Die neue i-Magazin-Serie über das Wissen, das jeden Tag gebraucht wird und trotzdem nicht erreichbar ist:

Frag den Franz, der weiß das

von David Lodahl
von Thomas Buchbauer – Recherche, Konzept und Kuration Foto: © www.i-magazin.com / mit KI ChatGPT OpenAI erstellt

Es beginnt selten mit einem großen Problem. Meistens beginnt es mit einem Satz: „Frag den Franz, der weiß das.“ Genau darin liegt eine der gefährlichsten Abhängigkeiten vieler Unternehmen. Das Wissen ist vorhanden. Es hat nur Öffnungszeiten, Urlaubstage und irgendwann einen letzten Arbeitstag. Die neue i-Magazin-Serie „Wer müsste dort sitzen?“ zeigt, was Betriebe jeden Tag verlieren, weil ihre besten Antworten an einzelne Menschen gebunden bleiben.

17:42 Uhr. Ein Kunde meldet ein Fehlerbild, das in keiner Anleitung steht. Der Servicemitarbeiter liest die Nachricht zweimal und weiß sofort, wen er braucht. Den Anwendungstechniker, der diese Anlage seit ihrer Einführung kennt. Er ruft an. Keine Antwort. Also schreibt er ein E-Mail, vertröstet den Kunden und legt den Fall für morgen auf Wiedervorlage.

Das klingt nicht dramatisch. Der Kunde wartet eben bis morgen.

Aber genau hier beginnt das Problem.

Denn der Anwendungstechniker hat die Antwort vermutlich längst gegeben. Vielleicht vor drei Jahren, als dieselbe Störung bei einer anderen Anlage auftrat. Damals wurde geprüft, telefoniert und ausprobiert. Am Ende funktionierte die Lösung. Sie steht heute in einem Servicebericht, in einem E-Mail oder nur noch im Kopf des Technikers. Das Unternehmen hat für diese Erfahrung bereits bezahlt. Nun bezahlt es ein zweites Mal – weil niemand rechtzeitig darauf zugreifen kann.

Wer an dieser Stelle nickt, kennt nicht unbedingt MentorIQ. Er kennt seinen eigenen Betrieb.

Der Onlineshop kennt den Preis. Aber nicht die Frage dahinter

Im Elektrogroßhandel zeigt sich dieselbe Schwachstelle einige Stunden später. Um 21:07 Uhr sitzt ein Installateur über der Kalkulation für den nächsten Tag. Er sucht eine Schaltgerätekombination. Beide Komponenten sind im Onlineshop verfügbar. Beide haben ein Datenblatt. Was dort nicht steht: Passen sie in genau dieser Ausführung zusammen? Gibt es eine aktuelle Alternative? Und welche Lösung verursacht auf der Baustelle nicht die nächste Rückfrage?

Während der Öffnungszeiten würde er seinen Ansprechpartner anrufen. Der kennt das Sortiment, den Kunden und wahrscheinlich sogar das Projekt. Um 21:07 Uhr bleiben Artikelnummern, PDFs und die Hoffnung, nichts übersehen zu haben.

Damit wird ausgerechnet jene Leistung unsichtbar, mit der sich der Fachgroßhandel vom reinen Warenlieferanten unterscheidet: Beratung. Der Betrieb besitzt sie. Der Kunde erreicht sie nur nicht in jenem Moment, in dem er seine Kaufentscheidung vorbereitet.

Die überraschende Erkenntnis lautet deshalb: Ein Unternehmen kann über hervorragend geschulte Mitarbeiter, vollständige Produktdaten und jahrelange Kundenerfahrung verfügen – und seinen Kunden trotzdem ohne Antwort lassen. Nicht weil Wissen fehlt. Sondern weil der Zugang dazu an Bürozeiten und Personen gebunden ist.

Jeder Anruf beim Meister ist eine kleine Schulung

Im Handwerksbetrieb trägt das Problem keinen Produktnamen und keine Fehlernummer. Ein Lehrling steht zum ersten Mal allein vor einer Aufgabe, die technisch beherrschbar ist. Unsicher macht ihn etwas anderes: Wie dokumentieren wir diesen Fall im Betrieb? Welche Fotos braucht das Büro? Wen muss ich informieren, bevor ich weitermache?

Im Lehrbuch findet sich darauf keine Antwort. Denn es geht nicht um Elektrotechnik, sondern um die ungeschriebenen Regeln des Unternehmens. Also ruft der Lehrling den Meister an. Der steht 40 Kilometer entfernt auf einer anderen Baustelle, steigt von der Leiter und erklärt den Ablauf.

Zehn Minuten später ruft der nächste Monteur an.

Auch dieser Vorgang wirkt harmlos. Tatsächlich findet hier eine kleine Schulung statt – spontan, nur für eine Person und ohne dass die Antwort für den nächsten Mitarbeiter erhalten bleibt. Der Meister erklärt nicht deshalb immer wieder dasselbe, weil seine Leute nichts lernen. Er erklärt es immer wieder, weil der Betrieb sein eigenes Wissen jedes Mal neu verteilen muss.

Genau an diesem Punkt wird aus einer organisatorischen Gewohnheit eine betriebswirtschaftliche Frage. Wie viel Arbeitszeit erfahrener Mitarbeiter fließt in Antworten, die im Unternehmen längst gegeben wurden? Wie lange dauert die Einschulung, wenn die wirklich wichtigen Fragen erst im Alltag auftauchen? Und was passiert, wenn jener Mensch, der „weiß, wie wir das hier machen“, morgen nicht mehr erreichbar ist?

Der letzte Arbeitstag beginnt Jahre vorher

Besonders sichtbar wird diese Abhängigkeit, wenn ein erfahrener Mitarbeiter in Pension geht. Auf dem Schreibtisch liegen vier Ordner. Im Kalender stehen zwei Übergabetermine. Der Nachfolger ist noch nicht fixiert. Und alle Beteiligten wissen, dass sich 25 Jahre Erfahrung nicht in zwei Nachmittage pressen lassen.

Das Entscheidende steht ohnehin selten im Ordner. Es sind die Zusammenhänge. Warum Produkt A unter bestimmten Bedingungen funktioniert und Produkt B nicht. Welches Geräusch auf einen bestimmten Fehler hindeutet. Bei welchem Kunden eine technisch richtige Antwort trotzdem nicht ausreicht. Welche Abkürzung früher schon teuer wurde.

Solches Wissen lässt sich schwer abfragen, solange niemand die richtige Frage stellt. Viele Unternehmen beginnen mit der Sicherung daher erst kurz vor dem Abschied. Zu diesem Zeitpunkt soll ein Mensch dokumentieren, was für ihn längst selbstverständlich ist. Er müsste wissen, was seine Kollegen in zwei Jahren nicht wissen werden.

Die eigentliche Übergabe beginnt deshalb nicht am letzten Arbeitstag. Sie beginnt in jedem Gespräch, in dem Erfahrungswissen sichtbar wird – wenn es dort festgehalten, eingeordnet und später wieder auffindbar gemacht wird.

Die falsche Frage kostet jeden Tag Geld

In all diesen Fällen lautet die erste Managementfrage meist: Was kostet eine solche KI-Lösung? Sie ist verständlich. Sie kommt nur zu früh.

Zuerst müsste ein Unternehmen prüfen, was der heutige Zustand kostet. Wie oft wird dieselbe Frage gestellt? Wie viele Personen suchen, bevor sie beim richtigen Kollegen landen? Wie lange wartet ein Kunde? Welche Entscheidung bleibt liegen? Und welches Wissen verschwindet mit jedem Personalwechsel?

Diese Kosten haben selten eine eigene Kontonummer. Sie verstecken sich in Unterbrechungen, Suchzeiten, verzögerten Angeboten, längerer Einschulung und Problemen, die zum zweiten Mal gelöst werden. Gerade deshalb werden sie unterschätzt.

Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob im Unternehmen genug Wissen vorhanden ist. Davon gibt es meistens reichlich. Entscheidend ist, ob dieses Wissen im richtigen Moment antworten kann.

Und genau damit sind wir wieder bei Thomas Graf-Backhausen.

Der digitale Thomas war nur der Anfang – hier klicken!

Am 17. August haben wir Thomas Graf-Backhausen als Menschen und als digitalen Zwilling vorgestellt. Auf der öffentlich zugänglichen Anwendung lässt sich fragen, nachhaken und sogar mitten in einer Antwort die Richtung wechseln. Interessant ist daran nicht, dass eine digitale Figur spricht. Interessant ist, was im Hintergrund antwortet: ein klar abgegrenzter Wissensraum.

Die Reaktionen drehten sich deshalb rasch nicht mehr um Thomas. Sie führten zu einer anderen Frage: Wer müsste dort sitzen, wenn das mein Unternehmen wäre?

Der Anwendungstechniker, der in Pension geht? Der Servicetechniker, der ein Fehlerbild nach zwei Sätzen erkennt? Die Kollegin im Innendienst, die Sortiment und Kundenhistorie zusammenbringt? Oder der Meister, der jedem neuen Mitarbeiter erklärt, wie die Dinge im Betrieb tatsächlich funktionieren?

Die richtige Antwort kann auch lauten: keiner von ihnen allein. Denn Unternehmenswissen entsteht gerade dort, wo technische Unterlagen, dokumentierte Fälle und die Erfahrung mehrerer Menschen zusammenfinden.

Das Archiv im Haus ist nicht der Schauraum an der Straße

Für diese Serie ist eine Trennung entscheidend. Stellen Sie sich Ihr Unternehmen als Gebäude vor. MentorIQ ist das Archiv im Haus. Dort liegt, was Mitarbeiter aus Service, Technik, Vertrieb und Verwaltung wissen müssen. Wer etwas wissen will, stellt eine Frage und erhält eine Antwort aus dem freigegebenen Wissensbestand. Quellen und Zusammenhänge müssen überprüfbar bleiben, denn auch ein gut aufgebauter Wissensraum ist nicht unfehlbar.

SalesIQ ist der Schauraum an der Straße. Er enthält nicht das gesamte Unternehmenswissen, sondern einen bewusst kuratierten Ausschnitt: ein Sortiment, eine Produktneuheit oder eine Kampagne. Dort führt das System ein Gespräch mit Interessenten, fragt nach der Anwendung und empfiehlt innerhalb der freigegebenen Produktwelt. Bei Preisen, Sonderkonditionen, rechtsverbindlichen Zusagen oder Fachfragen außerhalb dieses Bereichs muss es die Anfrage an einen Menschen übergeben.

SalesIQ ist damit nicht MentorIQ mit Sprachfunktion. Sprache ist eine Bedienform, kein Zweck. MentorIQ bewahrt Wissen und beantwortet interne Fragen. SalesIQ berät externe Interessenten und führt das Verkaufsgespräch. Das Archiv sichert, was das Unternehmen weiß. Der Schauraum entscheidet, welcher Ausschnitt davon nach außen spricht.

Zehn Folgen und zehn Stellen, an denen es heute hakt

Genau dort setzt unsere neue Serie an. Alle 14 Tage greifen wir einen Fall heraus, den Entscheider im Großhandel, in der Industrie oder im Handwerk aus ihrem Alltag kennen dürften. Nicht als Liste technischer Möglichkeiten, sondern als Belastungsprobe: Was funktioniert heute nicht? Wer wartet auf wen? Und welches Wissen müsste verfügbar sein, damit der Vorgang anders endet?

Block A – Das Archiv im Haus

  1. Der Anwendungstechniker geht in Pension
  2. Der Lehrling fragt, der Meister ist auf der Baustelle
  3. Dieses Fehlerbild hatten wir schon einmal
  4. Wer darf einen Auftrag über 50.000 Euro freigeben?

Block B – Der Schauraum an der Straße

  1. Die Produkteinführung, die nach dem Kundentermin weiterläuft
  2. Wenn der Elektriker um 21 Uhr eine Frage hat
  3. Der Messestand, der nach der Messe weiterarbeitet

Block C – Die Entscheidung

  1. Er spricht mit der Stimme unseres Verkäufers
  2. Was ein Verkaufsagent nicht darf
  3. Innen gesichert, außen abgegrenzt

Die Arbeitstitel sind kein geschlossenes Programm. Wenn Sie beim Lesen an einen Vorgang in Ihrem Unternehmen gedacht haben, schicken Sie ihn an die Redaktion. Beschreiben Sie uns drei Dinge: Wer kennt die Antwort? Wer wartet darauf? Und was passiert, solange sie nicht verfügbar ist? Aus den interessantesten Fällen entwickeln wir weitere Folgen.

Für uns beginnt die Serie dort, wo es im Betrieb unbequem wird

Lesen Sie den Ausgangsbeitrag „Fordern Sie jetzt den digitalen Zwilling von Thomas Graf-Backhausen heraus!“ und öffnen Sie danach sales.elizamedia.eu. Fragen Sie den digitalen Thomas nicht nur, was MentorIQ kann. Stellen Sie ihm jene Frage, die für Ihren Betrieb unangenehm werden könnte: „Welcher Mitarbeiter dürfte bei uns morgen nicht ausfallen?“

Nennen Sie anschließend Ihre Branche, Ihre Betriebsgröße und die Aufgabe dieser Person. Fragen Sie weiter: „Welches Wissen müsste ich zuerst sichern?“ Wenn die Antwort zu allgemein bleibt, widersprechen Sie. Werden Sie konkret. Genau dafür ist der Dialog da.

Denn die spannende Frage lautet nicht, ob künstliche Intelligenz irgendwann Unternehmenswissen nutzbar machen wird.

Interessanter ist, welches Wissen in Ihrem Betrieb heute bereits fehlt, sobald ein bestimmter Mensch nicht ans Telefon geht.

Und genau darüber werden wir in den kommenden Monaten einiges erzählen.

Diese Folge eröffnet die Serie „Wer müsste dort sitzen?“. In der nächsten Folge: Ein Anwendungstechniker geht in Pension. Vier Ordner bleiben zurück – aber was geschieht mit 25 Jahren Erfahrung?

Hinweis in eigener Sache: MentorIQ und SalesIQ werden von der Eliza Media Labs GmbH entwickelt. Der Ideengeber und Kurator dieser Serie ist selbst Teil des Teams hinter dem Projekt. Wir verstehen diese Beiträge nicht als unabhängigen Produkttest, sondern als Einladung, die öffentlich zugängliche Anwendung selbst auszuprobieren.

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