Strompreise steigen weiter:

Massiver Investitionsbedarf in die Stromnetzinfrastruktur

von Laura Peichl
Foto: © jplenio

Laut IEA sind bis 2050 Investitionen von 25 Billionen US-Dollar notwendig,um Stromnetze für eine dekarbonisierte Welt zu rüsten. In vielen Ländern machen Netzentgelte bereits jetzt 15 bis 30 Prozent der Stromrechnung aus – mit steigender Tendenz. In Österreich sind bis 2030 mindestens 15 Milliarden Euro an Investitionen in die Netzinfrastruktur erforderlich.

Die Energiewende schreitet voran, doch ohne den massiven Ausbau und die Modernisierung der Stromnetze wird sie nicht gelingen. Übertragungs- und Verteilnetze sind entscheidend, um die wachsende Strommenge aus erneuerbaren Energien zuverlässig zu transportieren. Dafür sind immense Investitionen erforderlich: Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) werden 25 Billionen US-Dollar bis 2050 weltweit benötigt, um die Netzinfrastruktur für eine CO₂-neutrale Zukunft fit zu machen – das entspricht rund einem Viertel der globalen jährlichen Wirtschaftsleistung. Das zeigt auch die aktuelle Studie der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) Delivering the Energy Transition Will Come Down to the Wires. „Wir stehen an einem entscheidenden Punkt für die Stromnetze der Zukunft. Ohne umfangreiche Investitionen wird das Ziel der Netto-Null-Emissionen bis 2050 nicht erreichbar sein“, erklärt Martin Högel, der Hauptautor der Studie und BCG Partner & Director.

Netzkosten als künftige Preistreiber bei Strom

Während in der Vergangenheit steigende Energiepreise die Hauptursache für höhere Stromkosten waren, werden künftig insbesondere Netzentgelte zu wesentlichen Preistreibern. Derzeit machen sie je nach Land zwischen 15 und 30 Prozent der Stromrechnung für Privathaushalte aus. In Österreich und Deutschland betrug ihr Anteil im Jahr 2024 28 bzw. 27 Prozent – mit wahrscheinlichem weiterem Anstieg in den kommenden Jahren. Allein in diesem Jahr werden die Netzgebühren in Österreich für Privathaushalte um 23 Prozent steigen. Andere Länder sind jedoch noch stärker betroffen: In Belgien sollen sich die Gebühren in den nächsten drei Jahren um fast 80 Prozent erhöhen.

Vier Aspekte sind Auslöser für die hohen Investitionen, die Netzbetreiber für ihre Netze aufbringen müssen:

  1. Erneuerbare Energien erfordern Netzausbau: Der Anteil variabler erneuerbarerEnergien (vor allem Wind- und Solarenergie) steigt bis 2050 von 10 auf fast70 Prozent. Hinzu kommt, dass diese Energiequellen oft weit entfernt vonVerbrauchszentren liegen und über leistungsfähige Netze transportiert werdenmüssen.
  2. Steigende Stromnachfrage: Laut Prognosen der IEA wird der weltweiteStrombedarf bis 2050 um über 150 Prozent steigen – getrieben durch Elektromobilität, Wärmepumpen, Klimaanlagen, KI-Rechenzentren und grünen Wasserstoff.
  3. Alternde Infrastruktur erhöht Investitionsbedarf: In Europa wird das Durchschnittsalter der Stromnetze bis 2030 bei über 40 Jahren liegen. Veraltete Systeme bedeuten höhere Wartungskosten, steigende Ausfallrisiken und erhöhte Umweltbelastungen.
  4. Modernisierungsbedarf der Netze: Dezentrale Energieressourcen wie Solaranlagen mit Batteriespeichern machen Netze komplexer und erfordern intelligente Steuerung. Zudem steigen die Anforderungen an Cybersicherheit, um kritische Infrastruktur vor Angriffen zu schützen.
Finanzierung ist ein gesellschaftlicher und regulatorischer Balanceakt

„Das Problem ist nicht ein Mangel an Kapital für den Netzausbau“, erläutert Högel. „Institutionelle Investoren sind grundsätzlich bereit, Mittel bereitzustellen. Entscheidend ist jedoch ein gesellschaftlicher und regulatorischer Rahmen, um dafür zu bezahlen.“ Staatliche Finanzierung ist oft die kostengünstigste Lösung, doch viele Staaten stehen vor haushaltspolitischen Einschränkungen. Private Netzbetreiber wiederum können sich nur begrenzt verschulden. Und institutionelle Investoren benötigen planbare und ausreichende Renditen. Ein Umdenken in der Finanzierung und Eigentümerstruktur ist notwendig, so Högel: „Netzinfrastruktur ist eine langfristige Investition mit einem Zeithorizont von über 50 Jahren. Daher können staatlich gestützte Modelle, die das öffentliche Interesse wahren, durchaus sinnvoll sein.“

Was Verbraucher erwarten können

Langfristig wird die Energiewende zu einer stabileren und kostengünstigeren Stromversorgung führen, da Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien auf Dauer günstiger ist als aus fossilen Brennstoffen. Doch in der aktuellen Übergangsphase müssen sich Verbraucher auf steigende Kosten einstellen, da Netzbetreiber ihre hohen Investitionen refinanzieren müssen. Dennoch gibt es Wege, die Kosten abzufedern: eine verbesserte Netzplanung, eine stärkere internationale Vernetzung, stringentere Genehmigungsprozesse, effizientere Projektabwicklung, Stärkung der für den Netzausbau kritischen Lieferketten und eine weitere Stützung des Netzausbaus durch geeignete regulatorische Maßnahmen und politische Richtlinien können helfen, die Kosten für Verbraucher langfristig zu senken. Vorhandene Netzkapazitäten können durch eine intelligente Steuerung noch gezielter genutzt und so der teure Neubau zumindest teilweise reduziert werden.

„Die Stromnetze haben in der Vergangenheit bereits kritische Wachstumsphasen durchlaufen – etwa in den 1950er und 1960er Jahren, als sie das Fundament für Wirtschaftswachstum und Wohlstand bildeten“, sagt Högel. „Heute stehen wir vor einer ähnlich bedeutenden Phase: Der Umbau der Netze entscheidet darüber, ob wir eine saubere, sichere und bezahlbare Energiezukunft erreichen.“

Weitere Informationen auf: www.bcg.com

Quelle: The Boston Consulting Group

Ähnliche Artikel

Hinterlassen Sie einen Kommentar

* Zur Speicherung Ihres Namens und Ihrer E-Mailadresse klicken Sie bitte oben. Durch Absenden Ihres Kommentars stimmen Sie der möglichen Veröffentlichung zu.

Unseren Newsletter abonnieren - jetzt!

Neueste Nachrichten aus der Licht- und Elektrotechnik bestellen.