Wir führen viele Gespräche mit Menschen aus unserer Branche. Mit Unternehmern, Führungskräften, Mitarbeitern, Funktionären und Marktteilnehmern. Und erstaunlich oft ähneln sich diese Gespräche: Hinter vorgehaltener Hand wird sehr klar ausgesprochen, was nicht funktioniert, welche Strukturen überholt sind und wo Veränderungen notwendig wären. Öffentlich bleibt davon meist wenig übrig. Genau diese Diskrepanz hat mich dazu bewogen, diese Zeilen zu schreiben.
Es gibt diese Gespräche, die in Österreich erstaunlich gut funktionieren. Beim Kaffee. Beim Mittagessen. Nach einer Veranstaltung, wenn der offizielle Teil vorbei ist. Im kleinen Kreis. Und besonders gut dann, wenn garantiert niemand zuhört, der das Gesagte später gegen einen verwenden könnte.
Plötzlich wissen alle ziemlich genau, was falsch läuft.
Man weiß, welche politischen Entscheidungen lebensfremd sind. Man weiß, welche Strukturen längst überholt gehören. Man kennt die Abhängigkeiten innerhalb einer Branche, weiß um Machtverhältnisse, fragwürdige Entscheidungen und Spielregeln, die möglicherweise vor Jahrzehnten ihre Berechtigung hatten, heute aber mehr behindern als helfen.
Hinter vorgehaltener Hand herrscht erstaunlich viel Einigkeit.
Nur öffentlich wird es plötzlich still.
Warum eigentlich?
Vielleicht, weil wir gelernt haben, Risiken sehr genau abzuwägen. Und weil wir dabei zu einem interessanten Ergebnis kommen: Solange ein Missstand vor allem die Allgemeinheit betrifft, lässt er sich offenbar leichter ertragen, als wenn der Widerstand dagegen einen ganz persönlichen Nachteil verursachen könnte.
Das beginnt bei der Politik.
Natürlich leben wir in einer Demokratie. Wir wählen. Wir machen unser Kreuzerl. Wir können Parteien unterstützen, ablehnen, wechseln und abwählen. Das ist ein hohes Gut und keineswegs selbstverständlich.
Aber Demokratie erschöpft sich nicht am Wahlsonntag.
Zwischen zwei Wahlen werden Entscheidungen getroffen, Gesetze beschlossen, Verordnungen geschaffen und Rahmenbedingungen verändert, die wir alle zu spüren bekommen. Als Bürger, Unternehmer, Arbeitnehmer, Konsumenten oder Steuerzahler.
Und wie oft hören wir anschließend: „Da kann man ohnehin nichts machen.“
Kann man wirklich nichts machen?
Oder haben wir uns nur daran gewöhnt, unsere demokratischen Möglichkeiten auf die Abgabe eines Stimmzettels alle paar Jahre zu reduzieren?
Demokratie lebt davon, dass Menschen sich einmischen. Dass sie Fragen stellen. Dass sie widersprechen. Dass Interessenvertretungen tatsächlich Interessen vertreten. Dass Medien unbequem bleiben. Dass Bürger von Politikern Antworten verlangen und Unternehmen bei politischen Entscheidungen ihre Position klar aussprechen.
Doch Einmischung kann unangenehm werden.
Wer öffentlich widerspricht, macht sich sichtbar. Wer eine Position vertritt, kann dafür kritisiert werden. Wer bestehende Strukturen hinterfragt, riskiert Widerstand von jenen, die von genau diesen Strukturen profitieren.
Also bleiben viele lieber in Deckung.
Das Schweigen hat einen Preis
Dasselbe Prinzip funktioniert in der Wirtschaft.
Auch in der Elektrotechnikbranche gibt es genügend Themen, bei denen die offiziellen Aussagen und die Gespräche hinter verschlossenen Türen erstaunlich weit auseinanderliegen.
Auf Veranstaltungen hört man die diplomatische Version. Beim anschließenden Bier folgt mitunter die tatsächliche Meinung.
Da werden Strukturen kritisiert, Entscheidungen hinterfragt, Abhängigkeiten beschrieben und Entwicklungen angesprochen, von denen angeblich „ohnehin jeder weiß“, dass sie problematisch sind.
Die entscheidende Frage lautet dann:
Wenn es ohnehin jeder weiß – warum sagt es niemand?
Die Antwort ist meistens relativ einfach.
Weil der Hersteller seinen Vertriebspartner braucht.
Weil der Händler seine Lieferanten braucht.
Weil der Unternehmer seine Kunden braucht.
Weil der Manager seine Position behalten möchte.
Weil jemand bei der nächsten Ausschreibung wieder eingeladen werden will.
Weil man Mitglied eines Verbandes ist.
Weil man irgendwann vielleicht etwas von jemandem brauchen könnte.
Weil Beziehungen in kleinen Branchen sehr schnell sehr wertvoll werden können.
Und plötzlich wird aus einer Sachfrage eine persönliche Risikoabwägung.
Das ist menschlich. Vielleicht sogar vernünftig.
Gefährlich wird es dort, wo aus dieser Vorsicht ein System entsteht.
Denn Strukturen verändern sich selten aus eigener Kraft. Organisationen hinterfragen sich nicht automatisch. Macht wird selten freiwillig abgegeben. Privilegien verschwinden kaum deshalb, weil ihre Besitzer eines Morgens feststellen, dass sie historisch überholt sind.
Veränderung braucht jemanden, der sie fordert.
Wer soll anfangen?
Wir wünschen uns mutige Politiker, mutige Unternehmer, mutige Journalisten, mutige Funktionäre und mutige Führungskräfte.
Idealerweise beginnt mit dem Mut allerdings jemand anderer.
Das ist vermutlich einer der Gründe, warum Reformen so schwer sind.
Denn beinahe jede ernsthafte Veränderung produziert Gewinner und Verlierer. Wer ein bestehendes System verändert, verändert zwangsläufig auch Macht, Einfluss, Geldströme oder Zuständigkeiten.
Und damit sind wir beim Kern des Problems.
Wir beurteilen Veränderungen gerne danach, ob sie gesellschaftlich richtig wären. Sobald es konkret wird, beurteilen wir sie zusätzlich danach, ob sie für uns persönlich angenehm sind.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Eine Verwaltungsreform findet schnell Zustimmung – bis die eigene Behörde betroffen ist.
Weniger Bürokratie klingt hervorragend – solange die eigene Organisation keine Kompetenzen verliert.
Mehr Wettbewerb wird begrüßt – solange kein neuer Wettbewerber die eigene Position gefährdet.
Transparenz ist wunderbar – solange nicht die eigenen Entscheidungen transparent werden.
Und Reformbereitschaft endet erstaunlich häufig dort, wo der eigene Vorteil beginnt.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Veränderungsunwilligkeit ausschließlich „den Politikern“, „den Kammern“, „den Verbänden“, „den Konzernen“ oder irgendeinem anonymen „System“ zuzuschreiben.
Dieses System besteht aus Menschen.
Aus uns.
Widerspruch ist keine Illoyalität
Besonders problematisch wird es, wenn Kritik mit Illoyalität verwechselt wird.
Wer eine Branche kritisiert, arbeitet nicht automatisch gegen diese Branche. Kritik kann genau das Gegenteil bedeuten: dass einem ihre Zukunft wichtig genug ist, um Fehlentwicklungen anzusprechen.
Wer einen Verband hinterfragt, muss kein Gegner des Verbandes sein.
Wer seinem Unternehmen widerspricht, ist nicht zwangsläufig ein schlechter Mitarbeiter.
Wer politische Entscheidungen kritisiert, stellt deshalb nicht die Demokratie infrage.
Eine Gesellschaft, eine Branche oder ein Unternehmen, das nur Zustimmung als Loyalität akzeptiert, wird irgendwann zum Gefangenen seiner eigenen Strukturen.
Fortschritt entsteht schließlich selten dadurch, dass alle sagen: „Das haben wir immer schon so gemacht.“
Er beginnt meistens mit einer unangenehmen Frage.
Warum machen wir das eigentlich so?
Und manchmal mit einer noch unangenehmeren:
Wem nützt es, dass es so bleibt?
Mut muss wieder einen Wert bekommen
Natürlich kann nicht jeder Mensch permanent gegen jede Struktur kämpfen. Niemand sollte seine wirtschaftliche Existenz leichtfertig aufs Spiel setzen, um bei jeder Gelegenheit den Rebellen zu geben.
Aber irgendwo zwischen blindem Aufbegehren und vollständigem Schweigen liegt eine sehr große Fläche, die wir gesellschaftlich viel zu wenig nutzen.
Man kann Fragen stellen.
Man kann Entscheidungen öffentlich begründen lassen.
Man kann Diskussionen beginnen.
Man kann sich mit anderen zusammenschließen.
Man kann in Interessenvertretungen mitarbeiten.
Man kann alternative Strukturen schaffen.
Man kann Medien informieren.
Man kann bei der nächsten Wahl genauer hinschauen.
Und man kann aufhören, Dinge im vertraulichen Gespräch mit großer Überzeugung zu kritisieren, um wenige Minuten später öffentlich so zu tun, als wäre eigentlich alles in bester Ordnung.
Vielleicht wäre das bereits ein Anfang.
Denn eine Gesellschaft verliert ihre Veränderungsfähigkeit nicht erst dann, wenn Kritik verboten wird.
Sie verliert sie viel früher: wenn Menschen zwar noch sagen dürften, was sie denken, aber aus Angst vor persönlichen Nachteilen darauf verzichten.
Dann braucht es keine Zensur.
Dann zensieren wir uns selbst.
Die Frage ist deshalb weniger, ob Österreich reformfähig ist. Auch nicht, ob unsere Branchen reformfähig sind.
Die entscheidende Frage lautet:
Wie viel sind wir selbst bereit zu riskieren, damit sich etwas verändert, von dem wir längst wissen, dass es sich verändern müsste?
Vielleicht beginnt Fortschritt genau dort, wo einer aufhört zu sagen: „Das weiß ohnehin jeder.“
Und stattdessen aufsteht und sagt:
„Dann reden wir jetzt darüber.“