Es ist bemerkenswert, wie viel Aufmerksamkeit in Österreich auf organisatorische Fragen oder die Internas einer Institution wie der Wirtschaftskammer verwendet wird, während sich gleichzeitig die tektonischen Platten der globalen Energiepolitik verschieben. Und ich meine das nicht als beiläufige Randnotiz, sondern als eine Beobachtung, die mir in zahlreichen Gesprächen mit Unternehmerinnen, Installateuren, Planern und Energieexperten immer wieder begegnet. Genau deshalb stellte ich mir zu Beginn dieses Kommentars die Frage, ob es klug wäre, mich erneut mit Strukturen wie jenen der Wirtschaftskammer zu befassen. Kooperationen hat es gegeben, und zweifellos wurden in der Vergangenheit sinnvolle Initiativen gesetzt. Aber es drängt sich auf, dass der praktische Nutzen solcher Strukturen für die großen energie- und industriepolitischen Herausforderungen unserer Zeit immer schwerer zu erkennen ist.
Gerade deswegen erscheint es notwendig, die Prioritäten unmissverständlich zu ordnen. Es wirkt zunehmend sinnvoll, bei bestimmten Institutionen gedanklich und auch praktisch rasch einen Schnitt zu ziehen. Nicht, weil man sie geringschätzt, sondern weil die Wirklichkeit uns zwingt, Ressourcen dort einzusetzen, wo sie tatsächlich etwas bewirken. Die Energiewende ist kein Projekt, das sich nebenbei erledigen lässt. Sie verlangt Fokus – und zwar nicht auf die Frage, wer welchen Ausschuss besetzt, sondern darauf, wie wir die technologische und wirtschaftliche Zukunft Europas sichern.
Zu dieser Zukunft gehört unweigerlich die Auseinandersetzung mit Seltenen Erden. Dass diese Elemente nicht geologisch „selten“ sind, ist bekannt; dass ihre Gewinnung anspruchsvoll und ökologisch belastend ist, ebenso. Europa hat diesen unbequemen Teil der Wertschöpfung jahrzehntelang ausgelagert – und merkt nun schmerzhaft, wie sehr es sich damit in die Abhängigkeit manövriert hat. Während wir hierzulande über Zuständigkeiten, Verfahrensfragen oder institutionelle Abläufe beraten, hat China längst Tatsachen geschaffen. Das Land produziert, verarbeitet und kontrolliert den überwiegenden Teil jener Materialien, die wir für Motoren, Windkraftanlagen, Mikroelektronik und Hochtechnologie benötigen. Die jüngsten Ausfuhrkontrollen sind daher weniger ein politisches Manöver als eine Erinnerung: Wer wesentliche Rohstoffe nicht selbst beherrscht, verliert Gestaltungsmacht.
Gleichzeitig entwickelt sich die Technologie weiter – schneller, als es in manchen politischen Prozessen abgebildet wird. Motoren ohne Seltenerdmetalle sind längst Realität. Redesigns mit reduzierten Materialbedarfen sind in Entwicklung. Recycling gewinnt an industrieller Qualität. Europa ist nicht ohnmächtig, sondern maximal schlecht koordiniert. Wenn wir diese Alternativen ernsthaft verfolgen, können wir die Abhängigkeiten Schritt für Schritt reduzieren. Aber das gelingt nur, wenn wir uns nicht ständig in strukturellen Nebenfragen verzetteln, sondern endlich beginnen, strategisch zu denken und zu handeln.
Dabei geraten wir unweigerlich zu jenen Abhängigkeiten, die unser System am stärksten prägt: Erdöl und Gas. Sie bestimmen Mobilität, Industrie und Wärmeversorgung, und sie machen Europa politisch vulnerabel. Die Lösung ist weder neu noch spektakulär, aber sie ist zwingend: die Elektrifizierung aller wesentlichen Sektoren. Das ist der Weg zu Stabilität, Versorgungssicherheit und ökonomischer Vernunft. Doch er funktioniert nur, wenn wir ein Stromsystem aufbauen, das diesen Wandel trägt – ein System, das nicht durch Fehlanreize ausgebremst wird, sondern durch kluge Rahmenbedingungen beschleunigt.
Genau daran entscheidet sich viel, und genau deshalb ist das österreichische Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG*) ein so entscheidender Hebel. Der zuletzt diskutierte Entwurf mit zusätzlichen Netzentgelten für Einspeiser zeigt eine Tendenz, die irritiert: Er könnte jene Investitionen erschweren, die wir dringend benötigen. Eine Energiewende, die den Zufluss erneuerbarer Energie verteuert, scheitert an sich selbst. Es wäre wünschenswert, dass Regulierung und Politik die Dynamik des Systems nicht als Störfaktor, sondern als Chance begreifen.
Zu diesen Chancen gehört in besonderem Maß das bidirektionale Laden. Elektroautos als mobile Speicher sind keine Zukunftsvision mehr, sondern gelebte Realität dort, wo man sie zulässt. Sie könnten Netze stabilisieren, Lastspitzen abfedern, erneuerbaren Strom besser nutzbar machen. Deutschland hat den regulatorischen Einstieg gewagt. Österreichs Politik diskutiert noch. Dabei wäre gerade diese Technologie ein logischer Baustein eines modernen Energiesystems, das auf Flexibilität und Dezentralität setzt.
Und hier schließt sich der Kreis. All diese Themen – von Seltenen Erden über Elektrifizierung bis zu Speicherintegration – verlangen Klarheit, Mut und eine politische Kultur, die sich auf das Wesentliche konzentriert. Wir haben nicht mehr den Luxus, uns langfristige Ablenkungen leisten zu können. Der technologische Umbruch ist da, die geopolitischen Realitäten sind eindeutig, und die wirtschaftlichen Konsequenzen sind spürbar. Es ist keine Option mehr, die großen Fragen hinten anzustellen, während wir über formale Details diskutieren.
Deshalb braucht es eine Debattenkultur, die den Blick hebt. Eine, die erkennt, dass die Zukunft unseres Energiesystems nicht davon abhängt, wie wir Institutionen verwalten und wer ihnen vorstehen soll, sondern davon, ob wir bereit sind, technologisch und politisch anzupacken. Europa und Österreich stehen an einem Punkt, an dem Nachdenken allein nicht genügt. Jetzt zählt Umsetzung.
*Das ElWG (=Strommarktgesetz= Billigstromgesetz) dürfte nun doch in Bälde Wirklichkeit werden. NEOS-Klubobmann Yannick Shetty hat am 18.11.2025 im Ö1-Morgenjournal bestätigt, dass sich die Regierungsparteien ÖVP, SPÖ und NEOS intern auf einen neuen Entwurf für das Elektrizitätswirtschaftsgesetz geeinigt haben. Das Gesetz, das zuletzt unter dem Namen ElWG bekannt war, soll nun unter der Bezeichnung „Billigstromgesetz“ firmieren. Konkrete Inhalte nannte Shetty nicht, kündigte jedoch an, dass der Vorschlag bereits am Mittwoch dem Nationalrat vorgelegt werden soll. Auf eine Anfrage der APA reagierte das dafür zuständige Wirtschaftsministerium zunächst nicht, sodass nähere Details zum Text des neuen Entwurfs vorerst offenbleiben, schreibt orf.at.