Österreich diskutiert seit Jahren darüber, wie mehr Speicher ins Energiesystem kommen. Die Netzentwicklungspläne zeigen nun: Es fehlt nicht an Projekten. Vielmehr rollt eine Anschlusswelle auf die Netze zu, deren Dimension selbst die Betreiber vor neue Fragen stellt.
Das i-Magazin hat die Netzentwicklungspläne 2026 der großen regionalen Netzbetreiber in den Bundesländern ausgewertet. Kleinere Netzbetreiber und nachgelagerte Verteilernetze sind noch nicht berücksichtigt. Das Ergebnis: Die Pläne machen unbereinigt Speicheranfragen von mehr als 20 Gigawatt sichtbar.
Eine Zahl mit vielen Fragezeichen
Allein Netz Niederösterreich meldet 10.630 MW. Es folgen Energienetze Steiermark mit 2.500 MW, Netz Oberösterreich mit rund 2.400 MW, Netz Burgenland mit 2.100 MW, Wiener Netze mit 1.100 MW, Salzburg Netz mit 930 MW, TINETZ mit 730 MW und Vorarlberger Energienetze mit rund 100 MW. Kärnten Netz nennt keine vergleichbare Summe, spricht aber von einem Vielfachen des langfristig angenommenen Bedarfs.
Bei diesen Zahlen handelt es sich noch um keine bereinigte Projektpipeline. Die Betreiber betrachten unterschiedliche Netzebenen, Größenklassen und Zeiträume. Mehrfachanfragen, alternative Standorte und parallele Anschlussvarianten sind nicht auszuschließen. Eine Anfrage ist außerdem weder Genehmigung noch Finanzierung – und schon gar keine Bauentscheidung. Wie viel tatsächlich umgesetzt wird, weiß niemand.
Wenn der Markt das Netz dirigiert
Entscheidend ist nicht nur die Menge, sondern das Betriebsverhalten. Großspeicher werden überwiegend nach wirtschaftlichen Signalen gefahren: laden bei niedrigen Preisen, entladen bei hohen und am Regelenergiemarkt verdienen. Das ist marktdienlich und aus Sicht privater Investoren legitim. Schließlich wird Kapital eingesetzt, um Rendite zu erzielen.
Doch was für das Geschäftsmodell richtig ist, muss für das lokale Stromnetz nicht richtig sein. Reagieren viele Speicher gleichzeitig auf dasselbe Preissignal, entstehen neue Bezugs- oder Einspeisespitzen. Die Steiermark warnt ausdrücklich, dass marktbasierter Speicherbetrieb lokale Lastspitzen verstärken und zusätzlichen Ausbau auslösen kann. Auch die anderen Pläne machen deutlich: Selbst eine geringe Realisierungsquote kann erhebliche Netzverstärkungen notwendig machen.
Marktdienlich heißt, nach Erlös zu handeln. Netzdienlich bedeutet, lokale Engpässe zu berücksichtigen. Systemdienlich ist ein Betrieb, der das Stromsystem insgesamt stabilisiert. Diese Ziele können zusammenpassen – automatisch tun sie es nicht.
Wer kassiert – und wer bezahlt?
Hier beginnt der Konflikt zwischen Rendite und Allgemeinwohl. Österreich braucht privates Kapital für Batteriespeicher. Doch wenn Gewinne beim Betreiber entstehen, während der dafür erforderliche Netzausbau über die Netzentgelte bei Haushalten und Unternehmen landet, stimmt die Balance nicht.
Flexible Netzanschlüsse, zeit- und richtungsabhängige Leistungsgrenzen, steuerbare Betriebsweisen und gemeinsame Anschlusspunkte mit Photovoltaik oder Windkraft könnten gegensteuern. Zum Redaktionsschluss der Pläne fehlten jedoch wesentliche Regeln der Systemnutzungsentgelte-Grundsatzverordnung. Damit wird die Ausgestaltung durch die E-Control nach der Begutachtung zur Schlüsselfrage: Werden netzdienliche Speicher belohnt? Werden Verursacher zusätzlicher Belastungen stärker beteiligt? Und bleiben genug Anreize, damit benötigte Projekte gebaut werden?
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Investoren mit Batteriespeichern Geld verdienen dürfen. Entscheidend ist, ob die E-Control Regeln schafft, unter denen sich Rendite und Netzdienlichkeit nicht gegenseitig ausschließen.