Bidirektionales Laden als Treiber der Energiewende:

„Elektromobilität schreibt Technologiegeschichte!“

von Sandra Eisner
von Mag. Sandra Eisner Foto: © www.i-magazin.com

Um die Energiewende nicht nur voranzutreiben, sondern sie auch dauerhaft zu vollziehen, braucht es ein effizientes Zusammenspiel diverser Ebenen – ein ganzheitliches und vernetztes System, in dem intelligente Komponenten (je nach Anforderung) bidirektional zusammenarbeiten. Eben genauso, wie es die Elektromobilität samt ausgereifter Ladeinfrastruktur ermöglicht. Wie weit (oder doch eher nah) dieses Szenario vom tatsächlichen seriellen Einsatz entfernt ist, dazu befragten wir auf der Light + Building Jörg Lohr, CEO des Ladeinfrastruktur-Spezialisten Compleo.

Interview: Thomas Buchbauer

Text: Mag. Sandra Eisner

 

„Elektromobilität schreibt zurzeit Technologiegeschichte!“ heißt es auf der Website von Compleo, einem Anbieter von innovativen AC-, DC- und HPC-Ladelösungen. Und so entwickelt der E-Mobility-Profi sein Komplettangebot von technologieoffener Hardware und Softwarelösungen stets weiter. Bereits 2009 begann man bei Compleo mit der Herstellung von Ladestationen, seit 2021 ist das Unternehmen mit der Schwestergesellschaft Compleo Charging Solutions GmbH Österreich vertreten und damit auch für die Märkte Tschechien, Slowakei, Ungarn und Kroatien verantwortlich. Im Jahr 2023 übernahm die Kostal-Gruppe das operative Geschäft der Compleo-Gruppe, als Marke und Unternehmen blieb Compleo jedoch eigenständig unter dem Dach der Kostal-Gruppe. Auf der Light + Building sprachen wir mit Jörg Lohr, dem Geschäftsführer von Compleo, über das »Ausrollen« von bidirektionalem Laden sowie die Chancen und Herausforderungen vernetzter Ladeinfrastruktur.

 

Herr Lohr, aus welchem Grund ist Compleo als Spezialist für Ladetechnologie auf der Light + Building präsent?

Jörg Lohr: Der Elektrogroßhandel und das Handwerk stellen eine spannende Zielgruppe für uns dar. In der öffentlichen Wahrnehmung wird zwar ein großer Fokus auf das Hochleistungsladen HPC gelegt, das öffentliche Laden an der Autobahn, allerdings wird sich der Großteil der Ladeinfrastruktur in den nächsten Jahren auf den privaten und teilöffentlichen Bereich konzentrieren, wofür das Handwerk eine große Rolle spielt. Deswegen ist es für uns eine der zwei wichtigsten Zielgruppen neben den Betreibern von öffentlicher Infrastruktur.

 

Welche Lösungen bieten Sie für den privaten Bereich?

Lohr: Wir haben einerseits Lösungen für das klassische Einfamilienhaus, welches ja mehr und mehr zu einem autarken Energie-Kreislauf wird. Mit der Integration von Photovoltaik begann diese Entwicklung, mittlerweile sind wir im sogenannten »Vehicle to Home«: Das Fahrzeug kann einerseits laden, andererseits auch Energie abgeben. Das ist bereits Realität und keine Zukunftsmusik mehr. Wir bieten u.a. Lösungen für das klassische Einfamilienhaus, demnächst auch mit einer bidirektionalen DC-Box, die wir im nächsten Jahr in Serienreife auf den Markt bringen werden. Wir arbeiten auch im Hintergrund daran, AC-Produkte bidirektional zu bekommen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Bidirektionalität in der Ladeinfrastruktur in Zukunft nur noch ein Feature sein wird, eine Funktion, und dass sie zum Standard dazugehören muss. Im Moment ist es jedoch noch so, dass im Bereich der Ladeinfrastruktur bidirektionale Produkte sehr stark als gesonderte Produktgruppe gesehen werden.

 

Wann, denken Sie, wird es so weit sein, dass die Voraussetzungen im DACH-Raum vorhanden sind, um bidirektionales Laden tatsächlich umsetzen zu können?

Lohr: Im Bereich Vehicle to Home gehen wir davon aus, dass innerhalb der nächsten 18 bis maximal 24 Monate tatsächlich ein ausgereiftes Ökosystem etabliert sein wird. Die Ladebox ist dabei nur ein Bestandteil eines Komplettsystems, das auch Gleichrichter oder Wechselrichter im Solar-Bereich sowie Speichermedien umfasst. Teilweise existieren solche Lösungen bereits. Wir rechnen damit, dass wir in spätestens 24 Monaten ein ausgereiftes, serielles Produkt anbieten können, das in jedem Haushalt in der DACH-Region verfügbar sein wird. Die geplante Gesetzgebung in Österreich und Deutschland sieht genau diese kombinierte Förderung vor für die nächsten zwei Jahre. Im Bereich Vehicle to Grid, also der Rückspeisung ins lokale Netz, sind die Anforderungen höher. Technisch besteht zwischen der Einspeisung ins Haus oder ins Netz kein Unterschied. Allerdings sind hier mehr Stakeholder beteiligt und es gelten strengere gesetzliche Vorgaben. Die Verteilnetzbetreiber spielen eine zentrale Rolle und achten genau darauf, was eingespeist wird. Davor scheut sich die Branche noch etwas. Andererseits haben wir durch die Einspeisung von Photovoltaik genügend Erfahrung, auch mit dynamischer Einspeisung, denn die Sonne scheint nicht immer gleich intensiv. Wir müssen darauf achten, auf dieser technischen Möglichkeit basierend ein Ökosystem zu schaffen, das es den Stakeholdern erlaubt, auch kommerziell damit erfolgreich zu sein. Was bekomme ich dafür, wenn ich einspeise? Wie wird das rückvergütet? Das sind Detailfragen, die noch zu klären sind. Deswegen gehen wir bei Vehicle to Grid davon aus, dass es in der Massenmarkt-Fähigkeit vielleicht noch ein Jahr länger dauert. Wir sehen es für die Jahre 2027, spätestens 2028 als vollwertiges Ökosystem.

 

Es gibt ja zum Thema der Elektromobilität seit jeher gegensätzliche Meinungen. So setzt sich diese Diskrepanz nun auch beim Bereich Einspeisen ins Gebäude fort. Tatsächlich bietet sich hier ein großes Potenzial für die Energie- und Mobilitätswende …

Lohr: Man schaut sehr selten auf das gesamte Ökosystem. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns gerade in einer bereits eingeläuteten Energiewende befinden. Das heißt, die Erzeugung von Energie hat ja schon einen Wandel erfahren und wird jetzt noch ausgebaut. Bei den erneuerbaren Energien haben wir nach wie vor die Herausforderung, dass sie meist dann zur Verfügung stehen, wenn die Abnahme am geringsten ist. Wind gibt es mehr zu Nachtzeiten, an Feiertagen zum Beispiel nimmt die Industrie als größter Abnehmer nur bedingt Strom ab. Das heißt, wenn man den Stromhandel auf europäischer Ebene betrachtet, merkt man, dass erneuerbare Energien teilweise noch sehr stark subventioniert werden müssen, weil wir eine Überproduktion haben und eine nicht ausreichende Produktion dann, wenn die größten Stromabnehmer, nämlich die Industrie, auch wirklich Strombedarf haben. Das bedeutet, die Erzeugung und der Bedarf passen zeitlich noch nicht zusammen. Für das Gesamt-Ökosystem ist das Thema Speicherung, Pufferung und auch Rückeinspeisung dann, wenn es nötig ist, ein sehr probates Mittel. Wenn wir erneuerbare Energien weiter nutzen wollen, wir mehr und mehr Abnehmer haben, auch mit den Elektrofahrzeugen, dann ist der Netzausbau im Verteilnetz der limitierende Faktor, weil unterirdisch verlegte Infrastrukturen nicht einfach beliebig erweitert werden können. Das sind Kosten, die kein Netzbetreiber tragen kann, weswegen es dort eine Intelligenz braucht. Für uns ist die Bidirektionalität ein wichtiges Puzzleteil, um die Energiewende zu stützen und dafür zu sorgen, dass dieses Missverhältnis zwischen Erzeugung und Abnahme von Energie durch Speichermöglichkeiten, Rückspeisung, also durch eine Flexibilität in der Strom- und Energienutzung, gelöst wird. Es gibt verschiedene Modellversuche: Wenn Sie eine kritische Anzahl an Fahrzeugen nehmen, die Sie zur Pufferspeicherung oder zur Abgabe von Energie nutzen und dann wieder Strom einspeisen (um Spitzenlasten zu vermeiden, oder um Strom abzugeben, weil gerade eine andere Energiequelle nicht zur Verfügung steht oder zu teuer ist), so sprechen wir dabei über Kapazitäten von ganzen Kraftwerken, das darf man nicht vergessen. Die Masse an Elektrofahrzeugen, die wir auf der Straße haben werden, sorgt in Summe dafür, dass wir de facto Erzeugung, nämlich Kraftwerke, auf vier Rädern haben. Und das ist keine Zukunftsmusik, das ist nicht abstrakt, sondern das hilft der Energiewende zum Durchbruch, wenn wir das konsequent entwickeln und zur Marktreife bringen würden.

 

Sie bieten sowohl Lösungen für das Einfamilienhaus als auch für den Wohnbau. Welche Herausforderungen ergeben sich beim Thema Umbau? Wie kommt man zum Beispiel mit der notwendigen Infrastruktur in bereits bestehende Gebäude hinein? Gibt es dafür Lösungen?

Lohr: Bei sogenannten Bestandsbauten ist es tatsächlich eine Herausforderung, weil die Elektroinstallation teilweise sehr alt ist, auch die Installationsmöglichkeiten sind begrenzt. Die einfachste Antwort darauf, die aber auch recht komplex ist, ist das Lastmanagement. Wenn Sie nur eine gewisse Last zur Verfügung haben und sichergehen wollen, dass das Gebäude an sich noch genügend Strom hat, dann versorgen Sie die Ladepunkte mit einem Lastmanagement, sodass Sie die Ladepunkte lokal clustern und dafür sorgen, dass die zur Verfügung stehende Energie sinnvoll auf die Ladepunkte verteilt wird. Das Lastmanagement von Compleo ist WLAN-basiert. Das heißt, es müssen keine zusätzlichen Datenleitungen, Router und Ähnliches verlegt werden, sondern die Boxen sprechen de facto über WLAN miteinander, was die Installation sehr einfach macht.

 

Ist das Thema WLAN im Garagenbereich eine Herausforderung?

Lohr: Es ist natürlich eine Frage der Installation. In unserem größten Anwendungsfall haben wir ein Cluster von 750 Ladeboxen, die auf fünf Etagen in einem Parkhaus miteinander funktionieren und wo es keine Probleme gibt. Als Hardwarehersteller müssen wir die Herausforderungen kennen, ernst nehmen und darauf antworten. Unser WLAN-basiertes System hat starke Signale und ist so konzipiert, dass im Parkgaragen-Raum mit teilweise auch sehr starken tragenden Säulen die Signale trotzdem durchkommen. Das ist eine der Lösungen, mit denen wir versuchen, der Bestandsbauten, in denen man nur bedingt Infrastruktur neu verlegen kann, Herr zu werden. Ein weiterer Punkt ist, dass man bei der Installation in Mehrfamilienhäusern – als Installateur oder als Eigentümer – auch auf die Kosten achten muss. Wir haben dafür gesorgt, dass sich die Installation der Produkte sehr einfach gestaltet. Mit unserem Hutschienensystem hat man eine Installation und muss nicht Punkt zu Punkt jede einzelne Ladebox installieren. Das hilft dem Installateur und dem Eigentümer sehr, weil dadurch in der Anschaffung der Infrastruktur Kosten reduziert werden können. Und ich glaube, darum geht es auch: Der Betreiber der Infrastruktur muss neben dem Fahrzeug auch in die Infrastruktur investieren. Das ist im Elektromobilitäts-Bereich leider ein kommerzieller Nachteil. Die Antwort, die wir als Hersteller geben können, ist, dass wir über eine sehr konsequente Cost-down-Strategie ermöglichen, dass die Infrastruktur bei gleichbleibender Qualität und Zuverlässigkeit günstig wird, sodass wir diese Hürde des Betreibers so weit wie möglich eliminieren.

 

Das Thema Wallbox im Einfamilienhausbereich scheint stark preisgetrieben zu sein, angebotene Features sind zumeist gar nicht präsent in der Kundenwahrnehmung. Können Sie das aus Ihrer Sicht bestätigen?

Lohr: Meine persönliche Meinung ist, dass dieses Preisgetriebenheit sehr schnell ein Ende finden wird. Wir haben uns zuvor über Bidirektionalität unterhalten, über Steuerungsmöglichkeit. Wenn ich heute eine 22-kW-Lade-Box in einem Haushalt installieren will, muss ich die Genehmigung des Netzbetreibers haben. Das heißt, um diese Funktionalitäten der Integration der Boxen in den Haushalt oder in den häuslichen Stromkreislauf zu gewährleisten, brauche ich bereits ein Minimum an Intelligenz der Box für Steuerbarkeit und Vernetzung. Gehen wir einen Schritt weiter und ich habe ein Privatfahrzeug, ein Dienstfahrzeug, vielleicht mehrere Dienstfahrzeuge im Haushalt oder mehrere Nutzer an der Ladebox in einem Mehrfamilienhaus, dann brauche ich zwangsläufig eine Authentifizierung und in Deutschland und in Österreich auch eine Eichrechtskonformität. Und die bekommen Sie – überspitzt formuliert – nicht für 199 Euro in einem der großen Elektronik-Fachmärkte. Ich glaube, dass in den nächsten Jahren – Trend, der bereits begonnen hat – mehr und mehr Installationsbetriebe, Wiederverkäufer, Großhändler nach intelligenten Lösungen für den Heimbereich anfragen werden, die preislich über dem Durchschnitt liegen. Der Wettbewerb konzentriert sich viel stärker auf vernetzte Ladeinfrastruktur. Daher sind wir mit der konsequenten Weiterentwicklung unserer Produkte für den privaten und teilöffentlichen Bereich, in Verbindung mit Konnektivität in den Haushalt und in den Stromkreislauf auf dem richtigen Weg. Wir wollen uns nicht in einen Preiskampf begeben, sondern wir möchten, dass unsere Produkte mit ihrer Intelligenz für die Vernetzung zuverlässig sind.

 

Das Verknüpfen von Systemen bzw. von Komponenten innerhalb von Systemen stellt Elektriker vor große Herausforderungen, da gewisse technische Voraussetzungen erfüllt werden müssen. Wie erleben Sie diese Problematik?

Lohr: Die Branche lebt immer noch stark von proprietären Lösungen. Die Verbindung, die Konnektivität zu mehreren Akteuren im Kreislauf macht es für den Installateur schwierig, den Überblick zu behalten und sich gleichzeitig mit dem Kerngeschäft zu beschäftigen. Der Installateur ist kein Software-Programmierer – das soll er auch nicht sein – sondern er soll eine Plug-and-play-Lösung vorfinden. Wir haben immer noch die Situation, dass gerade in der Integration von Solar viele Systeme proprietär sind. Sie können den Wechselrichter und die Ladebox von Lieferant A nehmen, wenn Sie sich dann aber irgendwann einmal für eine Ladebox von Anbieter B entscheiden, kann diese nicht mit dem Wechselrichter-Hersteller A sprechen. Wir versuchen, über eine Offenheit der Verbindung und Schnittstellen die Varianz so groß wie möglich zu halten, sodass die Ladeinfrastruktur in der Regel mit jedem gängigen Wechselrichter funktioniert und es nicht zu Limitierungen kommt. Der Kunde soll angeregt werden, sich für das eine oder andere Produkt zu entscheiden, er darf aber niemals limitiert werden. Der Kunde soll die Freiheit haben zu entscheiden. Das ist uns sehr wichtig.

 

Welchen Vertriebsweg gehen Sie für Ihre Produkte?

Lohr: Im Bereich der öffentlichen Infrastruktur haben wir fast ausschließlich direkten Kundenkontakt, die Betreiber von Infrastruktur suchen die Nähe zum Hersteller, möchten auditieren und regelmäßig im Austausch sein. Das heißt, die Betreiber von öffentlicher Infrastruktur beliefern wir in der Regel direkt. Der zweite wichtige Absatzkanal – deswegen sind wir auch auf der Light + Building vertreten – ist der indirekte Vertrieb über den Elektrogroßhandel, über Wiederverkäufer, die das gesamte Handwerk bedienen. Diese Wiederverkäufer unterstützen wir u. a. durch Produkt-Schulungen, durch gemeinsame Entwicklung, weil die Großhändler natürlich das Sprachrohr des Handwerks sind und wertvolles Feedback bekommen. Somit haben wir über die Großhändler nicht nur einen sehr guten Vertriebs- und Absatzkanal, sondern auch einen Kommunikationskanal, sodass wir Informationen erhalten, die uns dabei helfen, Produkte entsprechend anzupassen.

 

Bei welchen Großhändlern in Österreich sind Sie gelistet?

Lohr: In Österreich ist es zum Beispiel die Würth-Gruppe, die hier recht aktiv ist. Wir sind auch bei Elektro Heinemann und The Mobility House gelistet. Weitere Gespräche sind am Laufen, die Partnerschaft mit dem Elektrogroßhandel wird stetig ausgebaut.

 

Herr Lohr, vielen Dank für das Gespräch!

 

Weitere Informationen auf: www.compleo.at

Ähnliche Artikel

Hinterlassen Sie einen Kommentar

* Zur Speicherung Ihres Namens und Ihrer E-Mailadresse klicken Sie bitte oben. Durch Absenden Ihres Kommentars stimmen Sie der möglichen Veröffentlichung zu.

Unseren Newsletter abonnieren - jetzt!

Neueste Nachrichten aus der Licht- und Elektrotechnik bestellen.