Mit 4,4 MW Ladeleistung wird Amstetten unter Jürgen Hürner zum E‑Mobilitätsknoten:

Strom für morgen, heute schon gedacht

von Nakisa Kaltenbach
von Thomas Buchbauer – Recherche, Konzept und Kuration Foto: © Stadtwerke Amstetten

Die EU will die CO₂-Emissionen im Verkehrssektor bis 2030 um mindestens 55 Prozent senken. Ein zentraler Hebel: die Elektrifizierung der Mobilität. In Amstetten, unweit der Autobahnanschlussstelle Amstetten West, zeigt man bereits heute, wie konkrete Lösungen aussehen. Am 19. September 2025 wurde im Rahmen der Europäischen Mobilitätswoche der neue Ladepark feierlich eröffnet – im Beisein von Bundesminister Norbert Totschnig, Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf, Bürgermeister Christian Haberhauer und zahlreichen Vertreter:innen aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Was das Projekt besonders macht: Es wurde nicht nur in Rekordzeit umgesetzt, sondern ist gleichzeitig regional verwurzelt, technisch zukunftssicher und gesellschaftlich anschlussfähig. Jürgen Hürner, Geschäftsführer der Stadtwerke Amstetten, hat i‑Magazin-Chefredakteur Thomas Buchbauer im ausführlichen Gespräch Einblick in Philosophie, Umsetzung und Wirkung des Projekts gegeben.

„Wir haben Infrastruktur als Einladung gedacht.“

Herr Hürner, die Eckdaten des neuen Ladeparks sind beeindruckend. Können Sie uns zum Einstieg erzählen, wie es zur Realisierung kam?

Jürgen Hürner, Geschäftsführer Stadtwerke Amstetten: Elektromobilität war für uns kein spontanes Trendthema. Schon seit vielen Jahren betreiben wir ein engmaschiges AC-Ladenetz in Amstetten mit aktuell 45 Ladepunkten. Wir sind überzeugt davon, dass die Verkehrswende kommt – und wollten nicht nur zuschauen, sondern mitgestalten. Die Idee für den Ladepark entstand dann aus dem Gedanken heraus: Was wäre, wenn wir unser Wissen, unsere Netzinfrastruktur und unsere regionale Stärke bündeln, um ein sichtbares Signal zu setzen?

Der Standort „auf der Oiden“ – nahe der A1 – war für uns strategisch ideal. Wir haben dort ein Entwicklungsgebiet in unserem eigenen Netzgebiet. Das war entscheidend: So konnten wir die gesamte Netzplanung selbst gestalten – ohne externe Netzbetreiber – und bereits im Vorfeld eine Anschlussleistung von 8 Megawatt sichern. Auch die Gründung der Tochtergesellschaft „Ladewerke Amstetten GmbH“ war ein bewusster Schritt. Sie erlaubt es uns, Projekte mit mehreren Partnern rechtssicher und wirtschaftlich schlank umzusetzen.

„Unser Modell: Infrastruktur bereitstellen – Verantwortung absichern.“

Der Ladepark wurde mit drei Ladebetreibern umgesetzt. Wie funktioniert dieses Modell konkret?
Hürner: Wir sind hier kein klassischer Betreiber von Ladepunkten. Unsere Aufgabe ist es, die Fläche und die Infrastruktur bereitzustellen – von der Stromversorgung über die Tiefbauarbeiten bis zur Erschließung. Die Ladepunkte selbst werden von drei Partnern betrieben: EVN, Ionity und Tesla. Jeder hat seinen eigenen Trafo, eigenen Technikbereich – aber alle nutzen dieselbe gemeinsam erschlossene Fläche. Die vertragliche Grundlage bildet ein langfristiges Mietmodell mit stabiler Einnahmebasis für uns. Dieses Konstrukt hat für uns mehrere Vorteile: Es reduziert wirtschaftliches Risiko, erhöht die politische Akzeptanz – und erlaubt uns, technologisch unabhängig zu bleiben.

„400 kW Ladeleistung sind Realität – aber auch nur ein Teil der Geschichte.“

Wie sehen die technischen Spezifikationen aus?

Hürner: Der Ladepark umfasst aktuell 38 Ladepunkte mit bis zu 400 kW Leistung – bei 50 geplanten im Vollausbau. Das heißt: Ein E-Auto kann, je nach Batterie, in fünf bis zehn Minuten Energie für 200 bis 300 Kilometer Reichweite laden. Die Gesamtanschlussleistung beträgt derzeit 4,4 MW – an diesem Standort sind allerdings grundsätzlich bis zu 8 MW möglich. EVN und Tesla nutzen jeweils 1,6 MW, Ionity 1,2 MW. Die Technik ist herstellerabhängig – Gleichrichter integriert oder ausgelagert, Leistungsmanagement, OCPP, Backend – das liegt in der Verantwortung der Anbieter.
Wichtig ist: Wir haben zusätzlich 10 weitere Ladeplätze bereits vorinstalliert, um kurzfristig erweitern zu können. Und langfristig sind auch neue Standorte möglich – denn die Skalierbarkeit war von Anfang an Teil der DNA dieses Projekts.

„Speicher sind keine Option – sie sind Notwendigkeit.“

Welche Rolle spielen Erzeugung und Speicher in Ihrem Gesamtkonzept?
Hürner: Eine sehr große. Wir haben ein eigenes Laufwasserkraftwerk und bauen gerade massiv PV-Kapazitäten aus – aktuell 3 MW in Betrieb, Ziel: 20 MW. Dazu kommt seit Kurzem ein 2 MWh Lithium-Ionen-Batteriespeicher, direkt in Kombination mit dem Kraftwerk. Unser Ansatz ist klar: Wir wollen Eigenverbrauch optimieren und netzdienliche Pufferkapazitäten aufbauen.

Spannend wird das vor allem in der Kombination mit Nachtverbrauchern wie z. B. den neuen E-Stadtbussen. Die laden dann, wenn unser Kraftwerk am meisten Überproduktion hat – nachts. Speicher helfen uns zudem in der Notstromversorgung – etwa für unsere neue Trinkwasser-Hochbehälteranlage. Dort ersetzen wir ein Diesel-Notstromaggregat durch einen kombinierten Speicher-PV-Betrieb. Das spart nicht nur Emissionen – es macht uns auch resilienter gegenüber Krisensituationen.

„E-Mobilität braucht mehr als Strom – sie braucht Erlebnis.“

Der Ladepark ist nicht nur technisch stark – auch das Rahmenangebot fällt auf. Warum?
Hürner: Weil Technik allein nicht reicht. Wir wollten einen Ort schaffen, an dem man gerne hält. Nicht, weil man muss – sondern weil man will. Also gibt es Spielplatz, Hundeauslaufzone, WC-Anlagen, Grünflächen – und das Bistro „In the Box 21“, das täglich geöffnet hat und regionale Küche bietet. Wir sehen Infrastruktur als Einladung. Und offenbar funktioniert das: Der Ladepark ist mittlerweile auch ein Treffpunkt für Jugendliche geworden – und hat laut Rückmeldungen sogar zu zusätzlichen Nächtigungen in Amstetten geführt.

Spielplatz mit Rutsche im grünen Bereich des Ladeparks Amstetten, im Hintergrund Ladeinfrastruktur.

Der Ladepark bietet neben Ladetechnik auch familienfreundliche Infrastruktur. (Bild: ©Stadtwerke Amstetten)

Gab es Vorbilder für die Gestaltung des Ladeparks?
Hürner: Wir haben mit Tesla und Ionity eng zusammengearbeitet und viel von ihren Standards gelernt. Aber unser Ziel war es, bewusst emotionale Qualität hineinzubringen. Deshalb haben wir die AC-Ladestellen im Stadtgebiet von Amstetten bunt gestaltet und das Areal des Ladeparks auf der Oiden freundlich konzipiert. Ladeinfrastruktur soll auch sichtbar sein – und positiv wahrgenommen werden.

„Wir sind Anlaufstelle für das gesamte Stromökosystem.“

Lassen Sie uns den Schauplatz wechseln! Was bieten Sie privaten Kund:innen im Bereich Laden zuhause?
Hürner: Sehr viel. Wir haben mit unserem „Service Point“ am Hauptplatz einen Ort geschaffen, wo Menschen ohne Vorwissen alle Fragen rund um Energie stellen können – und Antworten bekommen. Wir zeigen dort real verbaute Anlagen: PV, Speicher, Wallboxen, Wärmepumpen. Dazu beraten wir individuell und bieten komplette Umsetzung an – entweder durch unsere eigene Elektroabteilung oder über Partnerbetriebe. Wir nennen das Stromökosystem – und es reicht von Beratung bis zur Inbetriebnahme.

„Bidirektionales Laden ist nicht optional – es ist systemrelevant.“

Wie stehen Sie als Netzbetreiber und Energieversorger zu Vehicle-to-Grid (V2G) und Vehicle-to-Home (V2H)?
Hürner: Wir sehen das sehr positiv – technologisch, wirtschaftlich und ökologisch. Schon heute setzen wir auf Wallboxen, die V2G-fähig sind – z. B. von Keba. Aber es braucht bessere Standardisierung, Garantiebedingungen der Autohersteller, geeignete Tarifsysteme. Im Moment gibt es viele proprietäre Insellösungen. Wir sind aber überzeugt: Der Stromspeicher der Zukunft steht auf vier Rädern – und steht oft ungenutzt herum. Warum sollten wir ihn nicht intelligent nutzen?
Wir engagieren uns deshalb auch in Forschungskooperationen – z. B. mit der V2G Allianz und Partnern wie Kurt Leonhartsberger. Unser Vorteil als kleines EVU: kurze Entscheidungswege. Bei uns sitzen Netzbetrieb, Kraftwerk und Energiehandel an einem Tisch. Das ermöglicht echte Systemlösungen – statt isolierter Ansätze.

„Auch Mieter:innen sollen laden können – und das zu fairen Bedingungen.“

Wie lösen Sie das Thema Ladeinfrastruktur in Mehrparteienhäusern?
Hürner: Wir haben bereits mehrere Pilotprojekte umgesetzt – gemeinsam mit Genossenschaften. Dort errichten wir öffentlich zugängliche Ladepunkte mit Sondertarifen für Anrainer:innen. Die Akzeptanz steigt spürbar – insbesondere bei Zweitwagen-Nutzer:innen. Unser Ziel ist, auch in Bestandsbauten einfache und leistbare Lösungen zu bieten. Technisch ist das machbar – es braucht aber Koordination und soziale Sensibilität.

„Die Mobilitätswende kann nur gelingen, wenn sie greifbar wird.“

Die Eröffnungsfeier am 19. September war hoffentlich mehr als ein Banddurchschnitt…
Hürner: Absolut. Wir haben das als Teil der Europäischen Mobilitätswoche genutzt, um das Thema in die Bevölkerung zu tragen. Es gab eine Podiumsdiskussion mit Umweltminister Norbert Totschnig, LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf, Bürgermeister Christian Haberhauer und EVN-Vorstand Stefan Stallinger. Die Botschaft war klar: Ohne Infrastruktur keine Mobilitätswende.

Dazu kamen Probefahrten mit über 30 E-Fahrzeugen, Infostände von ENU, EVN, Ionity, Tesla und uns – Musik, Kinderprogramm und erstmals im Einsatz: unser neuer vollelektrischer E-Shuttle N-Bus, betrieben mit Ökostrom aus unserem eigenen Kraftwerk.

„Wir reden nicht nur über Transformation – wir laden dazu ein.“

Gibt es von den Stadtwerke Amstetten ein konkretes Bildungs- oder Exkursionsangebot?
Hürner: Ja – und das wird sehr gut angenommen. Wir bieten geführte Energietouren für Unternehmen, Schulen, Gemeinderäte etc. Die Teilnehmenden starten im Service Point, fahren mit dem E-Bus zum Ladepark, zur PV-Anlage, zum Speicher und zum Kraftwerk. Dort gibt’s je nach Zielgruppe technische Tiefe oder verständliche Einblicke. Am Ende wartet regionale Verpflegung – und viele Aha-Erlebnisse. Wir nennen das intern manchmal augenzwinkernd „Energietransformation zum Angreifen“.

„Wir brauchen ein ElWG, das Wirklichkeit abbildet – nicht Wunschdenken.“

Abschließend: Was erwarten Sie sich vom neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetz?
Hürner: Drei Dinge. Erstens: Umsetzbare Sozialtarife – das ist für kleine EVUs mit wenigen Kunden und hohem Aufwand aktuell kaum leistbar. Zweitens: Keine Pflicht zur aktiven Kundenabwanderung – der Vorschlag, dass wir auf der Rechnung auf andere Anbieter hinweisen sollen, ist aus unserer Sicht kontraproduktiv. Drittens: Klare Definitionen von „systemdienlich“, „netzdienlich“ und „marktdienlich“. Wir investieren massiv in Speicher und Resilienz – und brauchen dafür planbare, förderfähige Rahmenbedingungen.

Porträt von Jürgen Hürner, Geschäftsführer der Stadtwerke Amstetten, im blauen Anzug vor heller Wand.

Jürgen Hürner, Geschäftsführer der Stadtwerke Amstetten, sieht Ladeinfrastruktur als Teil eines größeren Wandels – von der Energieversorgung bis zur Gesellschaft. (Bild: ©Stadtwerke Amstetten)

Infokasten
Exkursion „Energie erleben“ – Das Angebot der Stadtwerke Amstetten

„Wir wollen nicht belehren – wir wollen begeistern.“, so beschreibt Jürgen Hürner das Exkursionsprogramm der Stadtwerke Amstetten, das sich an Gemeinden, Unternehmen, Schulen und Fachbesucher:innen richtet.

Was erwartet die Teilnehmenden?

  • Start im Service Point mit Einführung ins Stromökosystem
  • Fahrt mit dem vollelektrischen N-Bus zu:
    –      PV-Freiflächenanlage
    –      Wasserkraftwerk
    –      Großspeicher (2 MWh)
    –      Ladepark auf der Oiden
    –      Abschluss mit regionaler Verpflegung

Dauer: Rund 2,5 Stunden (je nach Tiefgang individuell anpassbar)
Weitere Infos und Anmeldung: stadtwerke.amstetten.at

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