WorldSkills – der Plan bleibt geheim, das Können muss sitzen:

Die Spielregeln der WorldSkills für Elektriker

von Julia Petz
von Thomas Buchbauer – Recherche, Konzept und Kuration Foto: © WorldSkills

Bei den WorldSkills erfahren junge Elektriker erst am Wettbewerbstag, welche konkrete Anlage sie bauen sollen. Was verlangt der Modus, wer vertritt Österreich bei den nächsten internationalen Bewerben – und warum gewinnen solche Spitzenleistungen gerade jetzt an Gewicht, da der Nationalrat über einen historischen Tiefststand bei Lehranfängern und Lehrbetrieben debattiert?

Der Wettbewerbstag beginnt mit einer Aufgabe, die niemand wochenlang auswendig lernen konnte. Erst jetzt erfahren die jungen Elektriker, welche Installation sie errichten sollen, und von diesem Moment an heißt es planen, montieren, programmieren, prüfen und dokumentieren – im Wissen, dass später eine Änderung das bereits Gebaute noch einmal auf die Probe stellen kann.

Wer bei den WorldSkills in „Electrical Installations“ antritt, braucht deshalb mehr als schnelle Hände. Gefragt sind berufliches Können, Genauigkeit und die Fähigkeit, sich auf neue Bedingungen einzustellen. Der konkrete Plan bleibt zunächst geheim; die fachlichen Anforderungen dahinter sind es nicht.

Dass diese Form beruflicher Exzellenz gerade jetzt besondere Aufmerksamkeit verdient, zeigt ein Blick ins Hohe Haus. Wie die Parlamentskorrespondenz am 14. Oktober 2026 berichtete, hat der Nationalrat auf Verlangen der Freiheitlichen den Bericht des Wirtschaftsministers zur Jugendbeschäftigung und Lehrlingsausbildung in Österreich 2024 und 2025 im Plenum behandelt. Der Befund, der im Mittelpunkt der Debatte stand, ist ernüchternd: Sowohl die Zahl der Lehranfängerinnen und Lehranfänger als auch die Zahl der Lehrbetriebe haben 2025 einen historischen Tiefststand erreicht. Der Anteil der Jugendlichen, die eine Lehre beginnen, ist laut Bericht innerhalb weniger Jahre von rund 40 Prozent auf unter 35 Prozent gesunken, und ausgebildet wurde 2025 nur noch in rund 25.000 Betrieben.

Über die Fraktionsgrenzen hinweg bekannten sich die Abgeordneten zur Stärkung der Lehre; über den Weg dorthin gingen die Meinungen allerdings auseinander. Die WorldSkills führen vor Augen, wohin eine Lehre führen kann – bis auf die internationale Bühne der Berufsweltmeisterschaften. Die Zahlen aus dem Parlament zeigen, wie viele junge Menschen diesen Weg derzeit gar nicht erst einschlagen.

Was vorher bekannt ist – und was nicht
Porträt von Gerhard Zechner, Technical Delegate Assistant von SkillsAustria.

Gerhard Zechner, Technical Delegate Assistant von SkillsAustria, räumt mit einem verbreiteten Irrtum auf: „Die Teilnehmer kennen im Vorfeld somit nicht das tatsächliche Wettbewerbsprojekt.“ (Bild: SkillsAustria/Wieser)

Bei WorldSkills Shanghai 2026 bestand der Wettbewerb aus zwei Modulen. Das erste umfasste eine Wohn- und Gewerbeinstallation mit Programmierung, Prüfung, Inbetriebnahme und Dokumentation. Das zweite war eine „Surprise Task“: eine Änderung am Projekt, bei der etwa eine Funktion anzupassen, die Installation zu erweitern oder Material auszutauschen war.

„Das vollständige Wettbewerbsprojekt wird den Expertinnen, Experten und Teilnehmenden erst am ersten Wettbewerbstag (C1) präsentiert“, schreibt Gerhard Zechner, Technical Delegate Assistant von SkillsAustria, auf Anfrage des i-Magazins. Die Technical Description, also die technische Beschreibung des Wettbewerbs, gibt den fachlichen Rahmen vor. Sie legt fest, welche Fähigkeiten geprüft werden und welche Technologien infrage kommen, verrät aber nicht, wie das konkrete Projekt aussieht.

Dazu können klassische Installationssysteme, Gebäudeautomation und Smart-Relay-Anwendungen gehören; auch Programmierung, Fehlersuche und Prüfarbeiten sind Teil des Anforderungsprofils. Bei der Programmierung geht es laut Technical Description um Funktionen für Motoren, Steckdosen, Beleuchtung, Heizung, Lüftung und Klimatisierung sowie Jalousien. Welche konkreten Funktionen die Teilnehmer schließlich umsetzen müssen, wird erst beim Wettbewerb festgelegt.

Zechner beschreibt in seiner Antwort an das i-Magazin den Unterschied zwischen fachlichem Rahmen und konkreter Aufgabe so: „Die Teilnehmer kennen im Vorfeld somit nicht das tatsächliche Wettbewerbsprojekt.“ Bekannt seien die Kompetenzen und Technologien, die bewertet werden können. „Die konkrete Ausgestaltung, die Schaltpläne, die Detailanforderungen und die Projektänderungen werden jedoch erst unmittelbar beim Wettbewerb bekannt gegeben.“

Nicht den Plan lernen, sondern das Handwerk beherrschen

Das heißt nicht, dass die Teilnehmer ohne Vorbereitung antreten. Sie können sich gezielt mit den relevanten Technologien, Installationsmethoden und Arbeitsschritten auseinandersetzen – was sie nicht können, ist, genau das spätere Projekt vorab nachzubauen.

„Der vielfach anzutreffende Eindruck, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer würden das konkrete Wettbewerbsprojekt bereits lange vor dem Bewerb kennen und gezielt genau dieses Projekt trainieren können, beruht auf einem früheren Wettbewerbsmodus und ist daher heute nicht mehr zutreffend“, hält Zechner gegenüber dem i-Magazin fest. Der Grund liegt in der Neuausrichtung des Formats: Seither entwickelt ein unabhängiger Testprojekt-Designer die Aufgaben in der Elektrotechnik, und die teilnehmenden Länder erhalten sie vor dem Wettbewerb nicht mehr.

Auch Aufgaben aus früheren Bewerben können nur begrenzt helfen. Sie zeigen, wie umfangreich ein Test Project sein kann und wie bewertet wird, sind aber kein verlässlicher Bauplan für den nächsten Wettbewerb, denn Aufgaben, Funktionen, Komponenten und Änderungen können variieren. Die Projekte werden laut Zechner von unabhängigen Fachleuten entwickelt, mehrfach überprüft, praktisch validiert und bis zum Wettbewerbsbeginn vertraulich behandelt. Die WorldSkills-Regeln schreiben ausdrücklich vor, dass kein Teilnehmer durch Vorabinformationen einen Vorteil erhalten darf. Historische Aufgaben dienen vor allem dazu, Umfang, Schwierigkeitsgrad und Bewertungslogik zu veranschaulichen.

In Shanghai lief das erste Modul über die vier Wettbewerbstage C1 bis C4, die Surprise Task wurde innerhalb der gesamten Wettbewerbszeit bearbeitet. Damit zählt nicht nur, ob eine Installation am Ende funktioniert. Entscheidend ist auch, wie sicher und sorgfältig der Teilnehmer arbeitet, wie er Fehler erkennt und wie er mit einer Änderung umgeht. In der Elektrotechnik können kleine Fehler große Folgen haben; Präzision ist damit keine Kür, sondern Teil des Berufs.

Genau darin liegt die Verbindung zur politischen Debatte: Was bei den WorldSkills unter Wettbewerbsbedingungen sichtbar wird, ist im Kern das, was eine fundierte Lehrausbildung jeden Tag in Betrieben und Berufsschulen vermittelt – die Fähigkeit, eine Anlage nicht nach Schablone, sondern aus echtem Verständnis heraus sicher zu planen, zu errichten und in Betrieb zu nehmen.

Regeln, die sich weiterentwickeln

Auch der Wettbewerbsrahmen kann sich verändern. Die Technical Description wird im jeweiligen Wettbewerbszyklus überprüft. Empfehlungen für Änderungen kommen aus der Expertengruppe; die Regeln sehen vor, dass sie grundsätzlich von mindestens 80 Prozent der Experten bis zum Ende des Wettbewerbs C+1 unterzeichnet werden. Danach folgen Qualitätssicherung und Konsultation, ehe die zuständigen Skill-Management-Strukturen über die Aufnahme der Empfehlungen entscheiden. Veröffentlicht wird die überarbeitete Technical Description etwa zwölf Monate vor dem nächsten Wettbewerb, sodass die Anforderungen laufend an neue Technologien angepasst werden.

Das Verfahren eröffnet Raum, neue berufliche Anforderungen einzubeziehen. Es bedeutet aber nicht, dass ein einzelner Verband den Modus allein festlegen kann. Zum Stand für WorldSkills Japan 2028 schreibt Zechner dem i-Magazin: „Konkrete Festlegungen für den Wettbewerbsmodus 2028 liegen nach aktuellem Stand jedoch noch nicht vor.“

Spitze braucht Breite: Wie die Politik die Lehre stärken will

Damit Österreich auch in Zukunft junge Fachkräfte zu solchen Bewerben entsenden kann, braucht es eine breite Basis an Lehrlingen und an Betrieben, die sie ausbilden. Genau diese Basis bröckelt – und so drehte sich die Debatte im Nationalrat vor allem um die Frage, wie sie wieder gestärkt werden kann.

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer bezeichnete die Lehre als österreichische Erfolgsgeschichte, die viel zum Erfolg des Wirtschaftsstandorts beitrage, und betonte, dass sie kein „Bildungsweg zweiter Wahl“ sei. Sein Ressort habe bereits zahlreiche Schritte gesetzt, um die Lehre attraktiver zu machen, unter anderem durch neue Lehrberufe in stark gefragten Branchen. Entscheidend werde aber sein, den Betrieben zu ermöglichen, wieder Lehrlinge auszubilden; dazu müsse man auch pragmatisch über flexible Arbeitszeiten nachdenken. Ebenso wichtig sei es, das gesellschaftliche „Mindset“ zu ändern und zu verdeutlichen, dass „eine Werkstatt genauso viel wert wie ein Hörsaal“ und „ein Meister genauso viel wert wie ein Master“ sei.

Die Freiheitlichen setzten bei den Rahmenbedingungen für Betriebe an. Manuel Pfeifer (FPÖ) verwies darauf, dass viele Unternehmen ihren Beschäftigten eine Vier-Tage-Woche anbieten, diese aber mit den Vorgaben für Lehrlinge nicht vereinbar sei. Seine Fraktion forderte in einem Entschließungsantrag eine Rechtsgrundlage für flexible Arbeitszeitmodelle auch für Lehrlinge unter 18 Jahren, wobei die tägliche Arbeitszeit zehn Stunden nicht überschreiten und die wöchentliche Normalarbeitszeit nicht ausgeweitet werden sollte. Der Antrag fand keine Mehrheit. Nicole Sunitsch (FPÖ) mahnte zudem an, dass gute Ausbildung nicht nur in urbanen Zentren angeboten werden dürfe; die Lehre müsse ein Sprungbrett für die berufliche Zukunft sein und dürfe keine Sackgasse werden.

Für die ÖVP unterstrich Kurt Egger, dass sich die Kombination von Theorie und Praxis bewährt habe und gesellschaftlich stärker vermittelt werden müsse, dass die Lehre die Chancen auf Beschäftigung und beruflichen Aufstieg erhöhe. Carmen Jeitler-Cincelli (ÖVP) nannte die sinkenden Zahlen alarmierend und plädierte für ein Bündel an Maßnahmen, darunter eine Attraktivierung der Lehre als zweiter Bildungsweg und die Förderung der regionalen Mobilität von Lehrlingen. Klaus Mair (ÖVP) betonte, es gelte Jugendliche und Eltern davon zu überzeugen, dass eine praktische handwerkliche Ausbildung auch künftig einen hohen Stellenwert haben werde.

„Facharbeiterinnen und Facharbeiter fallen nicht vom Himmel“, hielt Reinhold Binder (SPÖ) fest, der angesichts der sinkenden Zahl von Lehrstellen „die Alarmglocken schrillen“ sah. Wer ausbilde, müsse unterstützt werden; Betriebe, die die Fachkräfte von morgen suchen, müssten aber auch selbst Verantwortung für die Ausbildung übernehmen. Barbara Teiber (SPÖ) schlug vor, „Trittbrettfahrer“, die selbst nicht ausbilden, aber Fachkräfte von anderen Betrieben abziehen, über ein Bonus-Malus-System in die Pflicht zu nehmen. Roland Baumann (SPÖ) warnte davor, dass mehr Lehrstellen auf Kosten der Lehrlinge gehen und Arbeits- und Jugendschutz abgebaut werden.

Janos Juvan (NEOS) forderte, ausbildende Betriebe von Bürokratie zu entlasten, die Rahmenbedingungen für Berufsschulen zeitgemäß zu gestalten und die Lehre an die neuen Realitäten des Wirtschaftslebens anzupassen. Man dürfe jungen Menschen durchaus etwas zutrauen und ihnen zumuten, hin und wieder „die Extrameile zu gehen“ – ein Satz, der wie gemacht scheint für jene, die sich auf internationale Berufswettbewerbe vorbereiten. Markus Koza (Grüne) mahnte gute Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen ein und sah in überbetrieblichen Lehrwerkstätten eine Antwort auf die Lücke bei den Lehrbetrieben. Der fraktionslose Abgeordnete Veit Dengler wiederum verwies darauf, dass viele Jugendliche die Schule mit zu geringen Kenntnissen verlassen, und forderte unterschiedliche Maßnahmenpakete für Wien und die Bundesländer.

Der Blick richtet sich auf die nächsten Bewerbe
Porträt von Marvin Varga, der Österreich 2027 bei den EuroSkills und 2028 bei den WorldSkills in der Elektrotechnik vertritt.

Marvin Varga vertritt Österreich 2027 bei den EuroSkills in Düsseldorf und 2028 bei den WorldSkills in Japan in der Elektrotechnik. Wie der Wettbewerbsmodus 2028 aussehen wird, ist noch offen. (Bild: Kelag)

Wie viel eine gute Ausbildung bewirken kann, zeigte zuletzt die Bilanz aus Shanghai: Österreich kehrte von den WorldSkills mit vier Silbermedaillen, sechs Bronzemedaillen und 20 Medallions for Excellence zurück. Die 48 jungen Fachkräfte traten in 42 Wettbewerben an; in der Medaillenwertung belegte Österreich Platz sieben. In „Electrical Installations“ war diesmal kein österreichischer Teilnehmer am Start.

Bei den nächsten internationalen Bewerben wird Österreich jedoch wieder einen jungen Elektriker ins Rennen schicken: Marvin Varga tritt 2027 bei den EuroSkills in Düsseldorf und 2028 bei den WorldSkills in Japan an. Die Kelag trägt das Budget für seine Vorbereitung selbst, wie uns gut informierte Kreise berichten – ein Beispiel dafür, wie ein Unternehmen jene Verantwortung für den Fachkräftenachwuchs übernimmt, die im Nationalrat quer durch die Fraktionen eingefordert wurde.

Eine solche Unterstützung schafft Raum für intensives Training und die Arbeit an den Fähigkeiten, die im Wettbewerb gefragt sind. Für einen jungen Elektriker bedeutet das auch, sein Können mit Fachkräften aus anderen Ländern zu messen und unter ungewohnten Bedingungen Verantwortung zu übernehmen. Diese Erfahrung kann fachlich wie persönlich prägen: Wer sich einer anspruchsvollen Aufgabe stellt und sie bewältigt, nimmt mehr mit als ein Ergebnis auf der Rangliste.

Welche konkreten Aufgaben Marvin 2028 in Japan erwarten, ist noch offen. Die Grundanforderung der WorldSkills ist dagegen klar: Am Wettbewerbstag muss aus dem, was ein junger Elektriker gelernt und geübt hat, eine sichere und funktionierende Lösung werden – auch dann, wenn der Plan gerade erst auf dem Tisch liegt. Dass diese Fähigkeit in einer Lehre wächst, ist vielleicht das stärkste Argument in einer Debatte, in der die Politik der Gesellschaft vermitteln will, dass eine Werkstatt genauso viel wert ist wie ein Hörsaal.

worldskills.org

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