23,34 Milliarden US-Dollar Auftragseingang in nur sechs Monaten – bei einem Umsatz von 18,21 Milliarden US-Dollar. Allein dieses Verhältnis zeigt, dass bei ABB derzeit mehr passiert als bloß solides Wachstum. Der Technologiekonzern profitiert von mehreren Entwicklungen gleichzeitig: Rechenzentren benötigen enorme elektrische Leistungen, Netze werden ausgebaut und modernisiert, große Verbraucher errichten eigene Mittelspannungsinfrastrukturen und industrielle Prozesse werden weiter elektrifiziert und automatisiert.
Die Zahlen des ersten Halbjahres 2026 machen sichtbar, wie stark diese Entwicklung inzwischen in den Büchern des Konzerns angekommen ist.
ABB steigerte den Auftragseingang gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 31 Prozent auf 23,34 Milliarden US-Dollar. Auf vergleichbarer Basis betrug das Plus 26 Prozent. Der Umsatz wuchs nominal um 16 Prozent auf 18,21 Milliarden US-Dollar, auf vergleichbarer Basis um 12 Prozent. Das operative EBITA stieg um 28 Prozent auf 3,97 Milliarden US-Dollar. Die operative EBITA-Marge erhöhte sich von 19,8 auf 21,8 Prozent.
Auf sechs Monate betrachtet entfielen damit auf jeden Dollar Umsatz rund 1,28 Dollar Auftragseingang. Das entspricht einem Book-to-Bill-Verhältnis von etwa 1,28.
Schon das erste Quartal setzte ein Ausrufezeichen
Bereits im ersten Quartal erreichte ABB einen Auftragseingang von 11,30 Milliarden US-Dollar – 32 Prozent mehr als im Vorjahr beziehungsweise 24 Prozent mehr auf vergleichbarer Basis. Der Umsatz legte gleichzeitig um 18 Prozent auf 8,73 Milliarden US-Dollar zu.
Interessant wird es beim Blick auf die einzelnen Geschäftsfelder. Während Motion seine Aufträge im ersten Quartal auf vergleichbarer Basis um neun Prozent und Automation um fünf Prozent steigerte, legte Electrification um 44 Prozent zu.
ABB nennt für das Quartal mehrere Bereiche mit hoher Investitionstätigkeit, darunter Verkehrsinfrastruktur, Marine, Hafenautomation, HLK-Anwendungen und Gebäude. Bereits hier zeigt sich, dass die Wachstumsdynamik aus mehreren Elektrifizierungstrends gleichzeitig gespeist wird.
Electrification wächst im zweiten Quartal außergewöhnlich stark
Im zweiten Quartal beschleunigte sich die Entwicklung nochmals. ABB erzielte mit 12,04 Milliarden US-Dollar den bislang höchsten Auftragseingang eines Quartals. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Zuwachs von 30 Prozent beziehungsweise 28 Prozent auf vergleichbarer Basis.
Der Umsatz des ABB-Konzerns stieg um 14 Prozent auf 9,48 Milliarden US-Dollar. Das operative EBITA des Konzerns erhöhte sich um 20 Prozent auf 1,925 Milliarden US-Dollar, die operative EBITA-Marge von 19,3 auf 20,2 Prozent.
Der auffälligste Wert kommt allerdings erneut aus Electrification. Dort stieg der Auftragseingang im zweiten Quartal auf rund 7,23 Milliarden US-Dollar – nominal um 60 Prozent und auf vergleichbarer Basis um 58 Prozent.
Auch beim Ergebnis legte Electrification kräftig zu: Das operative EBITA des Geschäftsbereichs erreichte 1,301 Milliarden US-Dollar und lag damit 26 Prozent über dem Vorjahreswert.
KI braucht vor allem eines: Strom
Wenn heute über den Boom künstlicher Intelligenz gesprochen wird, dreht sich vieles um Chips, Rechenleistung und Software. Aus Sicht der Elektroindustrie beginnt die Geschichte allerdings deutlich früher – beim Netzanschluss.
Leistungsstarke Rechenzentren benötigen hohe Anschlussleistungen, eine sehr stabile Stromversorgung, Redundanz und zunehmend eigene Energieinfrastrukturen. Genau dort positioniert ABB einen wachsenden Teil seines Portfolios.
Wie stark sich diese Anforderungen verändern, zeigt eine Zahl aus einer ABB-Pressemitteilung vom September 2026: KI-Chips der nächsten Generation werden nach Einschätzung des Konzerns voraussichtlich 1 MW oder mehr pro Rack benötigen. Heute sind laut ABB knapp 200 kW pro Rack üblich. Gleichzeitig verweist ABB auf die Prognose der Internationalen Energieagentur, wonach sich der weltweite Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln dürfte.
Im zweiten Quartal verwies der Konzern unter anderem auf die Mittelspannungs-USV HiPerGuard 34,5 kV. Die Lösung ermöglicht den Anschluss eines Rechenzentrums auf Mittelspannungsebene, ohne dass an dieser Stelle zunächst eine zusätzliche Spannungsumwandlung erforderlich ist. Dadurch können Umwandlungsverluste und Infrastrukturkomplexität reduziert werden. Gleichzeitig ist die Architektur für die Einbindung von Batteriespeichern, Gasturbinen und erneuerbaren Energiequellen ausgelegt und unterstützt Funktionen wie Peak Shaving.
34,5 kV ist eine typisch nordamerikanische Verteilnetzspannung. Für Österreich zeigt etwa der Netzentwicklungsplan der Wiener Netze, dass dort im Mittelspannungsnetz 10 kV für urbane und suburbane Gebiete, 20 kV für suburbane und ländliche Gebiete sowie 30 kV für Einspeiser betrieben werden. Netz NÖ wiederum nennt 20 kV als reguläre Mittelspannungs-Nennspannung und 30 kV in Sonderfällen, etwa für große Erzeugungsanlagen. Die konkrete Spannung hängt daher in Österreich vom Netzbetreiber und vom Anschlussfall ab.
Aus den von ABB genannten Produkten und Projekten lässt sich als Einordnung ableiten, dass bei großen Verbrauchern Netzanschluss, Mittelspannungsverteilung, Niederspannung, Speicher, Microgrid, Leistungselektronik und Automatisierung zunehmend als integriertes System geplant werden.
Eine weitere Entwicklung kommt hinzu: ABB geht davon aus, dass 25 bis 40 Prozent der im Jahr 2030 neu installierten Rechenzentrumskapazitäten bereits auf Gleichstromverteilung basieren könnten. Die 800-Volt-Gleichstromverteilung soll dabei Umwandlungsschritte reduzieren, Wärmeverluste senken und eine kompaktere Bauweise ermöglichen.
Mittelspannung gewinnt bei großen Verbrauchern an Bedeutung
ABB reagiert darauf nicht nur mit neuen Produkten, sondern auch mit zusätzlichen Produktionskapazitäten. In den kommenden drei Jahren will der Konzern rund 200 Millionen US-Dollar in seine europäischen Fertigungskapazitäten für Mittelspannungstechnik investieren.
Das lässt sich als Hinweis darauf lesen, dass die Mittelspannung bei leistungsintensiven Anwendungen an Bedeutung gewinnt. Größere Verbraucher und Anlagen werden je nach Anschlussfall direkt auf Mittelspannungsebene angeschlossen oder verfügen über eigene Mittelspannungsinfrastrukturen. Dazu zählen beispielsweise Rechenzentren, industrielle Standorte, Speicheranlagen, große Ladeinfrastrukturen oder Energieerzeugungsanlagen.
Damit verlagert sich ein Teil der technischen Komplexität, die früher stärker im öffentlichen Netz angesiedelt war, zunehmend in Kundenanlagen.
Große Verbraucher bauen eigene Energieinfrastrukturen auf
Wie weit diese Entwicklung inzwischen geht, zeigt die Zusammenarbeit mit VoltaGrid. ABB beschreibt das Unternehmen präziser als US-amerikanischen Anbieter mikrogridbasierter Stromerzeugung.
Motion liefert dafür Synchronkondensatoren mit Schwungradtechnologie. Sie stellen unmittelbar rotierende Trägheit bereit und wirken damit wie „Stoßdämpfer“ für das elektrische System. Dadurch unterstützen sie Netzstabilität und Spannungsqualität. Automation steuert vorgefertigte eHouse-Einheiten mit Nieder- und Mittelspannungsverteilungen, Frequenzumrichtern und SPS-Technik bei.
ABB ordnet diese Systeme als Bestandteil von Behind-the-Meter-Energielösungen ein. Hintergrund ist unter anderem die hohe Versorgungsqualität, die für leistungsintensive Rechenzentren und neue KI-Infrastrukturen erforderlich ist.
Damit übernehmen große Kundenanlagen teilweise Funktionen, die bisher stärker beim öffentlichen Netz verortet wurden – etwa lokale Erzeugung, Speicherung, Leistungsmanagement und Beiträge zur Versorgungsstabilität.
Was bislang vor allem aus kritischen Industrieanwendungen oder abgelegenen Microgrid-Lösungen bekannt war, gewinnt damit auch für besonders leistungsintensive Verbraucher an Bedeutung.
Gleichstrom wird zur Effizienzfrage
ABB geht mit seinem neuen Infinitus-Portfolio noch einen Schritt weiter. Der Konzern bezeichnet es als branchenweit erstes integriertes Source-to-Rack-Gleichstromportfolio für KI-Rechenzentren. Es soll die gesamte Energieversorgung von der Quelle bis zum Server-Rack abdecken – mit Mittelspannungs-Powertrains, Gleichstromquellen und Power-Quality-Technik, DC-Verteilung, DC-Schutz und einer optimierten Kühlung mit drehzahlgeregelten Gleichstrommotoren und -antrieben. Herzstück ist eine Festkörpertransformator-Technologie, mit der ABB Energieeffizienz und Leistungsdichte erhöhen will.
Wie viel fünf Prozent Effizienzgewinn bei den Dimensionen künftiger Rechenzentren bedeuten können, rechnet ABB anhand eines 500-MW-Campus vor: Werden fünf Prozent der Leistung eingespart beziehungsweise für die IT verfügbar gemacht, entsprechen das zusätzlichen 25 MW für rechenintensive Anwendungen. ABB spricht in diesem Beispiel von einem möglichen zusätzlichen Umsatzpotenzial von mehr als 300 Millionen US-Dollar pro Jahr. Grundlage ist ein gemeinsamer Bericht von ABB und BCG, der für Gleichstromverteilung einen Effizienzgewinn von mehr als fünf Prozent nennt.
Damit geht es bei der Wahl zwischen Wechsel- und Gleichstromarchitekturen nicht nur um technische Eleganz. Bei Rechenzentren dieser Größenordnung wird jeder Prozentpunkt Effizienz zu verfügbarer Rechenleistung – und damit unmittelbar zu einem wirtschaftlichen Faktor.
Mehr Stromverbrauch bedeutet mehr Elektrotechnik
Die Halbjahreszahlen von ABB lassen sich deshalb auch als Indikator für eine größere Entwicklung lesen.
Über Jahre wurde die Energiewende vor allem über die Erzeugungsseite diskutiert: Photovoltaik, Windenergie und andere erneuerbare Quellen sollten fossile Energieträger ersetzen. Inzwischen verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend auf das, was danach kommt.
Der produzierte Strom muss transportiert, verteilt, gespeichert, geschaltet, überwacht und geregelt werden. Gleichzeitig kommen neue große Verbraucher hinzu – von Wärmepumpen und Elektromobilität über Industrieanlagen bis zu Rechenzentren.
Je stärker die Elektrifizierung voranschreitet, desto mehr Investitionen werden daher auf der Infrastrukturseite notwendig.
Gerade Rechenzentren verstärken diese Entwicklung zusätzlich. Ihr Leistungsbedarf entsteht konzentriert an einzelnen Standorten, Netzanschlüsse werden größer und die Anforderungen an Verfügbarkeit und Spannungsqualität höher. Damit wächst der Bedarf an Transformatoren, Mittel- und Niederspannungsschaltanlagen, USV-Systemen, Leistungselektronik, Automatisierung, Speichern und Energiemanagement.
ABB bereitet sich dabei bereits auf die nächste Generation der Stromversorgung vor. In den kommenden zwölf Monaten sollen mehrere Hauptkomponenten des Infinitus-Portfolios gefertigt werden. Die ersten vollständig auf Gleichstrom ausgelegten Rechenzentren mit dem kompletten Portfolio erwartet ABB innerhalb von zwei bis drei Jahren.
Parallel vertieft ABB die Zusammenarbeit mit Nvidia. Die bereits im Oktober 2025 angekündigte Kooperation zielt auf 800-VDC-Stromversorgungsarchitekturen für KI-Rechenzentren im Gigawattmaßstab. ABB verweist dabei auf mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Gleichstromtechnik und ein Portfolio von mehr als 700 Patenten.
Auftragsbestand bleibt ein wichtiger Faktor
ABB verfügte Ende des zweiten Quartals über einen hohen Auftragsbestand. Gleichzeitig lag der Auftragseingang von 23,34 Milliarden US-Dollar im ersten Halbjahr deutlich über dem Umsatz von 18,21 Milliarden US-Dollar.
Auch dieser Zusammenhang zeigt, dass ein wesentlicher Teil der Nachfrage noch nicht in Umsatz umgewandelt wurde.
Für das Gesamtjahr 2026 erwartet ABB weiterhin ein positives Book-to-Bill-Verhältnis und ein vergleichbares Umsatzwachstum im niedrigen zweistelligen bis niedrigen Prozentbereich. Die operative EBITA-Marge soll gegenüber dem Vorjahr steigen – auch ohne den positiven Effekt des Immobiliengewinns aus dem ersten Quartal.
Für das dritte Quartal rechnet ABB zusätzlich mit einem vergleichbaren Umsatzwachstum im niedrigen bis mittleren Zehnerprozentbereich.
Die Zahlen zeigen damit weniger einen einzelnen Rekord als vielmehr eine Verschiebung der Investitionen. Rechenzentren, Energieausbau, Energieeffizienz und Versorgungsresilienz treiben zunehmend jene Infrastruktur, die zwischen Erzeugung und Verbrauch liegt.
Von heute knapp 200 kW auf künftig 1 MW und mehr pro Rack – diese Größenordnung macht deutlich, warum die Stromversorgung selbst zu einem entscheidenden Teil der KI-Infrastruktur wird. Und wenn ABB gleichzeitig davon ausgeht, dass schon 2030 bis zu 40 Prozent der neu installierten Rechenzentrumskapazitäten mit Gleichstromverteilung arbeiten könnten, zeichnet sich eine fundamentale Veränderung der elektrischen Architektur ab.
Der KI-Boom bekommt damit eine Seite, über die außerhalb der Elektrobranche bislang vergleichsweise wenig gesprochen wird: Bevor immer größere Rechenmodelle arbeiten können, muss jemand die dafür notwendige elektrische Infrastruktur bauen.
Und genau dort entsteht derzeit ein erheblicher Teil des Wachstums.