Der Europäische Rechnungshof kritisiert die bisherige Umsetzung des EU-Energieplans REPowerEU deutlich. Laut dem Sonderbericht 21/2026 fehlt dem Programm weiterhin eine wirksame Steuerung, um die Fortschritte in den Mitgliedstaaten zu koordinieren und belastbar nachzuverfolgen. Zudem wurden von den zusätzlich veranschlagten Investitionen in Höhe von rund 300 Milliarden Euro bislang erst 54,3 Milliarden Euro in nationalen Aufbauplänen verplant.
REPowerEU wurde im Mai 2022 als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine vorgestellt. Ziel des Plans ist es, die Abhängigkeit der Europäischen Union von fossilen Brennstoffen aus Russland schrittweise zu beenden und gleichzeitig die Energiewende zu beschleunigen. Dazu zählen unter anderem die Diversifizierung der Energieimporte, der Ausbau erneuerbarer Energien, Energieeinsparungen sowie eine bessere grenzüberschreitende Vernetzung der europäischen Energiesysteme.
Umsetzung bleibt hinter den Zielen zurück
Nach Einschätzung des Rechnungshofs hat sich REPowerEU in der Energiepolitik der Mitgliedstaaten bislang nur begrenzt niedergeschlagen. Die nationalen Energie- und Klimapläne hätten eigentlich als zentrales Instrument zur Umsetzung dienen sollen. In den meisten Plänen fehlten laut Bericht jedoch konkrete Maßnahmen oder Zielvorgaben, die direkt auf REPowerEU einzahlen.
Die Prüferinnen und Prüfer sehen darin ein strukturelles Problem: Ohne klare Steuerung lasse sich weder nachvollziehen, ob Maßnahmen tatsächlich zur Verringerung der Importabhängigkeit beitragen, noch ob die Investitionen ausreichend auf erneuerbare Energie, Netze und Energieeffizienz ausgerichtet sind. Die große Differenz zwischen dem geschätzten Investitionsbedarf von rund 300 Milliarden Euro und den bisher verplanten 54,3 Milliarden Euro werfe zudem Fragen auf. Entweder sei der Bedarf ursprünglich zu hoch angesetzt worden, oder die Ziele ließen sich bislang nicht in ausreichend konkrete Maßnahmen übertragen.
Weniger russisches Öl und Gas, aber Wirkung schwer zuzuordnen
Der Bericht bestätigt, dass die Einfuhren russischer fossiler Brennstoffe in die EU zurückgegangen sind. Bei russischem Öl verweisen die Prüferinnen und Prüfer auf einen drastischen Rückgang infolge der EU-Sanktionen. Gleichzeitig bleibe unklar, in welchem Ausmaß russisches Öl über Drittländer oder mithilfe der sogenannten Schattenflotte nach Europa gelangt sei.
Auch die Gasimporte aus Russland gingen insgesamt zurück. Allerdings führten einige Mitgliedstaaten 2024 laut Rechnungshof sogar mehr russisches Gas ein als vor Beginn des Krieges in der Ukraine. Zudem hätten mehrere Faktoren außerhalb von REPowerEU zum Rückgang beigetragen, darunter milde Winter, hohe Energiepreise und ein dadurch gesunkener Energieverbrauch. Die unmittelbare Wirkung des Plans könne daher geringer sein, als die reinen Importzahlen vermuten lassen.
Zu wenig Dynamik bei erneuerbarer Energie und Netzen
Besonders kritisch bewertet der Europäische Rechnungshof den Beitrag von REPowerEU zum Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung und der grenzüberschreitenden Energieinfrastruktur. Zwar habe der Plan einzelne wichtige Projekte in den Mitgliedstaaten beschleunigt. Beim zusätzlichen Ausbau der Produktionskapazitäten für erneuerbare Energien seien die erreichten Werte aber sehr weit vom in der Aufbau- und Resilienzfazilität genannten Ziel von 103 GW entfernt.
Ähnlich fällt die Einschätzung beim europäischen Energieverbund aus. Laut Bericht fanden die Prüferinnen und Prüfer nur drei REPowerEU-Maßnahmen in zwei Mitgliedstaaten, die auf den Ausbau grenzüberschreitender Energienetze ausgerichtet waren. Eine dieser Maßnahmen wurde später wieder gestrichen. Für Netzbetreiber, Energieversorger, Industrie und Projektentwickler ist dieser Punkt besonders relevant, weil Netzinfrastruktur zunehmend zum Engpass für Erneuerbaren-Ausbau, Elektrifizierung und Versorgungssicherheit wird.
Rechnungshof fordert stärkere Koordination
Der Rechnungshof warnt, dass REPowerEU seine zentralen Ziele ohne zusätzlichen politischen und administrativen Einsatz verfehlen könnte. Mihails Kozlovs, das für den Bericht zuständige Mitglied des Europäischen Rechnungshofs, erklärte: „Vier Jahre nach seiner Einführung ist REPowerEU ins Stocken geraten, obwohl mehrere hundert Milliarden Euro bereitgestellt wurden.“ Die geopolitischen Spannungen und deren Auswirkungen auf die Energiemärkte zeigten, wie wichtig eine breitere Energieversorgung sei, um Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten zu vermeiden.
Für die europäische Energiebranche ist der Bericht vor allem deshalb relevant, weil er Defizite an zwei entscheidenden Schnittstellen benennt: bei der Umsetzung politischer Ziele in investierbare Projekte und bei der Koordination über nationale Grenzen hinweg. Beides betrifft unmittelbar den Ausbau erneuerbarer Energien, Speicher- und Netzinfrastruktur sowie die Planungssicherheit für Unternehmen entlang der energietechnischen Wertschöpfungskette.
Der Sonderbericht 21/2026 „Die Umsetzung des REPowerEU-Plans muss vorangetrieben werden“ ist auf der Website des Europäischen Rechnungshofs abrufbar.