Netzentgelte und Fairness:

Der Fußabdruck im Netz

von Thomas Buchbauer
von Thomas Buchbauer – Recherche, Konzept und Kuration Foto: © www.i-magazin.com/ Symbolbild mit KI erstellt (Midjourney)

Wenn E-Control und Energiewirtschaft über die neuen Netzentgelte sprechen, fällt kein Wort so oft wie „Fairness“. Wer Spitzen verursacht, soll zahlen, der Wiener Haushalt soll nicht länger die Wärmepumpe am Stadtrand mitfinanzieren. Das klingt gerecht. Doch es lohnt sich zu fragen, wer diese Erzählung schreibt, wem sie die Verantwortung zuweist – und welche Fragen sie gar nicht erst stellt.

Es war eine bemerkenswert erfolgreiche Idee. Anfang der 2000er-Jahre ließ der Ölkonzern BP nach übereinstimmenden Medienberichten von der Werbeagentur Ogilvy & Mather eine Kampagne entwickeln, in deren Zentrum ein kleines Rechenwerkzeug stand: der persönliche CO₂-Rechner. Wie viel fliegen Sie, wie viel heizen Sie, was essen Sie? Am Ende stand eine Zahl, der „Carbon Footprint“, und mit ihr eine Botschaft, die sich tief ins öffentliche Bewusstsein eingrub: Der Klimawandel ist die Summe unserer persönlichen Entscheidungen. Die Agentur gewann für die Kampagne 2007 einen Gold Effie, der Begriff wurde zum Allgemeingut. Benjamin Franta vom Climate Litigation Lab der Universität Oxford hat dieses Muster später als „blame the consumer“ beschrieben – eine kleine Wahrheit, eingebettet in eine große Verschiebung der Verantwortung. Denn natürlich verursacht jeder Mensch Emissionen. Aber wer über Förderung, Raffinerien und Investitionen entscheidet, sitzt nicht am Küchentisch.

Ich muss an diese Geschichte denken, wenn ich in diesen Wochen den Verantwortlichen der Energiewirtschaft zuhöre. Bei der Präsentation der Systemnutzungsentgelte-Grundsatzverordnung am 12. Oktober war „Fairness“ das tragende Wort. Der Haushalt in der Wiener Wohnung, ohne Photovoltaik, ohne E-Auto, ohne Wärmepumpe, wurde zur moralischen Figur des Nachmittags. Bisher, so E-Control-Vorstand Michael Strebl, habe dieser Haushalt die Spitzen der anderen mitbezahlt; das sei unfair gewesen, nun werde es gerechter. Auch Oesterreichs Energie spricht von einem „verursachungsgerechten Stromsystem“. Wer in einem Einfamilienhaus lebt, Sauna, Wallbox und Wärmepumpe betreibt und damit das Netz stärker beansprucht, soll künftig mehr bezahlen.

Eine Erzählung mit wahrem Kern

Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Erzählung ist nicht falsch. Netzkosten entstehen tatsächlich zu einem großen Teil durch Leistungsspitzen, und ein Tarifsystem, das fast nur die verbrauchte Kilowattstunde abrechnet, bildet das nicht ab. Wer am Abend gleichzeitig das Auto mit 11 kW lädt und die Sauna anheizt, beansprucht das Netz anders als der Pensionist mit 1.800 kWh im Jahr. Dass der neue Leistungspreis das sichtbar macht, ist sachlich begründbar. Und die Simulationen der E-Control deuten darauf hin, dass die Mehrheit der Zählpunkte künftig sogar weniger zahlen könnte.

Gerade deshalb ist die Parallele zum CO₂-Fußabdruck so interessant. Auch dieser war ja nicht erfunden; Emissionen lassen sich individuell zuordnen. Das Problem lag nicht in der Rechnung, sondern im Rahmen: Indem man die Frage nach der Verantwortung auf den Einzelnen verlagerte, verschwand eine andere Frage aus dem Blickfeld – die nach den Entscheidungen jener, die das System gebaut haben. Genau diese Frage stellt die aktuelle Fairness-Debatte über die Netzentgelte kaum.

Die Frage, die niemand stellt

Die eigentliche Frage lautet nämlich nicht, ob der Wiener Haushalt oder das Einfamilienhaus am Stadtrand mehr zahlen soll. Sie lautet: Warum ist das Netz heute so teuer, dass diese Verteilungsfrage überhaupt so viel Gewicht bekommt? Die Stromnetzentgelte sind 2025 deutlich gestiegen, für Haushalte laut E-Control im Österreichschnitt um 23 Prozent. Die E-Wirtschaft rechnet mit Netzinvestitionen von rund 24 Milliarden Euro bis 2030 und 42 Milliarden Euro bis 2040. Und der Rechnungshof hält in seinem Bericht zur Transformation der Stromverteilernetze vom Mai 2026 nüchtern fest, dass der Ausbau von Photovoltaik und Windkraft schneller voranschreitet als die Anpassung des Netzes – und dass er darauf bereits 2020 hingewiesen hatte.

Die Entwicklung kam nicht überraschend. Die Photovoltaik wächst in Österreich seit mehr als einem Jahrzehnt, die Windkraft noch länger. Oesterreichs Energie selbst hat im November 2020 eine Studie veröffentlicht, die durchrechnete, was eine Verachtfachung der PV-Leistung bis 2030 und ein wachsender Anteil an E-Autos für die Verteilnetze bedeuten. Ein begleitendes Forschungsprojekt kam zu dem Schluss, dass ein flächendeckender Umstieg auf E-Mobilität je nach Ladeleistung die Verstärkung von bis zu 80 Prozent der Niederspannungsnetze erfordern könnte. Das Wissen war also da. Was fehlte, war offenbar der Wille oder der Anreiz, früher und entschlossener zu bauen.

Gebaut wird zu den teuersten Preisen

Genau hier wird die Fairness-Erzählung brüchig. Denn der Zeitpunkt eines Netzausbaus entscheidet ganz wesentlich über seine Kosten. In den Jahren vor 2022 war Geld so billig wie nie: Die Europäische Zentralbank hielt ihre Zinsen über Jahre bei null oder darunter, Kredite für langlebige Infrastruktur waren kaum je günstiger zu haben. Heute baut die Branche unter ganz anderen Bedingungen. Die Preise für Verteil- und Leistungstransformatoren sind laut einer Analyse des Congressional Research Service in den USA zwischen 2020 und 2024 inflationsbereinigt um rund 40 Prozent gestiegen, die Lieferzeiten haben sich zeitweise vervielfacht; Kupfer und Elektroblech sind deutlich teurer als zu Beginn des Jahrzehnts. Und mit dem Ende der Nullzinsphase sind auch die Kapitalkosten gestiegen, die Netzbetreiber über die regulierte Verzinsung ihres eingesetzten Kapitals in die Netzentgelte einrechnen dürfen. Jeder dieser Faktoren landet am Ende auf der Stromrechnung.

Man muss sich also fragen, warum nicht in jenen Jahren gebaut wurde, in denen Kapital billig, Material verfügbar und die Entwicklung absehbar war. Und man muss die unbequeme Anschlussfrage stellen: Wohin flossen in dieser Zeit die Mittel der Energieversorger, die in Österreich mehrheitlich im Eigentum der Länder stehen? Die neun Landesenergieversorger erzielten nach Berechnungen des arbeitnehmernahen Momentum Instituts zwischen Anfang 2022 und Ende 2024 zusammen rund 6,5 Milliarden Euro Gewinn – davon 3,4 Milliarden Euro, die das Institut als Übergewinne gegenüber dem Niveau vor der Energiekrise einstuft. Für die Landespolitik sind diese Unternehmen seit Jahrzehnten mehr als Infrastrukturbetreiber: Sie zahlen Dividenden, sichern Arbeitsplätze in der Region und bieten Aufsichtsratsmandate, die nicht selten mit Landespolitikern besetzt sind. Dass diese Struktur Anreize setzen kann, sichtbare Projekte höher zu gewichten als unsichtbare Netzverstärkungen, ist eine naheliegende Vermutung – auch wenn sie sich nicht für jeden Einzelfall belegen lässt.

Nehmen wir, exemplarisch, den Kindergarten. Niemand bestreitet, dass Kinder gute Betreuungsplätze brauchen; wer daran spart, spart an der Zukunft. Aber muss tatsächlich in nahezu jeder Ortschaft ein eigener, neuer Kindergarten stehen – mitunter wenige Kilometer vom nächsten entfernt, mit eigener Küche, eigenem Turnsaal und eigener Eröffnungsfeier? Ein neuer Kindergarten ist sichtbar, ein verstärkter Ortsnetztransformator nicht. Er wird nicht eingeweiht, niemand schneidet ein Band durch, und selten bedankt sich eine Wählerin oder ein Wähler dafür. Diese Asymmetrie kann politische Prioritäten beeinflussen: Sichtbare Projekte erzeugen Aufmerksamkeit, Fotos und Eröffnungsfeiern, während eine zusätzliche Netzkapazität am Ortsrand kaum jemandem auffällt. Das erklärt noch keine einzelne Fehlentscheidung – aber es beschreibt einen strukturellen Anreiz, dem bei langfristigen Investitionen in die Netzinfrastruktur Rechnung getragen werden müsste. Genau darin liegt die Herausforderung: Was politisch sichtbar ist, wird eher gebaut; was für die Energiewende notwendig, aber unsichtbar ist, kann leichter vertagt werden. Die Folgen dieser Prioritätensetzung landen nun bei den Stromkundinnen und Stromkunden – in der Stadtwohnung ebenso wie im Einfamilienhaus. Ob man diese Rechnung als Frage der individuellen Fairness oder als Frage verspäteter Systementscheidungen versteht, ist deshalb keine Nebensache, sondern der Kern der Debatte.

Was zur Ehrlichkeit dazugehört

Ein ehrlicher Essay muss auch die Gegenargumente ernst nehmen. Netzbetreiber sind regulierte Monopole, ihre Gewinne sind begrenzt, und die großen Erträge der Konzerne stammen aus Erzeugung und Handel, nicht aus dem Netz. Die Netztochter der EVN etwa trug laut einem Bericht des profil zuletzt wegen ihrer hohen Investitionen gar nichts zur Dividende des Konzerns bei. Hinzu kommt, dass das Regulierungssystem selbst lange auf Effizienz und Kostenbegrenzung getrimmt war: Anerkannt wurden notwendige, nicht vorausschauende Investitionen, und ein Netzbetreiber, der in den 2010er-Jahren auf Vorrat gebaut hätte, hätte sich womöglich den Vorwurf eingehandelt, Geld der Kunden für Leitungen auszugeben, die niemand braucht. Auch das Tempo, mit dem Photovoltaik nach 2020 zugebaut wurde, hat viele überrascht. Und schließlich: Bezahlt hätte den Netzausbau auch damals der Kunde, nur eben früher, günstiger und verteilt über mehr Jahre.

Doch gerade diese Einwände zeigen, dass die Verantwortung für die heutige Lage im System liegt – bei Eigentümern, Regulierung und Politik, die gemeinsam die Spielregeln gesetzt haben, nach denen zu spät gebaut wurde. Der Rechnungshof fordert, den Grundsatz der Verursachergerechtigkeit konsequent auf alle Netzbenutzer anzuwenden, und hält fest, dass private Haushalte die Netzkosten derzeit stärker tragen als die Industrie. Damit stellt er auch die Frage, ob die bisherige Kostenverteilung zwischen Haushalten, Gewerbe und Industrie angemessen ist. Wer über Fairness spricht, sollte auch über diese Verteilung sprechen und nicht nur über jene zwischen der Wohnung und dem Einfamilienhaus.

Und wer das Einfamilienhaus mit Photovoltaik vorschnell auf die Seite der Netzbelaster stellt, macht es sich ohnehin zu einfach. Die Eigenheimbesitzer, die in den vergangenen Jahren viel eigenes Geld in Photovoltaik investiert haben, versorgen nicht nur sich selbst mit Strom und beziehen dadurch weniger aus dem Netz. Sie speisen ihren Überschuss auch ein – zu Preisen, die zur Mittagszeit oft kaum noch etwas wert sind – und dämpfen damit die Großhandelspreise für alle. Von diesem günstigen, sauberen Strom profitiert auch der Mieter in der Stadtwohnung, der selbst keine Anlage aufs Dach stellen kann. Dass kleine Anlagen vom neuen Versorgungsinfrastrukturbeitrag für Einspeiser, der ab 2027 erst ab 20 kW greift, ausgenommen bleiben, ist deshalb folgerichtig. Wer die Photovoltaik am Eigenheim nur als Problem für das Netz beschreibt, verschweigt, dass sie zugleich ein Beitrag zur Versorgung aller ist – geleistet von privaten Investoren, die dafür keinen Dank erhalten, sondern künftig wie alle anderen einen Leistungspreis zahlen.

Fairness beginnt bei der Frage nach der Verantwortung

Der neue Leistungspreis mag sachlich richtig sein, und flexible Haushalte werden von ihm profitieren. Aber man sollte sich davor hüten, ihn als Akt der Gerechtigkeit zu überhöhen. Er verteilt Kosten um, die zu einem guten Teil durch Entscheidungen entstanden sind, auf die weder der Mieter noch der Häuslbauer Einfluss hatte. Wenn nun die einen zu jenen erklärt werden, die das Netz belasten, und die anderen zu jenen, die bisher für sie mitbezahlt haben, dann entsteht ein Konflikt zwischen Nachbarn, der von der eigentlichen Frage ablenkt: Warum haben jene, die über die Netze entscheiden, die Zeichen der Zeit nicht früher gelesen – und warum soll die Rechnung für dieses Versäumnis nun als Frage des persönlichen Verbrauchsverhaltens behandelt werden?

Der CO₂-Fußabdruck hat uns gelehrt, wie wirksam es ist, Verantwortung zu individualisieren. Er hat uns aber auch gelehrt, dass diese Individualisierung nur einen Teil der Wahrheit erzählt. Bei den Netzentgelten sollten wir uns diese Lektion merken. Fairness wäre, die Kosten des verspäteten Netzausbaus offen zu benennen, die Rolle der Eigentümer und der Regulierung transparent zu machen und zu diskutieren, wer welchen Anteil tragen soll – Haushalte, Industrie, große Einspeiser und, ja, auch die öffentlichen Eigentümer, deren Energieunternehmen über Jahre hohe Gewinne erzielten. Die Frage, ob diese Mittel früher stärker in die Netzinfrastruktur hätten fließen sollen, darf in der Fairness-Debatte nicht ausgeblendet werden. Erst dann lässt sich ehrlich über den Fußabdruck des Einzelnen im Netz reden.

Mehr zu „Der Fußabdruck im Netz“ – jede Woche im Postfach

Der i-Magazin Newsletter für die Elektro- und Energiebranche:

✓ Neuheiten und Marktnews aus der Branche

✓ Kompakt zusammengefasst

✓ Kostenlos und jederzeit abbestellbar

Newsletter abonnieren

Ähnliche Artikel

Hinterlassen Sie einen Kommentar

* Zur Speicherung Ihres Namens und Ihrer E-Mailadresse klicken Sie bitte oben. Durch Absenden Ihres Kommentars stimmen Sie der möglichen Veröffentlichung zu.