Österreich verfügt über eines der sichersten Stromsysteme Europas und einen hohen Anteil erneuerbarer Energie. Trotzdem beginnt die schwierigste Phase der Transformation erst jetzt. Beim Oesterreichs Energie Kongress 2026 in der Wiener Hofburg ging es deshalb weniger um das Ob als um das Wie: um Preise und Netze, Speicher und Versorgungssicherheit, Markt und Regulierung, Digitalisierung und Cybersecurity – und um die Frage, wie aus politischen Zielen endlich ein funktionierendes Gesamtsystem wird.
Eigentlich hätte Barbara Schmidt den ersten Kongresstag kaum treffender eröffnen können. Die Generalsekretärin von Oesterreichs Energie hatte sich für die gemeinsame Playlist der Veranstaltung den Bilderbuch-Song „Bungalow“ ausgesucht. Nicht nur, weil man dazu gut tanzen könne, wie sie schmunzelnd erklärte, sondern vor allem wegen eines Satzes darin: „Ich brauche mehr Strom.“ Was zunächst als lockerer Einstieg gedacht war, entwickelte sich im Laufe des Tages beinahe zum Leitmotiv des gesamten Oesterreichs Energie Kongresses 2026. Denn die Elektrifizierung von Industrie, Wärme, Verkehr und zunehmend auch Rechenzentren wird genau dazu führen: Österreich und Europa brauchen mehr Strom. Gleichzeitig soll dieser Strom sauberer, sicherer, unabhängiger und günstiger werden. Und plötzlich reicht es nicht mehr, einfach möglichst viele Photovoltaikanlagen und Windräder zu bauen. Man braucht Netze, Speicher, flexible Verbraucher, Leistungselektronik, digitale Steuerung, Fachkräfte, Genehmigungen und Kapital – und vor allem ein System, in dem all diese Komponenten miteinander funktionieren.
Mehr als 800 Teilnehmer kamen zum Kongress in die Wiener Hofburg, dazu 70 Partnerunternehmen und ein Programm mit Politik, Energiewirtschaft, Wissenschaft und Industrie. Oesterreichs Energie bezeichnet die Veranstaltung selbst als Plattform, auf der politische Rahmenbedingungen, technologische Entwicklungen und die Zukunft des Energiesystems gemeinsam diskutiert werden. Schon nach wenigen Stunden war klar, dass diese Beschreibung diesmal ziemlich genau traf, worum es tatsächlich ging. Die Diskussionen kreisten zwar um sehr unterschiedliche Themen, liefen aber immer wieder auf dieselbe Frage hinaus: Wie bringt man ein System, das gleichzeitig dezentraler, elektrischer, digitaler und volatiler wird, so unter Kontrolle, dass Versorgungssicherheit, Leistbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit nicht auf der Strecke bleiben?
Aus Klimapolitik wird Standortpolitik
Bundespräsident Alexander Van der Bellen setzte dafür in seiner Videobotschaft zunächst den europäischen Rahmen. Seine Vorstellung ist ein Europa, das seinen sauberen Strom zunehmend selbst produziert und dadurch weniger abhängig von fossilen Energieimporten und geopolitischen Druckmitteln wird. Energieunabhängigkeit erscheint in dieser Lesart nicht mehr bloß als Nebeneffekt der Klimapolitik, sondern als Voraussetzung politischer und wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit. Der Gedanke zog sich später durch nahezu alle Diskussionen des Tages: Wer seine Energieversorgung nicht beherrscht, verliert Spielraum.
Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer übersetzte diesen Gedanken anschließend in Standortpolitik. Seine Formel war bewusst zugespitzt: „Wer Energie kontrolliert, kontrolliert die Wirtschaft, kontrolliert das Wachstum und am Ende des Tages auch den Wohlstand.“ Damit war die Richtung seiner Rede klar. Österreich müsse wirtschaftlich wieder stärker werden, die Industrie brauche Perspektive und Energiepreise würden darüber entscheiden, ob Investitionen hier stattfinden oder anderswo.
Hattmannsdorfer verwies dabei auf mehrere gesetzliche und politische Vorhaben, die unmittelbar mit diesem Anspruch verbunden sind. Das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz wurde Ende 2025 mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit beschlossen und soll den Rechtsrahmen für einen Strommarkt schaffen, der sich durch Digitalisierung, neue Marktrollen und dezentrale Erzeugung grundlegend verändert hat. (Parlament Österreich) Im Juni 2026 folgte das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz; der Nationalrat beschloss das Gesetzespaket am 11. Juni. (Parlament Österreich) Für Hattmannsdorfer ist damit aber keineswegs alles erledigt. Gerade bei großen Projekten brauche es noch eine Reform des UVP-Rechts, weil Beschleunigung im Energierecht wenig nütze, wenn Projekte anschließend in anderen Genehmigungsschritten hängen bleiben.
Auch die Preisfrage nahm breiten Raum ein. Hattmannsdorfer kündigte einen Strompreis-Krisenmechanismus an und stellte klar, dass sich die Regierung gegen künftige extreme Preisschocks besser wappnen wolle. Der Staat müsse vorbereitet sein, bevor die nächste Krise eintritt, und definieren, wann ein Schutzmechanismus ausgelöst wird und wie Unterstützung bei Haushalten und Unternehmen ankommt. Gleichzeitig bleibt sein langfristiger Ansatz markant einfach: Die Preise müssten herunter, und dafür brauche es vor allem mehr Angebot. Sein wiederholtes „Ausbauen, ausbauen, ausbauen“ war deshalb nicht als Slogan gemeint, sondern als industriepolitische Aussage.
Mehr Wasserkraft, mehr Photovoltaik, mehr Windkraft und mehr Speicher sollen Österreich unabhängiger machen. Eine Potenzialstudie soll zusätzliche Wasserkraft- und Pumpspeicherstandorte sowie Repowering-Möglichkeiten bestehender Anlagen untersuchen. Hattmannsdorfer nannte fünf zusätzliche Terawattstunden Wasserkraft als Ziel und stellte gleichzeitig klar, dass Österreich langfristig wieder stärker zum Energieexporteur werden müsse. Der Minister verbindet damit zwei Ziele, die oft getrennt diskutiert werden: Versorgungssicherheit und günstige Energiepreise.
Dass die Regierung in der Übergangsphase dennoch nicht ausschließlich auf Erneuerbare setzt, machte er ebenfalls deutlich. Die heimische Gasproduktion soll nach seinen Angaben von einem Anteil von rund sieben auf 14 Prozent steigen, zusätzlich sollen Beteiligungs- und Fördermöglichkeiten in Süd- und Osteuropa geprüft werden. Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich: mehr Erneuerbare und gleichzeitig mehr Gas. Tatsächlich beschreibt es ziemlich genau die energiepolitische Realität, die an diesem Kongresstag immer wieder sichtbar wurde. Die langfristige Richtung ist eindeutig, doch auf dem Weg dorthin bleiben fossile Energieträger für bestimmte Anwendungen und für Versorgungssicherheit vorerst Teil des Systems.
Besonders wichtig war Hattmannsdorfers Ankündigung, den Prozess rund um den Österreichischen Netzinfrastrukturplan weiterzuentwickeln. Der ÖNIP soll Strom-, Gas- und Wasserstoffinfrastruktur integrierter betrachten und mit Speicher- und Flexibilitätsoptionen zusammenführen. Das Ministerium führt den ÖNIP ausdrücklich als strategisches Planungsinstrument für die zukünftige Energieinfrastruktur. (Oesterreichs Energie Veranstaltungen) Genau an diesem Punkt berührte die Ministerrede bereits jene Frage, die später den gesamten Kongresstag prägen sollte: Ausbau allein reicht nicht. Die einzelnen Teile müssen zusammenpassen.
Vertrauen zurückzugewinnen wird genauso schwierig wie Netze zu bauen
Michael Baminger, seit Juni Präsident von Oesterreichs Energie, ging deshalb einen Schritt zurück und sprach zunächst über etwas, das in energiepolitischen Strategien selten in Tabellen auftaucht: Vertrauen. Während der Energiekrise sei das Vertrauen in Energieunternehmen deutlich gesunken. Aus seiner Sicht entstand daraus eine paradoxe Situation. Energieversorger würden kritisiert, wenn sie Gewinne erwirtschafteten, Eigenkapital stärkten oder Dividenden ausschütteten, gleichzeitig werde aber erwartet, dass dieselben Unternehmen Milliarden in Netze, Erzeugung, Speicher und Digitalisierung investieren.
Baminger wollte daraus ausdrücklich keine Verteidigungsrede machen. Vielmehr forderte er einen Perspektivwechsel und verwendete dafür ein Bild, das hängen blieb: „Es gibt einen Grund, warum die Windschutzscheibe deutlich größer ist als der Rückspiegel.“ Die Krisen der vergangenen Jahre dürften nicht zum dauerhaften Mantra werden. Österreich verfüge trotz aller Probleme über einen hohen Anteil erneuerbarer Stromerzeugung, außergewöhnlich hohe Versorgungssicherheit und eine Branche, die auch in schwierigen Jahren funktioniert habe.
Dieser Optimismus war allerdings keineswegs naiv. Baminger verband ihn mit einer deutlichen Kritik daran, wie Transformation bisher oft gedacht wurde. Zu häufig sei sie als Aufgabe von Politik, Institutionen und Gesetzgebung behandelt worden. Ein neues Ziel, ein neues Gesetz oder ein neues Förderprogramm allein werde aber keine Anlage errichten und kein Netz stabilisieren. Transformation müsse als Teamplay verstanden werden, in dem Politik, Regulierung, Unternehmen und Kunden unterschiedliche Rollen übernehmen.
Genau bei den Kunden wird der Unterschied für Baminger sichtbar. Er erzählte von einer Unterhaltung mit seinem damals siebenjährigen Sohn, der Kohle schlecht fand, Gas ebenfalls, Wasserkraft wegen der Fische problematisch, Freiflächen-PV wegen Boden und Käfern kritisch und Windräder wegen Vögeln und Fledermäusen ablehnte. Bamingers Gegenfrage war einfach: Wie laden wir dann das iPad? Die kleine Familiengeschichte führte ziemlich präzise vor Augen, was in vielen gesellschaftlichen Debatten fehlt. Fast jede Form der Energieerzeugung hat Auswirkungen, und die Frage kann deshalb nicht lauten, ob eine Lösung völlig frei von Nachteilen ist, sondern welchen Nutzen sie bringt, welche Folgen akzeptabel sind und welche Alternativen realistisch bestehen.
Daraus leitete Baminger eine der wichtigsten Aussagen des Tages ab: „Kundinnen und Kunden müssen Partner dieser Transformation sein, nicht Transformationsobjekte.“ Wenn Menschen nur mit technischen Begriffen, regulatorischen Konstruktionen oder sieben Seiten Stromrechnung konfrontiert werden, dürfe man sich über mangelnde Zustimmung nicht wundern. Gleichzeitig fordert Baminger Ehrlichkeit. Die Vorstellung, erneuerbare Energie bedeute automatisch kostenlose Energie, greife zu kurz. Infrastruktur, Speicher, Netze, Reservekapazitäten und Digitalisierung kosten Geld. In diesem Zusammenhang fiel sein Satz: „Die Sonne schickt eine Rechnung.“
Gerade dieser Satz bekam wenig später einen interessanten Gegenpart.
Wenn das Solarmodul so viel kostet wie ein Holzbrett
Herbert Diess geht davon aus, dass Solarenergie bis etwa 2035 zur dominierenden Form der Energieerzeugung weltweit werden kann. Seine Begründung dafür ist weniger ideologisch als ökonomisch. Die Photovoltaik folgt seit Jahrzehnten einer ausgeprägten Lernkurve: Mit jeder Verdopplung der produzierten beziehungsweise installierten Menge sind die Kosten weiter gefallen. Diess machte diese Entwicklung mit einem beinahe banalen Vergleich anschaulich. Ein Solarmodul, das einst mehrere Hundert Euro kostete, sei inzwischen preislich ungefähr dort angekommen, wo man im Baumarkt ein einfaches Holzbrett findet.
Genau dieser Preisverfall verändert aber auch die Aufgabenstellung für das Energiesystem. Wenn Photovoltaik immer billiger wird und immer mehr davon installiert wird, besteht die Herausforderung nicht mehr allein darin, Strom zu erzeugen, sondern ihn genau dann verfügbar zu machen, wenn er gebraucht wird. An sonnigen Tagen ist schon heute zu beobachten, wohin das führt: Mittags fallen die Börsenpreise immer häufiger auf null oder sogar darunter, während sie einige Stunden später wieder deutlich steigen. Für Diess ist deshalb klar, dass der weitere Ausbau der Photovoltaik unmittelbar mit dem Ausbau von Speichern verbunden ist.
Auch dort verlaufen die Lernkurven steil. Sinkende Batteriepreise machen es zunehmend wirtschaftlich, Strom nicht nur stationär zwischenzuspeichern, sondern vorhandene Speicherkapazitäten viel konsequenter in das Energiesystem einzubinden. Genau an diesem Punkt kommt für Diess das Elektroauto ins Spiel. Die Batteriekapazität der wachsenden E-Auto-Flotte ist bereits enorm, wird heute aber den größten Teil des Tages überhaupt nicht genutzt, weil ein Auto durchschnittlich nur einen kleinen Teil seiner Zeit tatsächlich fährt. Mit bidirektionalem Laden lässt sich daraus ein dezentraler Speicher machen, der günstigen Solarstrom zu Zeiten hoher Erzeugung aufnimmt und ihn später wieder für das Gebäude oder das Netz zur Verfügung stellt.
Für Diess greift es allerdings zu kurz, nur auf das Fahrzeug zu schauen. Erst wenn Photovoltaikanlage, Hausspeicher, Elektroauto und Verbraucher im Gebäude über ein Home Energy Management System gemeinsam gesteuert werden, entsteht daraus jener flexible Baustein, den ein zunehmend volatiles Stromsystem tatsächlich gebrauchen kann. The Mobility House arbeitet bereits an solchen Konzepten. Diess formulierte die mögliche Konsequenz bewusst provokant: Unter passenden Marktbedingungen könne die Kombination aus PV, Speicher, dynamischen Tarifen und bidirektionalem Laden dazu führen, dass die laufenden Energiekosten für Haus und Auto theoretisch bis nahe null sinken.
Damit bekam Bamingers Satz von der Rechnung der Sonne eine zweite Ebene. Die Sonne schickt zwar eine Rechnung, doch die Lernkurven der Technik könnten dafür sorgen, dass diese Rechnung in Zukunft deutlich kleiner ausfällt als heute.
Die nächste Elektrifizierungswelle sitzt nicht nur auf dem Dach
Diess blieb allerdings nicht bei Photovoltaik und Batterien. Sein eigentliches Thema ist die Elektrifizierung ganzer Wertschöpfungsketten, und dafür wird Leistungselektronik zum entscheidenden Baustein. Infineon ist in diesem Bereich stark positioniert. Je mehr Strom erzeugt, umgewandelt, gespeichert, geladen und wieder eingespeist wird, desto mehr Halbleiter braucht das System. Diess erwartet in vielen Anwendungen Wirkungsgrade von 98 oder 99 Prozent und sieht selbst bei klassischen Transformatorlösungen langfristig Potenzial für stärker leistungselektronisch geprägte Technologien.
Das ist wesentlich mehr als ein Spezialthema für Halbleiterhersteller. Transformatoren gehören inzwischen selbst zu den Engpässen beim Netzausbau. Gleichzeitig wächst die Zahl elektrischer Anwendungen. Nach Pkw werden Lastwagen elektrifiziert, danach landwirtschaftliche Maschinen und andere Arbeitsgeräte. Diess arbeitet selbst an einem elektrischen Traktor in der 100-PS-Klasse, bei dem Wechselakkus einen kontinuierlichen Betrieb ermöglichen sollen. Das zeigt, wie weit die Elektrifizierung inzwischen reicht: Sie betrifft nicht mehr nur Bereiche, die ohnehin stromnah waren, sondern greift zunehmend auf Anwendungen über, die bisher fest in fossiler Hand lagen.
Hinzu kommt der massive Strombedarf neuer Rechenzentren. Gerade KI-Infrastruktur macht Energie wieder zu einem direkten Standortfaktor. Wer Rechenzentren ansiedeln will, braucht nicht nur Grundstücke, Glasfaser und Prozessoren, sondern große Mengen sicher verfügbaren Strom. Diess sieht auch hier erneuerbare Erzeugung und Speicher als zentrale Lösung, während andere Teilnehmer des Kongresses stärker auf regelbare Kraftwerke und Netzausbau verwiesen. Gerade diese Unterschiede machten deutlich, dass noch keineswegs ausverhandelt ist, wie stark künftige Lasten lokal abgesichert, flexibilisiert oder über Netze versorgt werden sollen.
Hohe Netzentgelte werden zum politischen Sprengstoff
Unbequem für die Branche wurde Diess dort, wo er die Kosten der Netzinfrastruktur ansprach. Deutschland und Österreich liegen nach seinen Angaben bei Netzgebühren in einer Größenordnung von rund zehn Cent pro Kilowattstunde, während Frankreich deutlich darunter liegt. Einen Teil der Differenz führt er auf die sehr kleinteilige deutsche Netzstruktur zurück. Hunderte Netzbetreiber bedeuten eben auch zahlreiche Organisationen, IT-Systeme und Verwaltungsstrukturen.
Diess leitete daraus ein klares Plädoyer für Konsolidierung ab und stellte gleichzeitig die Frage, ob jede neue Herausforderung automatisch mit noch mehr klassischem Netzausbau beantwortet werden sollte. Wenn Milliarden in zusätzliche Infrastruktur investiert werden, steigen langfristig auch die Kosten, die über Netzentgelte auf die Kunden zurückfallen. Mehr dezentrale Speicher und intelligente Steuerung könnten aus seiner Sicht einen Teil dieser Investitionen vermeiden oder zumindest zeitlich verschieben.
Damit stand eine der schwierigsten Fragen des Kongresses im Raum: Wie viel Netz ist wirklich notwendig, und wie viel Infrastruktur kann durch Flexibilität, Speicher und Digitalisierung ersetzt werden?
Aus gefangenen Kunden wurde ein Markt – jetzt muss dieser Markt erwachsen werden
Franz Angerer von der Österreichischen Energieagentur lieferte dafür den historischen Hintergrund. Vor der Liberalisierung waren Stromkunden faktisch an ihren jeweiligen Versorger gebunden. Angerer nannte sie nüchtern „gefangene Kunden“. Mit der Marktöffnung änderte sich dieses System grundlegend. Kunden konnten erstmals den Lieferanten wählen, Netze wurden reguliert, Wettbewerb entstand.
Die von der Energieagentur präsentierte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass die Liberalisierung deutliche volkswirtschaftliche Vorteile gebracht hat. Nach Angerers Darstellung ersparten sich Stromkunden dadurch jährlich insgesamt mehr als 600 Millionen Euro, wobei der Effekt bei Haushalten besonders stark ausfiel. Zusätzlich zeige die Modellrechnung positive Auswirkungen auf Konsum, Inflation und Wirtschaftsleistung. Angerer betonte allerdings auch die Grenzen des Modells: Ab den extremen Krisenjahren nach 2021 werde eine saubere kontrafaktische Berechnung deutlich schwieriger.
Bemerkenswert ist ein anderer Punkt. Die Versorgungssicherheit hat unter der Liberalisierung nicht gelitten, sondern blieb hoch beziehungsweise verbesserte sich langfristig. Gleichzeitig wurden große Mengen neuer Wind- und Photovoltaikleistung in das System integriert. Markt und Transformation sind deshalb keineswegs zwangsläufig Gegensätze.
Nur ist die Aufgabe des Marktes heute erheblich komplizierter als im Jahr 2001. Damals musste er vor allem Wahlfreiheit organisieren. Heute soll er Millionen dezentraler Erzeuger, Verbraucher und Speicher koordinieren, die teilweise innerhalb weniger Minuten ihre Rolle wechseln können. Ein Haushalt mit PV, Batterie, Wärmepumpe und Elektroauto ist nicht mehr bloß Kunde, sondern gleichzeitig Erzeuger, Speicherbetreiber und flexible Last.
Angerer formulierte die Grenze ökonomischer Steuerung später in einem Satz, der fast genauso gut als Motto des Kongresses hätte dienen können: „Der Markt kann die Physik nicht schlagen.“ Preise können Anreize setzen, aber eine überlastete Leitung bleibt überlastet. Deshalb muss das Stromsystem künftig Markt- und Netzsignale viel enger miteinander verbinden.
Speicher brauchen Regeln, die ihr Verhalten und nicht nur ihre Existenz belohnen
Staatssekretärin Elisabeth Zehetner griff genau diesen Punkt auf. Für sie steht außer Zweifel, dass Batteriespeicher künftig unverzichtbar werden. Gleichzeitig warnte sie davor, Speicher automatisch als netzdienlich zu betrachten. Ein Speicher kann das Netz entlasten, wenn er zur richtigen Zeit lädt und entlädt. Derselbe Speicher kann aber auch zusätzliche Spitzen erzeugen, wenn er auf den Börsenpreis reagiert und dabei die lokale Netzsituation ignoriert.
Deshalb wird die Netzentgeltregulierung für Speicher zu einem der entscheidenden Themen der kommenden Jahre. Zehetner machte deutlich, dass die derzeit diskutierten Regelungen noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden können. Es brauche Anreize, die systemdienliches Verhalten belohnen, ohne Kosten ungerecht auf andere Marktteilnehmer zu verschieben.
Barbara Schmidt vertrat die Branche ähnlich. Aus ihrer Sicht sind die Rahmenbedingungen derzeit noch nicht optimal, wenn große und kleine Speicher im notwendigen Umfang entstehen sollen. Gleichzeitig müsse darauf geachtet werden, dass eine Begünstigung nicht einfach bedeutet, dass andere Kunden mehr bezahlen. Gerade weil Speicher langfristige Investitionen sind, brauchen Betreiber kalkulierbare Rahmenbedingungen.
Damit wird die Speicherfrage wesentlich anspruchsvoller als die politische Forderung „Wir brauchen mehr Speicher“. Entscheidend ist nicht nur, wie viele Megawatt und Megawattstunden gebaut werden, sondern wo die Anlagen stehen, wann sie laden, wann sie entladen und auf welches Signal sie reagieren.
Energiegemeinschaften werden vom Bürgerprojekt zum Systembaustein
Besonders interessant wurde diese Diskussion bei den Energiegemeinschaften. Zehetner bezeichnete sie als Erfolgsgeschichte und verwies darauf, dass ihre nächste Entwicklungsstufe wesentlich stärker mit Flexibilität verbunden sein könnte. Aggregatoren sollen es Energiegemeinschaften ermöglichen, auch gemeinsame Speicher zu betreiben. Genau dadurch könnte aus dem bislang vor allem bilanziellen Zusammenschluss lokaler Erzeuger und Verbraucher zunehmend ein aktiver Bestandteil des Energiesystems werden.
Die Idee ist bestechend: Strom möglichst dort verbrauchen, wo er erzeugt wird, lokale Überschüsse speichern und erst dann das übergeordnete Netz belasten, wenn es tatsächlich notwendig ist. Gerade in regionalen Energiegemeinschaften könnte das helfen, Erzeugung und Verbrauch besser zusammenzuführen.
Barbara Schmidt erinnerte jedoch an die andere Seite. Hinter jeder Energiegemeinschaft stehen digitale Prozesse, Abrechnung, Marktkommunikation und Netzinfrastruktur. Wenn einzelne Gruppen reduzierte Netzentgelte bezahlen, verschwinden die Fixkosten der Netze nicht. Sie können im Extremfall lediglich auf andere Kunden verlagert werden. Die Energiegemeinschaft wird damit vom sympathischen Bürgerprojekt zur ernsthaften energiewirtschaftlichen Konstruktion – und muss sich künftig auch daran messen lassen, welchen Nutzen sie für das Gesamtsystem tatsächlich bringt.
Dass es dabei nicht genügt, Menschen technisch korrekt zu informieren, wurde später im Panel über Mythen und Vertrauen deutlich. Wer eine Energiegemeinschaft gründen will, muss Menschen nicht nur erklären, was sie ist, sondern sie einladen, mitzumachen. Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied. Beteiligung entsteht selten dadurch, dass man ein Datenblatt verteilt. Sie entsteht, wenn Menschen verstehen, warum etwas für sie relevant ist.
Wenn günstiger Ökostrom teuer aussieht
Zehetner richtete den Blick anschließend auf ein weiteres Problem des europäischen Strommarkts: das Zusammenspiel aus Merit Order, Gaspreisen und CO₂-Kosten. Wenn Gaskraftwerke preisbestimmend werden, schlagen deren Grenzkosten auf den Marktpreis durch. Gleichzeitig verteuert der europäische Emissionshandel fossile Erzeugung zusätzlich. So kann es vorkommen, dass große Mengen günstig erzeugter erneuerbarer Energie im System sind, der Marktpreis aber trotzdem durch teure fossile Kraftwerke bestimmt wird.
Zehetner stellte nicht das Prinzip des Marktes infrage, wohl aber dessen Wechselwirkungen mit anderen Instrumenten. Transparenz sei notwendig, um nachvollziehen zu können, wer wann den Preis setzt und welche politischen Instrumente sich gegenseitig verstärken. Genau hier werde sich entscheiden, ob Europa seinen hohen Anteil erneuerbarer Erzeugung auch in einen Standortvorteil übersetzen kann.
Markus Beyrer von BusinessEurope formulierte die industrielle Sicht noch schärfer. Europa habe ein Energiekostenproblem. Bei Investitionsentscheidungen seiner Mitgliedsunternehmen würden regelmäßig zwei Themen weit oben stehen: regulatorische Überlastung und hohe Energiepreise. Die Liberalisierung habe geholfen, die Situation zu verbessern, doch ein Teil dieser Vorteile sei später durch Netzkosten, Steuern, Abgaben, Dekarbonisierungskosten und weitere Belastungen wieder aufgezehrt worden.
Beyrer fordert deshalb einen stärker integrierten europäischen Energiemarkt. Strom sollte dort produziert werden, wo es wirtschaftlich am sinnvollsten ist, und über ausreichend leistungsfähige Verbindungen dorthin gelangen können, wo er gebraucht wird. Doch genau daran zeigt sich die politische Schwierigkeit. Länder mit sehr günstiger Erzeugung sind nicht automatisch begeistert davon, diesen Vorteil über stärkere Marktintegration zu teilen, wenn dadurch die eigenen Preise steigen könnten. Europäische Energiepolitik bleibt deshalb immer auch nationale Interessenpolitik.
Florence Gaub erinnert daran, dass Zukunft kein Fahrplan ist
Nach so viel Technik, Markt und Regulierung war der Auftritt von Florence Gaub beinahe eine notwendige Unterbrechung. Die Forschungsdirektorin am NATO Defense College beschäftigte sich weniger mit der Frage, welche Anlage gebaut werden soll, als damit, wie man überhaupt vernünftig über Zukunft nachdenken kann.
Gerade in der Geopolitik sei das schwieriger, als viele Expertenauftritte vermuten lassen. Gaub nannte drei Gründe: Datenqualität, Datenmenge und die Schwierigkeit, stabile Muster zu erkennen. Autoritäre Systeme geben wenig preis, strategische Entscheidungen werden bewusst verschleiert, historische Vergleichsfälle sind begrenzt und menschliches Verhalten bleibt schwer berechenbar. Wer deshalb mit großer Sicherheit behauptet, genau zu wissen, was 2027, 2030 oder 2035 geopolitisch passieren wird, sollte zumindest mit Vorsicht betrachtet werden.
Gaub erklärte, wie strategische Vorausschau stattdessen funktioniert: Zunächst werden Weak Signals, also frühe Anzeichen von Veränderungen, gesucht. Daraus entstehen unterschiedliche Szenarien. Der entscheidende Schritt folgt erst danach: Aus diesen Szenarien müssen Handlungsoptionen entstehen. Zukunftsarbeit ist für sie deshalb kein Versuch, die Zukunft exakt vorherzusagen, sondern ein Instrument, um heute besser entscheiden zu können.
Gerade darin lag eine bemerkenswerte Verbindung zur Energiebranche. Auch dort sind viele Entwicklungen nicht exakt vorhersehbar. Niemand weiß genau, wie schnell sich Speicherpreise entwickeln, wie hoch der Strombedarf von Rechenzentren in zehn Jahren sein wird oder welche geopolitische Krise den nächsten Preisschock auslöst. Trotzdem kann man Szenarien bilden, Verwundbarkeiten erkennen und Entscheidungen treffen.
Gaub beschrieb auch die sicherheitspolitische Lage Europas mit diesem Ansatz. Die USA richten ihre strategische Aufmerksamkeit zunehmend auf China, während Europa Russland als unmittelbare militärische Herausforderung wahrnimmt. Daraus entsteht eine Verwundbarkeit, weil amerikanische Ressourcen nicht unbegrenzt verfügbar sind. Gleichzeitig warnte sie vor scheinbar exakten Kriegsprognosen. Dass China bis 2027 bestimmte militärische Fähigkeiten erreichen will, bedeute nicht automatisch, dass es Taiwan 2027 angreift. Fähigkeit und Absicht sind zwei unterschiedliche Dinge.
Auch beim nuklearen Risiko plädierte sie für Einordnung. Die Zahl der weltweiten Nuklearsprengköpfe ist gegenüber dem Höhepunkt des Kalten Kriegs deutlich gesunken. Das Risiko ist damit nicht verschwunden, aber historische Relationen helfen, aktuelle Angst einzuordnen. Viel entscheidender war für Gaub ohnehin die Frage, wie Gesellschaften auf Bedrohungen reagieren. Zukunftsangst führe leicht zu Ohnmacht. Zukunftsplanung müsse deshalb immer mit Handlungsfähigkeit enden.
Ihre drei Antworten darauf waren bemerkenswert klar: Verteidigung und Abschreckung, Diplomatie neu lernen und eine positive Vision entwickeln. Gerade der letzte Punkt passte zum Kongress. Europa beschreibt häufig sehr genau, was es nicht will: keine Abhängigkeit, keinen wirtschaftlichen Abstieg, keine Klimakrise, keinen Krieg. Viel seltener beantwortet es die Frage, wie eine attraktive Zukunft eigentlich aussehen soll.
Die nächste Abhängigkeit kommt digital
Von dieser geopolitischen Ebene führte der Weg fast nahtlos zurück zur Energieversorgung. Johannes Benigni von JBC Vienna machte deutlich, dass Europas Souveränität trotz stärker diversifizierter Gasversorgung fragil bleibt. Kriege und geopolitische Spannungen wirken weiterhin unmittelbar auf Gas- und Ölpreise und damit auf Strompreise, Inflation und Wettbewerbsfähigkeit.
Benigni unterscheidet deshalb scharf zwischen langfristiger Strategie und kurzfristiger Realität. Langfristig müsse Europa aus fossilen Abhängigkeiten heraus. Kurzfristig aber würden Gaskraftwerke weiterhin gebraucht. In einer akuten Hochpreisphase müsse deshalb auch diskutiert werden, ob zusätzliche CO₂-Kosten auf Gaskraftwerke sinnvoll seien. Seine Forderung, CO₂-Zertifikatskosten temporär herauszunehmen, war eine der kontroverseren des Tages. Sie zeigte aber genau jene Spannung, die die europäische Energiepolitik derzeit prägt: Klimaziele und Versorgungssicherheit laufen langfristig in dieselbe Richtung, kurzfristig können sie sich bei Preisen und Übergangstechnologien durchaus widersprechen.
Benigni verwies auch auf die wachsende Rolle von Rechenzentren und den Strombedarf digitaler Infrastruktur. Die USA würden neue Kapazitäten teilweise mit mobilen Gaskraftwerken absichern, weil Stromanschlüsse und Genehmigungen nicht schnell genug verfügbar seien. Für Europa müsse daraus folgen, nicht nur neue Erzeugung aufzubauen, sondern Stromregionen wesentlich stärker miteinander zu verbinden. Leistungsfähige Gleichstromverbindungen könnten helfen, unterschiedliche Erzeugungsschwerpunkte europaweit besser zu nutzen.
Sein Wunsch für Österreich fiel trotzdem erstaunlich bodenständig aus: Energieraumplanung. Es könne nicht funktionieren, wenn große PV-Anlagen, Windräder oder Speicher dort gebaut würden, wo sie für einzelne Investoren attraktiv sind, während die Allgemeinheit anschließend den dafür notwendigen Netzausbau finanziert. Erzeugung, Speicher und Netze müssten stärker gemeinsam geplant werden.
Gerald Tretter von BearingPoint ergänzte diesen physischen Blick um die digitale Dimension. Je mehr dezentrale Anlagen, Wärmepumpen, Batterien, Elektroautos und flexible Verbraucher in das Energiesystem kommen, desto weniger funktioniert es wie eine Maschine, die einmal gebaut und anschließend möglichst störungsfrei betrieben wird. Es wird zu einem System, das permanent gesteuert werden muss.
Tretters Definition von Resilienz war deshalb hilfreich: Resilienz bedeutet nicht, jede Störung zu verhindern, sondern so aufgestellt zu sein, dass man mit Störungen umgehen kann. Dafür braucht es digitale Systeme, Daten und automatisierte Entscheidungsprozesse. Genau daraus entsteht allerdings die nächste Abhängigkeit.
Digitale Souveränität bedeutet für Tretter nicht, jede Software selbst zu programmieren und jeden Server in Österreich zu betreiben. Entscheidend sei, selbst entscheiden zu können, was im eigenen System geschieht. Wer besitzt die Daten? Wer versteht die Logik hinter einer Entscheidung? Kann der Betreiber eingreifen? Oder ist er abhängig von einer Blackbox, deren Verhalten er weder kontrollieren noch vollständig nachvollziehen kann?
Tretter nennt diese Fähigkeit „Operational Intelligence“. Das klingt zunächst nach Beratervokabular, trifft aber einen sehr konkreten Punkt: Je digitaler das Stromsystem wird, desto wichtiger wird die Fähigkeit der Betreiber, auch in Ausnahmesituationen handlungsfähig zu bleiben.
Souveränität heißt nicht, alles selbst zu produzieren
Kavita Surana von der WU Wien setzte an einem anderen Ende derselben Frage an. Für sie entscheidet sich Souveränität nicht nur an Kraftwerken oder Gasimporten, sondern tief in industriellen Lieferketten. Transformatoren sind dafür ein gutes Beispiel. Sie werden für Netze, erneuerbare Erzeugung und Rechenzentren gebraucht, gleichzeitig sind Lieferzeiten gestiegen und bestimmte Materialien nur bei wenigen Herstellern verfügbar.
Ähnliches gilt für Wechselrichter, Batterien und Halbleiter. Surana warnte davor, strategische Industriepolitik ausschließlich über Endprodukte zu denken. Ein großer Teil der Wertschöpfung steckt in Materialien, Komponenten, Produktionsverfahren, Digitalisierung und Software. Ein Land kann deshalb auch dann strategisch stark sein, wenn es nicht jedes fertige Produkt selbst herstellt.
Die Beispiele Siemens, Fronius und die europäische Halbleiterindustrie zeigten, wo Chancen liegen. Gerade bei Wechselrichtern, Leistungselektronik und bestimmten Netzkomponenten gibt es europäische Kompetenz, die durch Cybersecurity-Anforderungen sogar noch an Bedeutung gewinnen könnte. Bei Batterien wiederum stellte Surana die Frage, ob ausländischer Besitz einer Fabrik zwangsläufig ein Problem sein muss. Wenn Produktion in Europa stattfindet, entstehen auch Know-how, Zulieferketten, Dienstleistungen und technologische Spillover-Effekte.
Ihr langfristiger Punkt war deshalb klar: Produktionskapazität allein schafft keine nachhaltige Souveränität. Ohne Innovation wird jede industrielle Aufholstrategie irgendwann wieder eingeholt.
Das Netz ist nur so sicher wie seine digitale Steuerung
Die Spartensprecher von Oesterreichs Energie holten diese Überlegungen anschließend in die Praxis. Franz Strempfl verteidigte das klassische N-1-Prinzip in den Hoch- und Höchstspannungsnetzen. Es habe sich bewährt und sei eine Grundlage der hohen österreichischen Versorgungssicherheit. Gleichzeitig machte er deutlich, dass Redundanz künftig anders gedacht werden muss. Eine doppelt ausgeführte Leitung hilft wenig, wenn die digitale Kommunikation oder Steuerung ausfällt.
Karl Heinz Gruber sprach aus Sicht von Erzeugung und Speichern über physische und digitale Bedrohungen. Die Anlagen seien gut geschützt, gleichzeitig entwickelten sich Angriffsformen laufend weiter. Cybersecurity ist deshalb keine Aufgabe, die irgendwann abgeschlossen ist, sondern ein permanenter Prozess.
Jörg Sollfelner wiederum brachte die Diskussion auf einen Begriff, der überraschend viele Themen des Tages verbindet: Diversifikation. Mehr erneuerbare Erzeugung reduziert die Abhängigkeit von einzelnen fossilen Energieträgern. Elektromobilität reduziert die nahezu vollständige fossile Abhängigkeit des Straßenverkehrs. Wärmepumpen verringern die Abhängigkeit von Gas und Öl im Wärmemarkt. Und Elektroautos bringen zugleich eine zusätzliche Speicherressource ins Stromsystem.
Für Sollfelner geht es dabei nicht darum, morgen die letzten fossilen Prozentpunkte zu beseitigen. Jeder Schritt, der Abhängigkeiten reduziert und die Effizienz erhöht, macht das Gesamtsystem resilienter.
Menschen gewinnt man nicht mit Datenblättern
Die Diskussion über die vier großen Unwahrheiten beziehungsweise Mythen der Energiewende führte anschließend zu einer Frage, die technisch vergleichsweise simpel klingt, kommunikativ aber enorm schwierig ist: Wem glauben Menschen überhaupt noch?
Gerade Energiethemen sind inzwischen Projektionsfläche für politische Identitäten, Zukunftsängste und persönliche Erfahrungen. Ein Windrad ist schnell nicht mehr nur ein Windrad, sondern Symbol dafür, ob jemand für oder gegen Energiewende, Klimapolitik oder staatliche Eingriffe steht. Baminger hatte diesen Mechanismus zuvor bereits kritisiert, als er sagte, dem Elektron sei es letztlich egal und der Physik „völlig wurscht“, welche ideologische Bedeutung man einem Projekt gibt.
In der Diskussion wurde deutlich, dass reine Faktenvermittlung nur begrenzt wirkt. Menschen müssen zunächst dort abgeholt werden, wo ihre Emotionen, Erfahrungen und Interessen liegen. Fakten werden erst danach wirksam. Für Energiegemeinschaften wurde das sehr plastisch formuliert: Es reicht nicht, Bürger darüber zu informieren, dass eine EEG existiert. Man muss sie einladen, Teil davon zu werden.
Das ist ein anderer Kommunikationsansatz. Nicht erklären, was Menschen tun sollen, sondern ihnen eine Rolle anbieten.
Genau das verbindet diesen Teil der Veranstaltung wieder mit Bamingers Forderung nach dem Kunden als Partner der Transformation.
Forschung zeigt, wie aus Einzelteilen ein System wird
Dass diese Transformation längst nicht mehr nur politisches Konzept ist, sondern tief in technischen Detailfragen hineinreicht, zeigte die Verleihung des Oesterreichs Energie-Preises für den wissenschaftlichen Nachwuchs.
Jasmin Mensik wurde für ihre Dissertation über hybride Stromspeicher ausgezeichnet. Ihre Arbeit untersucht, wie unterschiedliche Speichertechnologien in vollständig erneuerbaren Stromsystemen zusammenwirken können. Der entscheidende Gedanke ist auch ohne mathematische Modelle leicht verständlich: Nicht jede Speichertechnologie eignet sich für jede Aufgabe. Der höchste Nutzen entsteht deshalb nicht, wenn jede Komponente isoliert optimiert wird, sondern wenn unterschiedliche Technologien entsprechend ihrer Stärken gemeinsam eingesetzt werden. (OTS.at)
Gregor Maria Schöpf beschäftigte sich in seiner Masterarbeit mit Grid-Forming-Algorithmen und Hardware-in-the-Loop-Tests. Je mehr klassische rotierende Generatoren durch wechselrichtergekoppelte PV-, Wind- und Speicheranlagen ersetzt werden, desto wichtiger wird die Frage, wie Wechselrichter selbst aktiv zur Netzstabilität beitragen können. Seine Arbeit untersucht genau dieses Verhalten unter simulierten Netz- und Fehlerbedingungen. (OTS.at)
Benjamin Kloibhofer und Luka Edler wiederum wurden für ihre HTL-Abschlussarbeit „From Waste to Energy – KI für nachhaltigere Photovoltaik“ ausgezeichnet. Sie verbinden künstliche Intelligenz mit der Zustandsbewertung von PV-Technik und verfolgen damit das Ziel, Anlagen und Komponenten länger sinnvoll zu nutzen, anstatt sie vorschnell zu ersetzen. (OTS.at)
Dass anschließend 20 Lehrlinge auf die Bühne gebeten wurden, war weit mehr als eine nette Geste. Baminger brachte damit die gesamte Diskussion des Tages auf einen ausgesprochen praktischen Nenner. Alle Ausbauziele, Netzentwicklungspläne und Digitalisierungsstrategien brauchen Menschen, die Anlagen errichten, Leitungen verlegen, Systeme programmieren, Fehler suchen und Infrastruktur instand halten. Seine Botschaft an die jungen Menschen war entsprechend klar: Die Transformation stehe und falle nicht auf der PowerPoint, sondern mit ihnen.
Wenn tausende Wechselrichter gleichzeitig zum Risiko werden
Wie eng technischer Fortschritt und neue Verwundbarkeit inzwischen miteinander verbunden sind, zeigte schließlich der Roland-Langthaler-Preis 2026. Ausgezeichnet wurden Stefan Übermasser, Oliver Jung und Matthias Eckhart vom AIT sowie Michael Denk für ihre Arbeit zur Cybersicherheit von PV-Wechselrichtern. (OTS.at)
Das Thema ist hochaktuell, weil moderne Wechselrichter längst keine rein elektrotechnischen Geräte mehr sind. Sie verfügen über Software, Kommunikationsschnittstellen und teilweise Cloud-Anbindungen. Dadurch werden sie zu einem Teil der digitalen Infrastruktur des Stromsystems. Die ausgezeichnete Arbeit untersucht deshalb nicht nur, was passiert, wenn ein einzelner Wechselrichter kompromittiert wird, sondern welche Folgen entstehen könnten, wenn eine größere Zahl solcher Geräte gleichzeitig beeinflusst wird. Dabei werden technische Risiken, mögliche Auswirkungen auf den Netzbetrieb und regulatorische Fragen gemeinsam betrachtet. (OTS.at)
Michael Strugl, Vorstandsvorsitzender des Verbund und bis Juni Präsident von Oesterreichs Energie, brachte den Kern auf den Punkt: „Versorgungssicherheit wird zunehmend auch zu einer Frage der Cybersicherheit.“ (OTS.at) Gerade die Verbindung aus wissenschaftlicher Fundierung und unmittelbarer Praxisnähe habe die Jury überzeugt.
Strugl nutzte den Auftritt zugleich für einen persönlichen Rückblick auf seine sechs Jahre an der Spitze von Oesterreichs Energie. Es waren Jahre, in denen die Branche kaum aus dem Krisenmodus herauskam. Der Angriff Russlands auf die Ukraine, Gasversorgung, explodierende Energiepreise und politische Eingriffe verlangten eine ständige Neuorientierung. Sein Selbstverständnis für diese Zeit brachte er mit einem Satz auf den Punkt: „Wir sehen uns als Teil der Lösung und nicht als Problem.“
Mit Michael Baminger habe nun ein Generationswechsel stattgefunden. Das passte erstaunlich gut zu diesem ersten Kongresstag, denn auch das Energiesystem selbst steckt mitten in einem Generationswechsel.
Die Energiewende verlässt die PowerPoint
Die erste Phase der Energiewende war vergleichsweise einfach zu erzählen. Man ersetzte fossile Erzeugung durch erneuerbare. Mehr Wind, mehr Photovoltaik, mehr Wasserkraft – fertig war zumindest das politische Bild.
Diese Phase ist vorbei.
Jetzt müssen Erzeugung, Netze, Speicher, Industrie, Gebäude, Verkehr und digitale Infrastruktur gleichzeitig zusammenspielen. Jetzt entscheidet sich, wann das Elektroauto lädt und wann es Strom zurückgibt. Jetzt muss geklärt werden, ob ein Batteriespeicher dem lokalen Netz hilft oder es gerade belastet. Jetzt wird relevant, ob eine Energiegemeinschaft tatsächlich Flexibilität erzeugt oder lediglich Strom anders abrechnet. Jetzt muss sich zeigen, ob Wechselrichter das Netz stabilisieren oder zum Cyberrisiko werden. Und jetzt stellt sich auch die Frage, wie viele Milliarden in klassische Infrastruktur fließen müssen und wie viel davon durch intelligente Steuerung, Speicher und flexible Verbraucher vermieden werden kann.
Genau deshalb war der vielleicht wichtigste Befund dieses ersten Tages kein einzelnes Gesetz, kein Ausbauziel und keine technische Prognose. Es war die Erkenntnis, dass die Transformation in den Maschinenraum gekommen ist.
Baminger formulierte es mit Blick auf die ideologische Aufladung einzelner Projekte so: „Dem Elektron ist es völlig egal, der Physik ist es völlig wurscht.“ Angerer lieferte die ökonomische Ergänzung dazu: „Der Markt kann die Physik nicht schlagen.“
Beide Aussagen führen am Ende zur gleichen Konsequenz.
Die Energiewende wird nicht daran entschieden, welche einzelne Technologie politisch gewinnt. Sie wird daran entschieden, ob aus all diesen Technologien ein funktionierendes System wird.
Barbara Schmidt hatte den Tag mit dem Satz begonnen: „Ich brauche mehr Strom.“
Nach diesem ersten Kongresstag müsste man ergänzen:
Wir brauchen mehr Strom. Aber noch dringender brauchen wir ein System, das damit umgehen kann.