereits wenig Reserve hatte.
Dabei wurden unter anderem der Export Spaniens reduziert und Leitungen zugeschaltet, um die Impedanz zu verringern. Das entlastete Teile des Übertragungsnetzes. Doch ein weniger ausgelastetes Übertragungsnetz verhält sich kapazitiver. Und ein kapazitiveres Netz neigt zu Spannungsanstieg.
Wieder kein einzelner Fehler. Wieder kein einfacher Schuldiger. Sondern ein Netz, in dem eine richtige Maßnahme an einer Stelle an anderer Stelle den Druck erhöhte.
Genau das macht diesen Fall so lehrreich. Versorgungssicherheit entscheidet sich nicht nur an der Frage, ob eine Maßnahme technisch richtig ist. Sie entscheidet sich auch daran, welche Nebenwirkungen diese Maßnahme in einem ohnehin angespannten System auslöst.
Kleine PV-Anlagen: nicht der Täter, aber Teil der Kettenreaktion
Besonders interessant ist ein Detail, das laut Vortrag erst spät in die Analyse eingeflossen ist: Daten eines Wechselrichterherstellers mit hoher Durchdringung in Spanien zeigten, dass bereits eineinhalb Stunden vor dem Blackout kleine PV-Anlagen unter 1 MW vom Netz gingen. Vermutlich aufgrund von Überspannungsschutz.
Die vorliegenden Unterlagen zeigen Abschaltungen kleiner PV-Anlagen und gleichzeitig den Anstieg der Leistung vom Übertragungsnetz zu den Verteilernetzen.
Intuitiv könnte man meinen: Wenn PV im Verteilnetz ausfällt, muss das Übertragungsnetz mehr liefern und wird stärker belastet. In bestimmten Exportregionen kann aber genau das Gegenteil passieren. In Regionen mit Erzeugungsüberschuss – etwa im Südwesten Spaniens – führte die veränderte Lastflussverteilung zu geringerer Belastung von Übertragungsleitungen. Und geringere Leitungsbelastung wiederum führte zu kapazitiverem Verhalten und damit zu weiterem Spannungsanstieg.
Das ist der Moment, in dem aus einem technischen Detail ein dramaturgischer Wendepunkt wird.
Denn die kleinen Anlagen waren nicht bloß Statisten. Sie waren Teil der Kettenreaktion. Nicht, weil Photovoltaik als Technologie das Problem wäre. Sondern weil auch kleine Anlagen in einem modernen Stromsystem systemdienlich reagieren müssen.
Drosseln: Die Reserve war da – aber sie kam zu spät
Drosseln sind im Netz jene Betriebsmittel, die Blindleistung aufnehmen und damit Spannung senken können. In Spanien waren um 12:32 Uhr rund 58 Prozent der Drosselkapazitäten zugeschaltet. Die restlichen Kapazitäten waren vorhanden – aber sie konnten nicht rechtzeitig aktiviert werden.
Warum? Weil diese Drosseln manuell geschaltet wurden.
Das ist im Normalbetrieb nicht ungewöhnlich. Aber in einem Ereignis, das sich in Sekunden zuspitzt, ist manuelle Bedienung zu langsam. Laut Vortrag war die Spannung eine halbe Minute oder Dreiviertelminute vor dem Blackout noch unter 420 kV. Es gab also aus Sicht der Operatoren kaum Anlass, sofort zusätzliche Drosseln zuzuschalten. Dann aber ging alles zu schnell.
Die Kapazität war da. Die Zeit nicht.
Das ist vielleicht eine der bittersten Erkenntnisse dieser Analyse: Das System hatte noch Mittel zur Gegenwehr. Aber sie lagen hinter einer Tür, die sich nur händisch öffnen ließ – während der Brand bereits durch den Gang raste.
Schutzeinstellungen: Wenn Schutz zur Beschleunigung wird
Schutzsysteme sollen Anlagen retten. Sie verhindern, dass Betriebsmittel beschädigt werden. Im Normalfall sind sie Lebensversicherung. In einer Kaskade können sie aber zum Beschleuniger werden.
Die dem i-Magazin vorliegenden Unterlagen halten fest, dass einige Schutzeinstellungen nicht den Anforderungen und Systemerfordernissen entsprachen. Das galt auch für Spannungskonzepte mancher privater Netze hinter dem Anschlusspunkt zum öffentlichen Netz.
Wenn Anlagen bei zu niedrigen Schwellen vom Netz gehen, fehlt dem System genau in der Krise, was es am dringendsten bräuchte: Stabilität, Blindleistung, Verhaltenstreue.
Auch hier geht es nicht um Schuldzuweisung an eine einzelne Technologie. Es geht um die nüchterne Erkenntnis, dass Schutz, Anschlussbedingungen und Systembedarf zusammenpassen müssen. Sonst schützt jede Anlage sich selbst – und das Gesamtsystem verliert.
Der Root Cause Tree: Kein Täter, sondern ein Komplott technischer Faktoren
In den dem i-Magazin vorliegenden Unterlagen findet sich ein vereinfachter Root Cause Tree. Und dieser Root Cause Tree ist vielleicht die wichtigste Spur der gesamten Analyse.
Er sagt nicht: Photovoltaik war schuld.
Er sagt nicht: Windkraft war schuld.
Er sagt nicht: Konventionelle Kraftwerke hätten alles verhindert.
Er sagt: Keine einzelne Ursache führte zum Blackout, sondern eine Kombination mehrerer Faktoren.
Diese Faktoren waren: eine geringe Reserve zwischen Spannungsgrenzwert und Abschaltgrenzwert auf der 400-kV-Ebene, Blindleistung von Erneuerbaren unabhängig von der Spannungshöhe, keine effektive Spannungsregelung durch konventionelle Kraftwerke, geringere Belastung von Übertragungsleitungen aufgrund geänderter Lastflussverteilung, abgeschaltete Drosseln aufgrund manueller Betriebsweise und der Verlust an Blindleistungsverbrauch von Erzeugungsanlagen.
Das ist die eigentliche Geschichte.
Nicht ein Täter. Nicht ein Motiv. Nicht ein politisches Lager, das recht hatte.
Sondern ein System, in dem mehrere Sicherheitsabstände gleichzeitig kleiner wurden. Ein System, das nicht an einem Schnitt verblutete, sondern an vielen kleinen Wunden zugleich.

Der Root Cause Tree zeigt: Der Blackout in Spanien und Portugal hatte keine einzelne Ursache. Entscheidend war eine Kaskade technischer Faktoren, die zu einem schnellen Spannungsanstieg und schließlich zum Überspannungskollaps führte. (Bild: www.i-magazin.com / mit KI erstellt)
Warum die Erneuerbaren-Erzählung so bequem ist
Die These vom „Blackout wegen zu viel Erneuerbarer“ ist deshalb so erfolgreich, weil sie einfach ist. Sie passt in Schlagzeilen, Stammtische und politische Reflexe. Sie braucht keine Blindleistung, keine Q-Kennlinien, keine Spannungsgrenzwerte und keine Root-Cause-Trees.
Aber sie erklärt diesen Blackout nicht.
Der spanische Blackout war kein Menetekel gegen Sonne und Wind. Er war ein Menetekel gegen veraltete Anschlussbedingungen, unzureichende dynamische Spannungsregelung, ungeeignete Schutzeinstellungen und zu langsame Betriebsmechanismen in einem System, das längst schneller geworden ist als seine alten Regeln.
Das ist unbequemer. Aber es ist näher an der Wahrheit.
Denn die Energiewende macht das Stromsystem nicht automatisch unsicher. Sie macht nur sichtbar, wo das alte Systemdesign nicht mehr reicht.
Was Europa daraus lernen muss
Die 22 Empfehlungen des Final Reports gruppieren sich laut vorliegenden Unterlagen in fünf Bereiche: Spannungsregelung, Oszillationen, Abschaltungen, Systemschutzpläne und Netzwiederaufbau. Darüber steht die Notwendigkeit, gesetzliche und rechtliche Rahmenbedingungen anzupassen, damit die Weiterentwicklung des Systems tatsächlich umgesetzt werden kann.
Besonders zentral sind dabei:
- Spannungsgrenzen müssen harmonisiert werden.
- Erzeugungsanlagen müssen dynamisch zur Spannungsregelung beitragen.
- Schutzeinstellungen müssen überprüft werden.
- Auch kleine Anlagen brauchen künftig ein geeignetes Verhalten bei hoher Spannung.
- Systemschutzpläne müssen rasche Spannungsänderungen berücksichtigen.
- Drosseln und andere Betriebsmittel dürfen in kritischen Situationen nicht nur manuell verfügbar sein.
- Netzwiederaufbau, Schwarzstartfähigkeit, Übungen und Kommunikation müssen verbessert werden.
Das klingt technisch. Ist aber politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich hoch relevant.
Denn Versorgungssicherheit entsteht nicht durch Nostalgie. Sie entsteht durch Regeln, Technik, Daten, Automatisierung und klare Verantwortung.

Nicht gegen Erneuerbare arbeiten, sondern das System klüger machen: Der Spanien-Blackout zeigt, dass Versorgungssicherheit ein modernes Regelwerk braucht (Bild: www.i-magazin.com / mit KI erstellt)
Die eigentliche Lehre: Das Netz muss schneller werden
Der Blackout zeigt nicht, dass die Energiewende unmöglich ist. Er zeigt, dass Stromsysteme nicht mehr mit alten Betriebslogiken geführt werden können, wenn sich Erzeugungsstruktur, Lastflüsse und Dynamik verändern.
Ein modernes Stromsystem braucht erneuerbare Erzeugung. Aber es braucht erneuerbare Erzeugung, die systemdienlich angeschlossen wird. Es braucht Wechselrichter, die nicht nur einspeisen, sondern Spannung stützen. Es braucht konventionelle Kraftwerke, die ihre Rolle in der Spannungsregelung tatsächlich erfüllen. Es braucht Netzbetreiber, die Betriebsmittel automatisiert und rechtzeitig einsetzen können. Es braucht Schutzkonzepte, die nicht nur die einzelne Anlage retten, sondern das Gesamtsystem mitdenken.
Und es braucht eine öffentliche Debatte, die nicht bei der erstbesten ideologischen Erklärung stehen bleibt.
Denn wer aus dem spanischen Blackout nur den Satz macht, „die Erneuerbaren waren schuld“, hat nicht verstanden, worum es ging. Oder will es nicht verstehen.
Fazit: Es war nicht die Sonne
Am Ende dieser Geschichte bleibt kein einfacher Täter übrig. Kein Solarmodul mit rauchendem Colt. Kein Windrad, das im Dunkel verschwindet. Kein ideologischer Beweis gegen die Energiewende.
Was bleibt, ist ein hochkomplexer Spannungskrimi, in dem viele kleine Entscheidungen, Betriebsweisen und Regelungslücken zusammenfielen. Ein Netz mit zu wenig Reserve. Anlagen, die Blindleistung nicht dynamisch genug bereitstellten oder aufnahmen. Konventionelle Kraftwerke, deren Spannungsregelung nicht ausreichend wirksam war. Oszillationen, deren erfolgreiche Bekämpfung den Spannungsdruck erhöhte. Kleine PV-Anlagen, die bereits vorher ausstiegen. Drosseln, die vorhanden waren, aber nicht schnell genug geschaltet werden konnten. Schutzeinstellungen, die das System nicht zusammenhielten, sondern die Kaskade beschleunigten.
Das ist weniger bequem als die Parole vom „Erneuerbaren-Blackout“. Aber es ist näher an der Wahrheit.
Der spanische Blackout war kein Argument gegen die Energiewende. Er war ein Warnsignal an Netzbetreiber, Regulatoren, Politik, Hersteller und Betreiber: Wer ein hochdynamisches Stromsystem betreibt, muss Spannung, Blindleistung und Schutzverhalten genauso ernst nehmen wie Megawatt und Marktpreise.
Oder anders gesagt:
Das Licht ging nicht aus, weil Spanien zu viel Zukunft im Netz hatte.
Es ging aus, weil das Netz an entscheidenden Stellen noch zu viel Vergangenheit in seinen Regeln trug.